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Nut, ägyptische Himmelsgöttin

Nut ist im altägyptischen Pantheon die Himmelsgöttin, Gemahlin und zugleich Schwester des Erdgottes Geb. Sie verkörpert das gewölbte Himmelsgebäude, das sich über die Erde spannt und unter dem die menschliche Welt existiert. Bei Sonnenuntergang verschluckt Nut den Sonnengott Re, der dann durch ihren Leib reist und am Morgen aus ihrem Schoß neu geboren wird.

Diese tägliche Himmelfahrt-Erzählung ist eines der zentralsten kosmischen Bilder der ägyptischen Religion. Nut ist Mutter der vier (oder fünf) osirianischen Götter Osiris, Isis, Seth, Nephthys und (in einigen Listen) Horus des Älteren.

Ihr Name leitet sich vermutlich von einem Wort für «Wasser» her und verbindet sie mit dem himmlischen Urgewässer, das die Götter als Vorstellung des oberen Wasserraums kannten.

Inhaltsverzeichnis

Nut - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Stammbaum

Nut gehört zur zweiten Generation der heliopolitischen Götterneunheit (Enneade). Sie ist Tochter von Schu (Luft) und Tefnut (Feuchtigkeit) und Schwester sowie Gemahlin des Erdgottes Geb. Aus ihrer Verbindung gehen die fünf Götter Osiris, Horus der Ältere, Seth, Isis und Nephthys hervor, die an den fünf epagomenen Tagen am Ende des ägyptischen Kalenderjahres geboren werden.

Die mythische Trennung von Geb und Nut durch ihren Vater Schu, der die Himmelsgöttin emporhebt und über den ausgestreckten Erdgott spannt, gehört zu den ältesten und wichtigsten kosmischen Mythen der ägyptischen Religion.

Bei Plutarch («De Iside et Osiride» 12) ist die Geburt der osirianischen Götter ausführlich erzählt. Re hatte verfügt, dass Nut an keinem Tag des Jahres gebären solle. Thoth, der listige Gott der Schrift, gewann jedoch im Spiel mit dem Mond fünf zusätzliche Tage hinzu, die nicht zum normalen Jahr zählten.

An diesen fünf epagomenen Tagen brachte Nut nacheinander ihre Kinder zur Welt. Diese Erzählung erklärt sowohl die fünf zusätzlichen Tage am Ende des ägyptischen Kalenderjahres als auch die mythische Genealogie der osirianischen Götterfamilie.

Eine besondere Erzählung schildert Nuts Verschlucken des Sonnengottes. Am Abend, wenn die Sonne hinter dem westlichen Horizont verschwindet, verschluckt Nut die Sonnenscheibe. Während der zwölf Nachtstunden bewegt sich der Sonnengott durch den Körper der Göttin, vorbei an den Sternen, die selbst Bilder von Nuts inneren Organen sind.

Am Morgen gebiert Nut den jungen Sonnengott am östlichen Horizont neu. Diese tägliche Wiedergeburt ist die mythische Grundlage für die Vorstellung der Wiederauferstehung des Verstorbenen: Wer im Tod von Nut empfangen wird, wird wie die Sonne neu geboren.

In der Spätzeit-Theologie tritt Nut auch als die «Himmelskuh» auf, eine bildliche Variante, in der die Göttin als gewaltige, von den Sternen besetzte Kuh dargestellt wird, unter der die menschliche Welt existiert.

Diese Lesart erscheint im «Buch von der Himmelskuh», einem religiösen Text der späten 18. Dynastie, der in mehreren Königsgräbern (Sethos I., Ramses II., Ramses III.) erhalten ist. Die Himmelskuh-Vorstellung verbindet Nut mit Hathor, die ebenfalls in Kuhgestalt erscheint; beide Göttinnen werden in einigen lokalen Theologien identifiziert oder als komplementäre Aspekte einer kosmischen Mutter aufgefasst.

Symbole, Ikonografie und Attribute

Nut wird in der ägyptischen Bildkunst auf zwei charakteristische Weisen dargestellt. Die erste ist die «gespannte Nut»: eine nackte oder bekleidete Frau, die sich auf Händen und Füßen über die Erde wölbt, mit ihrem Leib das Himmelsgewölbe bildend.

Diese Darstellung ist auf den Decken der Königsgräber, auf den Innenseiten der Sargdeckel und auf den Wänden der Tempel im gesamten ägyptischen Kulturraum verbreitet.

