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Idun, Göttin der Jugend und der goldenen Äpfel

Idun (altnordisch Idunn) ist die Göttin der Verjüngungsäpfel im germanischen Pantheon. In ihrem Korb bewahrt sie die Äpfel, die den Göttern Jugend und Lebenskraft erhalten. Ohne Iduns Äpfel altern die Asen und sind dem Tod ausgesetzt.

Ihre Entführung durch den Riesen Thjazi und ihre Rückholung durch Loki gehört zu den klassischen Episoden der nordischen Mythologie. Idun gilt als Gemahlin Bragis, des Gottes der Dichtkunst.

Inhaltsverzeichnis

Idun - Götter aus der Germanisch-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Herkunft

Snorri Sturluson nennt Idun in der «Prosa-Edda» (Gylfaginning 26 und Skaldskaparmal 1) eine der Asinnen, die Äpfel in einem eschenen Kästchen verwahre, von denen die Asen ässen, wenn sie alterten. Damit würden sie alle wieder jung.

Ihr Name Idunn wird etymologisch unterschiedlich gedeutet. Eine verbreitete Etymologie bezieht ihn auf id («wieder») und unna («lieben, gewähren»), also «die wieder Gewährende» oder «die wieder Verjüngende». Rudolf Simek favorisiert diese Lesart in seinem «Lexikon der germanischen Mythologie» (3. Aufl. 2006).

Iduns Herkunft ist genealogisch unklar. Snorri nennt sie Tochter des Zwergs Ivaldi, was sie in eine Verbindung mit der Zwergenwelt stellt. Andere Quellen sehen sie als eine der Asinnen ohne nachvollziehbare Genealogie.

Diese Unsicherheit hat die Forschung von Jan de Vries bis Margaret Clunies Ross zu der Annahme geführt, Idun sei eine alte vegetative Gottheit, deren ursprüglicher Mythos primär um die Äpfel und das Verjüngungsmotiv kreist, weniger um eine ausgearbeitete Genealogie.

Vergleichend bietet die indogermanische Mythologie mehrere Parallelen zu unsterblichkeitsspendenden Früchten oder Getränken: Soma und Amrita in der vedischen Tradition, Nektar und Ambrosia bei den Griechen, das Wasser des Lebens in vielen indogermanischen Traditionen.

Georges Dumezil hat in «Le festin d’immortalite» (1924) die These vertreten, alle diese Vorstellungen gingen auf ein gemeinsames indogermanisches Erbe zurück. Iduns Äpfel sind die nordische Ausprägung dieses Motivs.

Die Quellenlage zu Idun ist im Vergleich zu Göttinnen wie Freyja oder Frigg dünn, doch das «Haustlong» des Thjodolfr aus Hvini (um 900) bietet die älteste literarische Bezeugung des Apfelmythos und ist damit von hoher Bedeutung. Das Gedicht ist ein Schildgedicht, das die Bilder auf einem geschmückten Schild beschreibt.

Eines dieser Bilder zeigt die Iduns Entführung durch Thjazi. Die ausführliche Beschreibung dieses Bildes in der skaldischen Hochform zeigt, dass der Mythos im späten 9. und frühen 10. Jahrhundert nicht nur bekannt, sondern auch ikonographisch verbreitet war.

Snorri Sturlusons «Skaldskaparmal» 1 erweitert das «Haustlong»-Material um narrative Details, die in der älteren skaldischen Schicht nicht vorhanden waren. Die Forschung diskutiert seit Eugen Mogk (1923), ob Snorri eine vollständige Erzählung hatte, die er paraphrasierte, oder ob er auf Basis des Schildgedichts eine eigene Narrative konstruierte.

Andy Orchard, John Lindow und Margaret Clunies Ross tendieren zu der Annahme, dass Snorri eine ausgearbeitete Erzähltradition zur Verfügung hatte, die in der Zwischenzeit verloren gegangen ist.

Symbole und Attribute

Das hervorstechende Attribut Iduns sind die Äpfel. Snorri beschreibt sie nicht näher, doch die spätere Tradition stellt sie als goldene Äpfel dar.

Im «Haustlong» des Thjodolfr aus Hvini (um 900) werden die Äpfel «das alte Heilmittel der Asen gegen das Alter» genannt. Dieses Skaldengedicht ist die älteste literarische Bezeugung des Idun-Mythos und damit von hoher Bedeutung für die Mythosforschung.

