Izanagi, Schöpfergott des Shintō
Izanagi ist ein Schöpfergott des Shintō, der gemeinsam mit Izanami die japanischen Inseln und zahlreiche weitere Gottheiten hervorbrachte. Izanagi-no-Mikoto, kurz Izanagi, ist im Shintō der männliche Urgott und gemeinsam mit seiner Schwester und Gemahlin Izanami der Schöpfer der japanischen Inselwelt.
Aus ihrer Verbindung gingen die acht Hauptinseln Japans, zahlreiche weitere Inseln und ein großer Teil des Kami-Pantheons hervor.
Nach Izanamis Tod im Kindbett folgt Izanagi ihr in die Unterwelt Yomi und bringt aus dieser Reise einen Mythos zurück, der die japanische Religion in zwei zentrale Pole zerlegt: das Reine und das Unreine, das Lichte und das Dunkle, das Leben und den Tod.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Schöpfung
Die ausführlichste Erzählung über Izanagi findet sich im «Kojiki» (712 n. Chr.) und im «Nihon Shoki» (720 n. Chr.). Nach diesen frühen Reichschroniken stehen Izanagi und Izanami am Ende einer Reihe von sieben Göttergenerationen, den «Kamiyo nanayo».
Die höheren Himmelsgötter beauftragen das Geschwisterpaar, das «schwimmende Land» zu festigen. Auf der schwankenden Himmelsbrücke Ame-no-ukihashi stehend, rühren sie mit dem juwelenbesetzten Speer Ame-no-Nuboko in der salzigen Urflut. Als sie den Speer herausziehen, tropfen Salzwassertropfen herab und verdichten sich zur ersten Insel Onogoroshima.
Auf dieser Insel errichten sie die «Himmelssäule» Ame-no-mihashira und einen achteckigen Palast. Sie umschreiten die Säule in entgegengesetzter Richtung und vollziehen das erste Hochzeitsritual.
Beim ersten Versuch spricht Izanami zuerst, was als Ordnungsverstoß gilt; das Kind Hiruko («Blutegelkind») wird missgestaltet geboren und in einem Schilfboot ausgesetzt. Erst beim zweiten Versuch, in dem Izanagi zuerst spricht, gelingt die Geburt der eigentlichen Inseln und der Ur-Kami.
Aus der Verbindung entstehen Awajishima, Shikoku, die Oki-Inseln, Kyushu, Iki, Tsushima, Sado und Honshu, dazu zahlreiche Kami des Windes, der Berge, der Flüsse und der Bäume.
Bei der Geburt des Feuergottes Kagutsuchi verbrennt Izanami ihre Geschlechtsteile und stirbt. Im rasenden Schmerz tötet Izanagi den eigenen Sohn Kagutsuchi mit dem Schwert Ame-no-ohabari; aus dem Blut entstehen weitere Kami, darunter mehrere Schwert- und Donnergötter.
Die Reise nach Yomi
Untröstlich folgt Izanagi seiner Gemahlin in die Unterwelt Yomi-no-kuni, das «Land der gelben Quellen». An der dunklen Schwelle bittet er sie, mit ihm zurückzukehren. Izanami antwortet, sie habe bereits von der Speise der Unterwelt gegessen, will aber die Götter Yomis um Erlaubnis fragen.
Sie verbietet ihm, sie währenddessen anzusehen. Izanagi bricht das Tabu, zündet einen Kamm aus seinem Haar als Fackel an und sieht den verwesenden Körper Izanamis, von Maden und acht Donnergöttern bedeckt.
Voller Schrecken flieht er. Izanami schickt die Hexen von Yomi (Yomotsu-shikome), dann die acht Donnergötter mit fünfzehnhundert Kriegern hinter ihm her. Izanagi wirft ihnen seinen Haarschmuck, später seinen Kamm hinterher; aus den Gegenständen wachsen wilde Reben und Bambussprossen, an denen sich die Verfolger aufhalten.
