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Khnum, widderköpfiger Schöpfergott Ägyptens

Khnum ist ein widderköpfiger, ägyptischer Schöpfergott, der die Menschen und ihre Lebenskraft auf seinem Töpferrad formt. Khnum gehört zu den ältesten Göttern Ägyptens und nimmt in der theologischen Tradition die Stellung eines widderköpfigen Schöpfers ein.

Sein Name «Khnum» (auch Khenmu, Chnoubis bei den Griechen) leitet sich vom Verb «khnem» («verbinden, vereinen») ab und verweist auf seine Funktion als Schöpfer, der die Glieder des werdenden Wesens auf der Töpferscheibe miteinander verbindet.

Khnum ist der Töpfergott im präzisen Sinne: Er formt auf der Drehscheibe nicht nur die menschlichen Körper, sondern auch das «Ka», den unsichtbaren Lebensspender, der jedes Wesen vor seiner Geburt aufnimmt.

Sein wichtigster Kultort ist Elephantine bei Assuan, wo er den Aufstieg der Nilflut beherrscht; im Spätzeit-Heiligtum von Esna übernimmt er eine kosmogonische Hauptstellung als selbstexistierender Schöpfer aller Wesen.

Inhaltsverzeichnis

Khnum - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Stammbaum

Khnum gehört zu den ältesten ägyptischen Göttern. Seine Verehrung ist seit dem Alten Reich belegt; auf der Palette von Narmer (um 3100 vor unserer Zeitrechnung) ist möglicherweise bereits ein Widderkopf vorhanden, der Khnum zugeschrieben werden kann.

In den Pyramidentexten erscheint Khnum als der Töpfer, der den verstorbenen König «formt» und mit seinen Gliedern versieht (Spruch 522). Diese frühe Belegung zeigt, dass die Verbindung von Khnum mit der Schöpfung des Menschen-Körpers schon in der Frühzeit ausgeprägt war.

Gemahlin Khnums ist je nach Lokalkult eine andere Göttin. In Elephantine bildet er mit Satet (der Bogengöttin) und Anuket (der Gazellen-Göttin) eine Triade; Satet und Anuket sind die personifizierten Sprungflüsse, die das Nilwasser aus der ersten Katarakte freilassen.

In Esna ist Khnums Gemahlin Neith oder Menhit, die löwenköpfige Kriegsgöttin; mit ihr zeugt er den Sohn Heka, die Personifikation der magischen Kraft. In Antinoe ist es Heqet, die froschköpfige Göttin der Geburt, die als Khnums Gemahlin galt und mit ihm den Schöpfungsakt vollzog.

Khnum trat in vier theologischen Aspekten auf, die in der spätzeitlichen Theologie von Esna systematisch ausgearbeitet wurden. Er war Khnum-Re (Sonnenwesen), Khnum-Schu (Luftwesen), Khnum-Geb (Erdwesen) und Khnum-Osiris (Wesen der Tiefe).

Diese vier Aspekte sind vier Manifestationen desselben Khnum, die im Lauf des Tages und in den vier Teilen der Welt wirken, keine vier verschiedenen Götter. Der Esna-Tempel zeigt diese Vierheit auf den Wänden seines Hypostyls als das theologische Grundprogramm der Stadt.

Der Sohn Khnums in Esna ist Heka, in Elephantine sind es anstelle der leiblichen Söhne die mit Satet und Anuket verbundenen Heiligtums-Untergottheiten. In der Spätzeit-Theologie tritt Khnum auch als Vater des Königs auf: Er formt auf der Töpferscheibe den menschlichen Körper des Königs und zugleich dessen «Ka», den göttlichen Lebensspender.

Dieser Vorgang wird in den Tempelwänden des Mortuartempels Hatschepsuts in Deir el-Bahari und im Tempel Amenhoteps III. in Luxor in eindrucksvollen Reliefs gezeigt: Khnum auf der Drehscheibe, gegenüber der Königin, die das werdende Königsanlitz formt.

Symbole, Ikonografie und Attribute

Khnum wird typischerweise als Mann mit Widderkopf dargestellt. Der Widder ist der wollwüchsige Widder des nubischen «ovis longipes», dessen lange, gewundene Hörner waagrecht abstehen. Diese Hornform unterscheidet Khnum von Amun, der den Widder mit nach unten gerichteten Hörnern hat (ovis platyura).

