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Ganesha, Gott der hinduistischen Tradition

Ganesha ist Gott der hinduistischen Tradition.

Der Elefantenkopf-Gott, Beseitiger von Hindernissen und Herr der Anfänge. Ganesha ist einer der beliebtesten Götter des Hinduismus, nicht wegen seiner Macht, sondern seiner Weisheit und seinem humorvollen Wohlwollen.

Mit seinem massiven Elefantenkopf, dem dicken, sanften Körper und der Ratte *Mooshika* zu seinen Füßen verkörpert er alles Behagliche und zugleich kosmisch Überraschende. Kein Hindu beginnt ein Unternehmen ohne Ganeshas Segen, ein Brief, eine Reise, ein Geschäft. Er ist der Schreiber der Mahabharata, der Begleiter aller Anfänge.

Ganesha ist Patron der Hindernisbeseitigung und Schutzherr neuer Anfänge.

Inhaltsverzeichnis

Ganesha - Götter aus der Hinduismus-Tradition, historisch-illustrativ

Ganesha

Kurzprofil: Ganesha

Typ: Hinduistische Hauptgottheit, Gott der Hindernis-Beseitigung und Weisheit
Pantheon: Hinduismus (Shaivismus, Smartismus, verehrt in allen Hindu-Traditionen)
Funktion: Beseitiger der Hindernisse, Patron der Lehre, Beginn jedes Vorhabens
Hauptattribute: Elefantenkopf, vier Arme, gebrochener Stoßzahn, Modaka (Süßigkeit)
Hauptkultorte: Mumbai (Siddhi-Vinayak), Pune, Sri Lanka (Tamil-Tradition)
Buddhistische Identifikation: Vinayaka (in vajrayana-Buddhismus)

Kontext

Zeitraum der Texte

Ganesha ist seit dem 5. Jh. v. Chr. ikonografisch belegt; literarisch erscheint er bereits im Rigveda in einer frühen Form (als Brahmanaspati). Zur Hauptgottheit wird er in der Gupta-Zeit (4.–6. Jh. n. Chr.).

Hauptkultzeit ist heute die Ganesha-Chaturthi-Festwoche (August/September), insbesondere in Mumbai und Maharashtra. Im 19. Jh. durch Bal Gangadhar Tilak zum politisch-kulturellen Symbol indischer Identität erhoben.

Verbreitungsraum

Hauptkultorte in Indien: Mumbai (Siddhi-Vinayak-Tempel, einer der meistbesuchten hinduistischen Tempel weltweit), Pune (Dagdusheth Halwai Ganpati), die Ashtavinayaka-Pilgerroute (acht Ganesha-Tempel in Maharashtra), Tirupati als Sub-Heiligtum. International: Tamil-Diaspora in Sri Lanka, Singapur, Mauritius, Malaysia. In Hindu-Tempeln aller Welt steht meist eine Ganesha-Statue am Eingang.

Quellenlage

Zentrale Quellen: das Ganesha Purana (Hauptquelle), das Mudgala Purana, der Ganapati Atharvashirsha (vedische Hymne), Abschnitte in Skanda Purana und Brahma Purana. Sekundärliteratur: Brown, Ganesh: Studies of an Asian God; Courtright, Ganësa: Lord of Obstacles, Lord of Beginnings; Bailey, Ganeshapurâna.

Bezeichnung und Schreibweisen

Ganesha wird als rundlicher, gutmütiger Gott mit dem Kopf eines roten oder graublauen Elefanten dargestellt. Ein Stoßzahn ist häufig beschädigt oder abgebrochen, gemäß einer Geschichte, um sein Manuskript zu vollenden. Er trägt oft ein einfaches Gewand oder Tigerfell.

Um ihn herum: Modak (süße Knödel), Blumen, Räucherwerk. Zu seinen Füßen sitzt seine Ratte Mooshika, die unbedeutend wirkt, doch im Ganesha-Tantra als sein ganzes Wesen deutbar ist (Moos = Geist, Shika = Form).

Beschreibung

Ganesha wird vor jedem anderen Gott verehrt, sei es im privaten Altar oder im Tempel. Das Mottogebet Om Gam Ganapataye Namaha schützt vor Hindernissen. In Schulen und Universitäten werden Ganesha-Statuen aufgestellt für Schulstart-Segens-Zeremonien.

