Janus, römischer Gott der Anfänge
Janus ist der römische Gott der Anfänge, der Türen und der Übergänge, dem der Jahresbeginn und jeder Aufbruch geweiht waren. Janus ist der zweigesichtige römische Gott des Anfangs, des Endes, der Tore und des Übergangs.
Er hat in der italischen Religion eine Sonderstellung, weil er weder ein griechisches noch ein etruskisches direktes Äquivalent besitzt und als ursprüngliche römische Gottheit gilt.
Sein Heiligtum auf dem Forum, der Ianus geminus, regulierte symbolisch Krieg und Frieden der ganzen Stadt. Bei jedem Gebet wurde sein Name als erster ausgesprochen, was ihm eine privilegierte Stellung im religiösen Gebetstand verlieh.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Der Name Janus wird sprachgeschichtlich auf das lateinische Wort ianua, also «Tor» oder «Durchgang», zurückgeführt. Beide Begriffe haben eine indogermanische Wurzel mit der Bedeutung «gehen», die auch in sanskritischen und avestischen Begriffen wiederkehrt. Janus ist damit etymologisch der Gott des Hindurchschreitens.
Macrobius berichtet in den «Saturnalien» von Janus als ursprünglich italischer Herrschergestalt. Nach dieser Tradition kam er aus dem Osten ins westliche Latium, nahm Saturn auf, der vor Iuppiter fliehen musste, und gründete mit ihm gemeinsam die alte Goldene Zeit Italiens.
Ovid greift in den «Fasten» dieselbe Erzählung auf und beginnt sein Werk mit Janus, der das ganze Jahr eröffnet. Im Dialog mit dem Dichter erklärt der Gott in den «Fasten» seine Funktionen selbst.
Die Zwei-Gesichtigkeit, Bifrons genannt, deutet eine alte Vorstellung an, in der ein Gott in zwei Richtungen zugleich blickt. Mythologisch wird sie meist als Blick in Vergangenheit und Zukunft, mancherorts als Blick nach innen und außen oder nach Osten und Westen gedeutet.
Anders als der griechische Hermes, der nur Bewegungen vermittelt, sitzt Janus an der Schwelle selbst und verkörpert sie. Diese theologische Konzeption ist in der antiken Welt einzigartig und macht ihn zum Lieblingsgegenstand der modernen Religionsphilosophie.
Janus hatte vermutlich keinen indogermanischen Vorläufer, sondern entstand aus einer originär italischen Schichtung, in der die Türe als Schwelle des Hauses besondere kultische Würde besaß.
In jedem römischen Haus war die ianua mit eigenen Riten verbunden, und der Gott der Schwellen wurde als persönlicher Schutz vor schädlichen Einflüssen angerufen. Die Verbindung von häuslicher und staatlicher Schwelle ist ein Schlüssel zum Verständnis dieser Gottheit.
Symbole und Attribute
Das zentrale Symbol des Janus ist sein doppeltes Gesicht. Auf Münzen und Reliefs erscheint er meist als bärtiger Greis mit zwei nach entgegengesetzten Seiten gewandten Antlitzen. Die jährlichen Asse der römischen Republik zeigen ihn so, und das Bildmotiv blieb bis in die Kaiserzeit ein Standardmotiv staatlicher Repräsentation.
Stab und Schlüssel sind seine wichtigsten Beigaben. Der Stab markiert ihn als Hüter der Wege, der Schlüssel als Hüter der Tore.
Beide zusammen kennzeichnen die spezifische Funktion einer Schwellengottheit, die über Öffnen und Schließen entscheidet. In manchen Darstellungen trägt er zwölf Schlüssel, einen für jeden Monat des Jahres, das er als Gott des ersten Monats eröffnet.
Der Ianus geminus auf dem Forum, ein doppelter Bogentor-Bau zwischen dem Forum Romanum und dem Argiletum, war sein wichtigstes Heiligtum. Seine beiden Tore blieben in Friedenszeiten geschlossen und in Kriegszeiten offen.
Livius berichtet, dass diese Tore vor Augustus nur dreimal in der Geschichte geschlossen waren, was die seltene Reichsweite römischer Friedenszeiten unterstreicht. Augustus selbst rühmt sich in den «Res gestae», die Tore dreimal in seiner Regierungszeit verschlossen zu haben.
