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Poseidon, griechischer Gott des Meeres

Poseidon gehört zu den drei Brüdern, die nach dem Sturz des Kronos die Welt unter sich teilen, und erhält dabei das Reich des Meeres. Bei Homer heißt er «Erderschütterer» (enosichthon, ennosigaios), weil ihm auch die Erdbeben zugeschrieben werden.

In den lokalen Kulten Griechenlands tritt er weit umfassender auf als nur als Meergott: Er ist Patron der Pferde, der Quellen und der Schifffahrt, und in Argos sowie Athen erhebt er Anspruch auf die Stadtherrschaft selbst.

Sein Beiname «Hippios», der Pferdige, verbindet ihn mit der mykenischen Kriegeraristokratie; «Asphaleios», der Schutzgewährende, mit dem Schutz vor Erdbeben; «Phytalmios», der Pflanzennährende, mit den unterirdischen Quellen, die das Wachstum sichern. Diese Vielfalt deutet auf einen alten, vorklassischen Gott mit weiträumigen Funktionen, der erst in der olympischen Ordnung auf das Meer eingeschränkt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Poseidon - Götter aus der Griechenland-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Stammbaum

Hesiod nennt Poseidon in der «Theogonie» (Vers 453 bis 458) als Sohn des Kronos und der Rhea, geboren zwischen Hades und Zeus.

Wie seine Geschwister wird er von Kronos verschlungen und später ausgespien; eine arkadische Tradition, festgehalten bei Pausanias (VIII, 8, 2), berichtet jedoch, Rhea habe Poseidon den Hirten von Mantineia anvertraut und Kronos ein Fohlen als Ersatzopfer gegeben, woraus sich der Beiname «Hippios» erklärt.

Die Aufteilung der Welt unter den drei Brüdern erfolgt nach Homer (Ilias XV, 187 bis 193) durch Losentscheid: Zeus erhält den Himmel, Hades die Unterwelt, Poseidon das Meer; Erde und Olymp bleiben gemeinsamer Besitz.

Gemahlin Poseidons ist Amphitrite, eine Nereide oder Okeanide; aus dieser Verbindung geht Triton hervor, halb Mann, halb Fisch.

Daneben hat Poseidon zahllose Nachkommen mit sterblichen und unsterblichen Frauen: Pegasos und Chrysaor entstehen aus seinem Beischlaf mit Medusa, Polyphem aus der Verbindung mit Thoosa, Theseus (in einer Variante) aus Aithra, Pelias und Neleus aus Tyro, der Riesenbruder Otos und Ephialtes aus Iphimedeia.

Diese ausgreifende Vaterschaft macht Poseidon zum genealogischen Stammvater zahlreicher griechischer Adelshäuser, besonders in Boiotien und Thessalien.

Die mykenischen Linear-B-Tafeln aus Pylos nennen einen Gott «po-se-da-o-ne», der im Palastkult eine Spitzenstellung einnimmt und Opfer von außergewöhnlicher Reichhaltigkeit erhält.

Daraus hat Martin Nilsson geschlossen, Poseidon sei ursprünglich der oberste Gott der mykenischen Pylos-Region gewesen und erst in der olympischen Ordnung dem Bruder Zeus untergeordnet worden. Die im Pylos-Archiv erwähnte Göttin «po-si-da-e-ja» dürfte eine archaische Gemahlin des Gottes sein, deren Funktion später auf Demeter oder Amphitrite überging.

Die Verbindung Poseidons mit Demeter ist eine der archaischsten Mythen. Bei Pausanias (VIII, 25, 4 bis 7) erscheint in Thelpusa und in Phigalia eine «Demeter Erinys», die Poseidon in Pferdegestalt verfolgte und mit der er das geheimnisvolle Wesen «Despoina» und das göttliche Pferd Areion zeugte.

Die Erzählung gilt als Reflex einer alten Verbindung von Erdmutter und Pferdegott in der vorgriechischen Religion Arkadiens.