Die Ratte unter seinen Füßen symbolisiert das Ego, das gezähmt werden muss. Ganesh Chaturthi ist ein Fest der Farben, Musik und öffentlichen Prozessionen, wo riesige Statuen in Flüsse getaucht werden.

Erscheinung und Symbolik

Ganesha trägt einen dicken, roten Elefantenkopf auf einem menschlichen, korpulenten Körper mit vier Armen. Ein einzelner Stoßzahn fehlt. Er hält oft eine Feder, einen Stab, einen süßen Reiskuchen oder ein Seil. Die Ratte ist sein Reittier. Diese Ikonografie verbindet Intellekt, Weisheit, Wohlstand und Demut.

Steckbrief: Ganesha

Die wichtigsten Aspekte von Ganesha auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Tradition

Ganesha ist Sohn des Shiva und der Parvati. Im bekanntesten Mythos formt Parvati ihn aus Sandelholz-Paste, um ihre Tür zu bewachen. Shiva, der nicht erkannt wird, enthauptet ihn im Zorn.

Auf Parvatis Bitte ersetzt Shiva den verlorenen Kopf durch den des erstbesten Tieres, eines Elefanten. Bruder des Kriegsgottes Skanda/Murugan, Gemahl der Riddhi und Siddhi (in einigen Traditionen).

Adressaten

Vighnaharta, Beseitiger der Hindernisse. Wird vor jedem neuen Vorhaben angerufen: Hochzeiten, Reisen, Unterzeichnung von Verträgen, Beginn von Studien, Büro- und Hauseinweihungen. Patron der Schreiber, Lehrer und Studenten. In der Tantra-Tradition Schlüsselgottheit für das Müladhara-Chakra (Wurzelchakra). In Kunst und Tanz Patron der literarischen und musikalischen Inspiration.

Darstellung

Elefantenköpfige Gestalt mit dickem menschlichem Bauch, vier (manchmal sechs, acht oder zehn) Armen. Hautfarbe rot, gold oder elfenbeinfarben. Ein gebrochener Stoßzahn (Mahabharata-Tradition: er brach ihn ab, um die Mahabharata aufzuschreiben). Reittier (Vahana) ist die Maus Mushika, ein origineller Kontrast zur Elefantengestalt. Attribute (vier Arme): Beil, Schlinge, Modaka-Süßigkeit, Lotos. Sitzhaltung Lalitâsana (entspannte Pose), oft tanzend.

Ganeshas Wirkung

Wirkungsbereich: Ganesha ist die meistangerufene hinduistische Gottheit im Alltagsleben. Vor jedem neuen Unternehmen wird das „Om Gam Ganapataye Namaha“ rezitiert. Schüler beten zu ihm vor Prüfungen. Geschäftsleute installieren Ganesha-Statuen vor Ladeneingang und Kasse.

Ganesha Chaturthi (10-Tage-Fest im August/September) ist eines der größten hinduistischen Feste, mit Prozessionen und der rituellen Versenkung der Tonstatuen im Wasser. International auch in modernen spirituellen Bewegungen populär.

Ganeshas Abwehr

Elefantenkopf, gebrochener Stoßzahn, vier Arme, Modaka (Süßigkeit), Beil (Pasha-Schlinge), Lotos, Maus (Vahana), Schlange als Gürtel, dicker Bauch (kosmische Fülle), Om-Symbol. Blume: Hibiskus (rot). Dreht sich um sich selbst (in einer Mythologie umkreist er Shiva und Parvati = das Universum, dargestellt als Geschwister-Wettlauf mit Skanda).

Verwandte Wesen

Vinayaka (Buddhismus, vajrayana-buddhistische Übernahme), Kangiten (Japan, in den Vajrayana-Sekten), Hermes (Griechenland, Patron der Wege, des Anfangs), Janus (Rom, Schwellengott, Doppel-Antlitz), Heraldische Schwellenwächer (Mesopotamien, geflügelte Stiere). Im weiteren Vergleich: Bes (Ägypten) als Hausschutz und Erleichterer, der ebenfalls auf Schwellen angerufen wird.

