Parvati, hinduistische Göttin und Gemahlin Shivas
Parvati ist die göttliche Mutter und Gemahlin Shivas, in der sich Sanftmut und schöpferische Kraft des Weiblichen verbinden. Parvati ist im Hinduismus die Göttin der Liebe, der ehelichen Treü, der Fruchtbarkeit und der mildtätigen mütterlichen Kraft. Sie ist die Gemahlin Shivas und Mutter Ganeshas und Kartikeyas.
Ihr Name bedeutet «die vom Berg», als Tochter des Berggottes Himavat (Personifizierung des Himalaya). Parvati gilt als sanfte Form der Großen Göttin (Mahadevi), deren zornige Manifestationen Durga und Kali sind. Religionswissenschaftlich gilt sie als eine der wichtigsten Verkörperungen der hinduistischen Göttinnen-Theologie.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Parvati ist nach hinduistischer Tradition die Wiedergeburt Satis, der ersten Gemahlin Shivas. Sati hatte sich in das Opferfeür ihres Vaters Daksha gestürzt, als dieser Shiva nicht zu seinem großen Opfer eingeladen hatte.
Shiva, von Schmerz überwältigt, zog sich in die Einsamkeit zurück. Damit das kosmische Gleichgewicht wiederhergestellt werden konnte, wurde Sati als Parvati neu geboren, als Tochter des Himavat und der Mena.
Diese Wiedergeburt wird im Shiva Purana, im Skanda Purana und in Kalidasas Mahakavya «Kumarasambhava» (etwa 5. Jahrhundert) ausführlich erzählt. Kalidasas Werk gehört zu den größten Werken der Sanskrit-Dichtung und behandelt in sieben Gesängen Parvatis Geburt, ihre Askese zur Gewinnung Shivas, ihre Heirat und die Zeugung des Kriegsgottes Kartikeya zur Befreiung der Götter vom Dämonen Taraka.
Religionsgeschichtlich ist Parvati eine der Göttinnen, deren Profil sich erst im post-vedischen Hinduismus ausbildet. Im Rig Veda erscheint sie nicht. Erste Spuren finden sich im Mahabharata und in den frühesten Puranas.
Die voll ausgearbeitete Theologie der Parvati als Shakti Shivas entwickelt sich im 5. bis 10. Jahrhundert mit dem Aufstieg des Shaivismus. Wendy Doniger hat in «Siva, the Erotic Ascetic» (1973) die spannungsreiche Verbindung von Askese und Eros zwischen Shiva und Parvati ausführlich analysiert.
Parvatis Wiedergeburt als Tochter des Himavat ist eine der theologisch dichtesten Erzählungen des Hinduismus. Sati, die erste Gemahlin Shivas, hatte sich aus Empörung über die Beleidigung ihres Mannes in das Opferfeür ihres Vaters Daksha gestürzt.
Shiva, in tiefer Traür, trug ihre Leiche durch die Welten und tanzte den Tandava-Vernichtungstanz. Um die Welt zu retten, zerstückelte Vishnu Satis Körper mit seinem Diskus. Die fallenden Teile wurden zu den Shakti-Pithas, den 51 Kraftorten Indiens, die bis heute Wallfahrtsorte sind.
Die Wiedergeburt Satis als Parvati ist somit keine bloße Variante, sondern theologisch notwendig: ohne Shakti ist Shiva nicht funktionsfähig, ohne Parvati kann Kartikeya nicht geboren werden, ohne Kartikeya kann der Dämon Taraka nicht besiegt werden, ohne diesen Sieg ist die Welt verloren.
Wendy Doniger hat in «Siva, the Erotic Ascetic» (1973) diese kosmologische Verkettung als zentrale Erzählstruktur der Shiva-Mythologie analysiert. Parvati ist nicht Wahl, sondern Notwendigkeit.
Symbole und Attribute
Parvati wird typischerweise mit zwei oder vier Armen dargestellt. In den Händen hält sie Lotosblumen, einen Spiegel, einen Diskus oder Segensgesten. Ihr Gewand ist meist rot oder gold, sie trägt reichen Schmuck und einen Halbmond im Haar (gemeinsam mit Shiva).
Ihr Reittier ist der Löwe oder Tiger, insbesondere in ihrer kriegerischen Form als Durga. In der sanfteren Form sitzt sie oft neben Shiva auf dem Stier Nandi. Die Verbindung Parvati-Löwe und Durga-Löwe zeigt die fließenden Grenzen zwischen den verschiedenen Manifestationen.
