Diana, römische Göttin der Jagd und des Mondes
Diana ist die römische Göttin der Jagd, des Mondes und der wilden Wälder. Sie schützt Frauen bei Geburt, Tiere im Forst und Reisende auf nicht befestigten Wegen.
Ihr alter Hauptkult lag im Hain von Nemi am Albaner See, ein Heiligtum, das schon vor der römischen Staatsbildung als Bundesheiligtum der latinischen Städte galt. Später wurde Diana mit der griechischen Artemis weitgehend identifiziert und galt in dieser Verschmelzung als Schwester Apollos und Tochter Iuppiters und Latonas.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Der Name Diana wird sprachgeschichtlich auf eine indogermanische Wurzel mit der Bedeutung «leuchtend» oder «himmlisch hell» zurückgeführt. Daraus ergibt sich die enge Verbindung zu Mond und Tageslicht. In ältester italischer Schicht war Diana eine Göttin der wilden Natur, der Quellen und der weiblichen Reife.
Erst durch die religiöse Reform unter Servius Tullius wurde sie in die städtische Religion übernommen, als auf dem Aventin ein Diana-Tempel errichtet wurde, der zugleich Bundesheiligtum der latinischen Städte sein sollte. Diese politische Funktion war eine bewusste Geste römischer Vorrangbildung gegenüber den anderen latinischen Gemeinden.
Das älteste römische Kultzentrum lag jedoch in Nemi, einem Vulkankratersee in den Albanerbergen. Hier verehrten die Latiner Diana Nemorensis, die Herrin des Hains.
Schon Cato berichtet von der Bedeutung dieses Heiligtums, und Strabo schildert das ungewöhnliche Priesterritual, in dem der amtierende Priester, der Rex Nemorensis, von einem flüchtigen Sklaven herausgefordert und im Zweikampf abgelöst werden konnte.
Diese archaische Praxis bewahrte Spuren älterer Initiationsriten und faszinierte später die religionsgeschichtliche Forschung, namentlich James George Frazer, der sein Werk «The Golden Bough» mit dem Nemi-Hain begann. Die Frage, ob der Rex Nemorensis tatsächlich existierte oder eine literarische Konstruktion war, beschäftigt die Forschung bis heute.
Vergil nennt Diana wiederholt als Schutzherrin ländlicher Frommer. Ovid widmet ihr in den «Metamorphosen» die berühmte Episode um Aktaeon, der die badende Göttin erblickt und zur Strafe in einen Hirsch verwandelt wird.
Die römische Tradition hat solche Erzählungen meist im engen Anschluss an griechische Vorbilder übernommen, jedoch stärker mit kultischen Realien aus Latium verbunden. Catull widmet ihr ein eigenes Hymnenlied, das Carmen 34, das die Göttin als Lichtbringerin und Beschützerin junger Mädchen beschreibt.
In der italischen Volksreligion war Diana noch lange als Herrin der Tiere und der nicht erschlossenen Landschaften gegenwärtig. Inschriften aus dem Hinterland Latiums zeigen sie als Quellgottheit, als Schutzherrin von Tierherden und als Helferin bei Geburten.
Diese ländlichen Komponenten blieben dem öffentlichen Aventinkult zugeordnet und gerieten in der literarischen Tradition zugunsten der hellenistisch eingefärbten Artemis-Bilder oft in den Hintergrund.
Symbole und Attribute
Bogen und Pfeile sind das zentrale Erkennungszeichen Dianas und verweisen auf ihre Rolle als Jägerin. In der bildlichen Tradition ist sie meist mit hochgeschürztem Gewand und Sandalen dargestellt, oft im Begleitschritt mit einem Hund oder Hirschen.
Der Mond, sichtbar als Halbmond über der Stirn oder im Haar, kennzeichnet sie zugleich als Lichtgöttin. Die kombinierte Symbolik aus Jagdwaffe und Mondzeichen findet sich auf zahlreichen Münzen der späten Republik und der Kaiserzeit.
Ein weiteres Attribut ist die Fackel. Sie tritt besonders dort hervor, wo Diana als Göttin der nächtlichen Beleuchtung und der Wege durch dunkle Wälder erscheint. Im Nemi-Kult trugen die Pilger Fackeln um den See, dessen Wasser als Spiegel des Mondes galt.
Die Verbindung von Mondlicht und Fackelschein prägt die spätere ikonografische Tradition bis in die Renaissance, in der Diana fast immer als nachtwandelnde, von Lichtschein begleitete Gestalt erscheint.
