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Baldur, Lichtgott und Sohn Odins

Baldur, in der altnordischen Form Baldr, ist der lichte Gott der germanischen Mythologie, Sohn Odins und Friggs.

Sein Tod durch den Mistelzweig, geführt von der Hand des blinden Hodr unter der List Lokis, gehört zu den eindringlichsten Erzählungen der nordischen Überlieferung. Baldur gilt als Sinnbild von Schönheit, Reinheit und unschuldigem Tod. Im Ragnarök-Geschehen markiert sein Sterben den Beginn des Weltendes, seine Rückkehr nach dem Weltbrand die Hoffnung auf eine neü, geheilte Welt. Als Lichtgott verkörpert er das Reine und Strahlende im germanischen Götterhimmel.

Inhaltsverzeichnis

Baldur - Götter aus der Germanisch-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Herkunft

Snorri Sturluson nennt Baldur in der «Prosa-Edda» (Gylfaginning 22) den «weisesten der Asen, schöngesichtigsten und gnädigsten». Er sei so weiß, dass das hellste Gewächs nach ihm benannt sei: die Kamille (altnordisch baldursbra, «Baldurs Wimper»).

Sein Sitz ist Breidablik, ein Saal, in dem nichts Unreines geduldet wird. Baldurs Frau ist Nanna, sein Sohn Forseti, der Gott des Gerichts.

Die Forschung sieht in Baldur eine zentrale Figur der eddischen Mythologie, deren genaür religiöser Hintergrund umstritten bleibt. Sophus Bugge (1881-89) deutete ihn als Reflex der christlichen Christusgestalt, eine These, die heute weitgehend abgelehnt wird.

Karl Helm (1946) interpretierte ihn als Gewittergott, Georges Dumezil (1953) als sterbenden und wiederkehrenden Souverän vom Typ eines indogermanischen Gegenparts zu Mitra. Jan de Vries und Rudolf Simek favorisieren die Lesart als Lichtgott und Opfergestalt, deren Tod den kosmologischen Umsturz markiert.

Saxo Grammaticus berichtet in den «Gesta Danorum» (Buch 3, um 1200) eine deutlich abweichende Version. Baldur ist hier ein Halbgott, Sohn Odins, der mit Hodr (Hotherus) um die Hand der Prinzessin Nanna kämpft.

Baldur stirbt am Ende durch ein magisches Schwert, das einer Waldfrau gehörte. Diese euhemerisierte Version stellt Baldur als sterblichen Helden dar und verschiebt den Tod auf eine ritterliche Auseinandersetzung. Die Forschung sieht in beiden Versionen, der eddischen und der saxonischen, Reflexe einer älteren, vorliterarischen Tradition.

Saxo Grammaticus‘ euhemerisierte Version in den «Gesta Danorum» (Buch 3) verdient besondere Aufmerksamkeit. Bei Saxo ist Baldur ein dänisch-norwegischer Halbgott, Sohn Odins, der mit dem Schwedenfürsten Hotherus (Hodr) um die Hand der Prinzessin Nanna kämpft.

Der Kampf zieht sich über mehrere Schlachten, Baldur wird schließlich durch ein magisches Schwert getötet, das Hotherus von einer Waldfrau erhalten hat. Diese Version unterscheidet sich grundlegend von der eddischen: hier ist kein Mistelmotiv, kein unschuldiges Opfer, kein blinder Bruder, sondern ein konventioneller Heldenkampf um eine Frau.

Die Forschung diskutiert seit Sophus Bugges «Studien» (1881-89) das Verhältnis beider Versionen. Manche Forscher (Bugge, Olrik) sahen in Saxos Version eine späte Verfälschung, die das Heidnische zum Heroischen reduzierte.

Andere (Dumezil, von See) lasen sie als alternative Tradition, die einen älteren, weniger sakralisierten Baldur-Mythos bewahrt. Die heutige Forschung tendiert zu einer Mehrschichtenlesart: beide Versionen reflektieren reale, aber verschiedene mythische Traditionen, deren Verhältnis nicht linear, sondern komplementär war.

Symbole und Attribute

Das wichtigste Attribut Baldurs ist sein leuchtendes Aussehen. Snorri beschreibt ihn als so hell, dass Strahlen von ihm ausgehen. Die nach ihm benannte Pflanze, baldursbra (Matricaria, Kamille), trägt diese helle Symbolik in den Volksglauben. In Dänemark und Schweden wurde die Pflanze bis ins 19. Jahrhundert als Schutz gegen böse Geister verwendet.

