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Sansin, koreanischer Berggott

Sansin ist ein koreanischer Berggott, dessen Schreine an heiligen Bergen stehen und der über Land, Wald und Wild seines Gebiets wacht. Sansin (koreanisch 산신, 山神) ist der koreanische Berggott und gilt als die wichtigste lokale Schutzgottheit der koreanischen Volksreligion.

Anders als der ferne Himmelsherr Hananim oder die transzendenten Bodhisattvas des Buddhismus ist Sansin eine ortsgebundene, konkret angerufbare Gottheit, deren Heiligtümer in den Bergen Koreas zu finden sind. Die Bergverehrung gehört zu den ältesten religiösen Praktiken der koreanischen Halbinsel und hat sich neben buddhistischen, konfuzianischen und schamanischen Traditionen bis in die Gegenwart erhalten.

GottKorea

Inhaltsverzeichnis

Sansin - Götter aus der Korea-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage

Schriftliche Belege für die Verehrung von Sansin reichen bis in die Drei-Reiche-Zeit (1. bis 7. Jahrhundert) zurück. Das «Samguk Sagi» und das «Samguk Yusa» berichten von Berg-Riten an heiligen Gipfeln, die als Sitz lokaler Gottheiten galten.

Auch das geographische Werk «Dongguk Yeoji Seungnam» («Erweiterte Übersicht über die Geographie Koreas», 1481) verzeichnet zahlreiche Berg-Heiligtümer mit ihren lokalen Sansin. Die buddhistische Tradition Koreas ab dem 4. Jahrhundert integrierte die Bergverehrung in ihre Klostertopografie; jeder größere Tempel hat eine kleine Halle für den Sansin, die häufig hinter der Hauptbuddhahalle errichtet ist.

James Grayson und Don Baker haben die Quellenlage in ihren religionsgeschichtlichen Überblicken zusammengefasst. Boudewijn Walraven hat in spezifischen Studien zur koreanischen Schamanenpraxis gezeigt, dass Sansin auch in den schamanischen Riten («gut») angerufen wird, vor allem bei Heilungs- und Schutzritualen. Antonetta Bruno hat die Inschriften und ikonografischen Darstellungen aus den Berg-Heiligtümern systematisch erfasst.

Ikonografie und Darstellung

Sansin wird in der Bildtradition meist als alter, weißbärtiger Mann dargestellt, der unter einem Kiefernbaum sitzt, eine traditionelle koreanische Robe trägt und einen Fächer oder Stab hält. An seiner Seite begleitet ihn ein Tiger, der als Reittier oder als Bote dient.

Diese Bildkomposition ist seit dem 17. Jahrhundert ikonografisch standardisiert. In manchen Regionen, vor allem in der Gangwon-Provinz, wird Sansin auch als alte Frau dargestellt, was an matriarchale Bergkulte erinnert, die in der Forschung diskutiert werden.

Der Tiger ist das wichtigste Begleittier des Sansin und hat in der koreanischen Volkskunde eine umfassende symbolische Bedeutung. Er gilt als Wächter der Berge, als Strafvollstrecker des Sansin und als Beschützer der Frommen.

In manchen lokalen Traditionen verschmilzt der Tiger selbst mit dem Berggott, was bis in das koreanische Schriftsystem hinein nachwirkt: das chinesische Schriftzeichen für «Berggott» (山神) wird gelegentlich durch ein «Tigersymbol» ersetzt.

Heiligtümer und Bergkulte

Die wichtigsten Heiligtümer des Sansin sind die «sansin-gak», kleine Schreine, die in der Nähe von Berg-Klöstern oder an besonderen Gipfeln errichtet wurden.

Eine Schreingruppe besteht meist aus einem zentralen Hauptraum mit einem Bildnis des Sansin und seines Tigers, oft ergänzt durch Räucherständer und Opferplatten. Im Klosterkontext werden die Schreine vom buddhistischen Mönch betreut, im dörflichen Kontext von lokalen Älteren oder Schamanen.

Berühmte Berg-Heiligtümer gibt es auf dem Baekdu (im Norden, der gleichzeitig als Hwanung-Hwanin-Berg gilt), auf dem Jirisan, auf dem Hallasan auf Jeju, auf dem Seoraksan und auf dem Bukhan in der Nähe von Seoul.