Diana wird häufig von Hunden, Hirschen, Rehen und seltener Bären begleitet. Diese Tiere markieren ihre Herrschaft über den Wald. In Aventin-Reliefs treten daneben Schlangen auf, die ihre chthonische Seite und die Verbindung zu Heilquellen anzeigen.
Bei Frauen, die bei der Geburt um Beistand baten, war zudem der Kranz aus wildem Olivenzweig ein geläufiges Weihegeschenk. Auch geweihte Tonfiguren von schwangeren Frauen, die in Nemi und an anderen Heiligtümern in großer Zahl gefunden wurden, gehören zu den materiellen Spuren ihres Geburtskults.
In Provinzen wurde sie häufig mit der lokalen Naturgöttin synkretisiert, etwa als Diana Abnoba im Schwarzwald, Diana Arduinna in den Ardennen oder Diana Nemetona im Donauraum. Diese Lokalformen tragen oft eigene Attribute, etwa Pinienzweige, Quellschalen oder regionale Wildtiere. Die provinziale Ikonografie zeigt eindrucksvoll die Fähigkeit der römischen Religion, lokale Naturkulte unter einer Dachgottheit zusammenzuführen.
Kult und Verehrung
Das Heiligtum von Nemi war der einflussreichste ländliche Kult der Göttin. Tausende Tonweihegaben, die archäologisch gehoben wurden, zeigen Frauen mit Kindern, schwangere Figurinen und Tiere.
Diese Funde belegen, dass Diana neben ihrer Rolle als Jagdgöttin vor allem als Beistand bei Geburten und Aufzucht angerufen wurde. Die archäologischen Kampagnen seit dem 19. Jahrhundert haben das Heiligtum als ein ländliches Pilgerzentrum von gesamtitalischer Bedeutung erschlossen, mit umfangreichen Bauten, Saalanlagen und Tempelbezirken.
In Rom selbst stand der Tempel auf dem Aventin. Er wurde nach Livius unter Servius Tullius gegründet und galt als Versammlungsort der Plebejer und der Sklaven. Vor diesem Tempel wurde am 13. August das wichtigste Fest gefeiert, der Servatorius oder dies natalis.
An diesem Tag durften Sklaven nicht zur Arbeit gezwungen werden, und es zog ein Lichterzug von Rom nach Nemi, über die ganze Nacht. Diese Verbindung des städtischen und ländlichen Kultes durch eine prozessionale Lichterstrasse ist eine ungewöhnliche und in römischer Religion besonders eindringliche Festform.
In Capua und an anderen italischen Orten wurde Diana Tifatina verehrt, mit eigenem Hain und Quelle. In den Provinzen, vor allem in Gallien und Germanien, erscheint sie häufig in lokalen Synkretismen.
In Britannien, Spanien und an der nordafrikanischen Küste ist sie als Jägerin und Naturgöttin epigraphisch belegt. In Ephesus stand das Heiligtum der Diana Ephesia, die als Identifikation mit der großen orientalischen Muttergöttin galt und im Apostelbericht des Neuen Testaments eine prominente Rolle spielt.
Auch in der Volksreligion blieb Diana lange lebendig. Das Konzil von Ankyra im 4. Jahrhundert und spätere Synoden verbieten Frauen, die «nachts mit Diana» reiten würden.
Diese Stelle ist ein wichtiger Beleg für die Persistenz dianischer Vorstellungen über das Ende der heidnischen Kulte hinaus und steht am Ursprung späterer Hexenglaubensvorstellungen. Im sogenannten Canon Episcopi des 9. Jahrhunderts wird die nächtliche Fahrt mit Diana als Aberglaube verurteilt, was zeigt, wie zäh die volksreligiöse Verehrung war.
Die Vestalinnen, die Vesta dienten, brachten an Dianas Festtagen Opfergaben in deren Tempel. Diese kultische Verschränkung von Vesta und Diana spiegelt die enge Verwandtschaft zwischen Reinheit, Jungfräulichkeit und Lichtgottheit. Auch Iuno wurde an Dianas Festtagen in Lavinium und Tusculum gemeinsam angerufen, was die geburtshelfende Funktion beider Göttinnen unterstreicht.
Wichtige Mythen
Die Erzählung von Aktaeon ist die bekannteste Episode der dianischen Mythologie. Ovid schildert in den «Metamorphosen», wie der junge Jäger Aktaeon auf seinem Weg zufällig auf die badende Diana stößt. Empört über die Verletzung ihrer Reinheit verwandelt sie ihn in einen Hirsch, der von den eigenen Hunden zerrissen wird.