Symbole, Ikonografie und Attribute

Das wichtigste Attribut Poseidons ist der Dreizack, eine Fischfanggabel, die der Gott zu kosmischer Waffe umfunktioniert. Mit dem Dreizack schlägt er auf Felsen, woraufhin Quellen oder Pferde hervorbrechen, und er hebt mit ihm die Wellen oder lässt die Erde beben.

Das Werkzeug stammt nach einer späten Tradition (Apollodor I, 2, 1) von den Kyklopen, die Poseidon im Kampf gegen die Titanen ausgerüstet hatten, parallel zu Zeus‘ Blitz und Hades‘ Tarnkappe.

Pferd und Stier sind seine heiligen Tiere. Der Stier verkörpert die brüllende, unbändige Kraft des Erderschütterers; in Onchestos in Boiotien wurde ein Pferdeopfer ins Wasser gegeben (Homerischer Hymnos an Apollon 230 bis 238).

Das Pferd ist sein Geschöpf in mehreren Varianten: Bald hat er es im Streit mit Athene auf der Akropolis hervorgebracht (Vergil, Georgica I, 12 bis 14), bald ist es als Areion und Pegasos seinen Beischlafgeschichten entsprungen. Delphine begleiten ihn in der Bildtradition als sein zoologisches Geleit, oft am Rand des göttlichen Wagens.

Poseidons typische Darstellung zeigt ihn als bärtigen, kräftig gebauten Gott in mittleren Jahren, oft mit nacktem Oberkörper, manchmal mit fließendem Mantel, der hinter ihm vom Wind erfasst wird. Er fährt einen Wagen, der von Hippokampen, Pferden mit Fischschwanz, gezogen wird.

Die berühmte Bronzestatue von Kap Artemision (heute im Nationalmuseum Athen) zeigt einen Gott im Wurfgestus mit erhobenem rechten Arm; ob es sich um Poseidon mit Dreizack oder Zeus mit Blitz handelt, ist bis heute umstritten. Die Identifikation als Poseidon stützt sich auf die enge stilistische Verwandtschaft mit Münzbildern.

Ungewöhnlicher ist Poseidon in seiner schwarzen Erscheinungsform als «Melas» in Sikyon (Pausanias II, 12, 1) und als «Kyamites», der Bohnenwächter, in Eleusis. Diese chthonischen Aspekte sind das Erbe des alten Erdgottes, der vor der Sortierung des Pantheons in die olympische Ordnung weiterreichende Domänen hatte.

Kult und Verehrung

Der Kult des Poseidon konzentrierte sich auf Küstenstädte und auf jene Binnenregionen, in denen alte Pferdezuchten und Quellen heilig waren. Sein bedeutendstes panhellenisches Fest waren die Isthmischen Spiele am Isthmus von Korinth, zweijährlich gefeiert seit 582 vor unserer Zeitrechnung.

Sieger erhielten einen Kranz aus Pinie oder Sellerie. Die Spiele standen in enger Verbindung mit dem Heroenkult des Melikertes-Palaimon, dessen verstorbenen Leichnam ein Delphin an den Isthmus getragen haben soll und der dort als unsterbliches Wesen verehrt wurde.

An der Südspitze Attikas erhob sich auf dem Felsen von Sounion der berühmte Tempel des Poseidon, eingeweiht um 444 vor unserer Zeitrechnung. Athenische Seefahrer brachten ihm hier vor Antritt großer Reisen Opfer dar; das Tempelgelände diente zugleich als militärische Festung zur Kontrolle der Schifffahrtsrouten.

Der nahe Strand war Schauplatz mythischer Episoden: Aigeus stürzte sich von dieser Klippe, als er das schwarze Segel sah, das die vermeintliche Niederlage seines Sohnes Theseus signalisierte.

In Onchestos in Boiotien wurde der «Hippios»-Kult durch ein eigenartiges Wagenrennen ohne Lenker gepflegt: Die Wagen wurden in einem heiligen Hain losgelassen, und wo sie umstürzten, war der heilige Ort. Diese Riten bewahren eine Erinnerung an alte indogermanische Pferdezeremonien.