Der eschene Kasten oder Korb, in dem Idun die Äpfel verwahrt, hat ebenfalls symbolische Bedeutung. Die Esche ist mit der Weltesche Yggdrasil verbunden und stellt damit eine kosmologische Verankerung des Verjüngungsmotivs her. Die Äpfel selbst gelten in der Volksüberlieferung Skandinaviens als Symbol der Fruchtbarkeit und des langen Lebens.

Iduns gewöhnliche Gestalt wird in den eddischen Quellen nicht näher beschrieben. In der Entführungsepisode wird sie in Vogelgestalt verwandelt (Falkengewand Freyjas), was eine Verbindung zu schamanistisch geprägten Verwandlungsvorstellungen herstellt. Diese Vogelmetamorphose hat in der vergleichenden Religionswissenschaft Parallelen in zahlreichen Traditionen, etwa der griechischen Tradition von Aithon, der zu einem Vogel wird.

Kult und Verehrung

Eigenständige Kultzeugnisse für Idun fehlen weitgehend. Es gibt keine Tempel– oder Festberichte. Ihr Name ist in Ortsnamen nicht eindeutig vertreten. Dieser dünne Befund hat die Forschung dazu geführt, Idun primär als mythische Funktion innerhalb des Asenpantheons zu lesen, weniger als eigenständige Kultgöttin.

Volkstümliche Reflexe der Apfel-Verjüngung finden sich jedoch reichlich. In den Märchen Skandinaviens und Deutschlands begegnet der Apfel als Sinnbild der Unsterblichkeit, der Verjüngung oder der Erkenntnis.

Jacob Grimm hat in «Deutsche Mythologie» (1835) zahlreiche solcher Spuren gesammelt, etwa den dänischen Brauch, am Hochzeitstag einen geteilten Apfel zwischen Braut und Bräutigam zu reichen, als Symbol der gemeinsamen Lebensdaür.

In den isländischen Sagas erscheint Idun nicht als Kultgöttin, sondern allein in mythischen Exkursen, vor allem in der «Skaldskaparmal» Snorris. Ihr Name dient in der Skaldendichtung als Kenning für Fraün («Goldring-Idun», «Met-Idun»). Diese pötische Funktion überlagert die kultische Spur und erklärt teilweise, warum Idun in der literarischen Tradition präsenter ist als in der religiösen Praxis.

Wichtige Mythen

Der Hauptmythos ist Iduns Entführung durch Thjazi. Snorri erzählt in der «Skaldskaparmal» 1: Odin, Hönir und Loki reisen über Berge und Wüsten. Sie wollen einen Ochsen braten, doch das Fleisch will nicht gar werden.

Ein Adler in einer Eiche oben offenbart sich: er ist der Riese Thjazi in Vogelgestalt. Er fordert sein Teil. Loki schlägt nach ihm, doch der Adler entführt Loki an einem Stock. Loki muss versprechen, ihm Idun und ihre Äpfel zu bringen.

Zurück in Asgard lockt Loki Idun aus Asgard heraus, indem er ihr von wundersameren Äpfeln im Wald erzählt. Thjazi packt sie, führt sie nach Thrymheim. Die Asen altern. Sie zwingen Loki, Idun zurückzubringen.

Loki leiht Freyjas Falkengewand, fliegt nach Thrymheim, verwandelt Idun in eine Nuss und bringt sie zurück. Thjazi folgt in Adlergestalt, doch die Asen entzünden ein Feür an der Maür Asgards, das Thjazis Gefieder verbrennt. Er stürzt und wird erschlagen. Skadi, seine Tochter, kommt nach Asgard, um Genugtuung zu fordern.

Dieser Mythos ist im «Haustlong» des Thjodolfr (um 900) bereits ausgearbeitet bezeugt, was sein hohes Alter sichert. Es ist eines der wenigen mythischen Episoden, die in einer skaldischen Komposition vor 1000 fast vollständig erhalten sind. Die strukturelle Komposition (Verlust, Suche, Rückholung, Vernichtung des Gegners) entspricht einem alten Erzählmuster, das auch in anderen indogermanischen Traditionen vorkommt.

