Qutrub, der Rastlose zwischen Gräbern und Wahn
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Der Qutrub ist ein Dämon der arabischen Tradition.
Der rastlose Dämon der Friedhöfe, zwischen Ghul und Werwolf. Zwischen Gräbern und Wahn verortet die Überlieferung den Qutrub als rastlosen Dämon der Wüste.
Der Qutrub ist ein rastloser Dämon der klassischen arabischen Überlieferung, oft als arabischer Werwolf übersetzt und dem Ghul verwandt. Nachts bedroht er Menschen an Friedhöfen und schändet Leichen.
Der Name transportiert primär Rastlosigkeit und deckt drei Bedeutungsebenen ab: den Dämon, einen Grammatiker der Basra-Schule und eine melancholische Geisteskrankheit. Diese Vielschichtigkeit macht den Qutrub zu einer der ungewöhnlichsten Gestalten der arabischen Dämonologie.
Typ: Rastloser, gräberumtreibender Dämon, dem Ghul verwandt
Herkunft: Altarabisch-volkstümlich
Texte: Ibn Durayd, medizinische Literatur, Ullmann
Zeitraum: klassisch-arabisch, abbasidisch
Erscheinung: werwolfs- oder hundeartig
Überlieferungskontext
Zeitraum der Texte
Klassisch-arabisch und abbasidisch: Der Dämon ist altarabisch-volkstümlich und früh belegt bei Ibn Durayd, gestorben 933.
Verbreitungsraum
Arabien: Der Qutrub gehört zur Dämonenlandschaft der Halbinsel, mit den Friedhöfen als bevorzugtem Wirkungsraum.
Quellenlage
Gut dokumentiert: Ibn Durayds Jamharat al-Lugha, die medizinische Literatur und die Studien von Ullmann und Metzger.
Name und Varianten
Arabisch: qutrub, ein rastloses kleines Tier, das niemals ruht, lexikalisch Feldmaus, Eule oder Wasserinsekt. Zu trennen sind drei Register: der Dämon, der Grammatiker Qutrub, ein Philologe der Basra-Schule, gestorben 821, und der medizinische Terminus für eine melancholische Geisteskrankheit.
Beschreibung
Erscheinung
Als Dämon ist der Qutrub uneinheitlich beschrieben: werwolfs- oder hundeartig, ghulnah und gräberumtreibend. Eine Katzengestalt ist nur einzelquellig und nicht kanonisch.
Wirkung
Der Qutrub bedroht Menschen nachts an Friedhöfen und schändet Leichen. Auf der medizinischen Ebene ist er die Besessenheit im Sinne der Krankheit: Bei der Übersetzung des griechischen Lykanthropie-Konzepts ins Arabische verschwand der Wolf und wurde durch das Wort Qutrub, ein Wasserinsekt, ersetzt.
Steckbrief: Qutrub
Die wichtigsten Aspekte des rastlosen Dämons auf einen Blick.
Homonym über drei Register der arabischen Klassik: Dämonologie, Philologie und Medizin teilen sich ein Wort.
Friedhöfe und ihre nächtlichen Besucher: Der Qutrub treibt zwischen Gräbern um und vergreift sich an den Toten.
Uneinheitlich: werwolfs- oder hundeartig, ghulnah; die Katzengestalt ist nur einzelquellig belegt.
Nächtliche Bedrohung an Friedhöfen und Leichenschändung; medizinisch der Name einer melancholischen Geisteskrankheit.
Gegen den Dämon Koranrezitation und Gebetsruf; gegen die Krankheit Aderlass und eine kühlend-befeuchtende Diät.
Dämonisch dem Ghul und dem europäischen Werwolf verwandt; medizinisch der griechischen Lykanthropie und der mania lupina bei Avicenna.
Ein Wort, drei Register
Qutrub bezeichnet ein rastloses kleines Tier, das niemals ruht, lexikalisch Feldmaus, Eule oder Wasserinsekt. Von dieser Grundbedeutung aus verzweigt sich das Wort in drei Register, die sauber zu trennen sind: den Dämon, den Grammatiker Qutrub, einen Philologen der Basra-Schule, gestorben 821, und den medizinischen Terminus für eine melancholische Geisteskrankheit.
Der Dämon ist altarabisch-volkstümlich und früh belegt bei Ibn Durayd, gestorben 933. Das medizinische Register entstand bei der Übersetzung des griechischen Lykanthropie-Konzepts ins Arabische: Dabei verschwand der Wolf und wurde durch das Wort Qutrub ersetzt, das eigentlich ein Wasserinsekt bezeichnet. Wer den Qutrub schlicht als arabischen Werwolf führt, übergeht diese bemerkenswerte Verschiebung.
Medizingeschichte und Einordnung
Der Qutrub lebt in der Fachliteratur zum Werwolf-Motiv und in der medizingeschichtlichen Rezeption fort, latinisiert später als cucubuth bei Avicenna.
Religionswissenschaftlich ist der Qutrub kein einheitliches Wesen, sondern ein Homonym über drei Register. Wichtige Klarstellungen: Die Reduktion auf arabischer Werwolf verkürzt massiv; im medizinischen Qutrub fehlt der Wolf gerade, ersetzt durch ein harmloses Insekt; und Dämon, Grammatiker und Krankheit sind zu trennen.
Gebetsruf oder Aderlass: zweigleisiger Schutz
Gegen den Dämon gilt wie beim Ghul die Koranrezitation und der Gebetsruf. Auf der medizinischen Ebene dagegen ist es Therapie statt Exorzismus: Aderlass und eine kühlend-befeuchtende Diät gegen die schwarze Galle der Melancholie. Dieser rationalisierende Umgang ist religionswissenschaftlich der interessanteste Punkt: Dieselbe Kultur, die den Qutrub als Dämon bannte, behandelte ihn als Krankheit mit den Mitteln der Humoralmedizin.
Vom Ghul bis zur mania lupina
Dämonisch ist der Qutrub dem Ghul und dem europäischen Werwolf verwandt; medizinisch entspricht er der griechischen Lykanthropie und der mania lupina bei Avicenna. Innerhalb der arabischen Wüstenwelt stehen ihm der Ghaddar, der Nasnas und die Si’lat zur Seite, allesamt Gestalten, die dem einsamen Menschen in der Einöde begegnen.
Häufige Fragen zum Qutrub
Was ist ein Qutrub?
Ein rastloser arabischer Dämon, oft als Werwolf übersetzt, der Friedhöfe heimsucht.
Hat das Wort mehrere Bedeutungen?
Ja, Dämon, ein Grammatiker namens Qutrub und eine melancholische Geisteskrankheit.
Ist der Qutrub wirklich ein Werwolf?
Nur ungefähr; im medizinischen Sinn fehlt der Wolf gerade und ist durch ein Insekt ersetzt.
Weiterführende Verlinkungen
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Ob als arabischer Werwolf, als Gräberdämon oder als Name einer Krankheit: Der Qutrub zeigt, wie ein einziges Wort Dämonologie, Gelehrsamkeit und Medizin der arabischen Klassik verbinden konnte.