Die Differenzierung der Widderformen ist religionsgeschichtlich aufschlussreich, weil sie zeigt, dass Khnum mit der älteren, ursprünglich südnubischen Schafrasse verbunden ist, während Amun mit dem späteren, anders gehörnten Widder identifiziert wird.

Auf dem Kopf trägt Khnum oft die Atefkrone, manchmal die hohe Federkrone mit Sonnenscheibe, was seine kosmische Dimension markiert. In den Esna-Texten erscheint er auch mit den vier Widderköpfen der vier Aspekte zugleich; diese vierköpfige Darstellung ist im Spätzeit-Sanktuar belegt und stellt eine theologische Spezialität dar.

Sein wichtigstes Attribut ist die Töpferscheibe, auf der die werdenden Wesen geformt werden. Reliefs in Esna, Luxor und Deir el-Bahari zeigen Khnum am Drehrad, wie er einen kleinen Menschen (oder das «Ka» des werdenden Kindes) formt; vor ihm liegt das fertige Erzeugnis, oft ein Doppelfigur (Mensch und Ka).

Sein heiliges Tier ist der Widder, der in den Tempeln gehalten und nach dem Tod mumifiziert wurde. In Elephantine ist eine Widder-Nekropole gefunden worden, in der hunderte mumifizierter Tiere bestattet waren. Auf dem Tempelgelände der Spätzeit wurden eigene Widder-Stall-Anlagen errichtet, in denen die heiligen Tiere von eigenen Priestern gepflegt wurden.

Plastische Bildwerke Khnums sind seit dem Mittleren Reich erhalten. Aus dem Neuen Reich stammt eine bedeutende Statue Amenophis‘ III. mit Khnum-Anschluss, die im Luxor-Museum aufbewahrt wird.

Aus der Spätzeit sind zahlreiche kleinere Bronzestatuen erhalten. Auf den Tempelwänden des Esna-Tempels (überwiegend römische Kaiserzeit) ist Khnum mehrfach in voll figurierter Gestalt dargestellt, mit detaillierter Ausarbeitung der wolligen Widderhaare und der gewundenen Hörner.

Kult und Verehrung

Der älteste und bedeutendste Khnum-Kult ist der von Elephantine, der südlichsten Insel des ägyptischen Niltals an der ersten Katarakte. Hier lag das Tempelgrundstück, auf dem das Heiligtum seit dem Alten Reich nachweisbar ist und das im Mittleren und Neuen Reich mehrfach erweitert wurde.

Die deutsch-schweizerische Mission seit den 1960er Jahren hat das Heiligtum systematisch ausgegraben und dabei Tempelbauten aus der Frühzeit, dem Mittleren Reich, dem Neuen Reich und der Spätzeit nachweisen können. Die Stelae und Inschriften zeigen, dass Khnum auf Elephantine die «erste Katarakte» beherrschte und damit den Aufstieg der jährlichen Nilflut steuerte.

Der zweite große Kultort ist Esna (das antike Latopolis), etwa fünfundfünfzig Kilometer südlich von Theben am Westufer des Nils. Der heute fast vollständig erhaltene Tempel der römischen Kaiserzeit (mit den Tempelhallen unter Tiberius, Claudius, Vespasian, Domitian, Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius bis Septimius Severus errichtet) ist eines der monumentalsten Khnum-Heiligtümer der ägyptischen Religion.

Die Pronaos (Eingangshalle) ist mit ausführlichen theologischen Hymnen bedeckt; die Säulen tragen die vier theologischen Aspekte Khnums in elaborater Ausformulierung.

An den Festtagen Khnums vollzog man besondere Riten. Das wichtigste Fest war das «Töpferschiff-Fest», bei dem ein kleines Modell-Schiff mit dem Khnum-Bild durch die Tempelhöfe getragen wurde. Das Ritual erinnerte die ständige Schöpfungstätigkeit des Gottes und stellte symbolisch die jährliche Wiederholung der Schöpfung dar.

In Esna wurde am Neujahrsfest ein besonderer «Sieg-Ritus» vollzogen, bei dem das Bild der Apophisschlange in Wachs hergestellt und verbrannt wurde, eine Praxis, die mit der Esna-Theologie der Welt-Erhaltung durch die täglich erneuerte Schöpfung verbunden war.

Die Hymnen aus dem Esna-Tempel, gefunden und ediert von Serge Sauneron (sechs Bände, 1962 bis 1975), gehören zu den theologisch tiefsten Texten der spätzeitlichen ägyptischen Religion.