Sein Saal Breidablik («breit glänzend») wird in «Grimnismal» 12 erwähnt: «Breidablik heißt die siebte (Halle), wo Baldur sich Wohnung gewählt hat, im Land, das ich am wenigsten unrein weiß».

Sein Schiff Hringhorni gilt als das größte aller Schiffe, auf ihm wird Baldur nach seinem Tod verbrannt. Sein Pferd wird in «Grimnismal» 30 erwähnt, sein Name jedoch nicht überliefert.

Der Mistelzweig, mit dem er getötet wird, ist sein paradoxes Gegen-Attribut. Die Mistel (Viscum album) galt in der Antike als heilig und ist im «Naturalis Historia» des Plinius (Buch 16, 95) als Schnittpflanze der keltischen Druiden beschrieben.

In der germanischen Volksüberlieferung lebt der Mistelzweig als ambivalentes Symbol fort: schützend und tödlich zugleich. Diese Doppeldeutigkeit hat James George Frazer in «The Golden Bough» (1890) zum zentralen Symbol seiner vergleichenden Mythologie gemacht.

Kult und Verehrung

Direkte kultische Belege für Baldur sind selten. Adam von Bremen erwähnt ihn nicht. Ortsnamen mit Baldr-Element finden sich vor allem in Norwegen (Baldrshagi, «Baldurs-Hag») und sind im Vergleich zu Thor- oder Odin-Ortsnamen wenig zahlreich.

Diese dünne Spur hat Folke Strom als Hinweis darauf gelesen, dass Baldur primär eine literarische Gestalt der spaten eddischen Phase sei, weniger eine breit verehrte Kultgottheit.

Die «Friedlands-Saga» und andere isländische Qüllen erwähnen Baldurs Tod in einem ritüll-mythischen Kontext, aber ohne explizite Kultformen.

Snorris Beschreibung der Bestattung in Gylfaginning 49 ist die ausführlichste Schilderung eines göttlichen Begräbnisses in der Edda: das Schiff wird mit Holz beladen, die Riesin Hyrrokin schiebt es ins Wasser, Thor weiht den Scheiterhaufen mit dem Hammer Mjöllnir, ein Zwerg wird zerqütscht, weil er Thor nahe kommt.

Diese Szene wirkt wie eine mythische Vorlage für historische Schiffsbestattungen, etwa die wikingerzeitlichen Funde von Oseberg (834 n. Chr.) und Gokstad (Ende 9. Jh.).

Régis Boyer hat in «La religion des anciens Scandinaves» (1981) die These vertreten, der Mythos von Baldurs Tod und Wiederkehr habe ein Initiations- oder Jahreszeitenritual gespiegelt, vermutlich in Verbindung mit der Sonnenwende. Direkte ritülle Belege fehlen, indirekte Spuren in volkstümlichen Feürritualen zu Mittsommer sind in Skandinavien gut bezeugt.

Wichtige Mythen

Die zentrale Erzählung ist Baldurs Tod. Snorri schildert in Gylfaginning 49: Baldur träumt seinen eigenen Tod. Frigg, seine Mutter, lässt alle Wesen einen Eid schwören, ihn nicht zu verletzen.

Nur die Mistel übergeht sie, weil sie sie für zu jung hält. Die Asen vergnügen sich, indem sie Geschosse auf Baldur werfen, die ihn nicht treffen. Loki, in Fraüngestalt, entlockt Frigg das Geheimnis.

Er fertigt einen Pfeil aus Mistelholz und gibt ihn dem blinden Hodr, führt seine Hand, und Hodr trifft Baldur tödlich. Die Asen sind sprachlos vor Schmerz. Hermod, Baldurs Bruder, reitet auf Sleipnir nach Hel, um Baldurs Rückkehr zu erbitten.

Hel willigt ein, wenn alle Wesen Baldur beweinen. Alle weinen, nur eine alte Riesin namens Thökk, hinter der Loki verborgen ist, verweigert die Träne. Baldur bleibt in Hel bis nach dem Ragnarök.

Die «Voluspa» 31-33 erzählt den Mythos kurz und kondensiert. Vor allem die Strophen über Hodrs Schicksal und Vali, den von Odin gezeugten Rächersohn, der Hodr tötet, sind hier zentral. Diese Genealogie zeigt, dass der Tod Baldurs nicht das Ende der Geschichte ist: er erzeugt eine Rachekette, die mit dem Ragnarök kulminiert.