Der zweite Mythos ist Iduns Erscheinen in der «Lokasenna» 17-18. Hier verspottet Loki Idun als «mannssüchtigste aller Fraün», weil sie ihre eigenen Arme um den Mörder ihres Bruders gelegt habe.

Diese düstere Andeutung wird in keinem anderen Qülltext aufgegriffen. Klaus von See deutet sie als verlorenen oder erfundenen Mythos, der Iduns Bruder mit einem nicht näher genannten Vorfall in Verbindung bringt. Die Stelle bleibt enigmatisch.

Eine dritte Episode bewahrt das eddische Gedicht «Hrafnagaldr Odins» («Odins Rabenzauber»), dessen Echtheit umstritten ist. Hier träumt Idun einen Untergangstraum und fällt aus der Weltesche.

Annette Lassen hat in ihrer Edition (2011) gezeigt, dass das Gedicht wahrscheinlich aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammt und nicht zur klassischen eddischen Schicht gehört. Dennoch bietet es einen Einblick in die späte Rezeption des Idun-Stoffs.

Die Entführung Iduns ist ein klassisches Beispiel des Mythenmusters Verlust und Rückgewinnung der Lebensfülle. Götter und Asen sind ohne die Göttin und ihre Äpfel der Alterung ausgesetzt.

Diese mythische Konstellation hat zahlreiche Parallelen in indogermanischen und nichteuropäischen Traditionen: Demeters Rückzug nach Persephones Raub, Sonnenfinsternis als Folge des Sonnenraubes in zahlreichen Völkermythen, Inannas Abstieg zur Unterwelt im sumerischen Mythos. Die strukturelle Konstanz dieser Erzählmuster wurde von Vladimir Propp in «Morphologie des Märchens» (1928) erstmals systematisiert und später von Mythenforschern wie Joseph Campbell verallgemeinert.

Der Mythos enthält zudem ein Element der Sittenkritik: Loki ist der Verursacher, doch die Asen überzeugen ihn durch Druck zur Rückholung. Die List, die Idun überreicht hatte (die «wundersameren Äpfel im Wald» eines anderen Ortes), wird durch eine zweite List (Verwandlung in eine Nuss) aufgehoben.

Diese Doppelung der Listigkeit ist ein typisches Trickster-Muster. Lewis Hyde hat in «Trickster Makes This World» (1998) die Doppelfunktion des Tricksters als Störer und Lösser herausgearbeitet, und Loki ist eines der pointiertesten Beispiele dieser Figur.

Beziehungen im Pantheon

Idun ist die Gemahlin Bragis, des Gottes der Dichtkunst. Snorri nennt diese Verbindung in Gylfaginning 26 und Skaldskaparmal 1. Bragi ist eine späte Gestalt, vermutlich aus dem skaldischen Dichter Bragi Boddason des 9. Jahrhunderts hypostasiert. Die Verbindung Idun-Bragi ist daher wahrscheinlich eine literarische Konstruktion der wikingerzeitlichen Spätphase.

Zu Loki steht Idun in zwiespältiger Beziehung. Loki ist Werkzeug ihrer Entführung und ihrer Rückholung. Diese ambivalente Rolle Lokis als Verursacher und Löser des Problems ist ein wiederkehrendes Muster: ähnlich verhält es sich beim Maürbau Asgards, beim Mistelmord an Baldur, beim Diebstahl von Sifs Haar. Loki bringt Krisen und löst sie.

Zu den anderen Asen verhält sich Idun als unentbehrliche Versorgerin. Ohne ihre Äpfel altert das gesamte Pantheon. Diese Abhängigkeit der Götter von einer einzelnen Göttin ist mythologisch bemerkenswert und unterstreicht Iduns kosmische Funktion.

Margaret Clunies Ross hat in «Prolonged Echös» (1994) diese Abhängigkeit als strukturelles Element der eddischen Mythologie gedeutet: das Pantheon ist nicht autark, sondern auf Vermittlerinnen wie Idun, Freyja und Frigg angewiesen.

Rezeption und Wirkung

In der mittelalterlichen isländischen Literatur ist Idun vor allem über die «Skaldskaparmal» präsent. Skaldische Kenningar wie «Ases edle Idun» (Brage-Göttin) oder «alte Äpfel-Idun» dienen als Fraünumschreibungen. Im 13. und 14. Jahrhundert geriet die spezifische mythologische Funktion zunehmend in den Hintergrund, die literarische Präsenz blieb erhalten.