Auf der Peloponnes-Insel Kalauria (heute Poros) gab es einen panhellenischen Amphiktyonie-Bund von sieben Mitgliedstaaten, die im Poseidon-Tempel ihre Versammlungen hielten (Strabon VIII, 6, 14); Demosthenes endete dort 322 vor unserer Zeitrechnung sein Leben.

Im ionischen Raum war der Poseidon-Helikonios-Kult auf Mykale die religiöse Klammer des Panionischen Bundes; die hier abgehaltenen Panionia waren das wichtigste politische Treffen der zwölf ionischen Städte.

In Sparta verehrte man Poseidon Hippokurios und Erechthonios, in Magna Graecia besaß Tarent einen Hauptkult an der Westküste der Stadt. An vielen Orten erschien Poseidon zusammen mit der Erdmutter, weshalb der vergleichbar archaische Demeter-Poseidon-Kult eine eigene religionsgeschichtliche Schicht bildet.

Wichtige Heiligtümer und Tempel

Der dorische Tempel von Sounion, errichtet 444 bis 440 vor unserer Zeitrechnung an Stelle eines durch die Perser zerstörten Vorgängerbaus, gilt als kanonisches Beispiel attischer Tempelarchitektur.

Von den ursprünglich 34 Säulen stehen heute noch 15. Die Lage auf der Klippe in 60 Meter Höhe über dem Meer bot Schiffsführern eine Landmarke; der Tempel ist von der See aus an klaren Tagen über große Entfernung sichtbar.

Der Tempel des Poseidon am Isthmus von Korinth, in der Mitte des sechsten Jahrhunderts errichtet und nach Bränden mehrfach erneuert, lag im Zentrum des isthmischen Heiligtums.

Pausanias (II, 1, 7 bis II, 2, 2) beschreibt das Kultbild des Poseidon, der einen Fuß auf einen Delphin setzte, und im Vorhof die Statuen der Sieger der isthmischen Spiele. Das Heiligtum kontrollierte die Landenge und damit den Verkehr zwischen der Peloponnes und Mittelgriechenland.

Der Tempel von Kalauria (heute Poros) ist der älteste erhaltene Poseidon-Tempel, errichtet um 520 vor unserer Zeitrechnung. Er diente der Kalaurischen Amphiktyonie als Versammlungsort.

In Paestum (Poseidonia) im italienischen Lukanien gilt der zweite große Tempel (heute meist als Heratempel angesprochen) als der besterhaltene dorische Tempel überhaupt; die ältere Forschung sah in ihm den Haupttempel des stadtgleichnamigen Poseidon. Tarent besaß zwei bedeutende Heiligtümer in seinem Stadtgebiet, die archäologisch nur fragmentarisch erfasst sind.

Im Erechtheion in Athen wurde der Salzwasserbrunnen gezeigt, den Poseidon im Streit mit Athene hervorgebracht haben soll; Pausanias (I, 26, 5) erwähnt eine Vertiefung im Fels, die als Dreizack-Abdruck galt.

In Onchestos verband sich der Pferdekult mit dem Heiligtum, dessen genaue Lage Pierre Roesch in den 1970er Jahren südwestlich des heutigen Akraiphnion lokalisierte. Auf Tenos erhob sich ein bedeutender Poseidon-Amphitrite-Tempel, der vor allem in hellenistischer Zeit ein panionisches Wallfahrtsziel wurde.

Mythen-Erzählungen

Der zentrale Mythos Poseidons gegen einen sterblichen Helden ist die Verfolgung des Odysseus durch die «Odyssee». Polyphem, der einäugige Kyklop, wird von Odysseus geblendet; da Polyphem Sohn des Poseidon ist, schwört der Gott Rache und sorgt dafür, dass Odysseus erst nach zehn Jahren und nach dem Verlust aller Gefährten heimkehrt.

Die Episode bildet den dramaturgischen Motor der gesamten Odyssee und endet erst, als Odysseus auf Anweisung Teiresias‘ im Innern Griechenlands ein Sühneopfer darbringt, das Poseidon versöhnt.

