Hina ist eine der zentralen weiblichen Atua der polynesischen Religion. Unter unterschiedlichen Beinamen tritt sie als Mondgöttin, Urmutter, Wassergöttin oder Göttin der Unterwelt auf. In der Maori-Tradition ist sie eng mit Hine-nui-te-po, der großen Frau der Nacht, verbunden. Diese Darstellung beschreibt ihre vielgestaltige religionswissenschaftliche Stellung.
Hina ist eine panpolynesische Gestalt. In Hawai’i (Hina), Tahiti (Hina), Tonga (Hina) und Aotearoa (Hina, in der Form Hine) tritt sie unter ähnlichen Namen auf. Die exakten Funktionen variieren regional: In Hawai’i ist sie oft Mondgöttin und Mutter Mauis; in Tahiti Mondgöttin und Mutter; auf Aotearoa als Hine-nui-te-po Göttin der Unterwelt und der Sterblichkeit.
Margaret Orbell, Martha Beckwith und Mary Kawena Pukui dokumentieren die regionalen Variationen. Religionswissenschaftlich ist Hina eine der besten Beispiele dafür, dass polynesische Theologie aus einem gemeinsamen Vorrat von Figuren regional unterschiedliche Pantheons komponiert.
Die Maori-Theologie, in der Hina als Hine ihre Spuren hinterlässt, kommt ohne ein abgeschlossenes Lehrsystem aus. Eine fixierte Doktrin gibt es nicht; was die Atua an Wirklichkeit haben, bewähren sie im Vollzug: im Karakia, in den Versammlungen auf dem Marae, in den Whakapapa-Rezitationen.
Diese auf Praxis gestützte Form von Theologie wertet die Religionswissenschaft als eigenen Beitrag zum Fach; Mary Ann Boord und Edward Tregear haben sie in ihren religionsethnographischen Studien zu Polynesien systematisch ausgearbeitet.
Wer Hina erforscht, stößt auf eine grundsätzliche Schwierigkeit der polynesischen Religionsforschung: Ein großer Teil der Quellen stammt aus dem kolonialen 19. Jahrhundert und ist durch die Wahrnehmung von Missionaren und Ethnologen eingefärbt.
Die neuere Forschung arbeitet daher fortlaufend an einer Dekolonisierung dieser Bestände, indem sie polynesische Stimmen in den Mittelpunkt rückt und westliche Ordnungsbegriffe kritisch befragt.
Vergleicht man die polynesische Religion mit anderen indigenen Religionen Ozeaniens, Australiens und Südostasiens, zeigt sich eine doppelte Eigenart: An Grundmotiven bleibt sie bemerkenswert beständig, fügt sich aber zugleich lokal an. Hina, die in Hawai’i, Tahiti, Tonga und Aotearoa unter ähnlichen Namen und doch mit verschiedenen Funktionen erscheint, ist dafür ein anschauliches Beispiel.
Diese Spannung zwischen Universalität und Lokalität bildet einen wichtigen Untersuchungsgegenstand der Pazifik-Religionsethnologie.
Der Name Hina, Hine oder Sina (mit lautlichem Wechsel je nach Sprachzweig) bedeutet im Maori ‚Frau‘ oder ‚mädchenhaftes Wesen‘. In Verbindungen wie Hinetitama (‚Hina der Morgendämmerung‘), Hine-nui-te-po (‚Hina der großen Nacht‘), Hina-ka-malama (‚Hina im Mond‘) werden Funktionen prazisiert.
Die Etymologie verweist auf das proto-polynesische *Sina mit Bedeutung ‚grau‘ (wie Mondlicht) oder ‚Frau‘. Beide Bedeutungen sind in den überlieferten Erzählungen präsent. Bruce Biggs und andere Linguisten haben die Etymologie diskutiert.
Dass Hina unter Formen wie Hine oder Sina und dazu mit zahlreichen Beinamen auftritt, ist sprachgeschichtlich aufschlussreich: Solche Namensfülle verweist auf eine mündliche Überlieferung, die sich regional reich ausdifferenziert hat.
Die linguistische Tiefe der Maori- und hawaiianischen Theonyme ist in den Lexikon-Arbeiten von Bruce Biggs und Hugh Clarke dokumentiert – eine Forschung, die zugleich grundlegend ist, um die Verwandtschaft der polynesischen Sprachen zu erfassen.