An der Hangschwelle Yomotsu-hirasaka pflückt er drei Pfirsiche von einem Baum und schleudert sie gegen die Häscher, die daraufhin zurückweichen. Diese Pfirsiche, im Mythos «Okamuzumi-no-Mikoto» genannt, werden im japanischen Volksglauben bis heute als dämonenabwehrendes Symbol verehrt; das Momo-no-Sekku-Fest am dritten Tag des dritten Monats geht auf diese Episode zurück.
An der Hangschwelle holt Izanami selbst ihn ein. Beide tauschen eine Trennungsformel: Izanami verspricht, jeden Tag tausend Menschen zu töten, Izanagi entgegnet, er werde jeden Tag fünfzehnhundert Geburtshütten errichten.
Diese mythische Etiologie erklärt, warum mehr Menschen geboren als getötet werden, und stellt zugleich die Trennung von Lebens- und Todeswelt grundsätzlich. Izanagi verschließt den Hang mit einem riesigen Felsblock, dem «Chigaeshi-no-okami».
Die rituelle Reinigung und die Geburt der drei Edlen Kinder
Befleckt vom Kontakt mit dem Tod, vollzieht Izanagi in der Flussmündung Tachibana-no-Odo auf Tsukushi (im heutigen Miyazaki) das erste Misogi, die rituelle Wasserreinigung.
Aus seiner abgelegten Kleidung, seinem Schmuck und beim Eintauchen in das Wasser entstehen weitere Kami. Beim Waschen seines linken Auges entsteht Amaterasu-omikami, die Sonnengöttin, die er ihr beauftragt, das «Hohe Himmelsfeld» Takamagahara zu regieren.
Beim Waschen des rechten Auges entsteht Tsukuyomi-no-Mikoto, der Mondgott, dem er die Nacht überträgt. Beim Waschen der Nase entsteht Susanoo-no-Mikoto, der Sturmgott, dem er die Meere zuweist.
Diese drei Kinder, die «Mihashira-no-uzunomiko» (drei edlen Kinder), bilden den Kern des reichsoffiziellen Kami-Pantheons. Über Amaterasu führt die Genealogie zur Kaiserdynastie, die sich bis 1946 als ungebrochene Linie von der Sonnengöttin selbst ableitete.
Mit der Übergabe der Welt an seine Kinder zieht Izanagi sich aus der mythischen Bühne zurück. Die Quellen variieren in der Schlussszene: Das «Kojiki» lässt ihn in den Schrein von Taga auf Awajishima eingehen, das «Nihon Shoki» schickt ihn in den Himmel zurück.
Symbole, Attribute und Ikonografie
Izanagi gilt traditionell als Sinnbild des männlichen Schöpfer- und Ordnungsprinzips. Sein Hauptattribut ist der Speer Ame-no-Nuboko, mit dem die Welt aus dem Wasser geformt wird, dazu das Schwert Totsuka-no-Tsurugi, mit dem er Kagutsuchi tötet. Der Pfirsich (Momo) gehört zu seinem Symbolkreis, ebenso der Kamm und der Haarschmuck (Mizura), die in der Verfolgungsszene zentral werden.
In der bildenden Kunst erscheint er gewöhnlich als bärtiger Mann in altertümlicher Tracht, oft auf der Himmelsbrücke stehend, gemeinsam mit Izanami den Speer ins Meer haltend. Berühmt sind die Holzschnitte Kobayashi Eitakus aus dem späten 19. Jahrhundert sowie die Darstellungen in den Schreintafeln von Taga-Taisha und Eda-jinja.
Anders als die Sonnengöttin Amaterasu wird Izanagi in der traditionellen Schreinmalerei selten allein abgebildet. Erst die National-Shintō-Bewegung der Meiji-Zeit förderte ein eigenes Bildprogramm, das ihn als Urvater der Nation in Szene setzt.