Jedes dieser Heiligtümer hat eigene Lokaltraditionen, eigene Festtage und eigene mythische Erzählungen. Boudewijn Walraven hat in seinen Feldforschungen die Vielfalt dieser Lokalkulte dokumentiert und gezeigt, dass die Bergverehrung trotz ihrer scheinbaren Einheitlichkeit eine stark regionale Ausprägung hat.

Verhältnis zum Buddhismus

Die Integration von Sansin in die buddhistische Klostertopografie ist ein bemerkenswerter Vorgang. Im 4. und 5. Jahrhundert, als der Buddhismus aus China nach Korea kam, fand er die Berge bereits als heilig vor.

Statt die Bergverehrung zu bekämpfen, integrierten die Mönche sie in ihre Klosteranlagen und gaben den lokalen Berggottheiten einen festen Platz im Kloster, allerdings im Rang einer untergeordneten Schutzfigur. Don Baker hat diese Praxis als typisches Beispiel «hierarchischer Integration» beschrieben.

In jedem koreanischen buddhistischen Tempel findet sich daher heute eine «Sansin-gak» genannte Halle, in der das Bildnis des Berggotts mit seinem Tiger steht.

Vor diesem Bild werden eigene Räucherungen und Gebete verrichtet, vor allem von Laien, die um Schutz für die Familie, Erfolg in geschäftlichen Angelegenheiten oder Heilung von Krankheiten bitten. Diese Praxis ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil des koreanischen Tempelbesuchs.

Konfuzianische und schamanische Aneignung

Auch die konfuzianische Tradition der Joseon-Zeit (1392 bis 1910) hat die Bergverehrung nicht vollständig abgelöst. Königliche Berg-Riten waren Teil des offiziellen Staatskults; der König opferte an mehreren Bergen, die als Schutzberge des Reiches galten.

Der Bukhansan in der Nähe von Seoul war einer dieser «vier Schutzberge». Diese offiziellen Riten unterschieden sich in ihrer ritualisierten Form von der volksreligiösen Praxis, teilten aber die zugrundeliegende Vorstellung der Berg-Heiligkeit.

Im schamanischen Kontext wird Sansin als einer der wichtigsten Geister angerufen, die in den «gut»-Ritualen erscheinen. Die Schamanin oder der Schamane verkörpert ihn temporär und vermittelt seine Botschaften an die Anwesenden.

Diese mediale Funktion ist ein Hauptaspekt der koreanischen Schamanenpraxis. Boudewijn Walraven hat in seinen Studien zur Songdo- und Seoul-Schamanenpraxis gezeigt, dass Sansin in der schamanischen Hierarchie einen hohen Rang einnimmt, ohne als alleiniger Hauptgeist zu fungieren.

Sansin und Dangun

Eine bemerkenswerte Verbindung besteht zwischen Sansin und Dangun, dem mythischen Stammvater Koreas. Nach manchen Versionen des Dangun-Mythos zog sich Dangun am Ende seines Lebens auf den Berg Asadal zurück und wurde dort zum Sansin.

Diese Identifikation verbindet den nationalen Gründungsmythos mit der volksreligiösen Bergverehrung und gibt Sansin einen quasi-national-religiösen Charakter. James Grayson hat darauf hingewiesen, dass diese Verbindung in der Daejonggyo-Bewegung des 20. Jahrhunderts theologisch ausgebaut wurde.

In manchen Berg-Heiligtümern, besonders im Norden, wird Sansin daher mit Dangun identifiziert oder als sein Erbe verehrt. Diese Doppelidentität schafft eine Brücke zwischen dem rein lokalen Kult und dem nationalen Mythos. Sie ist ein Beispiel für die Geschmeidigkeit der koreanischen Religiosität, die sehr unterschiedliche religiöse Schichten in einer Figur zu verbinden vermag.

Forschungslage und Gegenwart

Die Sansin-Forschung wird vor allem von koreanischen Religionswissenschaftlern getragen. International haben Boudewijn Walraven, James Grayson, Don Baker, Hong-Key Yoon und Antonetta Bruno die wichtigsten Studien vorgelegt. Hong-Key Yoon hat aus der Perspektive der kulturellen Geografie gezeigt, wie die Berg-Heiligtümer die räumliche Wahrnehmung der koreanischen Landschaft prägen und wie die Bergverehrung mit Pungsu (Geomantik) verbunden ist.