Ein weiteres Bauwerk, das mit Janus verbunden war, ist der Janus Quadrifrons auf dem Forum Boarium, eine viergesichtige Toranlage, die die Schwellen in alle vier Himmelsrichtungen markierte. Dieser Bau aus der Spätantike steht noch heute weitgehend erhalten am Boarium und gilt als das letzte große Zeugnis des Janus-Kults.
Kult und Verehrung
Janus stand am Beginn jeden römischen Gebetes und jeden religiösen Rituals. Vor jedem Opfer wurde ihm zuerst eine Anrufung dargebracht, weil er den Zugang zu den übrigen Göttern eröffnete. Diese Erstrang-Funktion erscheint in Inschriften, Gebetsformeln und literarischen Quellen einheitlich. Cicero und Macrobius diskutieren sie ausführlich.
Sein Hauptfest fiel auf den 1. Januar, den Neujahrstag. Bereits im julianischen Kalender stand der Monat Ianuarius unter seiner Schirmherrschaft. Am Neujahrstag tauschten Römer kleine Geschenke aus, die strenae genannt wurden und Süßigkeiten, Datteln oder Münzen enthielten.
Diese Geste hatte schicksalsbestimmenden Charakter, weil das, was am Neujahrstag getan wurde, das ganze Jahr prägen sollte. Diese Praxis lebt im französischen étrennes und im italienischen strenne als Neujahrsgeschenk bis heute weiter.
Wichtige militärische Operationen begannen am Ianus geminus. Die Tore wurden vom Konsul oder Princeps geöffnet, das Heer zog symbolisch hindurch, und der Krieg galt als eröffnet. Bei Rückkehr und Friedensschluss wurden die Tore in einer gegenläufigen Zeremonie geschlossen.
Augustus betonte in seinen «Res Gestae», dass er die Tore dreimal in seiner Regentschaft schließen ließ, was vorher in der gesamten römischen Geschichte nur zweimal vorgekommen sei.
Daneben gab es kleinere Janus-Heiligtümer in Rom. Provinziale Heiligtümer sind seltener belegt, was die spezifisch römisch-städtische Verankerung des Janus-Kultes unterstreicht. In Latium und Etrurien sind dennoch einige ländliche Janus-Altare bekannt, die meist am Eingang zu Dörfern oder an Wegkreuzungen errichtet wurden.
Eine spezielle Rolle nahm Janus auch im Saliarischen Liederbuch ein, einer alten Gebetssammlung der Salier-Priester. Hier wurde er als Götterkönig vor Iuppiter angerufen, was die archaische Schichtung der römischen Theologie zeigt, in der Janus eine überzeitliche Vorrangstellung hatte.
Wichtige Mythen
Die wichtigste mythische Erzählung schildert die Rettung Roms vor den Sabinern. Nach Livius und Ovid griffen die Sabiner Rom an, drangen über den Capitolinischen Hügel ein und kamen in die Nähe des Forums.
Janus ließ in einem entscheidenden Moment eine heiße Quelle aus dem Boden brechen, die die angreifenden Sabiner zurückwarf und der Stadt Zeit verschaffte, sich zu sammeln. Aus Dankbarkeit weihten die Römer das Heiligtum am Ort der Quelle und beschlossen, die Tore in Kriegszeiten offen zu halten, damit der Gott bei Bedarf eingreifen könne.
Eine zweite Erzählung verbindet Janus mit Saturn. Nach Macrobius und Vergil floh Saturn vor dem Sieg seines Sohnes Iuppiter aus Olymp und kam nach Latium, wo Janus ihn aufnahm.
Beide regierten gemeinsam und brachten eine Zeit des Friedens und der Fuelle, die als Goldene Zeit in das kulturelle Gedächtnis Italiens einging. Später sei Janus allein verblieben und habe Gesetze und Landbau ausgebaut. Diese Erzählung verleiht ihm die Position eines Kulturbringers an der Schwelle zwischen mythischer und historischer Zeit.
Eine dritte Erzählung betrifft die Nymphe Carna oder Cardea, die Janus liebte und der er Macht über die Türangeln verlieh. In Ovid «Fasten» wird der Mythos erzählt, in dem Cardea als Göttin der Schwellen und der Familie eingerichtet wird.
Sie schützt die Kinder im Haus, weshalb am 1. Juni, ihrem Fest, frische Bohnen und Speck gegessen wurden, um Böses fernzuhalten. Die Erzählung verbindet Janus mit dem Alltag der Familie und zeigt seine Wirksamkeit über die städtisch-staatliche Sphäre hinaus.