Sie wird oft mit Shiva zusammen dargestellt, als Ardhanarishvara (halb männlich, halb weiblich, in einer Person vereint). Diese ikonographische Form ist eine der stärksten Aussagen der hinduistischen Theologie über die Untrennbarkeit von Shiva und seiner Shakti.
Die halbe rechte Seite ist Shiva, die halbe linke Parvati. Diese Form ist in der Pallava- und Chola-Bronze-Kunst Südindiens besonders gut belegt.
Ihre Erkennungssymbole im Familienkontext sind ihre Kinder: Ganesha mit dem Elefantenkopf und Kartikeya mit dem Pfau. Familienbilder mit Shiva, Parvati und beiden Kindern sind seit dem Mittelalter ikonographisch sehr beliebt und gelten als Sinnbild des hinduistischen Familienlebens.
Kult und Verehrung
Parvati hat keinen einzelnen Haupttempel, da sie in unzähligen lokalen Ausprägungen und Namensformen verehrt wird. Wichtige Tempel sind der Meenakshi-Tempel in Madurai (Tamil Nadu), wo Parvati als Meenakshi mit Shiva (Sundareshwara) verehrt wird, und der Annapurna-Tempel in Varanasi, wo sie als Spenderin der Speise erscheint.
Das wichtigste Parvati-Fest ist Teej, das vor allem in Nordindien (Bihar, Rajasthan, Uttar Pradesh, Madhya Pradesh) und Nepal gefeiert wird. Fraün fasten, singen Parvati-Lieder, und beten um eheliches Glück. Die Festtage feiern Parvatis Askese, ihre Hochzeit mit Shiva und das Eheglück. In Südindien wird das Karthikai Deepam-Fest (November-Dezember) zu Ehren Parvatis und Kartikeyas gefeiert.
Im Shaktismus, einer der drei Hauptströmungen des Hinduismus neben Vishnuismus und Shaivismus, steht die Göttin im Zentrum. Die Shakta-Traditionen verehren Parvati in vielen Formen: als Kali, als Durga, als Lalita, als Tripurasundari.
Die Devi Bhagavata Purana und das Devi Mahatmya (Teil des Markandeya Purana, 5.-6. Jh.) sind die wichtigsten Texte dieser Tradition. Klaus Klostermaier hat in «A Survey of Hinduism» (3. Aufl. 2007) den Shaktismus als eigene Hauptrichtung des Hinduismus beschrieben.
Im täglichen Hauskult vieler hinduistischer Familien wird Parvati zusammen mit Shiva und Ganesha verehrt. Vor Geschäftsabschlüssen, Hochzeiten und wichtigen Familienereignissen werden Parvati-Mantras rezitiert. Das Lalita Sahasranama (Tausend Namen der Lalita-Parvati) ist ein in Südindien sehr verbreitetes liturgisches Werk.
Wichtige Mythen
Der Hauptmythos ist Parvatis Askese und Hochzeit mit Shiva. Nach Satis Tod hatte Shiva sich in den Himalaya zurückgezogen und allen Kontakt zur Welt abgebrochen. Parvati, als Tochter des Himavat geboren, wollte Shiva zum Mann gewinnen.
Sie ging in die Berge und unterzog sich der schwersten Askese. Sie fastete, hielt Stellungen aus, ertrug Hitze und Kälte. Der Liebesgott Kama wurde von den Göttern ausgesandt, um Shivas Sinne zu erregen, doch Shiva verbrannte ihn mit dem Feür seines dritten Auges.
Parvati setzte ihre Askese fort. Schließlich erschien Shiva ihr in der Gestalt eines Brahmanen, der Shiva lobte und Parvati ihre Wahl zu prüfen suchte. Parvati blieb standhaft.
Shiva offenbarte sich, und die beiden vermählten sich. Die Hochzeit auf dem Berg Kailash ist eine der prachtvollsten Erzählungen der hinduistischen Mythologie. Kalidasas «Kumarasambhava» entfaltet diese Szene mit großem dichterischen Aufwand.
Der zweite zentrale Mythos ist die Erschaffung Ganeshas. Nach dem Skanda Purana und dem Shiva Purana formte Parvati aus dem Schmutz und der Salbe ihres Körpers einen Jungen und gab ihm Leben.
Sie ließ ihn vor dem Eingang ihres Bades Wache halten. Shiva, der nicht von dem neugeschaffenen Kind wusste, kam zurück und wurde von Ganesha am Eintritt gehindert.
Shiva schlug dem Jungen aus Zorn den Kopf ab. Parvati war außer sich vor Schmerz und Wut, drohte mit der Vernichtung der Welt. Shiva, um die Lage zu beruhigen, schickte seine Diener aus, den Kopf des ersten Lebewesens zu bringen, dem sie begegnen würden.