Sie behandeln Khnum als denjenigen, der «vor dem Anfang» war, der «alle Götter und Menschen aus dem Lehm formte» und der «die Lebensluft in die Nase» eines jeden Wesens bläst.

Die Parallele zu Genesis 2, 7 ist auffällig, ohne dass eine direkte Beeinflussung angenommen werden muss; die motivische Übereinstimmung verweist auf einen weiträumigen altorientalischen Topos der Schöpfung aus Lehm durch göttliche Atemgabe.

Wichtige Heiligtümer und Tempel

Der Tempel von Elephantine ist nur in Resten erhalten, doch die deutsch-schweizerische Mission hat die Schichten der verschiedenen Bauphasen detailliert rekonstruiert. Ein wichtiges Element war der ältere Khnum-Schrein aus dem Mittleren Reich, der unter Sesostris I. erbaut wurde.

Im Neuen Reich erweiterten Thutmosis II. und Hatschepsut den Tempel, im Späten und Ptolemäischen Zeitabschnitt wurde er nochmals ausgebaut. Auf der Insel befindet sich auch das berühmte «Hungersnot-Stele» des Sesostris III. (Ptolemäische Zeit), das die jährliche Nilflut-Mythologie und die Rolle Khnums dabei thematisiert.

Der Esna-Tempel ist das Hauptmonument des Khnum-Kultes und einer der besterhaltenen ägyptischen Tempel überhaupt. Er liegt mehr als neun Meter unter dem heutigen Straßenniveau, was zu seiner Bewahrung beigetragen hat.

Die Bauphase erstreckte sich von Ptolemaios VI. bis Decius im dritten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung; damit ist Esna der letzte ägyptische Tempel, der noch in der Spätantike erweitert wurde.

Die Säulenhalle (Pronaos) ist mit ihren vierundzwanzig Säulen und der reich verzierten Decke der eindrucksvollste Teil des Bauwerks. Auf den Decken sind astronomische Darstellungen, auf den Wänden theologische Hymnen, auf den Säulen die königlichen Opferreliefs.

Ein dritter Kultort ist Antinoe (Antinoöpolis) in Mittelägypten, das aus der von Hadrian gegründeten Stadt für Antinoos hervorging. Hier wurde Khnum gemeinsam mit Heqet als Geburtsgöttin verehrt. Die archäologischen Reste sind fragmentarisch, doch zahlreiche Inschriften und Stelen belegen die Bedeutung des Kultes in der römischen Kaiserzeit.

In der nubischen Region, südlich der ersten Katarakte, lag der Tempel von Bigge, der nahe gelegenen Insel von Philae geweiht war; auch dort spielte Khnum als Wassergott eine wichtige Rolle.

Weitere Khnum-Kapellen befinden sich in Karnak (im Hof des Amun-Re-Tempels), in Deir el-Bahari (im Mortuartempel Hatschepsuts), in Luxor (im Geburtszimmer Amenophis‘ III.), in Edfu (im Geburtshaus des Horus, dem Mammisi) und in vielen kleineren Heiligtümern entlang des Niltals.

In allen ramessidischen Mortuartempeln wird Khnum als Schöpfer des königlichen Ka dargestellt; diese Reliefs sind die wichtigste Quelle für die Ikonographie des Schöpfungsaktes auf der Töpferscheibe.

Mythen-Erzählungen

Der zentrale Khnum-Mythos ist die Schöpfung des Menschen auf der Töpferscheibe. In den Esna-Hymnen wird dieser Akt ausführlich beschrieben: Khnum nimmt Lehm vom Nilufer, formt daraus den Körper des werdenden Menschen, vollendet jedes Glied mit Sorgfalt, schließlich die Lippen, die Zunge und das Gehör.

Dann nimmt er den göttlichen Atem aus der Hand der Göttin Heqet (oder, in einer anderen Variante, aus seiner eigenen Hand) und bläst ihn in die Nase des Geschöpfes; mit diesem Atem wird der Mensch belebt. Die Geburt eines jeden Kindes ist die Wiederholung dieser ursprünglichen Schöpfungstat.

Die Hungersnot-Stele von der Insel Sehel, vermutlich eine ptolemäische Schöpfung mit Rückprojektion ins dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, schildert eine siebenjährige Dürre unter König Djoser, die Khnum verursacht hatte, weil sein Heiligtum vernachlässigt war.