Praktische Abwehr

Verehrungsrituale

Ganesha ist der Hindernisbeseitiger (Vighnaharta), vor jedem neuen Beginn (Geschäftsgründung, Hauseinzug, Schreibtätigkeit, Hochzeit) wird Ganesha-Puja ausgeführt.

Hauptfest ist Ganesh Chaturthi (Bhadrapada-Monat, August/September) mit zehn Tagen Verehrung, besonders berühmt in Maharashtra (Pune, Mumbai), wo monumentale Ganesha-Murtis aufgestellt und am Anant Chaturdashi im Meer versenkt werden (vgl. Brown, Ganesh: Studies of an Asian God). Modaka (süße Reisbällchen) sind seine bevorzugte Speisengabe.

Mantren und Anrufungen

Das Ganesha-Bija-Mantra „Gam“ und das Mula-Mantra „Om Gam Ganapataye Namaḥ“ stehen am Beginn nahezu jedes hinduistischen Rituals. Der Ganesha-Atharvashirsha (Upanishadischer Text) ist sein zentraler liturgischer Hymnus. Das Sankashtahara-Stotra wird zu Sankashti Chaturthi (vierte Mondnacht jedes Monats) für Befreiung von Hindernissen rezitiert.

Amulette und Schutzsymbole

Kleine Ganesha-Statuetten aus Messing, Silber oder Sandelholz an Hauseingängen, in Autos und an Schreibtischen. Sein Vahana (Reittier) ist die Maus, symbolisch für unterdrückte Begierden. Yantra-Diagramme mit Ganesha im Zentrum auf Kupferplatten als vāstu-shānti-Schutz. Das Symbol der gebrochenen Stoßzahn-Hälfte als Andenken-Anhänger.

Ganesha, Parallelen in anderen Kulturen

Ganesha ähnelt dem Hermes der Griechen (Gott der Schrift und Redekunst) und dem Thot Ägyptens (Gott der Weisheit und Schrift). Seine dicke, sanfte Gestalt erinnert an humorvolle Figuren aus Traditionen weltweit, der behagliche Weise, der durch Absurdität lehrt. In modernen westlichen esoterischen Kreisen ist Ganesha beliebt als Symbol der Hindernisüberwinding und des humorvollen Loslassens.

Der verlorene Kopf: Die Geburtsmythen Ganeshas

Kein anderer Aspekt Ganeshas hat die Überlieferung so beschäftigt wie sein Elefantenkopf.

Die bekannteste Version findet sich im Shiva Purana: Parvati formte den Knaben aus der Reibmasse ihres eigenen Körpers und setzte ihn als Wächter vor ihr Bad.

Als Shiva Einlass begehrte und der Knabe ihn nicht erkannte, schlug der Gott ihm im Zorn den Kopf ab. Um Parvatis Trauer zu besänftigen, ließ Shiva den Kopf des erstbesten Lebewesens herbeischaffen, das nach Norden gewandt schlief, und es war ein Elefant.

Das Brahmavaivarta Purana erzählt anders: Hier wird Ganesha von Shiva und Parvati gemeinsam gezeugt, doch der Blick des Planetengottes Shani, der durch einen Fluch alles Angeschaute versengt, verbrennt den ursprünglichen Kopf des Kindes.

Vishnu beschafft daraufhin den Ersatz. Andere Texte, darunter Passagen des Linga Purana, lassen Ganesha unmittelbar mit dem Elefantenkopf zur Welt kommen, um einen kosmischen Auftrag zu erfüllen.

Diese Vielfalt ist kein Widerspruch, der aufzulösen wäre. Die Indologie, etwa in den Arbeiten von Paul Courtright (Gaṇeśa: Lord of Obstacles, Lord of Beginnings, 1985) und Robert Brown (Hg. Ganesh: Studies of an Asian God, 1991), liest die konkurrierenden Geburtsmythen als Schichten unterschiedlicher Sekten und Epochen.

Der Wächter-Mythos betont die Trennung von Mutter und Sohn sowie die Aufnahme in die männliche Götterordnung durch einen gewaltsamen Initiationsakt.

