Vishnu ist Gott der hinduistischen Tradition.
Der Erhalter des Universums, der tausendarmige Gott des Schutzes.
Vishnu ist der zweite Gott der Trimurti, während Brahma erschafft und Shiva zerstört, bewahrt und erhält Vishnu die kosmische Ordnung. Mit seiner blauen Haut, dem Chakra in der Hand, auf seiner Schlange *Ananta* ruhend, verkörpert er Stabilität und Gnade. Doch Vishnu ist kein statischer Gott: Er inkarniert sich immer wieder in Avatarate auf der Erde, um das Böse zu bekämpfen, als Krishna, als Rama, als Fisch, als Löwe. Der Vishnu-Glaube ist das Herzstück des modernen Hinduismus.
Typ: Hinduistische Hauptgottheit, Bewahrer der kosmischen Ordnung, einer der drei Trimurti-Götter
Pantheon: Hinduismus (besonders Vaiṣṇavismus), Buddhismus (in synkretistischen Traditionen)
Funktion: Bewahrung der Welt zwischen Schöpfung (Brahma) und Vernichtung (Shiva), Inkarnation als Avatar in Krisenzeiten
Hauptattribute: Vier Arme mit Muschelhorn (Shankha), Diskus (Sudarshana-Chakra), Keule (Gada), Lotos (Padma)
Hauptkultorte: Tirupati (Andhra Pradesh), Srirangam (Tamil Nadu), Vrindavan (Krishna), Puri (Jagannath), Badrinath (Himalaya)
Dašâvatâra: Matsya, Kurma, Varaha, Narasimha, Vamana, Parashurama, Rama, Krishna, Buddha, Kalki
Vishnu erscheint im Rigveda (1200–900 v. Chr.) als kleinerer Solargott, sein Hauptmythos in dieser frühen Periode sind die drei Schritte, mit denen er das Weltall durchmaß. Aufstieg zur Hauptgottheit in den Brâhmaṇa-Texten und besonders im 1. Jt. n. Chr. durch die Purâṇas. Im Mahabharata (entstanden ca. 4. Jh. v. Chr.–4. Jh. n. Chr.) ist die Bhagavadgita (Bh.G.) der zentrale theologische Text der Vaiṣṇavismus-Tradition: Krishna, der achte Vishnu-Avatar, offenbart Arjuna die Lehre der Hingabe (Bhakti). Die zehn Avatare (Dašâvatâra) werden im Bhâgavata Purâṇa (10. Jh. n. Chr.) kanonisch festgelegt. Der Tirupati-Tempel in Andhra Pradesh ist heute statistisch einer der meistbesuchten religiösen Orte weltweit (über 30 Millionen Pilger pro Jahr); die ISKCON-Bewegung (Hare Krishna) hat Vishnu-Krishna seit den 1960ern global verbreitet.
Hauptkultorte in Indien: Tirupati / Tirumala (Andhra Pradesh, Venkateshvara-Form, größter Pilger-Magnet weltweit), Srirangam (Tamil Nadu, Ranganatha-Form auf der Insel im Kaveri, größter funktionierender Hindu-Tempel-Komplex der Welt), Vrindavan und Mathura (Uttar Pradesh, Krishna-Avatar-Geburtsregion), Puri (Odisha, Jagannath-Form mit dem berühmten Rath Yatra-Wagenfest), Badrinath (Uttarakhand, Himalaya-Hauptkultort), Dwarka (Gujarat, Krishnas Königsstadt). Die 108 Divya Desams sind die wichtigsten Vaiṣṇava-Heiligtümer in der Tamil-&Saacute;rî-Vaiṣṇava-Tradition. International: über 800 ISKCON-Tempel in mehr als 100 Ländern.
Zentrale Quellen: Rigveda (Hymnen 1.22, 1.154 ff., 7.99–100), Viṣṇu Purâṇa (Hauptquelle für die theogonische Tradition), Bhâgavata Purâṇa (klassische Krishna-Quelle, 12 Skandhas), Mahabharata (besonders Bhiṣma-Parva mit der Bhagavadgita), Ramayana (Rama-Avatar-Hauptquelle), die Pañcarâtra-Texte (theologische Vaiṣṇava-Standard-Sammlung). Sekundärliteratur: Hopkins, The Hindu Religious Tradition; Doniger, Hindu Myths; Michaels, Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart; Bryant (Hg.), Krishna. A Sourcebook; Matchett, Kṛṣṇa, Lord or Avatâra?; Hawley, Three Bhakti Voices.