Im modernen Manga und Anime ist sein Name ein häufig zitiertes Motiv: In «Naruto» bezeichnet «Izanagi» eine kostspielige Augentechnik, die Realität und Illusion vertauscht, im Spiel «Persona» ist Izanagi der erste Persona-Geist des Protagonisten.
Verehrung und Kultstätten
Der Haupt-Schrein Izanagis ist Taga-Taisha in der Präfektur Shiga, einer der ältesten und wichtigsten Shintō-Schreine Japans. Bereits in den ältesten Reichsverzeichnissen der «Engishiki» (10. Jahrhundert) erscheint er als Kanpei-taisha, also als kaiserlicher Großschrein erster Klasse.
Bis heute pilgern jährlich mehrere Millionen Menschen nach Taga, vor allem zur Bitte um langes Leben und um Schutz für Familien.
Auf der Insel Awajishima, der mythischen ersten Insel, steht der Izanagi-jingu in der Stadt Awaji. Der Schrein wurde 2005 zum «Jingu» (Reichsschrein) aufgewertet, eine Auszeichnung, die nur wenigen Schreinen zukommt.
Im südlichen Kyushu liegt Eda-jinja in Miyazaki an der Mündung des Misogi-Flusses, dem mythischen Ort der Reinigung; dort wird jährlich ein Misogi-Festival mit rituellen Eintauchungen abgehalten. Weitere Schreine finden sich in Iwato-jinja (Awajishima) und in zahlreichen kleinen lokalen Heiligtümern, die häufig Wasserquellen und Wasserfälle markieren.
Der Misogi-Ritus, das rituelle Eintauchen in Flüssen, Quellen oder unter Wasserfällen, geht direkt auf Izanagis Reinigung zurück und bildet bis heute einen Kernbestand shintōistischer Praxis. Die Sprenkelung mit Wasser (Harae) bei Tempel– und Schreinbesuchen ist die alltägliche Form dieses Ritus.
Religionsgeschichtliche Einordnung
Religionswissenschaftlich gilt Izanagi als Lehrbeispiel für ein indoeuropäisch und zugleich pan-pazifisch verbreitetes Mythologem: den Abstieg eines Gottes in die Unterwelt zur Rückholung der verlorenen Geliebten.
Die Parallele zum griechischen Orpheus-Eurydike-Mythos ist evident und wurde bereits in der frühen Religionsvergleichung des 19. Jahrhunderts diskutiert (Karl Florenz, «Die historischen Quellen der Shinto-Religion», 1919). Andere Vergleichspunkte sind der mesopotamische Inanna-Dumuzi-Komplex und der polynesische Hine-nui-te-pō-Mythos.
Joseph Kitagawa («Religion in Japanese History», 1966) und Klaus Antoni («Shintô und die Konzeption des japanischen Nationalwesens», 1998) lesen den Izanagi-Mythos als religiöse Begründung der Trennung von Rein und Unrein, die für das gesamte Shintō konstitutiv ist.
Bernhard Scheid und Inken Prohl betonen in jüngeren Arbeiten, dass diese Lesart eine moderne Lesart ist: In den ältesten Schichten der Erzählung dominieren weniger Reinheitskategorien als kosmogonische Strukturfragen.
Nelly Naumann («Die einheimische Religion Japans», 1988) hat herausgearbeitet, dass die Izanagi-Izanami-Erzählung wahrscheinlich aus mehreren regional verschiedenen Mythenkomplexen zusammengefügt wurde, die im siebten und achten Jahrhundert von der Hofkanzlei zu einer Reichsgenealogie verarbeitet wurden.
Helen Hardacre («Shinto. A History», 2017) hat die Wirkungsgeschichte des Mythos im Staats-Shintō der Meiji- und Vorkriegszeit dokumentiert, in dem Izanagi als Urvater der Nation eine ideologische Aufladung erfuhr.