Hinas Beinamen sind häufig mehr als nur Zier. Sie kodieren bestimmte rituelle Funktionen und liegen in den Karakia-Formeln fest. Die Tohunga, die rituellen Spezialisten, wussten genau, welcher Beiname in welcher Situation anzurufen war. Diese genau geregelte liturgische Praxis untersuchen Charles Royal und Pou Temara.
Welche ursprüngliche Bedeutung den Beinamen zugrunde liegt, ist oft umstritten – schon der Name Hina selbst lässt sich auf das proto-polynesische *Sina mit ‚grau‘ wie auch mit ‚Frau‘ zurückführen. Vielfach stehen konkurrierende etymologische Vorschläge nebeneinander, ohne dass gesicherte Quellen eine Entscheidung erlaubten. Die moderne Religionswissenschaft wertet diese Vielfalt als Reichtum und nicht als Mangel.
Hina wird als schöne, oft im Mondlicht erscheinende Frau dargestellt. In manchen Erzählungen klopft sie Tapa-Stoff (Rindenpapier) am Mond – die Flecken auf dem Mond werden in einigen polynesischen Traditionen als Hinas Tapa-Klopfer interpretiert. In Hawai’i wird sie oft mit dem Schlagholz für Tapa (i’e kuku) abgebildet.
Als Hine-nui-te-po in der Maori-Tradition ist Hina eine schreckenerregende Gestalt mit obsidianartigen Augen, scharfen Zähnen, einer Gestalt, die zwischen Tod und Geburt vermittelt. Diese ikonografische Doppelnatur ist wissenschaftlich zentral.
In den letzten Jahrzehnten ist das Schnitzhandwerk der Maori und Hawaiianer zu neuer Lebendigkeit gefunden. Schnitzer wie Cliff Whiting, Robyn Kahukiwa, Wright Bowman und Sam Kaʻai verbinden überlieferte Formensprache mit eigenständigen Bearbeitungen. Bei einer Gestalt wie Hina, die in zahlreichen regionalen Fassungen mit dem Mond, mit Frauen und mit der Webkunst von Tapa und Geflecht verbunden ist, zeigt sich daran auch die Bandbreite der Überlieferung: Mondsichel, Kalebasse und Schlägel zum Klopfen der Rindenbaststoffe kehren in Schnitzwerken wieder und halten ihre verschiedenen Rollen bildlich präsent.
In ihren Werken nehmen die Atua, unter ihnen Hina, vielfältige Gestalt an; ihre ikonografische Gegenwart reicht damit bis in die gegenwärtige Kunst.
Polynesische Kunst ist von ihrer kosmologischen Bedeutung nicht zu lösen. Jede Spirale (koru), jede Verzierung und jede Linie trägt religionsphänomenologischen Sinn – auch in Darstellungen Hinas mit dem Schlagholz für Tapa. Roger Neich, Damian Skinner und weitere Kunsthistoriker haben diese Bedeutungsschichten systematisch erschlossen.
In Hawai’i und Tahiti existiert die Erzählung, wie Hina zum Mond geht. Sie ist eine sterbliche oder halbgöttliche Frau, deren Bruder oder Mann sie schlecht behandelt; sie flieht zum Mond.
Beckwith berichtet die hawaiianische Version: Hina nimmt eine Kalebasse und ihr Werkzeug und steigt durch einen Regenbogen oder einen Mondstrahl zum Mond hinauf, wo sie seitdem wohnt.
Wissenschaftlich ist dies ein klassischer Aitiologie-Mythos der Mondflecken. Mondflecken werden in vielen Kulturen mythologisch interpretiert (das ‚Mondkaninchen‘ in Ostasien, der ‚Mann im Mond‘ in Europa). Die polynesische Variante ist spezifisch weiblich.
Auch die Erzählungen von Hinas Wegen zum Mond sind wissenschaftlich nicht als geschlossene Erzählung zu lesen, sondern als ein Netz von Erzählungen, die einander erläutern und in den einzelnen Stammestraditionen unterschiedlich akzentuiert werden.
Die Überlieferung zu Hina ist nicht auf eine einzige gültige Erzählung festgelegt. Auf Hawaiʻi, in Aotearoa und auf weiteren Inseln treten unterschiedliche Hina-Gestalten auf, mal als Mondfrau, mal als Stammmutter, mal als Hüterin der Webkunst. Diese vielfältige Anlage erschwert eine geradlinige Untersuchung, eröffnet der Forschung aber zugleich reiches Material. Abweichende Fassungen einer Geschichte gelten dabei als gleichberechtigte regionale Ausprägungen, nicht als fehlerhaft.