Eine vierte mythische Erzählung berichtet von Janus und Iuturna. Janus soll der Nymphe Iuturna die Sterblichkeit genommen und sie zur Göttin der Quellen erhoben haben. Diese Episode, von Vergil in der «Aeneis» berührt, verknüpft Janus mit dem ländlichen Quellkult und unterstreicht seine Funktion als Schwellengott auch zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre.
Beziehungen im Pantheon
Janus steht an der Spitze fast aller römischen Anrufungslisten. In den Inschriften der Arvalbrüder, einer alten Priesterschaft, wird Janus stets vor Iuppiter genannt, was die rituelle Eröffnungsfunktion deutlich macht. Gleichwohl ist Iuppiter im hierarchischen Sinn die höchste Gottheit, weshalb Janus oft als der «Eröffner des Iuppiter» bezeichnet wird.
Mit Saturn verbindet ihn die mythische Goldene Zeit, mit Vesta die Sorge um Schwelle und Haus, mit Mars und Mercur die Patronage des Hinausgehens, mit Quirinus die Funktion für das Volk Roms. In älteren Gebetstexten erscheint die Reihe Ianus, Iuppiter, Mars, Quirinus als die kernrömische Götterabfolge.
Im hellenistischen Synkretismus blieb Janus unangetastet, weil er kein direktes griechisches Äquivalent hat. Dies machte ihn für römische Theologen wie Varro und Cicero zu einem privilegierten Beispiel für die Eigenständigkeit der römischen Religion gegenüber der griechischen Mythologie. In der etruskischen Bilderwelt existiert mit dem viergesichtigen Culsans eine Parallele, doch ist die genetische Beziehung umstritten.
Janus erscheint in einer alten Triade mit Iuppiter und Saturnus, die in der Forschung als präkapitolinische Schicht gedeutet wird.
Diese Triade, die schon Macrobius in den «Saturnalien» (I, 9) erwähnt, ist jünger als die kapitolinische Trias von Iuppiter, Iuno und Minerva, aber älter als die staatstheologisch repräsentative Phase. Dumézil sieht in der Verbindung von Janus, Iuppiter und Saturnus einen archaischen Komplex von Eröffnungs-, Herrschafts- und Saatfunktion.
Mit Carna, einer alten Göttin der Türangeln, war Janus in Ovids «Fasten» VI verschwistert oder verheiratet. Carna war zuständig für das gesunde Heranwachsen der Kinder, für die innere Festigkeit der Türangeln und Schlossteile.
Diese Verbindung markiert die Innenseite der Schwellenwelt, deren Aussenseite Janus selbst war. Die Doppelbesetzung zeigt die Konsequenz, mit der die römische Religion alle Aspekte des Übergangs personifizierte.
Rezeption und Wirkung
In der Renaissance wurde Janus zum bevorzugten Symbol von Klugheit und Vorausschau. Andrea Alciato und andere Emblematiker stellten ihn als Sinnbild der historischen Bildung dar, die in beide Richtungen blickt. In Wappen und Druckermarken erscheint sein Doppelgesicht häufig, vor allem in Verlagen, die Bezüge zwischen Antike und Gegenwart herstellen wollten.
In der Architektur prägte das Janus-Motiv die Gestaltung von Triumphbogen, Stadttoren und Hafenanlagen. Der Bogen der Argentarier in Rom und zahlreiche Stadttore in Frankreich und Spanien greifen das doppelte Bogenmotiv des Ianus geminus auf. Im 19. Jahrhundert wurde der zweigesichtige Janus zum Sinnbild der Geschichtswissenschaft selbst, die Vergangenheit und Zukunft zugleich befragt.
In der modernen Wissenschaftssprache hat das Wort Janus-Gesicht oder Janus-faced den Charakter einer Standardmetapher für Ambivalenz. Die internationale Janus Kinase, ein wichtiges Enzymsystem, wurde 1989 in Anspielung auf die zweigesichtige Gottheit benannt. Auch die astronomische Beobachtung eines Saturnmondes namens Janus, der seine Umlaufbahn mit dem Mond Epimetheus austauscht, knüpft an die mythische Zwei-Gesichtigkeit an.
Im Mittelalter wurde Janus über den Monatsnamen Ianuarius hinaus in den astronomischen Lehrbüchern weitergetragen. Isidor von Sevilla würdigte ihn in den «Etymologiae» (V, 33) als Personifikation des Neuanfangs.