Stellung im Pantheon und Querverweise
Izanagi steht am Beginn der eigentlichen Götterwelt. Vor ihm liegen die fünf «Einzelnen Himmelsgötter» (Kotoamatsukami) und sieben Generationen von Kami, die im Verborgenen bleiben. Nach ihm beginnt mit Amaterasu, Tsukuyomi und Susanoo die historisch greifbare Götterwelt, die zur Kaiserdynastie und damit zur politischen Geschichte Japans hinüberführt.
Damit erfüllt Izanagi strukturell die Funktion, die in anderen Mythologien Götter wie Brahma (Hinduismus), Atum (Ägypten) oder Chaos und Gaia (Griechenland) einnehmen: das Bindeglied zwischen Ur-Kosmos und individualisierter Götterwelt.
Innerhalb des Shintō teilt er sich diese Rolle mit Izanami, deren Schicksal im Yomi-Bereich endet. Während Izanagi durch Misogi die Wiederherstellung der reinen Ordnung verkörpert, bleibt Izanami als Herrin der Unterwelt und Bringerin des Todes präsent.
Sein Sohn Susanoo wiederholt den Konflikt mit Amaterasu in der nächsten Generation und bildet so eine erzählerische Brücke vom Schöpfungsmythos zum Heldenmythos der Yamato-no-Orochi-Schlange.
Quellen
- «Kojiki» (712 n. Chr.).
- Buch I, Übersetzung von Klaus Antoni, Stuttgart 2012. «Nihon Shoki» (720 n. Chr.).
- Buch I und II, Übersetzung von W. G. Aston, London 1896, sowie Übertragungen ins Deutsche bei Karl Florenz, «Die historischen Quellen der Shinto-Religion», Göttingen 1919. «Engishiki» (10. Jahrhundert).
- Verzeichnis der Reichsschreine. «Man’yoshu» (8. Jahrhundert).
- verschiedene Gedichte mit Anspielungen auf den Reinigungsmythos.
Joseph Kitagawa, «Religion in Japanese History», New York 1966. Nelly Naumann, «Die einheimische Religion Japans», 2 Bände, Leiden 1988 und 1994. Klaus Antoni, «Shintô und die Konzeption des japanischen Nationalwesens», Leiden 1998. Helen Hardacre, «Shinto. A History», Oxford 2017. Bernhard Scheid (Hrsg.), «Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch», Wien laufend.
Klaus Vollmer, «Shintô», in: Religionen der Gegenwart, München 2002. Inken Prohl, «Religiöse Innovationen», Berlin 2006.
Etymologie und Namensformen
Der Name Izanagi («Izanagi-no-Mikoto», japan. 伊邪那岐命 im Kojiki, 伊弉諾尊 im Nihon Shoki) wird in der modernen japanischen Religionswissenschaft mit dem altjapanischen Verb «izanau» («einladen, locken, anwerben») verbunden. Das Element «-nagi» wird gegenüber «-nami» bei Izanami als männliche Bildung gelesen; die beiden Götter bilden damit ein etymologisch reflektiertes Paar.
Klaus Antoni und Karl Florenz haben diese Etymologie aufgenommen, ohne sie als gesichert zu betrachten; ältere Vorschläge, die «izana» mit dem chinesischen «yīn-yáng» verbinden wollten, gelten heute als überzogen. Die ehrenvolle Anrede «-no-Mikoto» («Erlauchter Befehl») kennzeichnet Izanagi als Gott höchsten Ranges, vergleichbar dem Status anderer Hauptkami.
Im chinesisch-sinitischen Schriftgebrauch der späten Heian-Zeit erscheinen je nach Tradition unterschiedliche Schriftzeichenkombinationen. Die im Engishiki (10. Jahrhundert) festgelegten Schreibweisen wurden zur kanonischen Form für die offiziellen Schreingebete (Norito) und blieben bis in die Moderne stabil.