Die zweite ist die «aufrechte Nut»: eine Frau in stehender oder thronender Pose, oft mit Wassergefäß auf dem Kopf oder mit der Hieroglyphe für Himmel auf dem Haupt. Diese Darstellung tritt häufiger in Statuetten und kleineren Bildwerken auf.

Ihre wichtigsten Attribute sind die Sterne, die ihren Leib bedecken. In den Sarkophag-Decken der Spätzeit ist Nut oft mit hunderten kleinen Sterne dargestellt; ihre Brust ist mit den Tierkreiszeichen und mit den Dekan-Sternen geschmückt.

Auf einer berühmten Decke aus dem Grab Sethos‘ I. ist Nut in voller Pracht mit allen Sternbildern, dem Sonnenwagen und den Phasen des Mondes dargestellt; diese astronomische Decke ist eine der detailreichsten kosmischen Darstellungen des ägyptischen Altertums.

Sein heiliges Tier ist die Sykomorenfeige, deren Baum-Krone als Erscheinungsort Nuts gilt. Im «Buch vom Toten» (Spruch 59) erscheint die Göttin als Frau in der Krone einer Sykomore, aus der sie dem Verstorbenen Wasser und Brot reicht.

Diese «Sykomorenfrau» ist eine der berührendsten Bildmotive der ägyptischen Totenreligion: Die Mutter empfängt das verstorbene Kind und nährt es mit den Lebensgaben, die in der jenseitigen Welt benötigt werden. In den Privatgräbern des Neuen Reichs ist diese Szene besonders verbreitet.

Plastische Bildwerke Nuts sind seit dem Alten Reich erhalten. Aus dem Mittleren Reich stammt eine bedeutende Statue, die Nut als stehende Frau mit Himmelshieroglyphe auf dem Kopf zeigt; aus dem Neuen Reich sind zahlreiche Sarkophag-Decken mit der gespannten Nut erhalten.

Im Tal der Könige zeigen die Decken der Königsgräber Nut in monumentaler Größe; das Grab Sethos‘ I. (KV 17) hat eine der frühesten und detailreichsten Nut-Decken, das Grab Ramses‘ VI. (KV 9) zeigt sie in einer doppelten Spannung (Tag-Nut und Nacht-Nut). Diese astronomischen Decken sind die wichtigsten Quellen für das Verständnis der ägyptischen Himmelsmythologie.

Kult und Verehrung

Anders als bei den Göttern mit territorial verankerten Hauptkulten hatte Nut keinen eigenständigen Haupttempel. Ihre Verehrung war an die Sonnentempel, an die Königsgräber und an das Totenkult-Wesen gebunden.

In Heliopolis war Nut Teil der Götterneunheit; in Memphis hatte sie eine Kapelle innerhalb des Ptah-Tempels; in Theben gehörte sie zum Kreis der Götter, die im Amun-Re-Tempel angerufen wurden. Eine besondere Verehrung erfuhr Nut in den Mortuartempeln der Pharaonen, weil ihr Schoß als Empfangsraum des verstorbenen Königs galt.

Im täglichen Tempelritus wurde Nut bei der Begehung des Sonnen-Rituals angerufen. Am Abend, wenn das Sonnen-Bild rituell zur Ruhe gelegt wurde, sprach man die Hymnen, in denen Nut die Sonne empfängt und in ihrem Leib bewahrt.

Am Morgen, wenn die Sonne aus dem Sanktuar «aufstand», sprach man die Hymnen der Geburt aus dem Schoß der Nut. Diese liturgische Praxis ist in den Tempel-Ritualbüchern (Papyrus Berlin 3055 und andere) ausführlich dokumentiert.

Bei der Bestattung spielte Nut eine zentrale Rolle. Auf der Innenseite des Sargdeckels war oft die gespannte Nut dargestellt, sodass der Verstorbene direkt unter der Göttin lag und symbolisch von ihr empfangen wurde.

In den Sargtexten und im Totenbuch findet sich der mehrfach wiederholte Spruch: «O meine Mutter Nut, breite dich über mich aus, lass mich zu den unvergänglichen Sternen werden, lass mich nicht sterben». Diese Anrufung war einer der zentralen Texte des Bestattungsrituals und stellte den Verstorbenen unter den Schutz der Himmelsgöttin.