Die Shani-Variante verlagert die Schuld vom Vater weg auf eine unpersönliche kosmische Kraft. In beiden Fällen markiert der Kopfwechsel den Übergang vom geformten Geschöpf zum vollwertigen Gott.

Der abgebrochene Stoßzahn, ein weiteres Standardmerkmal der Ikonografie, hat eigene Erzählungen: Mal verliert Ganesha ihn im Kampf mit Parashurama, mal bricht er ihn selbst ab, um damit das Mahabharata niederzuschreiben, das ihm der Weise Vyasa diktiert.

Ikonografie und materielle Kultur

Die Bildformel Ganeshas ist über Jahrhunderte erstaunlich stabil geblieben und zugleich reich an Bedeutungsträgern. Der dickbäuchige Körper, der Elefantenkopf mit einem ganzen und einem gebrochenen Stoßzahn, die meist vier Arme und das kleine Reittier, eine Ratte oder Maus (mūṣika), bilden den Kern.

Die Hände tragen wechselnde Attribute: eine Axt oder einen Treibhaken (aṅkuśa), eine Schlinge (pāśa), eine Schale mit Süßigkeiten (modaka) und oft eine Geste der Furchtlosigkeit oder Gabengewährung. Der Treibhaken verweist auf die Lenkung des Geistes, die Schlinge auf das Einfangen von Hindernissen.

Die frühesten gesicherten Ganesha-Bilder stammen aus der Gupta-Zeit, also etwa dem 4. bis 6. Jahrhundert.

Ältere Darstellungen elefantenköpfiger Wesen sind umstritten; einige Forscher verweisen auf vināyaka-Gestalten in vorklassischen Texten, die als bösartige Hindernisbereiter galten und erst später zu einem einzigen wohlwollenden Gott verschmolzen. Diese Wandlung von der gefürchteten zur verehrten Figur ist eines der zentralen Themen der Forschung.

In der materiellen Kultur reicht das Spektrum von monumentalen Tempelskulpturen über Hausschreine bis zu Massenware. Besonders sichtbar wird die Bildpraxis beim Fest Ganesha Chaturthi, bei dem Tonfiguren hergestellt, verehrt und am Ende in Gewässern aufgelöst werden.

Die kolossalen, oft gipsernen Festfiguren des modernen Maharashtra haben eine eigene ökologische Debatte ausgelöst, weil die Materialien Gewässer belasten. Außerhalb Indiens findet sich Ganesha in der Kunst Südostasiens, etwa in Java und Kambodscha, wo eigene regionale Bildtypen entstanden, sowie in tantrischen Kontexten Tibets und Japans, wo er als Kangiten in einer doppelgestaltigen Umarmungsform begegnet.

Theologische Stellung und der Rang als Erstangerufener

Ganesha nimmt im hinduistischen Götterhaushalt eine Sonderstellung ein, die seinen relativ späten Eintritt in den Kanon überspielt. Als Vighneshvara, Herr der Hindernisse, kann er Hemmnisse sowohl errichten als auch beseitigen.

Daraus folgt die rituelle Praxis, ihn vor jedem Unternehmen, jeder Reise, jedem Tempelbau und jeder Textrezitation zuerst anzurufen. Diese Voranstellung gilt sektenübergreifend und macht ihn zu einem der wenigen Götter, die von Shaiviten, Vaishnaviten und Shaktas gleichermaßen verehrt werden.

Innerhalb der Familie Shivas ist Ganesha der Sohn Shivas und Parvatis und der Bruder Kartikeyas, des Kriegsgottes, der im Süden Indiens als Murugan eine eigene große Verehrung genießt.

Mehrere Mythen erzählen vom Wettstreit der Brüder, am bekanntesten der Umrundungswettlauf um die Welt: Während Kartikeya den Globus auf seinem Pfau umkreist, umschreitet Ganesha lediglich seine Eltern, mit dem Argument, sie seien für ihn die ganze Welt, und gewinnt damit den Preis. Die Erzählung begründet zugleich seinen Ruf als der kluge, nicht der schnelle Sohn.

Eine eigene theologische Tradition, die Ganapatya-Strömung, erhob Ganesha im Mittelalter zur höchsten Gottheit und brachte mit dem Ganapati Atharvashirsha einen Text hervor, der ihn mit dem absoluten Brahman gleichsetzt. Diese Schule blieb regional begrenzt, vor allem in Maharashtra, hat aber die philosophische Aufwertung Ganeshas dauerhaft geprägt.