Der König wandte sich an Khnum in einem Traum, der Gott erschien und versprach Wiederherstellung der Nilflut, sofern sein Tempel neu errichtet und das Heiligtum mit Land ausgestattet würde. Diese Stele diente als Rechtsgrundlage für die Privilegien des Khnum-Tempels von Elephantine und zeigt zugleich die theologische Vorstellung, dass die Nilflut von Khnum gesteuert wird.

Im Mythos der Königsgeburt ist Khnum derjenige, der den göttlichen Vater (Amun-Re) auf der Töpferscheibe in den werdenden Königsembryo verwandelt. Dieses Motiv ist in den «Geburtszimmern» (Mammisis) der Ptolemäer-Tempel von Edfu, Dendara und Philae ausführlich bildlich dargestellt.

Im Geburtszimmer Hatschepsuts in Deir el-Bahari ist die älteste solche Darstellung erhalten: Khnum am Drehrad, Heqet daneben, das werdende Königskind und sein Ka als Doppelfigur. Die theologische Aussage ist klar: Der König ist durch Khnum und Amun-Re gemeinsam aus göttlicher Substanz geformt, über die bloße Zeugung durch seine Eltern hinaus.

In den Esna-Hymnen findet sich auch eine kosmogonische Erzählung, in der Khnum als Schöpfer aller Wesen vorgestellt wird. Er habe die Menschen aller Hautfarben aus verschiedenen Lehmsorten geformt, die Tiere aus jeweils anderen Materialien, die Pflanzen aus Wurzelstoffen.

Diese ausgeweitete Schöpfungstheologie ist religionsgeschichtlich bemerkenswert, weil sie die ethnische Vielfalt der Menschheit theologisch erklärt, ohne sie hierarchisch zu ordnen.

Beziehungen im Pantheon

Khnum steht in komplexen Beziehungen zu anderen ägyptischen Göttern. Mit Re bildet er die Doppelform Khnum-Re, die in der spätzeitlichen Theologie das Schöpfer-Element des Sonnengottes betont.

Mit Amun verschmilzt er gelegentlich zu Amun-Khnum, besonders in Theben; mit Ptah, dem memphitischen Schöpfergott, besteht eine philosophische Komplementarität: Ptah denkt und plant, Khnum formt und vollzieht; mit Atum, dem heliopolitischen Schöpfer, teilt er die Funktion des Urgottes, wobei Atum durch Selbst-Hervorbringung und Khnum durch Werkstattarbeit schafft.

Mit Satet und Anuket bildet er die Elephantine-Triade. Satet ist die Bogenschützin, die das Flut-Wasser «verspritzt», Anuket die Personifikation des wilden Flussabschnitts unterhalb der Katarakte. Beide Göttinnen werden mit ihm gemeinsam verehrt.

Mit Neith in Esna teilt Khnum die Schöpfungsfunktion, wobei Neith das «Wann» (Zeit, Bewegung), Khnum das «Was» (Form, Stoff) der Schöpfung verkörpert. Mit Heqet, der Frosch-Geburtsgöttin, vollzieht Khnum den Geburtsakt jedes Menschen.

Mit dem Pharao besteht eine besondere Beziehung. Khnum ist der eigentliche körperliche Schöpfer des königlichen Leibes und des königlichen Ka. Bei jedem Königswechsel wird der neue Herrscher als von Khnum geformt dargestellt, mit dem Götteratem belebt und mit der königlichen Würde ausgestattet.

Diese Theologie macht die Königsgeburt zu einem theologisch hochrangigen Ereignis, das in den Tempelreliefs der Mammisi ausführlich gefeiert wird.

Rezeption

In der griechisch-römischen Antike wurde Khnum mit dem griechischen Kronos identifiziert, weil beide als alte Schöpfergötter galten. Plutarch («De Iside et Osiride» 56) erwähnt Khnum als den «Töpfer der Götter». Die Identifikation mit dem hermetischen «Demiourgos» ist in den späten hermetischen Texten und im Hibis-Tempel der Oase Charga belegt.

Die Magie der Spätantike kennt einen «Chnoubis», eine Schlange mit Löwenkopf und sieben Strahlen, die auf Heilamuletten besonders gegen Magenleiden auftritt; sie ist mit Khnum durch Namen und Ikonographie verbunden, hat sich aber zu einem eigenständigen Heilwesen entwickelt.