Sie brachten den Kopf eines Elefanten. Damit wurde Ganesha mit dem Elefantenkopf wiederbelebt. Diese Erzählung erklärt die ikonographische Form Ganeshas und steht im Mittelpunkt vieler Volksfeste.
Der dritte Mythos ist die Erschaffung des Kriegsgottes Kartikeya zur Vernichtung des Dämonen Taraka. Im Kumarasambhava und in vielen Puranas wird erzählt, dass Taraka nur von einem Sohn Shivas und Parvatis getötet werden konnte.
Daher war die Hochzeit der beiden eine kosmische Notwendigkeit. Aus dem Samen Shivas, der in den Ganges fiel, wuchs Kartikeya, der später den Dämonen besiegt. Diese mythische Erzählung verbindet Eros und Kosmos: die eheliche Vereinigung zweier Götter ist Voraussetzung der Welterhaltung.
Die Hochzeit von Shiva und Parvati wird in der hinduistischen Tradition mit großer Aufmerksamkeit ausgestaltet. Sie gilt als das mythische Modell aller hinduistischen Hochzeiten.
Im «Kumarasambhava» beschreibt Kalidasa die Vorbereitungen mit pötischer Genauigkeit: die Schmückung der Braut, die Ankunft Shivas mit seinem ungewöhnlichen Gefolge aus Bhutas und Pretas (Geister und Dämonen), die Trauung am heiligen Feür, die Hochzeitsnacht. Diese Erzählung wurde von Kalidasa im 5. Jahrhundert ausgearbeitet und ist seither Vorlage zahlreicher literarischer und ikonographischer Werke.
Der Mythos der Erschaffung Ganeshas durch Parvati ist wissenschaftlich besonders interessant, weil er die Spannung zwischen Mutterliebe und ehelicher Loyalität thematisiert. Parvati schafft Ganesha ohne Shivas Wissen, Ganesha verteidigt seine Mutter gegen den eigenen Vater, Shiva erschlägt ihn und gibt ihm dann den Elefantenkopf.
Diese Erzählung wird in der Anthropologie der Familie als mythische Illustration der ödipalen Konflikte gelesen. Robert Goldberg, Stanley Kurtz und Wendy Doniger haben dieses Material in den 1980er und 1990er Jahren ausführlich analysiert. Die hinduistische Familie wird dadurch zur theologischen Bühne, auf der Konflikte und Versöhnungen mythisch ausgetragen werden.
Beziehungen im Pantheon
Parvatis Hauptbeziehung ist die zu Shiva. Beide werden als eines (Ardhanarishvara) konzipiert. Im Mythos und in der Theologie sind Shiva und Parvati untrennbar. Shiva ohne Shakti ist sava (Leiche), Shakti ohne Shiva ist Bewegung ohne Bewusstsein. Diese Lehre wird im Tantrismus, vor allem in der Kashmir-Shaiva-Schule (10.-11. Jh., Abhinavagupta), philosophisch ausgearbeitet.
Ihre Kinder sind Ganesha und Kartikeya. Beide gehören zu den meistverehrten Göttern des Hinduismus, vor allem Ganesha. Die Familie Shiva-Parvati-Ganesha-Kartikeya ist eine der wichtigsten Götterfamilien Indiens und wird oft als Sinnbild des idealen Familienlebens dargestellt.
Parvati ist Schwester der Ganga, der Göttin des Flusses. Beide sind Töchter des Himavat. Im Mythos der Herabkunft der Ganga gibt es Spannungen zwischen den Schwestern, da Shiva die Ganga in seinem Haupthaar empfängt, was Parvati zur Eifersucht reizt.
Parvatis Manifestationen als Durga und Kali (in den Shakta-Traditionen) zeigen ihre andere Seite. In der Devi Mahatmya kämpft Durga gegen den Büffeldämon Mahishasura. In der Mahabhagavata Purana entlässt Parvati aus ihrer Stirn Kali, um die Dämonen Shumbha und Nishumbha zu vernichten. Diese kriegerischen Manifestationen sind Ausdruck derselben Göttlichkeit, in dunklerer Form.
Rezeption und Wirkung
Parvati ist in der klassischen Sanskrit-Dichtung eine der zentralen Göttinnen. Kalidasas «Kumarasambhava» (5. Jh.) ist das herausragende Werk. Auch Banabhatta in «Harshacharita» (7. Jh.) widmet ihr Strophen. In der Tamil-Bhakti-Literatur der Nayanars (6.-9. Jh.) ist Parvati untrennbar mit Shiva verbunden und wird oft als Uma oder Ambika besungen.