In der Symbolik wird der Elefantenkopf dabei als großer Verstand, der Rüssel als Unterscheidungsvermögen und die Ratte als gebändigtes Begehren gedeutet, eine allegorische Lesart, die vor allem aus jüngeren Kommentaren stammt.

Rezeption von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart

Die moderne Wirkungsgeschichte Ganeshas ist eng mit politischen und kulturellen Umbrüchen verknüpft. Ende des 19. Jahrhunderts machte der Nationalist Bal Gangadhar Tilak das Fest Ganesha Chaturthi in Maharashtra zu einer öffentlichen Großveranstaltung.

Die zuvor überwiegend häusliche Feier wurde zu einem gemeinschaftlichen Ereignis, das unter britischer Herrschaft Versammlung und kollektive Identität ermöglichte. Aus dieser Politisierung stammt ein Teil der bis heute prägenden öffentlichen Sichtbarkeit des Festes.

Im 20. und 21. Jahrhundert wurde Ganesha zur vermutlich international bekanntesten hinduistischen Gottheit. Seine Verbreitung in der globalen Populärkultur, in Yoga-Studios, auf Konsumartikeln und in der Werbung, hat wiederholt Debatten über Aneignung und respektlosen Umgang ausgelöst. Hinduistische Organisationen haben mehrfach gegen die Verwendung des Bildes auf Schuhen, Badebekleidung oder in alkoholbezogenem Kontext protestiert.

Auch innerhalb Indiens bleibt Ganesha politisch und sozial aufgeladen. Die Pancha-Ganapati-Feier in der hinduistischen Diaspora oder die Diskussion um umweltverträgliche Festfiguren zeigen, dass die Tradition fortlaufend neu verhandelt wird.

In der Wissenschaft hat Paul Courtrights psychoanalytisch beeinflusste Lesart einzelner Mythen in den 2000er Jahren heftige Kontroversen ausgelöst und damit zugleich die Frage aufgeworfen, wer mit welchen Methoden über religiöse Bilder schreiben darf. Die Rezeptionsgeschichte Ganeshas ist insofern auch eine Geschichte der Auseinandersetzung darüber, wem ein global gewordener Gott gehört.

Die Textüberlieferung: Woher unser Wissen stammt

Anders als bei den großen vedischen Göttern lässt sich Ganeshas Quellenlage vergleichsweise genau datieren, und gerade das macht ihn für die Religionsgeschichte interessant.

In den ältesten vedischen Texten fehlt eine einzelne elefantenköpfige Gottheit. Frühe Erwähnungen von vināyaka beziehen sich auf eine Gruppe von Hindernisdämonen, etwa in den Mānava-Gṛhyasūtra, einem Ritualtext, der Verfahren beschreibt, um diese Wesen zu besänftigen.

Der Übergang zum vertrauten Gott vollzieht sich in den Puranas der ersten Jahrhunderte des ersten Jahrtausends und danach. Das Yājñavalkya-Smṛti kennt bereits einen einzelnen Vinayaka als Hindernisherrn.

Das Shiva Purana, das Skanda Purana und vor allem das Ganesha Purana sowie das Mudgala Purana bauen die Biografie systematisch aus. Die beiden letzteren sind reine Ganesha-Puranas und gehören der Ganapatya-Tradition an; sie sind verhältnismäßig spät, oft auf das zweite Jahrtausend datiert.

Für die Forschung ergibt sich daraus ein klares Bild eines Gottes, der sich vor unseren Augen formiert.

Studien von Yuvraj Krishan (Gaṇeśa: Unravelling an Enigma, 1999) und die Beiträge im von Robert Brown herausgegebenen Sammelband haben gezeigt, wie sich aus mehreren Strängen, den vedischen Hindernisdämonen, einem möglichen volkstümlichen Tierkult und der Einbindung in die Shiva-Familie, ein einheitliches Profil verdichtete.