Im Trojanischen Krieg steht Poseidon auf der griechischen Seite, weil König Laomedon ihm den vereinbarten Lohn für den Mauerbau Trojas verweigert hatte. Bei Homer (Ilias VII, 452 bis 463) erinnert Poseidon Zeus daran, dass er und Apollon ein Jahr lang dem trojanischen König gedient hatten.

Den verweigerten Lohn rächt der Gott mit einem Meeresungeheuer, dem schließlich Herakles ein Ende setzt. Während der Kämpfe selbst greift Poseidon offen ein und schiebt die Griechen mit seiner Kraft gegen die trojanische Mauer vor.

Auch eine der ältesten Konkurrenzgeschichten der Götter ist Poseidon zugeordnet: der Streit um die Stadtgottschaft Athens gegen Athene. In Argos verliert er gegen Hera, in Korinth teilt er sich die Stadt mit Helios, in Troizen mit Athene.

Diese Häufung von Niederlagen in den Stadtgottwahlen wird in der modernen Forschung als Indiz dafür gelesen, dass Poseidon eine ältere, in vielen Regionen einst herrschende Gestalt war, die im neuen polis-Religionssystem von jüngeren Göttern verdrängt wurde.

Die Mythen um Poseidon und Demeter sind die rätselhaftesten. Pausanias überliefert aus dem arkadischen Heiligtum von Phigalia und Thelpusa eine Erzählung, in der Poseidon die trauernde Demeter in Pferdegestalt vergewaltigt und mit ihr das Kind «Despoina» («die Herrin») zeugt, sowie das göttliche Pferd Areion.

Demeter «Erinys» entzog sich in eine Höhle, die kosmische Hungersnot folgte, bis Pan sie fand und Zeus sie aussöhnte. Diese Geschichte bewahrt nach Burkert eine vorgriechische Schicht der Götterbeziehungen mit Bezug zur Vegetations- und Pferdesymbolik.

Beziehungen im Pantheon

Die Beziehung zwischen Poseidon und Zeus ist von wechselnder Konkurrenz geprägt. In der «Ilias» beansprucht Poseidon Gleichrang mit dem Bruder, weil die Aufteilung der Welt durch Los erfolgt sei (XV, 185 bis 199); Zeus durchsetzt seine Suprematie nur durch das Älteste-Recht und die Drohung der Iris-Botin.

Mit Hades besteht eine ruhige Geschwisterbeziehung; die drei Herrscher der drei Reiche begegnen einander selten.

Mit Athene besteht die ausgeprägteste Konkurrenz, sichtbar an mehreren lokalen Streitmythen. Der athenische Streit endet mit der Niederlage Poseidons und der Stadtbenennung nach Athene; in Troizen muss er die Stadt mit der Göttin teilen.

Mit Apollon zusammen baut er die Mauern Trojas und teilt mit ihm das Schicksal, von Laomedon um den Lohn betrogen worden zu sein. Mit Ares verbindet ihn der gemeinsame Schutz des halikarnassischen Mausoleums; mit Hermes teilt er die Stiftung des Pferderennens.

Seine Gemahlin Amphitrite tritt im Mythos nur selten als handelnde Figur auf; Bacchylides (Dithyrambos 17) lässt sie Theseus im Meer empfangen und ihm Krone und Mantel schenken. Triton, der Sohn, fungiert als Botenwesen, das mit der Triton-Muschel Sturm und Stille hervorbringen kann.

Die Beziehungen Poseidons zu seinen sterblichen Geliebten zeigen seine ambivalente Stellung zwischen Pantheon und Erdoberfläche; viele griechische Adelsgeschlechter führten sich auf ihn als Stammvater zurück, weshalb seine Vaterschaft genealogisch dichter ausgeprägt ist als die der meisten anderen Olympier.

Rezeption

In Rom wurde Poseidon mit Neptunus identifiziert, einem ursprünglich italischen Quell- und Süßwassergott, dessen Domäne durch die Identifikation auf das Meer ausgedehnt wurde.