Bei religionswissenschaftlich-philologischer Lektüre lassen sich aus den Variationen der Schreibungen Rückschlüsse auf regionale Tradierungsschichten ziehen, wie sie Nelly Naumann und Bernhard Scheid in mehreren Spezialuntersuchungen ausgewertet haben.
Frühe Belege und Manuskripttradition
Die zwei Hauptquellen Kojiki (712) und Nihon Shoki (720) wurden im frühen achten Jahrhundert in zeitlicher Nähe verfasst, gehen aber auf unterschiedliche redaktionelle Konzepte zurück. Das Kojiki, kompiliert von Ō no Yasumaro nach mündlich vorgetragener Überlieferung des Hofbeamten Hieda no Are, schreibt die Izanagi-Erzählung als eine durchgängige, narrativ geschlossene Geschichte.
Das Nihon Shoki, eine chinesischer Vorbilder folgende offizielle Reichschronik, bietet die gleiche Erzählung in Hauptfassung sowie in mehreren «alternativen Lesarten» («Aru-fumi», ein Buch sagt). Diese Doppelung erlaubt es der Religionswissenschaft, regionale Varianten und divergierende Schultraditionen zu identifizieren.
Beide Texte sind in chinesischer Schriftform abgefasst, mit teilweise erheblichen sinitischen Stilisierungen. Die Religionsphilologie unterscheidet zwischen den eigentlichen mythischen Schichten und den nachträglich hofkanzlistisch eingefügten politischen Akzenten, die die Kaiserdynastie legitimieren. Die Izanagi-Erzählung gehört zu den Schichten, die in beiden Texten am ausführlichsten behandelt werden, was ihre zentrale Stellung in der Reichsmythologie unterstreicht.
Im Engishiki (927) finden sich die Schrein-Norito (rituelle Gebete) für den Misogi-Ritus, die direkt auf Izanagis Reinigung Bezug nehmen.
Diese Texte sind die ältesten erhaltenen liturgischen Formulare des Shintō und gehören mit den großen Norito zu den klassischen Belegen der frühen japanischen Religionssprache. Klaus Vollmer und Bernhard Scheid haben in mehreren Beiträgen die liturgische Bedeutung dieser Texte herausgearbeitet.
Die Großen Reinigungsriten
Aus dem Misogi-Mythos Izanagis sind in historischer Zeit zwei zentrale liturgische Komplexe hervorgegangen: das «Ōharae» («Große Reinigung», halbjährlich zum Sommer- und Winteranfang) und das individuelle Misogi an Wasserfällen, Flüssen oder im Meer.
Das Ōharae wird seit dem siebten Jahrhundert nachweislich am Hof zelebriert und überträgt die mythische Reinigung Izanagis in eine kollektive Reinigung des Reichs. Im modernen Shintō wird das Ōharae weiterhin in allen Hauptschreinen am 30. Juni und am 31. Dezember durchgeführt; Anbeter durchschreiten dabei den Chinowa, einen großen Schilfring, der die rituelle Reinigung symbolisiert.
Das individuelle Misogi unter Wasserfällen oder in kaltem Wasser ist eine asketische Praxis, die in der Shugendō-Tradition (Yamabushi-Bergasketismus) eine zentrale Rolle einnimmt. An den heiligen Wasserfällen von Nachi, Kiyotaki und Tarumi-Otaki wird sie bis heute regelmäßig praktiziert.
Helen Hardacre hat in «Shinto. A History» (2017) die Verbreitung des Misogi in der modernen japanischen Religiosität dokumentiert und auf die zunehmende Aufnahme durch Geschäftsleute, Künstler und Sportler hingewiesen, die Misogi als spirituelle Disziplin verstehen.
Synkretismus mit dem Buddhismus
Mit dem Einzug des Buddhismus nach Japan im sechsten Jahrhundert und der zunehmenden Synthese von Kami– und Buddha-Verehrung wurde Izanagi in das honji-suijaku-System integriert, in dem Kami als japanische Erscheinungsformen indischer Buddhas und Bodhisattvas gedeutet wurden.