Vishnu wird typischerweise als schöner, dunkelblauer Mann dargestellt, oft mit vier Armen. In der obersten rechten Hand trägt er das Chakra (Sudarshana), eine scharfkantige Diskus-Waffe. Oben links die Muschel (Shankha), unten rechts die Keule (Gada), unten links einen Lotus. Um seinen Nacken hängt der Stein Kaustubha. Er ruht auf der Weltenschlange Ananta oder Shesha, oder sitzt in seinem Himmel Vaikuntha. Seine Gattin ist Lakshmi, die Göttin des Wohlstands.
Vishnu bewahrt das Dharma, die kosmische Ordnung und Gerechtigkeit. Wann immer die Welt ins Chaos verfällt, erscheint er in einer neuen Gestalt (Avatar) und wiederherstellt das Gleichgewicht. Krishna in der Bhagavad Gita lehrt die Pflicht (Dharma); Rama im Ramayana zeigt den idealen Herrscher. Die Vaishnava-Verehrung ist häufig bhakti-orientiert, eine emotionale, hingebungsvolle Liebe zu Gott. Tempel-Pilgerfahrten, Mantras und Festtage (Rama-Navami, Janmashtami für Krishna) durchziehen das hinduistische Jahr.
Vishnu wird mit vier Armen dargestellt, die Muschelhorn, Diskus, Keule und Lotos halten. Seine blaue oder schwarze Hautfarbe verweist auf das Unendliche. Häufig sitzt er auf Shesha, der Weltenschlange, oder reitet den Vogel Garuda. Sein Paradies Vaikuntha wird als höchstes Reich beschrieben.
Die wichtigsten Aspekte von Viṣṇu auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und kulturelle Parallelen zusammen.
Vishnu ist eine der drei Hauptgottheiten der hinduistischen Trimurti (Brahma als Schöpfer, Vishnu als Bewahrer, Shiva als Vernichter), ein theologisches Konzept, das in den Purâṇas systematisiert wird. Gemahl der Lakshmi (Wohlstand und Schönheit) und der Bhûmi (Erde), zwei seiner shaktis. Reittier ist Garuda, der Adler-Mensch, gleichzeitig Erzfeind der Schlangen. Vishnu schläft auf der Weltschlange Šeṣa (auch Ananta, „der Endlose“) im kosmischen Milchozean, aus seinem Nabel entspringt der Lotos, auf dem Brahma sitzt und die nächste Welt erschafft. Erscheint in zehn Hauptavataren (Dašâvatâra): Matsya (Fisch, Sintflut-Retter), Kurma (Schildkröte), Varaha (Eber, hebt die Erde), Narasimha (Löwenmensch), Vamana (Zwerg), Parashurama (Axt-Brahmane), Rama (idealer König), Krishna (göttlicher Liebhaber und Lehrer), Buddha (in einer Tradition als Avatar integriert), Kalki (zukünftiger End-Zeit-Avatar).
Bewahrer der kosmischen Ordnung (Dharma). In jedem Yuga (Welt-Zeitalter) wenn das Ungleichgewicht zwischen Dharma und Adharma zu groß wird, inkarniert Vishnu in einem Avatar, Krishna im Mahabharata-Krieg, Rama im Ramayana, Buddha als Reformator. Im persönlichen Bhakti-Kult zentrale Liebes-Beziehung zwischen Devotee und Gott; Vishnu ist die wichtigste Bhakti-Gottheit neben Shiva und Devi. In der Višiṣṭâdvaita-Theologie Ramanujas (12. Jh.) ist Vishnu das höchste Brahman, mit dem die einzelne Seele in Liebes-Vereinigung tritt. Patron der Pflicht-Erfüllung im rechten Augenblick (Krishna-Lehre der Bhagavadgita).
Anthropomorph als schöne junge Mannsgestalt mit blauer Hautfarbe (Symbol der kosmischen Unendlichkeit, des Himmels und Meeres), vier Armen, gekleidet in goldgelbem Dhoti (Lendentuch) und prachtvollem Brokat, mit Krone und Schmuck (Kausthuba-Edelstein auf der Brust, Vanamâlâ-Blumengirlande). Die vier Attribute symbolisieren kosmische Funktionen: Shankha (Muschelhorn Pâñcajanya, Ursprungsklang Om), Sudarshana-Chakra (Diskus, Zeit und Schicksal), Gada (Keule Kaumodaki, intellektuelle Macht), Padma (Lotos, reine Schöpfung). Sitzhaltung Padmasana auf einem Lotos oder ruhend auf der Schlange Šeṣa im Milchozean (Anantashayana-Form). In Avatar-Form als Krishna jugendlich-schön mit Flöte, als Rama mit Pfeil und Bogen, als Narasimha löwenköpfig wrathful.