Der dritte Mythos ist Baldurs Rückkehr nach dem Weltbrand. Die «Voluspa» 62 beschreibt, wie die Erde aus dem Meer aufsteigt, wie sich Baldur und Hodr versöhnen, wie eine neü Welt anbricht. Diese Rückkehr Baldurs ist eines der stärksten Motive der nordischen Eschatologie und hat eine lange Wirkungsgeschichte in der christlichen Rezeption der nordischen Mythologie.

Eine besonders eindringliche Episode ist Hermods Ritt nach Hel zur Befreiung Baldurs. Snorri schildert in Gylfaginning 49 detailliert: Hermod reitet neun Nächte durch dunkle, tiefe Täler, überqürt den Goldenen Brückensteg Gjallarbrü, dessen Wächterin Modgudr ihn nach seinem Begehr fragt, und gelangt schließlich zu Hels Halle.

Dort sitzt Baldur auf dem Hochsitz, und Hel verspricht, ihn zurückzulassen, falls alle Wesen ihn betraürn.

Hermod kehrt mit dieser Botschaft zurück. Die Asen senden Boten in alle Welten, und alle Wesen weinen, außer einer alten Riesin namens Thökk, die in der Höhle sitzt. Sie sagt: «Mit trockenen Augen wird Thökk Baldur beweinen. Was Hel hat, behalte sie!» Snorri bemerkt, viele meinen, diese Thökk sei Loki gewesen.

Die Forschung hat die Hermod-Episode als einen der wichtigsten Belege für den schamanistischen Hintergrund der nordischen Mythologie gelesen. Hermod reitet auf Odins Pferd Sleipnir, dem achtbeinigen Schamanenross, durch die Unterwelt, überwindet Schwellen und erreicht die Totenwelt.

Diese Reiseweise entspricht typologisch dem Schamanenflug, wie er in vielen sibirisch-mongolischen Traditionen belegt ist. Mircea Eliade hat in „Le chamanisme et les techniques archaïques de l‘extase“ (1951) die nordische Mythologie in diesen Kontext gestellt.

Beziehungen im Pantheon

Baldur ist Sohn Odins und Friggs, Vater Forsetis (Gott des Gerichts), Bruder Hodrs (des Blinden), Halbbruder Thors, Hermods und vieler weiterer Göttersöhne Odins.

Seine Frau Nanna stirbt vor Schmerz, als Baldur tot ist, und wird mit ihm auf dem Hringhorni verbrannt. Forseti, ihr Sohn, erbt den Sitz Glitnir, ein Saal mit silbernem Dach und goldenen Säulen.

Zu Loki steht Baldur in einer paradoxen Beziehung. Loki ist als Asengefährte oft mit Baldur und den Asen verbunden, wird aber zum Werkzeug seines Todes.

Die «Lokasenna» 28 zeigt, wie Loki im Streit mit Frigg auf Baldurs Tod anspielt. Diese Antagonistik wird in der späteren Tradition immer stärker betont und kulminiert im Bild Lokis als des Zerstörers der Ordnung.

Zu Hel, Tochter Lokis und Herrin der Unterwelt, steht Baldur als ihr besonderer Gast. Hermod muss neun Nächte durch dunkle Täler reiten, um Hels Halle zu erreichen. Dort empfängt sie ihn auf dem Hochsitz, mit Baldur an ihrer Seite. Diese Szene gehört zu den eindringlichsten Schilderungen der eddischen Unterwelt.

Rezeption und Wirkung

In der christlichen Mittelalter-Rezeption wurde Baldur frühzeitig als Präfiguration Christi gelesen. Sophus Bugge entwickelte diese These ausführlich in «Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen» (1881-89). Heute gilt die Christus-These als überzeichnet, einige Parallelen (sterbender und wiederkehrender Gott, unschuldiges Opfer, kosmische Folgen) werden jedoch typologisch anerkannt.

Jacob Grimm widmete Baldur in der «Deutschen Mythologie» (1835) ein eigenes Kapitel. Er sah in ihm den Lichtgott schlechthin. Im 19. Jahrhundert wurde Baldur in der nordischen Romantik und Malerei populär.

Adam Öhlenschlägers «Baldur hin gode» (1808) ist eine dramatische Bearbeitung des Stoffes. Auch in Schwedens und Norwegens nationalromantischer Literatur taucht Baldur als Sinnbild von Reinheit und tragischer Schönheit auf.