Die Neptunalia wurden am 23. Juli gefeiert; Plinius der Ältere und Festus geben ergänzende Auskünfte. Die kaiserzeitliche Münzbildkunst stellt Neptun mit Dreizack und Delphin in zahllosen Varianten dar, häufig in Verbindung mit Reichsgrenzen oder Seekriegssiegen.

Im Mittelalter verschwand Poseidon weitgehend hinter christlichen Personifikationen des Meeres; in den «Etymologiae» des Isidor von Sevilla erscheint er nur als Allegorie der Wasser-Element.

Die Renaissance brachte mit Berninis Brunnen «Trevi» (vollendet 1762, mit dem zentralen Okeanos-Neptun), Raffaels «Galatea» und Annibale Carraccis «Triumph von Neptun und Amphitrite» eine reiche Bildtradition. Im barocken Park von Versailles steht das berühmte «Bassin de Neptune» mit dem von Tritonen begleiteten Götterwagen.

Die Romantik und das neunzehnte Jahrhundert sahen in Poseidon das Sinnbild ungebändigter Naturgewalt; in Goethes «Faust» (Klassische Walpurgisnacht) tritt er in der gestalt des Seismos auf, der die Erde aufwirft.

Die wissenschaftliche Rezeption durch Erwin Rohde, Walter Otto und Walter Burkert hat das vorklassische Profil des Gottes herausgearbeitet und die Mythen mit Demeter, Pegasos und dem mykenischen Palastkult systematisch behandelt. Die moderne Popkultur (Comic, Film, Videospiel) verwendet ihn als archetypische Meergottfigur, oft ohne Berücksichtigung der originalen Vielschichtigkeit.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Die Etymologie des Namens Poseidon ist umstritten. Die mykenische Form «po-se-da-o-ne» und das dorische «Poteidan» legen eine Grundform mit der Bedeutung «Gemahl der Erde» (potis + das, vergleichbar mit «Demeter») nahe, was die Verbindung mit Demeter in den arkadischen Mythen stützt.

Eine andere Deutung führt den Namen auf «Wassergewaltiger» zurück. Die mykenischen Belege machen wahrscheinlich, dass Poseidon im zweiten vorchristlichen Jahrtausend ein Hauptgott war, möglicherweise oberster Gott Pylos‘, der erst in der Gestalt der olympischen Religion auf das Meer eingeschränkt wurde.

Indogermanisch betrachtet zeigt Poseidon die typischen Züge eines indogermanischen Pferdegottes, wie er sich in der vedischen Aśvin-Gestalt, im keltischen Epona-Komplex und im germanischen Sleipnir-Mythos parallel findet.

Georges Dumézil ordnete ihn der dritten Funktion (Fruchtbarkeit, Nährung) zu, was die Demeter-Verbindung und die Quellenpatronage erklärt. Walter Burkert sieht in Poseidon eine Schicht einer alten indogermanischen Pferdegottheit, die in einem Substrat-Verbund mit ägäischen Erdmutter-Vorstellungen verschmolz und so das eigenartige Profil entwickelte.

Im religionswissenschaftlichen Vergleich fallen Strukturähnlichkeiten zum hinduistischen Varuṇa auf, dem Wassergott und Wahrer der kosmischen Ordnung, sowie zum ugaritischen Yam, der bei den westsemitischen Mythen die Meere repräsentiert und vom Wettergott Baal niedergerungen wird.

Im Gegensatz zu Yam wird Poseidon jedoch nicht entthront, sondern in das olympische System eingebunden, was die griechische Tendenz zur Verteilung der Götterdomänen statt zum Götterkampf zeigt.

Die jüngere Forschung von Madeleine Jost (zum arkadischen Kult) und Robert Parker (zum athenischen Kult) hat das Bild eines vielschichtigen Gottes weiter ausdifferenziert, dessen vermeintliche Einheit erst in der homerischen Rezeption hergestellt wurde.