Im 19. Jahrhundert wurde Idun in der nordischen Romantik populär. Adam Öhlenschläger nahm sie in mehrere Werke auf, darunter «Nordens Guder» (1819). In Schweden gründete eine Gruppe nationalromantischer Schriftsteller 1816 die Gesellschaft Iduna, die sich der Pflege nordischer Mythologie widmete. Ihre Zeitschrift «Iduna» erschien bis 1845. Esaias Tegner gehörte zu den Mitgliedern.

Auch in der Bildenden Kunst der nordischen Romantik wird Idun mehrfach dargestellt, etwa von dem schwedischen Maler Nils Blommer («Idun», 1850) und dem norwegischen Maler Peter Nicolai Arbo. Die typische Darstellung zeigt Idun mit ihrem Korb voll goldener Äpfel, oft umgeben von den Asen, die nach den Früchten greifen.

In der modernen Rezeption begegnet Idun in Romanen, Comics und Filmen, meist als Nebenfigur. Wissenschaftlich relevant bleibt vor allem die Stellung des Äpfel-Mythos in der vergleichenden Religionswissenschaft, als nordische Ausprägung des universellen Motivs der unsterblichkeitsspendenden Frucht.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Idun gehört zum Typus der vegetativen Gottheiten, die die Lebenskraft des Pantheons sichern. Vergleichende Religionswissenschaft, vertreten etwa durch Mircea Eliade in «Patterns in Comparative Religion» (1958), ordnet sie in den Kreis der unsterblichkeitsspendenden Vermittlerinnen ein.

Parallelen bestehen zu Hebe in der griechischen Mythologie, die den Göttern Nektar reicht, und zu indischen Apsaras, die Soma kredenzen.

Georges Dumezil hat Idun in «Le festin d’immortalite» (1924) als nordische Schwester der vedischen Göttin Sarasvati und der griechischen Hebe gelesen, eine These, die heute differenzierter beurteilt wird. Die Äpfel als Unsterblichkeitsspeise sind ein altes indogermanisches Motiv, doch die spezifische Ausprägung Iduns als Göttin der Verjüngung ist eine germanische Eigenheit.

Folkloristisch gehört Idun in den Kreis der märchenhaften Gestalten, die über Lebensspeise und Verjüngung verfügen. Die Brüder Grimm verwiesen in ihren «Anmerkungen» zu den «Kinder- und Hausmärchen» mehrfach auf den Idun-Stoff im Zusammenhang mit Märchen wie «Das Wasser des Lebens» (KHM 97) und «Die goldenen Äpfel» (KHM 17). Diese Verbindung ist typologisch, nicht genetisch.

Die typologische Einordnung Iduns als unsterblichkeitsspendende Göttin verbindet sie mit indischen Apsaras, griechischer Hebe, keltischer Tlachtga und anderen weiblichen Verkörperungen der ewigen Lebensspeise. Diese typologische Reihe wurde von Georges Dumezil in «Le festin d’immortalite» (1924) erstmals systematisch zusammengestellt.

Die Forschung der letzten Jahrzehnte, insbesondere durch Edgar Polome und Jens Peter Schjodt, hat die Liste mit Detailkritik verfeinert: nicht alle als unsterblichkeitsspendend bezeichneten Göttinnen sind funktional identisch, doch das Grundmuster der weiblichen Vermittlerin der göttlichen Vitalität bleibt erkennbar.

In der nordischen Religionsgeschichte ist Idun eines der wenigen Beispiele einer Göttin, die nicht primär durch sexülle Beziehungen oder mütterliche Funktionen, sondern durch eine wirtschaftlich-versorgende Funktion charakterisiert ist. Sie hat keine Liebesgeschichten in den Quellen, keine prominenten Kinder, keine politische Rolle.

Ihre Bedeutung liegt in der Sicherung der Götter-Generation durch die Äpfel. Diese spezifische Profilierung macht sie zu einem wichtigen Korrektiv gegen die Annahme, weibliche Götterfiguren in der nordischen Mythologie seien grundsätzlich auf sexüll-fruchtbare Funktionen reduziert.

Quellen und weiterführende Literatur