Inschriften, Münzfunde und datierbare Skulpturen liefern dazu die archäologische Kontrolle. Wo Texte und Bildwerke zeitlich auseinanderfallen, bleibt die Forschung vorsichtig, etwa bei der Frage, ob bestimmte frühe elefantenköpfige Reliefs schon Ganesha meinen oder noch ältere Lokalgottheiten.

Ritualpraxis: Anrufung, Fest und alltägliche Verehrung

Die Verehrung Ganeshas reicht von der knappen Eingangsformel bis zum mehrtägigen Großfest. Im häuslichen Alltag steht die pūjā im Mittelpunkt, die Darbringung von Wasser, Blüten, Räucherwerk, Lampenlicht und Speisen.

Besonders verbunden ist Ganesha mit dem modaka, einer gefüllten Süßspeise, und mit dem roten Hibiskus sowie dem Gras dūrvā, das ihm in Bündeln dargebracht wird. Vor Prüfungen, Geschäftsgründungen, Hauseinweihungen und Hochzeiten wird er als Erster angerufen, oft mit der Formel oṃ gaṃ gaṇapataye namaḥ.

Das jährliche Ganesha Chaturthi im Monat Bhadrapada ist der ritualdichteste Moment. Eine Tonfigur wird unter Rezitation belebt (prāṇapratiṣṭhā), über Stunden oder Tage verehrt und schließlich in einem Gewässer aufgelöst (visarjana).

Die zeitweilige Anwesenheit und das bewusste Auflösen der Figur sind theologisch bedeutsam: Der Gott ist Gast, nicht dauerhafter Besitz. In Maharashtra haben sich daraus öffentliche Pavillons, Prozessionen und Wettbewerbe entwickelt.

Daneben existieren spezialisierte Praktiken. Tantrische Schulen kennen eigene mantra– und yantra-Verfahren für Ganesha, etwa zur Beseitigung von Hindernissen vor magisch-rituellen Unternehmungen. Die Ashtavinayaka-Pilgerfahrt zu acht selbstentstandenen Ganesha-Heiligtümern in Maharashtra bündelt regionale Frömmigkeit zu einem festen Wegnetz.

Auch der Wochentag Dienstag und bestimmte Mondtage gelten als ihm besonders zugeordnet. Allen Formen gemeinsam ist die Funktion, die der gesamten Praxis ihren Sinn gibt: Ganesha wird angerufen, damit ein Anfang gelingt.

Literatur (Auswahl)

  • Brown, Robert L. (Hg.): Ganesh: Studies of an Asian God. Albany 1991.
  • Courtright, Paul B.: Ganësa: Lord of Obstacles, Lord of Beginnings. New York 1985.
  • Bailey, Greg: The Ganeshapurâna. Wiesbaden 1995.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Ganesha“).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Häufige Fragen zu Ganesha

Wer ist Ganesha im Hinduismus?

Ganesha (Sanskrit Gaṇeśa, Herr der Gaṇas, also der Götter-Gefolgschaften) ist einer der populärsten Götter des Hinduismus, der elefantenköpfige Sohn Shivas und Parvatis. Er gilt als Hüter der Schwellen, Beseitiger der Hindernisse (Vighnaharta) und Patron des Anfangs, der Schreibkunst und der Weisheit.

Vor jeder wichtigen Unternehmung, Hochzeit, Geschäftseröffnung, Buchanfang, wird Ganesha angerufen. Sein Reittier ist eine kleine Maus (Mooshika), was eine schöne Spannung zur Größe des Elefanten erzeugt.

Warum hat Ganesha einen Elefantenkopf?

Der zentrale Mythos: Parvati schuf den Knaben Ganesha aus Sandelholzpaste, um Wache zu halten, während sie badete.

Als Shiva nach Hause kam und der unbekannte Junge ihm den Zutritt verwehrte, schlug Shiva ihm im Zorn den Kopf ab. Als er erkannte, dass es Parvatis Sohn war, versprach er den ersten Kopf zu nehmen, den sein Diener finden würde, es war ein Elefantenkopf.

Die Geschichte ist ikonografisch zentral, hat aber auch tiefe symbolische Bedeutung: Ganesha vereint Tier und Gott, Verstand (Elefant gilt als weise) und Demut.

Einordnung & Schutz

ISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe I zu – Geringe Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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