Wirkungs-Bereich: Vishnu wird in allen Lebensphasen angerufen, bei Geburt, Hochzeit, Krankheit, Tod. Tägliche Pujas in Hindu-Häusern mit Hausaltar (Vishnu-/Krishna-Bild oder Shaligrama-Stein). Hauptfeste: Vaikuntha Ekadashi (Dezember/Januar), Vamana Jayanti, Krishna Janmashtami (Krishna-Geburt, August/September, eines der größten hinduistischen Feste), Rama Navami (Rama-Geburt). In der ISKCON-Tradition steht das Hare-Krishna-Mantra (Hare Krishna Hare Krishna, Krishna Krishna Hare Hare) im Zentrum der täglichen Praxis. Tirupati erhält täglich über 50.000 Pilger; die freiwillig dargebrachte Haar-Opferung (tonsure) macht den Tempel zum größten Spender menschlicher Haare weltweit. Im Krankheitsfall werden besondere Vishnu-Mantren rezitiert (Viṣṇu-sahasranâma, die 1000 Namen Vishnus).
Shankha (Muschelhorn Pâñcajanya), Sudarshana-Chakra (Diskus), Gada (Keule Kaumodaki), Padma (Lotos), Garuda (Adler-Reittier), Šeṣa-Schlange (Schlafstelle im Milchozean), Tulsi-Pflanze (heilig), Shaligrama-Stein (Naturstein als Vishnu-Verkörperung), gelbgoldenes Dhoti, blaue Hautfarbe, Krone, Kausthuba-Edelstein. Heilige Zahl: 10 (Avatare), 1000 (Sahasranâma). Heilige Pflanzen: Tulsi (Basilikum), Banyan-Baum, Lotos.
Krishna und Rama (eigene Hauptavatare mit weltweiten Sub-Traditionen), Indra (vedischer Königsgott, in den Purâṇas unter Vishnu untergeordnet), Bishnu/Bisnu (buddhistisch-tibetische Adaption), Marduk (Mesopotamien, Bewahrer der kosmischen Ordnung, gemeinsamer mit Vishnu), Zeus (Griechenland, Götter-König als Bewahrer), Iuppiter Optimus Maximus (Rom), Ahura Mazda (Persien, kosmischer Wahrheits-Gott). Funktional: jede Bewahrer-Gottheit, die in Krisenzeiten aktiv eingreift (Theophanie), teilt Vishnu-Funktionen.
Vishnu ist neben Shiva und Brahma der dritte Gott der Trimurti, Erhalter und Schützer. Vishnu-Verehrung (Vaishnavismus) ist eine der größten hinduistischen Strömungen. Tägliche Pujas im Tempel und am häuslichen Altar mit Tulsi-Blättern, Sandelpaste und gekochtem Reis. Hauptfeste: Janmashtami (Krishnas Geburt), Rama Navami (Ramas Geburt), Vaikuntha Ekadashi (im Margashira-Monat). Pilgerziele: Tirupati (Andhra Pradesh), Puri (Jagannath), Vrindavan (Krishna).
Das Ashtakshara-Mantra „Om Namo Narayanaya“ (Mahabharata 13.135) ist zentrales Mantra des Vaishnavismus. Das Vishnu Sahasranama (1000 Namen aus Mahabharata 13.149) wird täglich rezitiert. Die Bhagavad-Gita (Mahabharata 6.23-40) gilt als zentrale Vishnu/Krishna-Theologie. Vishnu Purana und Bhagavata Purana sind die kanonischen Erzähltexte.
Tulsi-Mala (Halskette aus Tulsi-Holz) und Saligram-Steine (schwarze Ammonit-Fossilien aus Nepal-Gandaki-Fluss) als Vishnus heilige Steine. Shankha (Tritonsmuschel), Chakra (Diskus), Gada (Keule), Padma (Lotos) sind seine vier Symbole. Das Urdhva-Pundra (drei vertikale Stirn-Linien, weiß, gelb, rot) ist Vaishnava-Erkennungszeichen.
Vishnus Rolle als Erhalter ähnelt dem Zeus der Griechen (Weltenhüter) oder dem Odin der Nordeuropäer (wandelnd in vielen Gestalten). Seine Inkarnationen erinnern an die Menschwerdung Christi, sind aber zahlreicher und kontinuierlich. In modernen westlichen esoterischen Traditionen wird Vishnu manchmal als Archetyp der Gnade und Erlösung verstanden. Die Bhagavad Gita ist auch außerhalb des Hinduismus ein philosophischer Klassiker.