Im Erntefest und in den Festen der Vegetation hatte Nut eine sekundäre Rolle als Spenderin des himmlischen Wassers (Regen, Tau). In der ägyptischen Religion war Regen allerdings selten und meist als göttliche Anomalie betrachtet; die Hauptwasserquelle Ägyptens war der Nil, dessen Aufstieg von anderen Göttern (Khnum, Hapi) gesteuert wurde.

Doch in der spätzeitlichen Theologie von Esna und in den Tempelhymnen Edfu’s tritt Nut als spendende Mutter auf, deren Tränen und Schweiß den fruchtbaren Tau hervorbringen, der die Felder benetzt.

Wichtige Heiligtümer und Tempel

Nut hatte keine eigenen monumentalen Tempel. Ihre Verehrung war an die Kosmos-Tempelreliefs und an die Sepulkral-Architektur gebunden. Im Tal der Könige sind die Decken der Königsgräber die wichtigsten «Heiligtümer» Nuts: Sie zeigen die Himmelsgöttin in monumentaler Größe, mit ihren Sternen und mit dem Sonnenzyklus, der durch ihren Körper läuft.

Das Grab Sethos‘ I. (KV 17), das Grab Ramses‘ VI. (KV 9) und das Grab Ramses‘ IX. (KV 6) haben die schönsten Nut-Decken; sie gehören zu den eindrucksvollsten Beispielen kosmischer Religion der antiken Welt.

Eine besondere Stellung hat das «Nut-Bild» im sogenannten «Buch von der Nut», einem religiösen Text aus dem Neuen Reich, der in einem hohen Maß astronomisch ausgearbeitet ist. Das Buch wurde an den Wänden der Königsgräber und in einer ausführlichen Version im Kenotaph Sethos‘ I. in Abydos (das Osireion) angebracht.

Dort ist die Himmelsgöttin mit allen Dekan-Sternen, allen vierundzwanzig Stunden des Tages und der Nacht, und mit den astronomischen Konstellationen der ägyptischen Himmelskunde dargestellt. Die wissenschaftliche Edition dieses Buchs durch Otto Neugebauer und Richard Parker hat es als eines der frühesten astronomischen Werke der Menschheit zugänglich gemacht.

Im Tempel von Dendara, dem großen Hathor-Heiligtum der ptolemäisch-römischen Zeit, befindet sich eine berühmte Decke im Pronaos mit einer monumentalen Nut-Darstellung.

Auf dieser Decke sind die zwölf Stunden des Tages und der Nacht, der vollständige Tierkreis und die Dekane angebracht; das berühmte «Tierkreis-Bild von Dendara» (heute Louvre, Paris) ist Teil dieses Bildprogramms. Die Decke zeigt die ausgereifteste astronomische Synthese der ägyptischen Himmelsmythologie und gilt als das vollendetste Nut-Bild überhaupt.

In Esna, in Edfu, im Hibis-Tempel der Oase Charga und in vielen anderen ptolemäisch-römischen Tempeln sind Nut-Reliefs in den theologischen Bildprogrammen integriert. In Karnak und in Medinet Habu finden sich Nut-Darstellungen in den Sonnen-Reliefs der Tempelhöfe.

Eine besondere Erwähnung verdient der «Astrarium» im Grab Senenmuts (TT 353), des Architekten Hatschepsuts, das eine der frühesten erhaltenen astronomischen Decken Ägyptens beherbergt; Nut ist hier zwar nicht direkt dargestellt, doch das gesamte Bildprogramm fußt auf der Nut-Theologie.

Mythen-Erzählungen

Die wichtigste Nut-Erzählung ist die Trennung von Geb und die Aufrichtung des Himmelsgewölbes. Schu, ihr Vater, tritt zwischen die zwei eng umschlungenen Geschwister und hebt Nut mit erhobenen Armen empor. Geb bleibt am Boden, oft mit ausgestreckten Armen, die seine sehnsüchtige Verbindung mit der entrückten Schwester unterstreichen.

Diese Trennung schafft den Lebensraum zwischen Erde und Himmel, in dem die menschliche Welt existieren kann. Die Erzählung gehört zu den ältesten Weltbildungsmythen der Menschheit und ist in den Pyramidentexten, Sargtexten und den Tempeltexten der Spätzeit immer wieder behandelt worden.