In der gotischen Bauplastik finden sich Janusköpfe an Klosterportalen und Stadttoren, vor allem in der Lombardei und im südfranzösischen Raum, wo der antike Schwellengott eine eigene Renaissance erlebte.
In der psychologischen Sprache der Gegenwart erscheint Janus als «Janusgesicht» in der Bedeutung der Ambivalenz. C. G. Jung verwendet das Bild in den «Mysterium Coniunctionis» als Beispiel für die Doppelwesentlichkeit psychischer Inhalte.
In den Wirtschaftswissenschaften ist «Janus-Strategie» ein Begriff für Unternehmen, die zugleich auf alten und neuen Märkten tätig sind. Diese moderne Begriffsbildung zeigt, wie ein archaisches Bild über zwei Jahrtausende in der Reflexionssprache weiterlebt.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Georges Dumézil hat in mehreren Studien gezeigt, dass Janus innerhalb der drei indogermanischen Funktionen eine Sonderstellung einnimmt. Er steht nicht in einer der drei Funktionen selbst, sondern an deren Anfang, gewissermaßen als öffnende Vorfunktion. Diese Deutung wurde in der Forschung breit aufgenommen und gehört zu den am wenigsten umstrittenen Anteilen von Dumézils System.
Robert Schilling und Kurt Latte unterstreichen die spezifisch italische Herkunft des Janus-Kultes. Anders als bei vielen anderen Gottheiten gibt es keine etruskische Entsprechung. Janus erscheint damit als eines der wenigen rein italisch-römischen Kultpolster ohne griechische oder etruskische Vorlage.
Mary Beard, John North und Simon Price ordnen den Kult in seine politische Funktion ein und zeigen, wie das Öffnen und Schließen des Ianus geminus zur staatstragenden symbolischen Handlung wurde.
John Scheid hat die rituelle Praxis am Forum-Heiligtum rekonstruiert und gezeigt, wie der Gott in das tagestägliche Opferleben integriert war. Jörg Rüpke arbeitet die Bedeutung des Janus für das Kalenderwesen und die augusteische Repräsentation heraus, vor allem im Bezug auf die «Res Gestae».
Annie Dubourdieu hat in ihrer Studie «Les origines et le développement du culte des Pénates à Rome» die Verflechtung von Janus mit den Penaten und der häuslichen Religion herausgearbeitet.
Janustempel und Topografie
Der berühmteste Janustempel war der Janus Geminus am Forum Romanum, ein kleiner, querrechteckiger Bau mit zwei einander gegenüberliegenden Türen. Die Türen wurden in Friedenszeiten geschlossen und in Kriegszeiten geöffnet.
Livius berichtet in «Ab urbe condita» (I, 19, 2), dass die Türen in der ganzen Römischen Geschichte vor Augustus nur zweimal geschlossen waren, nämlich unter Numa Pompilius und nach dem Ersten Punischen Krieg 235 v. Chr.
Augustus ließ die Türen 29 v. Chr. nach Actium, 25 v. Chr. nach den Kantabrischen Kriegen und 8 v. Chr. nach den Germanischen Feldzügen schließen, was er in seinem Tatenbericht, den Res gestae divi Augusti (13), als Höhepunkt seiner Friedenspolitik feierte.
Diese dreifache Schließung wurde zum ideologischen Symbol der Pax Augusta.
Andere Janus-Bauten umfassten den Janus Quirini auf dem Forum, einen Bogen am Argiletum, der den Buchhändler- und Stiefelmacherbezirk markierte, und den Janus Pater auf dem Mons Janiculus, einem Hügel auf dem rechten Tiberufer, der vor allem von Bauern und Soldaten besucht wurde.
Diese vier Janus-Heiligtümer markierten die Schwellen der Stadt im topografischen Sinn, weil Janus als Gott der Übergänge zuständig war. Der Argiletum-Bogen war zugleich ein Marktorientierungspunkt, was die Verflechtung von kultischer und kommerzieller Funktion in Rom verdeutlicht.
Forschungsmäßig hat Filippo Coarelli die Lokalisierung des Janus Geminus zwischen Basilica Aemilia und Curia Iulia präzisiert. Auf Sesterzen Neros mit der Aufschrift Pace populi terra mariq parta Ianum clusit ist der Bau in einer architektonisch detaillierten Form abgebildet.
Diese numismatische Quelle ist eines der wichtigsten Bildzeugnisse für das Aussehen des Tempels. In der Spätantike wurde der Janustempel im Zuge des Christianisierungsprozesses geschlossen und unter Honorius im 5. Jahrhundert abgerissen.