In der modernen koreanischen Religion bleibt Sansin trotz Urbanisierung und Modernisierung präsent. Bergwanderer in den Nationalparks suchen die Sansin-gak auf und entzünden Räucherwerk; Schamanen reisen für besondere Riten an heilige Berge; und in den großen Klöstern gehört der Besuch der Sansin-Halle zum festen Programm vieler Gläubiger.

Der Berggott steht damit für eine religiöse Schicht, die unter wechselnden Hauptreligionen kontinuierlich weiterwirkt und die koreanische Religiosität bis heute mitprägt.

Sansin in der Volkskunst

Die Volkskunst Koreas hat Sansin in zahlreichen Bildtafeln, Holzschnitten und Stickereien festgehalten. In der späten Joseon-Zeit entstand der Bildtyp der «sansin-do», der Berg-Gott-Tafel, der in stark stilisierter Form Sansin mit Tiger, Kiefer, Pinienzapfen und manchmal einer Pfirsichfrucht darstellt.

Diese Bildtafeln wurden in den Klöstern verehrt und in Volkskunstmuseen häufig ausgestellt. Stilistisch verbinden sie buddhistische Bildkonventionen mit volkstümlicher Naivität.

Auch die literarische Tradition der Joseon-Zeit hat Sansin verarbeitet. In zahlreichen Volksmärchen («minhwa») erscheint er als Prüfer, Helfer oder als Strafvollstrecker für menschliche Verfehlungen. Diese Erzählungen zeigen ihn als moralische Instanz mit klarer Ordnungsfunktion, was ihn von eher chaotischen Bergdämonen unterscheidet.

Antonetta Bruno hat in ihren Arbeiten zur koreanischen Volkserzählung gezeigt, wie diese moralische Funktion Sansin in den Rang einer quasi-konfuzianischen Tugendinstanz erhebt, ohne dass er Teil des offiziellen konfuzianischen Pantheons wäre.

David A. Mason und die ethnografische Erschließung

Die umfangreichste ethnografische Dokumentation des Sansin-Kultes hat der amerikanische Korea-Spezialist David A. Mason vorgelegt.

Sein Werk «Spirit of the Mountains: Korea’s San-shin and Traditions of Mountain-Worship» (Seoul 1999) dokumentiert über zweihundert Sansin-Heiligtümer in koreanischen Klöstern und Dörfern und beschreibt die regionalen Varianten der Ikonografie.

Mason zeigt, dass die scheinbar einheitliche Bildtradition aus drei Bestandteilen besteht, die regional unterschiedlich kombiniert werden: ein patriarchaler weißbärtiger Sansin der zentralen Provinzen, ein weiblicher Sansin auf Jeju und in Teilen von Jeolla, und der mit Dangun identifizierte Sansin im Norden.

Aus Masons Bestandsaufnahme geht hervor, dass die Sansin-Halle eines koreanischen Klosters meist östlich oder nordöstlich der Hauptbuddhahalle steht und nach Pungsu-Kriterien (koreanische Geomantik) so platziert ist, dass sie den «hinteren Berg» («jinsan») des Klosters spiegelt.

Diese architektonische Konvention bindet die Berggott-Verehrung räumlich an die buddhistische Klosterordnung. Hong-Key Yoon hat diese geomantische Logik in «The Culture of Fengshui in Korea» (2006) systematisch beschrieben und gezeigt, wie der Berg selbst durch die Pungsu-Auslegung als geistige Größe konstituiert wird.

Jeju-Insel und die weibliche Sansin-Tradition

Auf der Insel Jeju hat sich eine eigenständige Berggott-Tradition erhalten, in deren Zentrum die Berggöttin Seolmundae Halmang («Großmutter Seolmundae») steht. Die Halmang ist eine riesenhafte Schöpfergöttin, die nach Jeju-Mythologie die Insel und ihren zentralen Vulkan Hallasan formte.