Die Erzählungen von Hina ruhen nicht bloß im Gedächtnis. Sie werden aktiv weitergereicht – in Karakia, in den Reden auf dem Marae und im Unterricht. Damit sind sie lebendige Praxis und kein statisches Archiv. Die Sprachprogramme für Te Reo Maori und Olelo Hawai’i haben diese Lebendigkeit über die letzten dreißig Jahre erheblich gestärkt.
In der Maori-Tradition ist Hina mit dem zentralen Mythos um Tane und die erste Frau verbunden. Tane formt aus rotem Lehm Hineahuone, mit der er Hinetitama zeugt. Hinetitama wird Tanes Ehefrau, aber als sie entdeckt, dass ihr Mann auch ihr Vater ist, flieht sie ins Po (Unterwelt), wo sie zu Hine-nui-te-po wird.
Als Hine-nui-te-po ist sie Göttin der Sterblichkeit. Mauis Versuch, sie zu durchqueren und der Menschheit Unsterblichkeit zu verschaffen, scheitert. Hine-nui-te-po tötet Maui, und die Menschen bleiben sterblich. Diese Erzählung ist wissenschaftlich tiefgehend. Anne Salmond und Margaret Orbell deuten sie als Schlüsselmythos der Maori-Anthropologie.
Dass Hina als Hinetitama und als Hine-nui-te-po zwischen Morgendämmerung und großer Nacht, zwischen Geburt und Tod vermittelt, verweist auf einen Grundzug der Religion von Maori und Hawaiianern: Ritus und alltägliche Tätigkeit greifen ineinander.
Während manche religiösen Systeme das Heilige scharf vom Alltäglichen trennen, durchziehen in Polynesien die Bezüge zu den Atua das gesamte Leben. Bei Hina zeigt sich das an konkreten Tätigkeiten: Das Herstellen von Tapa, das Zählen der Nächte nach dem Mondstand und Arbeiten, die Frauen zugeschrieben werden, stehen mit ihr in Verbindung. So reicht ihre Gegenwart bis in handwerkliche und zeitordnende Verrichtungen hinein. Diese im Alltag verankerte Religiosität ist Gegenstand religionsphänomenologischer Studien.
Wie eng rituelle Praxis und Alltag verschränkt sind, lässt sich auch an der Sprache ablesen: Begriffe wie mana, tapu, aroha oder hauora gehören heute zum allgemeinen Englisch Aotearoas und werden auch außerhalb religiöser Zusammenhänge gebraucht. Dass die Maori-Theologie sich so in den Sprachgebrauch eingeschrieben hat, dokumentiert ihre kulturelle Tiefenwirkung.
Hina wird in der polynesischen Tradition durch Tapa-Klopfen, Mondbeobachtung und bestimmte Frauenrituale geehrt. In Hawai’i gab es Mondkalender, die mit Hinas Phasen verknüpft waren. Auch Frauen-spezifische Riten – Menstruation, Geburt – konnten Hina-Bezüge haben.
Im Mond-Monats-Kalender (maramataka) der Maori sind bestimmte Nächte Hina-Nächte. In manchen Iwi gibt es Karakia, die in diesen Nächten gesprochen werden. Diese Praxis ist heute teilweise wiederbelebt im Rahmen der maramataka-Renaissance.
Die polynesische Religion bleibt vor allem an Marae und Heiau lebendig, jenen Orten, die zugleich Versammlungs- und Kultplatz sind. Jeder Marae und jedes Heiau hat seine eigene Whakapapa, seine eigenen Überlieferungen und seine eigenen Atua-Bezüge – bei einer panpolynesischen Gestalt wie Hina regional sehr unterschiedlich ausgeprägt.
Ein Marae-Besuch setzt mit dem Powhiri ein, dem Ritual, in dem die Tangata Whenua ihre Gäste feierlich aufnehmen. Es ist keine zeremonielle Folklore, sondern gelebte religiöse Praxis, die wissenschaftlich zu den am besten dokumentierten polynesischen Begrüßungsritualen zählt.
Auch die Verehrung von Gestalten wie Hina ist Teil einer Kultpraxis, die sich im 20. und 21. Jahrhundert deutlich gewandelt hat. Die zentrale rituelle Rolle, die früher den Tohunga zukam, liegt heute oft bei den Kaumatua, den Ältesten, und bei den Marae-Komitees. Manuka Henare und Mason Durie behandeln diese religionssoziologisch aufschlussreiche Verlagerung in ihrer Forschung.