Etymologie und mykenische Wurzeln

Der Name «Poseidon» (mykenisch «po-se-da-o-ne», dorisch «Poteidan», ionisch «Poseidaon») ist seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend belegt. Linear-B-Tafeln aus Pylos, Knossos und Theben nennen einen Empfänger ungewöhnlich umfangreicher Opfer; in Pylos erhält er größere Anteile an Stieren, Schafen und Wein als jeder andere genannte Gott.

Diese Beleglage ist eines der wichtigsten Indizien dafür, dass Poseidon in mykenischer Zeit oberster Gott einer oder mehrerer palastzentrierter Regionen war.

Die etymologische Diskussion kreist um zwei Hauptvorschläge. Die ältere Forschung (Heinrich Schliemann, Friedrich Solmsen) leitete den Namen aus «potis» (Herr) und «da» (Erde) ab, was «Gemahl der Erde» bedeutet und die Verbindung mit Demeter in den arkadischen Mythen stützt.

Robert Beekes hat diese indogermanische Etymologie skeptisch beurteilt und einen vorgriechischen Ursprung erwogen. Die neuere mykenologische Forschung von Stefan Hiller und José Luis García Ramón hat zur ersten Lesart zurückgekehrt und sie mit den arkadischen Demeter-Poseidon-Kulten in Einklang gebracht.

Die mykenisch-archaische Verschiebung der theologischen Hierarchie von Poseidon zu Zeus ist eines der zentralen Ereignisse der griechischen Religionsgeschichte. Walter Burkert hat diese Verschiebung als Reflex der dorischen Wanderung und der politischen Neuordnung Griechenlands nach dem Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur interpretiert.

Die archaischen Polis-Religionen mussten sich an die neuen sozialen Verhältnisse anpassen; die patriarchale Suprematie des Zeus passte besser zum aristokratischen Polisstaat als die ältere Königsstellung Poseidons.

Quellen

Homer, «Ilias», besonders XIII, XV und XX, sowie «Odyssee», besonders I, V, IX und XIII. Hesiod, «Theogonie» 453 bis 458 und 930 bis 933. Apollodor, «Bibliotheke», I, 2, 1 und I, 4, 6. Pausanias, «Beschreibung Griechenlands», II, 1 (Isthmos), VIII, 8 und 25 (Arkadien). Pindar, Isthmische Oden, besonders die Eröffnungspassagen.

Strabon, «Geographika» VIII, 6, 14 (Kalauria). Vergil, «Aeneis» I, 124 bis 156, und «Georgica» I, 12 bis 14. Walter Burkert, «Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche», Stuttgart 1977. Madeleine Jost, «Sanctuaires et cultes d’Arcadie», Paris 1985. Robert Parker, «Polytheism and Society at Athens», Oxford 2005.

Häufige Fragen zu Poseidon

Wer ist Poseidon in der griechischen Mythologie?

Poseidon ist in der griechischen Mythologie der Gott des Meeres, der Erdbeben und der Pferde, einer der zwölf olympischen Götter. Er ist Bruder des Zeus und des Hades; bei der Aufteilung der Welt nach dem Sturz der Titanen fiel ihm das Meer zu, während Zeus den Himmel und Hades die Unterwelt erhielt.

Sein wichtigstes Attribut ist der Dreizack, mit dem er das Meer aufwühlt und die Erde erschüttert. Sein römisches Gegenstück ist Neptun.

Warum wurde Athen nach Athene und nicht nach Poseidon benannt?

Ein berühmter Mythos erzählt vom Wettstreit zwischen Poseidon und Athene um die Schutzherrschaft über die Stadt Attikas. Beide sollten den Bürgern ein Geschenk machen. Poseidon schlug mit seinem Dreizack auf den Felsen der Akropolis und ließ eine Salzwasserquelle entspringen, manche Überlieferungen nennen auch das erste Pferd.

Athene ließ den ersten Ölbaum wachsen. Die Bürger oder Götter entschieden, dass der Ölbaum als Spender von Nahrung, Öl und Holz das wertvollere Geschenk sei, und die Stadt wurde nach Athene benannt.

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