Die Erzählung enthält ein altes Tabu der Göttlichkeit, das Verbot des unbefugten Anblicks, und wurde im Mittelalter christlich allegorisiert als Mahnung vor unkeuscher Neugier. Tizian und spätere Maler haben den Augenblick der Verwandlung in berühmten Bildern festgehalten, die das Motiv der heiligen Schwelle bildhaft verdichten.
Eine zweite Episode betrifft Iphigenie. Nach einer von Servius referierten Tradition rettete Diana die Tochter Agamemnons in letzter Sekunde vor dem Opfertod in Aulis und entrückte sie nach Tauris, wo sie ihre Priesterin wurde.
In römischer Lesart wird die Erzählung mit dem Nemi-Kult verknüpft, da das tauris-typische Menschenopfer von Diana selbst beendet wird und die Göttin sich zur Hüterin gerechter, masshaltender Opferpraxis entwickelt.
Euripides‘ Bearbeitung dieses Mythos in «Iphigenie in Tauris» wurde in römischer Zeit häufig aufführt und beeinflusste das Verständnis Dianas als Göttin, die Menschen rettet, statt sie zu opfern.
Eine dritte Erzählung berichtet vom Hirsch der Diana auf dem Aventin. Nach Livius zog ein römischer Landwirt aus Sabinerland einen besonders großen Hirsch auf, von dem ein Orakel sagte, das Volk, dem das Tier geopfert werde, werde die Herrschaft über Italien erlangen.
Der Sabiner brachte den Hirsch zum Tempel auf dem Aventin, wurde aber durch eine römische List überlistet, das Tier zu opfern. Dadurch erhielt Rom die prophezeite Vormachtstellung. Die Erzählung verbindet das ländliche Symbol des Hirsches mit der politischen Bedeutung Dianas als Schutzherrin Roms.
Eine vierte mythische Erinnerung knüpft an Hippolytos an. Der jugendliche Sohn des Theseus, der nur Diana verehrte und Venus verachtete, wurde von einem Stier-Dämon getötet und von Diana über Aesculap erweckt und nach Aricia in das Nemi-Tal entrückt.
Dort soll er unter dem Namen Virbius als Heros gewirkt haben. Die Erzählung verbindet den Aventinkult mit dem Nemi-Hain und stellt Diana als Göttin dar, die ihre Anhänger über den Tod hinaus trägt.
Beziehungen im Pantheon
Diana wurde frühzeitig als Schwester des Apollo verstanden, in genauer Parallele zu Artemis und Apollon im griechischen System. Beide gelten als Kinder von Iuppiter und Latona. Apollo verkörpert die strahlende Tag- und Sonnenseite, Diana die Mond- und Nachtseite.
In Kultorten wie Delos und in römischen Synkretismen treten beide Geschwister häufig gemeinsam auf. Die augusteische Religionspolitik hat dieses Geschwisterpaar bewusst genutzt, da Augustus selbst sich als Schutzbefohlener Apollos verstand.
Mit Trivia, der Göttin der Wegkreuzungen, ist Diana eng verschmolzen. In dieser Funktion wird sie zu einer chthonischen Göttin der Nacht, der Magie und der Schwellen. Catull, Vergil und Horaz nutzen den Beinamen Trivia als poetische Variante.
Die Reihe Diana, Luna, Hecate, Trivia faltet sich oft zu einer einzigen mehrgestaltigen Figur, die in der Kaiserzeit beliebt war. Aufschlussreich ist hier auch die Anrufung des Augustus in Horazens «Carmen Saeculare», das die Göttinnentrias unter dem Namen Diana zusammenfasst.
Im Verhältnis zu Venus tritt Diana als Verteidigerin der Keuschheit auf. Beide Göttinnen werden in Liebes- und Heiratsfragen kontrastierend angerufen. Mit Iuno teilt Diana den Aspekt der Geburtshilfe, weshalb beide bei Niederkünften gemeinsam um Schutz gebeten wurden. Diese Aspekte zeigen, dass Diana im römischen Pantheon nicht isoliert, sondern in einem Netz weiblicher Funktionen verortet war.
Rezeption und Wirkung
Die Renaissance entdeckte Diana neu als Inbegriff von Anmut und Naturferne. Tizian malte sie wiederholt, am bekanntesten in «Diana und Aktaeon» und «Diana und Callisto», beide heute in Edinburgh.