Hina wird in der Maori-Tradition als Hine-nui-te-po nicht primär ‚angerufen‘ im Schutzkontext – sie ist eher eine zu respektierende Macht. Sterbende werden in ihrem Reich aufgenommen; Trauerrituale (tangihanga) ehren ihre Aufnahme der Toten.
In Hawai’i und Tahiti ist Hina stärker als förderliche Mondgöttin präsent. Frauen, die schwanger sind, können Hinas Segen erbitten; Tapa-Macher bitten um Hilfe bei ihrem Handwerk. Diese Praxis ist heute in der hawaiianischen Renaissance teilweise wiederbelebt.
Beim Thema Schutz lohnt eine wissenschaftliche Unterscheidung: Das westliche Denken setzt oft auf das wirksame Amulett, das polynesische auf die gepflegte Beziehung. Im Umgang mit Hina äußert sich das etwa darin, dass die Achtung der ihr zugeordneten Zeiten und Tätigkeiten, etwa bei der Tapa-Herstellung oder beim Beobachten des Mondes, das Verhältnis ordnet. Schutz beruht hier auf keiner magisch-kausalen Wirkung. Er ist als Beziehung gefasst und rituell geregelt.
Wer zu einem Atua wie Hina in Beziehung steht und diese Beziehung unterhält, gilt als ‚geschützt‘. Der Grund liegt dabei in keinem Gegenstand, der Kraft entfaltet, vielmehr ist eine bestehende Relation kosmologisch verbindlich. In der Religionsanthropologie wird dies unter dem Stichwort der ‚relational ontology‘ verhandelt.
Gerade bei der Schutzpraxis, die auch Anrufungen an Gestalten wie Hina kennt, treffen Tradition und Moderne aufeinander. Smartphone-Apps mit Karakia, Online-Tutorials zu Schutzritualen und virtuelle Marae-Besuche belegen, dass die polynesische Religion neue Medien für ihre Praxis erschließt. Diese Modernisierung ist als adaptive Weiterentwicklung zu verstehen, keineswegs als Verflachung.
Hina lässt sich mit zahlreichen Mondgöttinnen vergleichen: Selene und Artemis (griechisch), Luna (römisch), Chang’e (chinesisch), Mawu (Westafrika). Die Verbindung von Mondlicht, weiblichkeit und Wasser ist global verbreitet.
Die spezifisch polynesische Ausprägung ist die Verbindung von Mond und Todesgöttin in einer Figur. Hine-nui-te-po als zugleich schöpferische und sterbensbringende Macht ist wissenschaftlich bemerkenswert. Diese Doppelnatur erinnert an Kali in der hinduistischen Tradition, ist aber unabhängig entstanden.
Universale Strukturen religiöser Erfahrung, wie sie eine Gestalt zwischen Geburt und Tod wie Hina berührt, haben Joseph Campbell und Mircea Eliade systematisch untersucht.
So grundlegend ihre Arbeiten sind, müssen sie doch für die konkreten polynesischen Zusammenhänge neu durchdacht werden, ohne in eine pan-globalisierende Vereinfachung zu verfallen. Die jüngere polynesische Forschung legt großen Wert auf diese kontextsensible Auslegung.
Die Mondgöttin Hina lässt sich nicht isoliert betrachten, denn die globale Indigenous-Studies-Forschung arbeitet die Parallelen zwischen polynesischen und anderen indigenen Religionen systematisch heraus. Mit Decolonizing Methodologies (1999) hat Linda Tuhiwai Smith methodische Standards gesetzt, deren Wirkung international reicht.
Hina ist heute eine bedeutende Bezugsgestalt der polynesischen feministischen Bewegung. Marie Alohalani Brown, Anne Salmond und andere Forscherinnen haben Hinas Stellung neu gewürdigt. Insbesondere die Hine-nui-te-po-Figur wird als kraftvolles Symbol weiblicher Autonomie und Selbstbehauptung gelesen.
Im hawaiianischen Hula und im Maori-Haka erscheint Hina in zahlreichen Werken. Auch in moderner pazifischer Literatur (etwa bei Sia Figiel oder Patricia Grace) ist Hina ein wiederkehrender Bezugspunkt. Eine vertiefte Einordnung in die polynesische Religionsfamilie zeigt ihre zentrale Stellung als panpolynesische Gestalt.
Die Mondgöttin Hina ist Teil einer religiösen Überlieferung, die im internationalen Diskurs zunehmend als eigenständiges System anerkannt und nicht länger als ‚Mythologie‚ oder ‚Folklore‚ abgewertet wird.