Die Geburt der osirianischen Götter ist die zweite zentrale Erzählung. Re verbot Nut, an einem Tag des Jahres zu gebären; Thoth gewann durch sein Spiel mit dem Mond fünf zusätzliche Tage, an denen Nut nacheinander Osiris, Horus den Älteren, Seth, Isis und Nephthys gebar.

Diese Erzählung erklärt die fünf epagomenen Tage des ägyptischen Kalenderjahres und die mythische Verwandtschaft der osirianischen Götter. Plutarch hat sie in «De Iside et Osiride» 12 detailliert wiedergegeben; sie zählt zu den am besten überlieferten ägyptischen Mythen überhaupt.

Die tägliche Wiedergeburt der Sonne ist die dritte zentrale Erzählung. Am Abend verschluckt Nut die Sonne; nachts wandert die Sonnenscheibe durch ihren Leib, vorbei an den Sternen, die selbst Bilder ihrer inneren Organe sind; am Morgen gebiert Nut die Sonne am östlichen Horizont neu.

Diese Tageserzählung ist die mythische Grundlage für die Vorstellung der Wiederauferstehung des Verstorbenen: Wer in den Schoß Nuts aufgenommen wird, wird wie die Sonne neu geboren. Diese Lesart hat die ägyptische Bestattungsreligion über drei Jahrtausende geprägt.

Im «Buch von der Himmelskuh», einem religiösen Text der späten 18. Dynastie, wird eine besondere Erzählung wiedergegeben. Re, alt geworden, will sich von den Menschen zurückziehen und steigt auf den Rücken Nuts in Kuhgestalt. Während sie ihn emporhebt, wird ihr schwindelig, und sie bittet Schu, ihr zu helfen.

Schu stellt sich unter ihren Bauch und stützt sie mit den vier Schu-Götterstreben (den vier Himmelsstützen oder Säulen) an den Ecken der Welt.

Damit ist der Himmel von der Erde definitiv getrennt, und die Götter ziehen sich aus der menschlichen Welt zurück. Diese Erzählung gilt als ägyptische Variante des verbreiteten Mythos vom «Verschwinden der Götter» und ist religionsgeschichtlich bedeutsam.

Beziehungen im Pantheon

Nut ist in das genealogische Netz der heliopolitischen Götterneunheit eng eingebunden. Mit Geb, ihrem Bruder und Gemahl, verbindet sie die kosmische Liebesgeschichte: Beide waren in einer mythischen Vorzeit eng umschlungen und wurden durch ihren Vater Schu getrennt; aus ihrer Verbindung gingen die osirianischen Götter hervor.

Mit Schu, ihrem Vater, besteht das Verhältnis der mythischen Trennung; aus dieser Trennung entsteht der Lebensraum zwischen Himmel und Erde. Mit Tefnut, ihrer Mutter, ist sie genealogisch verbunden, ohne dass eine eigenständige mythische Episode überliefert wäre.

Mit den osirianischen Göttern ist Nut Mutter. Sie ist Mutter des Osiris, des Horus des Älteren, des Seth, der Isis und der Nephthys. Diese Mutterschaft macht Nut zur Stammmutter der wichtigsten ägyptischen Götterfamilie.

Mit Re hat Nut eine ambivalente Beziehung: Re hatte ihr die Geburt verboten, doch durch Thoths List wurde diese Verfügung umgangen; gleichzeitig empfängt Nut Re jeden Abend in ihrem Schoß und gebiert ihn am Morgen neu. Diese tägliche Empfangs- und Geburts-Rolle macht Nut zur kosmischen Mutter des Sonnengottes selbst.

Mit Hathor besteht in einigen Lokaltraditionen eine Identifikation oder Verschmelzung. Beide Göttinnen erscheinen in Kuhgestalt; beide gelten als kosmische Mutter; beide haben Beziehungen zum Sonnengott. In der spätzeitlichen Theologie wird Nut-Hathor oder Hathor-Nut als Doppelgestalt verehrt.

Mit den Verstorbenen hat Nut die zentrale Beziehung der mütterlichen Empfangs: Sie nimmt den Verstorbenen in ihren Schoß und gewährt ihm die Auferstehung wie der Sonne. Diese Beziehung ist in den Sargtexten und im Totenbuch immer wieder thematisiert und gibt der ägyptischen Bestattungsreligion ihren mütterlich-tröstlichen Charakter.