Carmen Saliare und Liturgie
Janus stand am Anfang aller römischen Gebete. In der altertümlichen Reihenfolge der Götteranrufung wurde sein Name zuerst genannt, weil er als Gott der Übergänge auch den Übergang vom Schweigen ins Wort symbolisierte.
Cicero kommentiert in «De natura deorum» (II, 67), dass die Römer beim Opfer zuerst Janus, dann erst die zuständige Hauptgottheit anriefen. Diese rituelle Präzedenz unterstreicht seine kosmologische Stellung als Eingangsgott.
Das Carmen Saliare, ein archaisches Priesterlied, das von den Salii, einem zwölfköpfigen Priesterkollegium, beim März-Festzug gesungen wurde, enthielt eine Janus-Strophe, die schon in der ausgehenden Republik nicht mehr vollständig verstanden wurde.
Varro in «De lingua Latina» (VII, 26 ff.) versuchte, einzelne Worte zu erklären, gab aber an, dass die Saliare-Sprüchen «zu archaisch» seien, um eindeutig gedeutet zu werden.
Die erhaltenen Fragmente nennen Cerus manus duonus Cerus es, was als «Schöpfer guter Mann Schöpfer bist du» rekonstruiert wurde, eine mögliche Anrufung des Cerus, eines mit Janus verbundenen Schöpfergottes.
Der Rex sacrorum, ein Priesteramt, das die religiösen Funktionen des republikanischen Königtums weiterführte, war für den Janus-Kult zuständig. Er führte die Janus-Opfer an den Kalenden jedes Monats durch, vor allem aber an den Iden des März, am alten Neujahrstag, und am 9. Januar, dem Agonalia-Fest des Janus.
Die liturgischen Vorschriften sind teilweise in den Acta fratrum Arvalium, den Protokollen der arvalischen Priester, erhalten und geben Einblick in die rituelle Praxis.
Numismatik und Bildtradition
Der Januskopf, der Ianus bifrons mit zwei gegenüberliegenden Gesichtern, ist eine der stärksten Bildschöpfungen Roms. Schon die frühesten römischen Asses zeigten ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. den Januskopf, weil das As als kleinste Werteinheit eine grundsätzliche Schwellenstellung im Geldwesen einnahm.
Diese Tradition setzte sich über Jahrhunderte fort: republikanische Asses, Denare und Sesterzen tragen den Bifrons über die ganze Kaiserzeit. Auch unter Diokletian und Konstantin wurden noch Janusmünzen geprägt.
Eine seltene Variante ist der Ianus Quadrifrons mit vier Gesichtern, der auf einigen Sesterzen Hadrians erscheint. Diese Form ist eine philosophische Erweiterung, in der Janus alle vier Himmelsrichtungen oder die vier Jahreszeiten zugleich erblickt. Das Forum Transitorium, eine kleinere Forumsanlage Domitians, war mit einem Ianus Quadrifrons-Bogen geschmückt, der heute nur noch in Renaissance-Zeichnungen überliefert ist.
In der christlichen Spätantike wurde das Bild des Bifrons negativ besetzt und mit Hinterlist gleichgesetzt. Augustinus polemisiert in «De civitate Dei» (VII, 7) gegen die «zwei Gesichter» des Janus als Symbol der Verschlagenheit.
Diese Umdeutung wirkte bis ins Mittelalter, in dem «janusgesichtig» zum Inbegriff der Doppelzüngigkeit wurde. Erst die Renaissance rehabilitierte den Januskopf als Sinnbild kluger Weitsicht, etwa in Alciatos Emblembuch von 1531, wo Janus den Lehrsatz Prudens futuri illustriert.
Quellen und weiterführende Literatur
Antike Quellen: Vergil «Aeneis», Ovid «Fasten», Livius «Ab urbe condita», Cicero «De natura deorum», Varro «De lingua latina», Macrobius «Saturnalien», Augustus «Res gestae divi Augusti», Servius-Kommentar, Plutarch «Numa».
Forschungsliteratur: Georges Dumézil, «La religion romaine archaïque», Paris 1966. Robert Schilling, «Rites, cultes, dieux de Rome», Paris 1979. Kurt Latte, «Römische Religionsgeschichte», München 1960. Mary Beard, John North, Simon Price, «Religions of Rome», Cambridge 1998. John Scheid, «An Introduction to Roman Religion», Edinburgh 2003. Jörg Rüpke, «Die Religion der Römer», München 2001.