Izanagi wurde häufig mit dem Buddha Dainichi-Nyorai (Mahāvairocana) identifiziert, dem kosmischen Sonnen-Buddha der Shingon-Schule. In der Tendai-Schule galt er als irdische Manifestation des kosmischen Schöpferprinzips. Diese Identifikationen sind in mittelalterlichen Schriften wie dem «Yotenki» (12. Jahrhundert) und im «Reikiki» (13. Jahrhundert) systematisch ausgearbeitet.
Mit der Meiji-Restauration und der erzwungenen Trennung von Shintō und Buddhismus (Shinbutsu-bunri, 1868) verlor Izanagi diese buddhistischen Konnotationen offiziell. In der Volksreligion blieben jedoch synkretistische Praktiken erhalten, besonders an den großen Doppelheiligtümern, an denen Schrein und Tempel räumlich verbunden waren.
Mark Teeuwen hat in «Buddhas and Kami in Japan» (2003) die wechselseitige Durchdringung beider Sphären für Izanagi und die anderen Hauptkami detailliert dargestellt.
Izanagi in der modernen Religionspolitik
In der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) wurde Izanagi im Rahmen des Staats-Shintō ideologisch aufgeladen. Als Vater der Sonnengöttin und damit Großvater der mythischen Kaiserdynastie wurde er zum Urvater der Nation stilisiert.
Schullehrbücher der Vorkriegszeit präsentierten ihn neben Izanami und Amaterasu als Stammgottheit des japanischen Volkes. Das Schreingelände von Awajishima wurde 1924 zu einem nationalen Wallfahrtsort ausgebaut, der die mythische Genealogie touristisch und ideologisch erschließbar machte.
Nach 1945 brach diese ideologische Überlastung weitgehend zusammen. Im Rahmen der amerikanischen Besatzungspolitik wurde der Staats-Shintō abgeschafft (Shintō-Direktive vom 15. Dezember 1945), und die nationale Genealogie wurde aus dem Schulunterricht entfernt.
Izanagi blieb als religionshistorische Figur und als Hauptgott des Taga-Taisha und Awaji-Izanagi-Jingū erhalten, ohne weiter zur Reichsideologie beizutragen. Klaus Antoni und Helen Hardacre haben in mehreren Arbeiten diese Transformation dokumentiert und die heutige Stellung Izanagis als historische, nicht mehr politische Figur charakterisiert.
Vergleichende Mythologie
Die Forschung hat den Izanagi-Mythos in mehreren typologischen Komplexen verortet. Der wichtigste ist der Komplex des «Orpheus-Eurydike-Mythologems»: der Abstieg eines Gottes oder Helden in die Unterwelt, um die verlorene Geliebte zurückzuholen, der Tabu-Bruch und die endgültige Trennung.
Karl Florenz hat diese Parallele bereits 1919 gezogen; spätere Studien (Joseph Kitagawa, Yves Bonnefoy, Burkert) haben sie weiter vertieft und auf die mesopotamische Inanna-Dumuzi-Erzählung, die polynesische Hine-nui-te-pō-Erzählung und auf indianisch-zirkumpolare Parallelen ausgedehnt.
Ein zweiter Komplex ist der der «Geschwister-Inzest-Schöpfung»: zwei urgöttliche Geschwister vermählen sich und schaffen die Welt. Dieser Komplex ist im ägyptischen Schu-Tefnut-Paar, im chinesischen Fuxi-Nüwa-Paar, in der hethitischen Mythologie und in zahlreichen indianischen Traditionen belegt.
Der dritte Komplex ist der der «Vegetations- und Tod-Mythos»: die Geburt des Feuers verbrennt die Mutter, und aus den Klagen entstehen neue Götter. Hier ergeben sich Parallelen zur mexikanischen Coatlicue, zur griechischen Demeter-Kore-Erzählung und zur indischen Skanda-Geburt.