Dass Begriffe wie ‚mana‘, ‚tapu‘, ‚mauri‘ und ‚whakapapa‘ in die wissenschaftliche Fachsprache eingegangen sind, belegt diese Anerkennung. Wer sie verwendet, braucht jedoch eine kontextuelle Sensibilität, die sich nicht von selbst einstellt.
Die Aufnahme polynesischer Religionen in die Populärkultur – durch Disney-Produktionen, Tourismus und esoterische Literatur – ist Gegenstand kritischer Debatten. Wo findet eine angemessene Vermittlung statt, wo wird verflacht oder verzerrt? Diese Fragen werden in Aotearoa und Hawai’i mit Nachdruck und in der Öffentlichkeit erörtert.
Wichtige Beiträge zu Hina stammen von Margaret Orbell, Martha Beckwith, Mary Kawena Pukui, Anne Salmond, Marie Alohalani Brown und Patrick Kirch. Ihre Werke dokumentieren die regionalen Variationen und die religionshistorische Tiefe der Figur.
Hina bleibt eine zentrale Figur für das Verständnis polynesischer Weiblichkeitskonzepte und ihrer kosmologischen Einbettung. Ihre Doppelnatur als Mond und Tod, Geburt und Sterblichkeit, ist wissenschaftlich von besonderer Tiefe.
Der Dialog zwischen den polynesisch-internen Wissenstraditionen und der akademischen Forschung findet heute einen institutionellen Halt in der Royal Society of New Zealand – Te Aparangi, im Maori Studies Department der Auckland University, an der University of Hawai’i at Manoa und in der Stiftung Te Punga Tipu.
Diese Einrichtungen stellen sicher, dass polynesische Forschung über Polynesien ebenso von Polynesien selbst betrieben wird.
Den Bezug zur globalen Religionswissenschaft stellen Studien her, die die polynesische Theologie als Beispielfall einer nicht-westlichen Religiosität nutzen. Diese vergleichende Arbeit ist methodisch anspruchsvoll, eröffnet aber neue Perspektiven für das Verständnis von Religion als kulturellem Phänomen.
Eine der am weitesten verbreiteten Hina-Erzählungen Polynesiens bringt die Göttin mit dem Mond in Verbindung. In zahlreichen Inselgruppen, von Hawaii über die Gesellschaftsinseln bis Aotearoa, gibt es Fassungen, in denen Hina den irdischen Lebensbereich verlässt und auf den Mond übersiedelt.
In der hawaiischen Tradition, die Martha Beckwith in Hawaiian Mythology zusammenstellte, heißt sie dort Hina-i-ka-malama, Hina im Mond.
Der Anlass ihres Aufstiegs ist häufig ihre Tätigkeit als Herstellerin von kapa oder tapa, dem aus Baumrinde geschlagenen Stoff, der in ganz Polynesien für Kleidung, Decken und rituelle Zwecke gebraucht wurde. Hina gilt als mythische Urheberin dieser Frauenarbeit.
Müde von der Last des Lebens auf der Erde, von einem strengen Ehemann oder von endloser Arbeit, steigt sie auf einem Regenbogen oder einer Lichtbahn zum Mond empor. Die dunklen Flecken auf der Mondscheibe deuten manche Traditionen als Hina selbst, ihre kapa-Schlagunterlage oder den Banyanbaum, dessen Rinde sie bearbeitet.
Das regelmäßige Geräusch des Rindenbastschlagens, das in den polynesischen Dörfern zum Alltag gehörte, verband die Frauen, die diese Arbeit verrichteten, mit der Göttin. Hina ist damit nicht eine ferne kosmische Gestalt, sondern an eine konkrete, geschlechtsspezifische Technik gebunden. Wissenschaftlich ist bemerkenswert, dass der Mythos eine alltägliche Mühe in ein kosmologisches Bild übersetzt: Die Göttin, die der irdischen Arbeitslast entkommt, bleibt zugleich am Himmel sichtbar mit den Werkzeugen genau dieser Arbeit. Der Bezug zu Tāne und anderen Naturgottheiten zeigt, dass Hina in ein weit gespanntes Geflecht polynesischer Erzählungen eingebettet ist.
In den Māui-Zyklen, die zu den bekanntesten Erzählkomplexen Polynesiens gehören, ist Hina eine wiederkehrende, aber je nach Inselgruppe unterschiedlich bestimmte Figur. In manchen Traditionen ist sie die Mutter des Kulturheros Māui, in anderen seine Schwester, wieder anderswo seine Frau.