In der bildenden Kunst Indiens ist Parvati seit der Guptazeit (4.-6. Jh.) eine der häufigsten Götterdarstellungen. Die Chola-Bronzen Südindiens (10.-13. Jh.) bringen klassische Parvati-Figuren hervor, darunter den weltberühmten Bronze-Typus der Parvati als sanfte, stehende Göttin. Diese Skulpturen sind in vielen westlichen Museen ausgestellt, etwa im British Museum London und im Metropolitan Museum New York.
Volkstümlich ist Parvati allgegenwärtig. In jedem Shiva-Tempel ist sie als Gemahlin präsent. In vielen Dörfern Indiens gibt es lokale Parvati-Tempel mit örtlichen Namen (Bhagavati in Kerala, Amma in Andhra Pradesh, Chandi in Bengalen).
Diese lokalen Ausprägungen sind in der Anthropologie Indiens, vor allem in den Arbeiten von Lawrence Babb («The Divine Hierarchy», 1975) und Cynthia Talbot («Precolonial India in Practice», 2001), beschrieben.
Im Westen wurde Parvati durch die Indologie des 19. Jahrhunderts bekannt. Heinrich Zimmer, Stella Kramrisch und Wendy Doniger haben sie in ihren Werken einem internationalen Publikum nahegebracht. In der modernen weltweiten Yoga- und Spiritualitätskultur wird Parvati oft als Symbol der weiblichen schöpferischen Kraft interpretiert.
Religionswissenschaftliche Einordnung
David Kinsley hat in «Hindu Goddesses» (1986) Parvati als zentrale Verkörperung der hinduistischen Auffassung der Göttin als Shakti, also als schöpferische und erhaltende Kraft der männlichen Gottheit, eingeordnet. Diese Klassifikation ist in der Forschung etabliert.
Im Tantrismus, vor allem in der Kashmir-Shaiva-Schule (Abhinavagupta, 10.-11. Jh.), wird Parvati als Vimarsha (Selbstbewusstsein, Pulsation) Shivas konzipiert. Shiva ist Prakasha (reines Licht), Parvati ist die Selbsterfahrung dieses Lichts. Diese hochabstrakte Theologie wurde von Klaus Klostermaier und Andre Padoux («Vac: The Concept of the Word in Selected Hindu Tantras», 1990) wissenschaftlich aufgearbeitet.
Religionsanthropologisch ist Parvati ein Beispiel für die Spannung zwischen sanften und kriegerischen Göttinnen-Aspekten im Hinduismus. Wendy Doniger hat in «The Hindus: An Alternative History» (2009) diese Doppelnatur als Reflex einer komplexen Spannung zwischen brahmanisch-orthodoxer und nicht-brahmanisch-tantrischer Tradition gelesen. Parvati verkörpert beides: die orthodoxe Hausgöttin und die tantrische Energie.
Im Shaktismus, der dritten großen Strömung des klassischen Hinduismus neben Vishnuismus und Shaivismus, steht die Göttin in der Mitte der Theologie. Parvati ist hier nicht Hilfsgestalt eines männlichen Gottes, sondern selbst höchste Wirklichkeit (Mahadevi).
Das Devi Mahatmya (Markandeya Purana 81-93, etwa 5.-6. Jh.) ist der Grundtext dieser Tradition. In den 700 Strophen wird die Große Göttin in ihren Manifestationen (Durga, Mahalakshmi, Saraswati) gefeiert, als sie nacheinander die Dämonen Madhu-Kaitabha, Mahishasura und Shumbha-Nishumbha besiegt.
Die Shakta-Theologie macht Parvati zur ersten Ursache. Shiva ist die Bewusstseinsbasis (chit), Parvati ist die schöpferische Bewegung (kriya). Ohne Bewegung ist Bewusstsein leblos.
Diese Theologie wurde im Kashmir-Shaivismus (Vasugupta, Abhinavagupta, 9.-11. Jh.) philosophisch ausgearbeitet und gehört zu den anspruchsvollsten metaphysischen Systemen der indischen Philosophie. Andre Padoux, Mark Dyczkowski und Paul Muller-Ortega haben diese Tradition in der westlichen Forschung etabliert.
Vergleichend-mythologisch hat Parvati Parallelen mit der griechischen Hera (Gemahlin des Hauptgottes), Aphrodite (eheliche Liebesgöttin), Demeter (Muttergöttin) und Athena (Kriegerin in der Durga-Form). Doch keine dieser Parallelen erfasst die theologische Spezifik Parvatis als zugleich sanfte Gemahlin und kosmische Energie. Diese duale Natur ist eine der bemerkenswertesten Eigenschaften der hinduistischen Göttinnen-Theologie.