Rezeption

In der griechisch-römischen Antike wurde Nut gewöhnlich mit Rhea identifiziert, weil beide als Mütter der jüngeren Götter galten. Plutarch («De Iside et Osiride» 12) führt diese Identifikation aus und bezeichnet Nut als die «Mutter der Götter».

In den hellenistischen Tempelreliefs von Edfu, Dendara und Philae blieb Nut in der ägyptischen Bezeichnung erhalten; die Identifikation mit griechischen Gottheiten war begrenzt und betraf vor allem die theologische Erläuterung für griechische Leser.

Die ägyptische Vorstellung der Himmelsgöttin, die die Sonne empfängt und gebiert, hat über die hellenistische Vermittlung breiten Einfluss in der antiken Welt entfaltet.

Sie wird in den hermetischen Schriften, in der gnostischen Sophia-Spekulation und in der christlich-koptischen Marien-Theologie sichtbar; Maria als «Königin des Himmels», die das göttliche Kind empfängt und gebiert, ist eine späte Form derselben kosmischen Mutter-Vorstellung. Diese strukturelle Verwandtschaft ist von der vergleichenden Religionswissenschaft seit Erik Hornung und Jan Assmann untersucht worden.

Die moderne Wiederentdeckung Nuts beginnt mit Champollions Veröffentlichungen zu den Sargtexten. Im neunzehnten Jahrhundert hat Heinrich Brugsch die Nut-Hymnen analysiert; im zwanzigsten Jahrhundert haben Otto Neugebauer, Richard Parker und Erik Hornung das «Buch von der Nut» und die astronomischen Decken systematisch erschlossen.

Die jüngere Forschung von Joachim Quack und Andreas von Lieven hat die spätzeitlichen astronomischen Texte mit ihrer Nut-Theologie neu ediert und kommentiert; ihre Editionen sind die Grundlage des heutigen Verständnisses der ägyptischen Himmelsmythologie.

In der modernen Popkultur ist Nut präsent in zahllosen Romanen, Filmen und Comics; das Bild der gespannten Sterne-Frau ist zu einem festen Element esoterischer und populärer Ägypten-Ikonographie geworden.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Nut gehört zur Kategorie der Himmels-Göttinnen, die in vielen Religionen die personifizierte obere Welt repräsentieren. Religionsgeschichtlich auffällig ist ihre Geschlechtszuordnung: Während in den meisten indoeuropäischen Religionen der Himmel männlich gedacht wird (Dyaus Pita in Indien, Zeus in Griechenland, Tiwaz in Germanien), ist er in Ägypten weiblich.

Dies entspricht der inversen Geschlechtszuordnung der Erde: Geb (männlich) und Nut (weiblich) bilden die ägyptische Variante des kosmischen Paares, in der Erde und Himmel gegenüber der indoeuropäischen Norm vertauscht sind.

Die ägyptische Konfiguration Nut-Geb-Schu ist ein zentrales Beispiel dafür, dass die geschlechtliche Codierung der kosmischen Elemente kulturell variabel und keine universale Konstante ist. Mircea Eliade und Jan Assmann haben diese Eigenart in ihren religionsvergleichenden Arbeiten ausführlich behandelt.

Die ägyptische Variante zeigt, dass eine matrilineare oder zumindest matrifokale Vorstellung im religiösen System eines hochentwickelten Polytheismus ohne weiteres möglich ist; sie verlangt keine matriarchale Gesellschaftsstruktur, sondern reflektiert eine eigenständige theologische Logik.

Erik Hornung hat in «Conceptions of God» und in «Der Eine und die Vielen» die theologische Funktion Nuts als kosmische Mutter und Garantin der Wiederauferstehung herausgearbeitet.

Joachim Quack hat die astronomischen Aspekte der Nut-Theologie in seinen jüngeren Arbeiten neu bewertet und gezeigt, dass die ägyptische Himmelsgöttin nicht bloß eine poetische Personifikation, sondern Träger eines präzisen astronomischen Wissens war.

Die jüngere religionsvergleichende Forschung hat in Nut einen wichtigen Vergleichspunkt für die Diskussion über die geschlechtliche Codierung des Himmels und für die Vorstellung der kosmischen Mutter in den antiken Religionen gefunden. Diese Diskussion ist im Bereich der Maria-Theologie und der gnostischen Sophia-Spekulation besonders ergiebig.

Quellen