Im 16. Jahrhundert wurde sie zur Lieblingsgöttin der französischen Hofkultur, vor allem unter Heinrich II. und Diane de Poitiers, die sich bewusst in dianisches Rollenmodell stellte. Das Schloss Anet wurde zu einem dianischen Refugium mit zahlreichen Bildprogrammen, einschließlich der berühmten Statue Diane chasseresse, die heute im Louvre steht.
In der Barockzeit erscheint Diana in der französischen Hofoper, etwa bei Lully, und in den Gemälden Domenichinos und Rubens.
Im 18. Jahrhundert nimmt sie weniger ikonografischen, dafür stärker landschaftsmalerischen Raum ein, weil das Interesse an wilden Hainen und Mondschein-Szenen wächst. Die Romantik des 19. Jahrhunderts vertieft dieses Bild und macht Diana zum Sinnbild ungezähmter, vorzivilisatorischer Natur.
In der Religionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wurde Diana zu einer Schlüsselfigur. Frazer eröffnete sein Werk «The Golden Bough» mit der Frage nach dem Priester von Nemi und entwickelte daraus eine umfassende Theorie magischer Königtümer.
Margaret Murray und ihre Nachfolger machten Diana zur namensgebenden Göttin einer angeblichen europäischen Untergrundreligion, ein Konstrukt, das die Forschung heute als historisch unhaltbar gilt, das aber moderne neopagane Strömungen tief geprägt hat. Die Stregheria, eine italo-amerikanische Hexenbewegung des 20. Jahrhunderts, beruft sich auf Diana als oberste Gottheit und beweist die anhaltende Strahlkraft der antiken Figur.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Robert Schilling beschreibt Diana als italische Göttin mit zwei Schwerpunkten, dem ländlichen Hainkult und der staatlich-städtischen Funktion auf dem Aventin. Beide Pole sind sozialgeschichtlich getrennt, aber kultisch miteinander verbunden. Kurt Latte deutet die alte Diana als latinische Hauptgöttin und sieht im Nemi-Kult einen Bundesschwurort latinischer Städte vor römischer Hegemonie.
Mary Beard, John North und Simon Price unterstreichen die soziale Komponente. Der Aventin-Tempel war Versammlungsort der Plebejer und Sklaven, der ländliche Kult sprach Frauen, Hirten und Wanderer an. Die Göttin spiegelt damit Schichten außerhalb des senatorischen Kerns wider, was ihre lange Lebendigkeit in der Volksreligion erklärt.
Jörg Rüpke betont den intermedialen Charakter Dianas, der städtische und ländliche, hellenistische und italische, öffentliche und private Elemente miteinander verband.
Die religionsgeschichtliche Kontinuität bis ins Mittelalter ist breit belegt. Carlo Ginzburg hat in «Storia notturna» die Spuren dianischer Vorstellungen in volksmagischen Praktiken Oberitaliens nachgezeichnet und gezeigt, dass die Hexenglaubensvorstellungen der frühen Neuzeit aus einem Netz solcher Traditionen entstanden. Auch Norman Cohn in «Europe’s Inner Demons» analysiert, wie kirchliche Diabolisierung diese ländlichen Vorstellungen überlagert hat.
Die archäologische Forschung des 20. und 21. Jahrhunderts hat in Nemi, Aricia und am Aventin das Heiligtum durch große Grabungen erschlossen. Die Funde, namentlich Inschriften und Weihegaben, dokumentieren eine Kontinuität über Jahrhunderte und zeigen, dass der Kult bis in die christliche Spätantike weitergetragen wurde.
Quellen und weiterführende Literatur
Antike Quellen: Vergil «Aeneis», Ovid «Metamorphosen» und «Fasten», Livius «Ab urbe condita», Catull «Carmina» 34, Horaz «Carmen Saeculare», Strabo «Geographika», Servius-Kommentar, Pausanias «Periegesis», Plinius «Naturalis historia».
- Forschungsliteratur: James George Frazer, «The Golden Bough», London 1890-1915.
- Robert Schilling, «Rites, cultes, dieux de Rome», Paris 1979.
- Mary Beard, John North, Simon Price, «Religions of Rome», Cambridge 1998.
- Jörg Rüpke, «Die Religion der Römer», München 2001.
- Carlo Ginzburg, «Storia notturna», Turin 1989.
- Christopher Smith, «The Roman Clan», Cambridge 2006.
- Kurt Latte, «Römische Religionsgeschichte», München 1960.