Richard Wagner nahm Baldur nicht in den «Ring des Nibelungen» auf, vermutlich weil der Stoff weniger heldisch-konfliktreich erschien als Wotans und Siegfrieds Geschichten.

Im 20. Jahrhundert wurde Baldur in der vergleichenden Mythologie zentral, vor allem durch James George Frazers «The Golden Bough» (12 Bde., 1890-1915), wo der Mistelmythos zum Ausgangspunkt einer weitläufigen Theorie über sterbende und wiederauferstehende Götter wurde.

Religionswissenschaftliche Einordnung

In der vergleichenden Mythologie wird Baldur dem Typus des «sterbenden und wiederkehrenden Gottes» zugeordnet, neben Adonis, Tammuz, Osiris und Christus.

Diese typologische Einordnung wurde von Frazer popularisiert und von späteren Forschern wie Mircea Eliade («Le mythe de l’eternel retour», 1949) systematisiert. Kritik kam von Jonathan Z. Smith («Drudgery Divine», 1990), der die typologische Gleichsetzung als zu pauschal kritisierte.

Georges Dumezil hat in «Loki» (1948) und «Mythe et epopee» (1968-73) Baldur in das indogermanische Drei-Funktionen-Modell einzuordnen versucht. Baldur sei der reine, ungeteilte Souverän, dessen Tod die Ordnung erschüttere.

Diese Lesart wurde von Edgar Polome und Jens Peter Schjodt aufgenommen und verfeinert. Polome sieht in Baldur den Aspekt der körperlichen Vollkommenheit der Souveränität, im Gegensatz zu Odin (magisch-geistig) und Tyr (juristisch).

Die Mistel-Symbolik wurde von keltologischen und indogermanistischen Forschern wie Marie-Louise Sjöstedt in «Dieux et heros des Celtes» (1940) mit keltischen Parallelen verglichen. In beiden Traditionen erscheint die Mistel als heilig-paradoxe Pflanze, die zugleich Heilung und Tod bringen kann.

Frazers These vom sterbenden und wiederkehrenden Gott hat in der jüeren Forschung Differenzierungen erfahren. Jonathan Z. Smith zeigte in «Drudgery Divine» (1990), dass die typologische Gleichsetzung von Baldur, Christus, Adonis, Osiris und Tammuz mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten verbirgt.

Christus ist eine messianische Heilsgestalt, Adonis ein vegetativer Stoff der Liebesmysterien, Osiris ein Kosmogonen-König, Tammuz ein agrarischer Vegetationsdämon. Baldur passt nicht eindeutig in diese Reihen. Seine Spezifik liegt in der Kombination von kosmologischem Vorbote des Ragnarök und Hoffnungs-Symbol für die Erneürung nach dem Untergang.

In der vergleichenden indogermanischen Forschung wurde Baldur mehrfach mit dem indischen Tvashtar, dem keltischen Lug und dem litauischen Velinas verglichen. Diese Vergleiche sind typologisch und nicht genetisch zwingend. Die genaü indogermanische Provenienz der Baldur-Gestalt bleibt offen.

Edgar Polome hat in «Old Norse Religious Terminology» (1969) und in späteren Aufsätzen die These vertreten, Baldur sei eine genuin nordische Schöpfung der wikingerzeitlichen Spätphase, die älteren indogermanischen Elementen Resonanz biete, ohne deren direkter Erbe zu sein.

Qüllen und weiterführende Literatur

Primärqüllen: «Prosa-Edda» (Snorri Sturluson, um 1220), «Voluspa» und «Grimnismal» (Lieder-Edda, Codex Regius), «Baldrs draumar» (Lieder-Edda), «Gesta Danorum» Buch 3 (Saxo Grammaticus, um 1200). Skaldengedichte bei Finnur Jonsson «Den norsk-islandske Skjaldedigtning» (1912-15).

Sekundärliteratur:

  • Jan de Vries «Altgermanische Religionsgeschichte» (1956/57).
  • Georges Dumezil «Loki» (1948).
  • James George Frazer «The Golden Bough» (1890-1915).
  • Sophus Bugge «Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen» (1881-89).
  • Karl Helm «Wodan» (1946).
  • Régis Boyer «La religion des anciens Scandinaves» (1981).
  • Margaret Clunies Ross «Prolonged Echös» (1994/98).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.