Diese Variabilität ist kein Überlieferungsfehler, sondern Ausdruck der Tatsache, dass der Name Hina pan-polynesisch für eine ganze Gruppe weiblicher Gestalten steht, oft mit erläuterndem Beinamen.
In einer in mehreren Inselgruppen belegten Episode versucht Māui, für seine Mutter oder Frau Hina die Unsterblichkeit zu erringen, indem er in den Körper der Todesgöttin Hine-nui-te-pō eindringen will, deren Name selbst eine Hina-Form enthält.
Der Versuch scheitert, Māui wird getötet, und der Tod bleibt für die Menschen bestehen. In der neuseeländischen Tradition, die George Grey im 19. Jahrhundert in Polynesian Mythology festhielt, ist dieser Zusammenhang besonders deutlich ausgeprägt.
Eine weitere bekannte Episode ist Hina und der Aal: Ein Aalwesen bedrängt Hina, Māui tötet es, und aus seinem Kopf oder Körper wächst die erste Kokospalme. Diese Erzählung erklärt zugleich die Herkunft einer der wichtigsten Nutzpflanzen Polynesiens. Die Forschung, etwa bei Katharine Luomala in ihrer Studie Maui-of-a-Thousand-Tricks (1949), hat die Verzweigtheit dieser Zyklen kartiert und gezeigt, wie eng Hina und Māui in der gesamten polynesischen Erzähltradition verbunden sind. Die Unbestimmtheit ihres Verwandtschaftsverhältnisses spiegelt die Offenheit einer mündlichen Tradition, die dieselben Namen über Jahrhunderte und über tausende Seemeilen hinweg neu kombinierte.
Das heutige Wissen über Hina stammt fast ausschließlich aus Aufzeichnungen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert von europäischen und amerikanischen Sammlern angelegt wurden, und diese Quellenlage prägt das Bild der Göttin auf eine Weise, die kritisch zu reflektieren ist.
Missionare wie William Wyatt Gill, der jahrzehntelang auf Mangaia in den Cookinseln tätig war und Erzählungen in Myths and Songs from the South Pacific (1876) veröffentlichte, sammelten umfangreich, ordneten das Material aber in europäische Gattungsbegriffe ein und filterten es durch ihre theologische Perspektive.
Ein häufiges Problem ist die Tendenz, die vielen Hina-Gestalten zu einer einzigen Göttin zu verschmelzen. Die polynesischen Traditionen kennen Hina-i-ka-malama, Hina-of-the-tapa, Hine-nui-te-pō und viele weitere, jeweils mit eigenem Beinamen und eigener Funktion.
Frühe Sammler glätteten diese Vielfalt oft zu einer übersichtlichen Figur, weil das ihren Ordnungsvorstellungen entgegenkam. Dadurch entstand der irreführende Eindruck einer geschlossenen Hina-Theologie.
Hinzu kommt, dass männliche Sammler überwiegend von männlichen Gewährsleuten erzählten und die mit Hina verbundenen Frauentraditionen, etwa die Lieder beim kapa-Schlagen, schlechter dokumentiert sind. Spätere Forscherinnen wie Katharine Luomala und Martha Beckwith haben dieses Ungleichgewicht teilweise korrigiert. Wissenschaftlich gilt daher: Jede Aussage über Hina hängt an einer bestimmten Sammlung, einem bestimmten Gewährsmann und einer bestimmten Insel. Die heute kursierende Vorstellung einer einheitlichen polynesischen Mondgöttin ist zu einem guten Teil ein Produkt der kolonialen Sammeltätigkeit und nicht das getreue Abbild einer einzelnen indigenen Tradition.
Der Kult der Hina ist über weite Teile Polynesiens belegt, von Hawai’i über Tahiti bis nach Aotearoa, wo sie unter verwandten Namen als Mondgöttin und Urmutter angerufen wird.
Lokale Ausprägungen des Kults verbinden Hina mit Tapa-Herstellung, Geburt und Übergang in die Nachtseite des Daseins und zeigen, wie eng Mond, weibliches Wirken und Lebenszyklus in der polynesischen Religion verknüpft sind.
Hina erscheint in polynesischen Überlieferungen als vielgesichtige Atua, die je nach Inselgruppe als Mondgöttin, Urmutter, Patronin der Tapa-Herstellung oder Gefährtin Maui’s geschildert wird.
Verwandte Schlüsselbegriffe: Hina Polynesien Mondgöttin Hine-nui-te-po maramataka Tapa Hinetitama.
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