Mit dem Ende des heidnischen Tempelkultes im fünften und sechsten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung verschwand der lebende Khnum-Kult. Die koptische Tradition kannte Reflexe in der Vorstellung von Gott als Schöpfer des Menschen aus Erde, die mit Genesis 2, 7 verbunden ist; ob hier eine direkte Khnum-Tradition fortbesteht, ist umstritten.

Im Mittelalter berichteten arabische Reisende von den verlassenen Tempelresten in Esna und Elephantine; die Erinnerung an Khnum als Töpfergott blieb in der koptischen Folklore vereinzelt erhalten.

Die moderne Wiederentdeckung des Khnum-Kultes beginnt mit den ersten Veröffentlichungen Champollions zu Esna, gefolgt von den deutsch-schweizerischen Ausgrabungen auf Elephantine seit den 1960er Jahren. Die Esna-Editionsarbeit Sauneron’s (1962 bis 1975) ist eine der gründlichsten religionshistorischen Erschließungen eines ägyptischen Tempels.

Erik Hornung hat in «Conceptions of God» und in der «Tal-der-Könige»-Reihe Khnums Stellung in der ägyptischen Theologie analysiert. In der jüngeren Forschung von Daniel von Recklinghausen und Christian Leitz ist Khnum als Modellfall einer spätzeitlich-theologischen Hauptgottheit detailliert ausgearbeitet worden.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Khnum gehört zur Kategorie der Töpfergötter, die in vielen Religionen die menschliche Schöpfung aus Lehm hervorbringen.

Vergleichbare Vorstellungen finden sich im sumerischen Enki, der den Menschen aus Lehm formt, und im hebräischen Schöpfungsbericht (Genesis 2, 7). Dort wird Adam aus Erde geformt und durch Gottes Atem belebt. Im griechischen Prometheus-Mythos werden die Menschen ebenfalls aus Lehm geformt, der vedische Tvaṣṭṛ schmiedet die Lebewesen. Im chinesischen Nüwa-Mythos formt die Schöpferin die Menschen aus gelbem Lehm.

Diese Konvergenz zeigt einen universalen Topos, der in zahlreichen Kulturen unabhängig oder durch Diffusion auftritt.

Die theologische Besonderheit Khnums liegt in der differenzierten Konzeption des «Ka», der Lebenskraft, die parallel zum Körper geformt und belebt wird. Diese ägyptische Vorstellung ist historisch auffällig, weil sie ein klares Konzept einer unsterblichen Lebenskomponente liefert, die mit dem Körper verbunden ist, aber auch eigenständig existieren kann.

Die spätere griechische Vorstellung der Psyche und die christliche Vorstellung der Seele haben strukturelle Ähnlichkeiten, ohne direkt aus dem Khnum-Ka-Konzept herzuleiten zu sein.

Jan Assmann hat in seinen Arbeiten zum ägyptischen «Schöpfertopos» Khnum als Modellfall einer «handwerklichen» Schöpfungstheologie identifiziert. Während die heliopolitische Tradition Atum als Selbsthervorbringer beschreibt und die memphitische Tradition Ptah als denkenden Schöpfer, zeigt die khnumitische Tradition den Schöpfer als Töpfer und Handwerker.

Diese drei Konzepte beleuchten verschiedene Aspekte derselben göttlichen Schöpfungstätigkeit, ohne miteinander in Konkurrenz zu stehen. Erik Hornung hat in «Der Eine und die Vielen» betont, dass die ägyptische Religion anstelle eines einheitlichen Schöpfers viele lokale Manifestationen kennt, deren theologische Vielfalt die religiöse Tiefe der ägyptischen Kultur ausmacht.

Quellen

Pyramidentexte, Spruch 522 und 660 (Khnum als Bildner). Esna-Tempelinschriften, Edition Serge Sauneron, sechs Bände, Le Caire 1962 bis 1975. Hungersnot-Stele von Sehel, Edition Paul Barguet. Geburtszimmer in Deir el-Bahari, Edition Édouard Naville. Mammisi-Reliefs von Dendara und Edfu, Edition François Daumas.

Strabon, «Geographika» XVII, 1, 47 (Elephantine); Plutarch, «De Iside et Osiride» 56. Henri Frankfort, «Kingship and the Gods», Chicago 1948. Erik Hornung, «Der Eine und die Vielen», Darmstadt 1971. Jan Assmann, «Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur», Stuttgart 1984. Christian Leitz (Hrsg.), «Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen», Leuven 2002 bis 2003.