Sie gilt als Mutter von 500 Söhnen und wird in zahlreichen lokalen Schreinen verehrt. Die Mythenüberlieferung ist im «Cheonjiwang-bonpuri» und im «Seolmundae-bonpuri» niedergelegt, mündlichen Schamanenliedern, die im 20. Jahrhundert von koreanischen Folkloristen aufgezeichnet wurden.

Laurel Kendall hat in «Shamans, Nostalgias and the IMF» (2009) die Bedeutung der Halmang-Tradition für die kulturelle Selbstbehauptung Jejus untersucht. Die UNESCO hat 2009 das Jeju-Schamanenfest «Chilmeoridang Yeongdeunggut» in die Liste des immateriellen Welterbes aufgenommen, was die Halmang-Verehrung in einen institutionalisierten Schutzkontext gerückt hat.

Die weibliche Berggott-Tradition Jejus gilt in der vergleichenden Religionswissenschaft als wichtiger Beleg für die These einer matriarchalen Schicht in der frühen koreanischen Religiosität, ohne dass diese These archäologisch eindeutig gestützt werden könnte.

Staatlicher Berg-Kult der Joseon-Zeit

Die Joseon-Dynastie (1392 bis 1910) institutionalisierte den Berg-Kult als Teil des offiziellen Staatskults. Vier «große Berge» («sa-ak») bildeten den geomantisch-rituellen Rahmen des Reiches: Baekdusan im Norden, Jirisan im Süden, Geumgangsan im Osten und Myohyangsan im Westen.

Dazu kamen die «fünf Wache-Berge» («o-jin») und die «vier Insel-Berge». Diese Bergsystematik ist in den «Joseon Wangjo Sillok» («Annalen der Joseon-Dynastie») und im «Kukcho oryeui» («Fünf Riten des Staates», 1474) ausführlich beschrieben.

Die königlichen Berg-Riten unterschieden sich von der volksreligiösen Praxis durch ihre konfuzianische Ritualisierung: An Stelle des bildlichen Sansin standen Gedenktafeln mit konfuzianischer Inschrift, die Riten folgten dem Schema des «jerye», und sie wurden von ranghohen Beamten oder vom König selbst vollzogen.

Dennoch erkannten auch die konfuzianischen Eliten die Existenz lokaler Berggötter an, was die religionspolitische Toleranz der Joseon-Verwaltung trotz ihrer offiziellen konfuzianischen Ausrichtung dokumentiert. Boudewijn Walraven hat in «Songs of the Shaman» (1994) und in mehreren Aufsätzen gezeigt, wie diese Doppelstruktur aus offizieller Konfuzianisierung und faktischer Beibehaltung der Bergverehrung die religiöse Praxis der Joseon-Zeit prägte.

Quellen und Literatur

Primärquellen: Iryeon, «Samguk Yusa» (1281); «Samguk Sagi» (1145); «Dongguk Yeoji Seungnam» (1481); «Joseon Wangjo Sillok» (Annalen der Joseon-Dynastie); «Kukcho oryeui» (1474). Schamanische Texte aus Jeju: «Cheonjiwang-bonpuri» und «Seolmundae-bonpuri» in der Sammlung von Hyun Yong-jun «Jeju-do musok charyo sajeon» (Seoul 1980).

Sekundärliteratur:

  • David A. Mason, «Spirit of the Mountains: Korea’s San-shin and Traditions of Mountain-Worship» (Seoul 1999).
  • James H. Grayson, «Korea: A Religious History» (Oxford 1989, 2002) und «Myths and Legends from Korea» (Richmond 2001).
  • Don Baker, «Korean Spirituality» (Honolulu 2008).
  • Hong-Key Yoon, «The Culture of Fengshui in Korea» (Lanham 2006).
  • Laurel Kendall, «Shamans, Housewives, and Other Restless Spirits» (Honolulu 1985) und «Shamans, Nostalgias and the IMF» (Honolulu 2009).
  • Boudewijn Walraven, «Songs of the Shaman» (London 1994).
  • Antonetta Bruno, «The Gate of Words» (Leiden 2002).
  • Hyun-key Kim Hogarth, «Korean Shamanism and Cultural Nationalism» (Seoul 1999).
  • Daniel Kister, «Korean Shamanist Ritual: Symbols and Dramas of Transformation» (Budapest 1997).

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