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Ryujin, japanischer Drachengott des Meeres

Ryujin ist ein japanischer Drachengott des Meeres, der vom Palast auf dem Meeresgrund über Gezeiten und Stürme gebietet. Ryūjin, auch Ōwatatsumi-no-Kami genannt, ist im japanischen Shintō der Drachenkönig des Meeres und damit der Hauptgott der Tiefsee, der Gezeiten und der Wasserwesen.

Sein Palast «Ryūgū-jō» liegt nach mythischer Vorstellung tief unter dem Pazifik, gebaut aus Korallen und Perlmutt. Ryūjin verbindet zwei religionsgeschichtliche Linien: die archaische japanische Verehrung des Meeresgottes Watatsumi und die buddhistisch-chinesische Tradition des nāga-Drachen, die in den ostasiatischen Buddhismus eingegangen ist.

GottJapan

Inhaltsverzeichnis

Ryujin - Götter aus der Japan-Tradition, historisch-illustrativ

Name, Etymologie und Identifikation

Der Name Ryūjin setzt sich zusammen aus «ryū» (Drache, Schriftzeichen 龍) und «jin» (Gottheit, Schriftzeichen 神). Im «Kojiki» und «Nihon Shoki» erscheint die Hauptfigur unter dem Namen Watatsumi-no-Kami (auch Owatatsumi, «Großer Wassermeister»).

Erst im Mittelalter, mit dem Einzug buddhistischer Drachenvorstellungen aus China und Indien, verschmolz die Watatsumi-Figur mit den nāga-Königen zu einer einzigen Gestalt, dem Drachenkönig Ryūjin. Der älteste Beleg für die Drachen-Identifikation findet sich in der Erzählung über Hoori im «Kojiki», wo der Palast bereits als Drachenpalast beschrieben wird.

In manchen Texten wird Ryūjin mit dem Bruder Watatsumis identifiziert oder als sein nachgeordneter Vertreter gedacht; die Quellen sind hier nicht einheitlich. Nelly Naumann («Die einheimische Religion Japans», 1988 und 1994) hat die Schichten der Watatsumi-Tradition rekonstruiert und zwischen einer küstennahen Fischer-Religiosität und einer höfisch-mythologischen Bearbeitung der Heian-Zeit unterschieden.

Mythos von Hoori und Toyotama-hime

Die zentrale Ryūjin-Erzählung steht im «Kojiki» (Buch I, Schlussabschnitt) und im «Nihon Shoki» und ist Teil des Yamato-Reichsmythos. Sie gilt als Bindeglied zwischen den Götter- und den Menschenherrschern.

Der Bruder Hoori (auch Yamasachi-hiko, «Bergglück-Prinz») verliert beim Tausch der Werkzeuge mit seinem Bruder Hoderi den Angelhaken im Meer. Auf der Suche nach diesem Haken steigt er hinab in den Palast des Meereskönigs, wo er drei Jahre als Gast lebt und dessen Tochter Toyotama-hime heiratet.

Toyotama-hime wird schwanger und folgt Hoori an die Oberfläche, um zu gebären. Beim Niederkommen verbietet sie ihm, sie anzusehen, weil sie in ihrer wahren Drachengestalt entbindet. Hoori bricht das Tabu, erblickt sie als riesigen Wani (Krokodil oder Drache) und sie flüchtet beschämt ins Meer zurück, lässt das Kind bei Hoori.

Aus diesem Kind, Ugayafukiaezu, geht später Jimmu-tennō hervor, der mythische erste Kaiser Japans. Das Tabu-Bruch-Motiv zeigt enge Parallelen zur Izanagi-Erzählung und ist Gegenstand mythen-vergleichender Forschung (Joseph Kitagawa, Klaus Antoni).

Symbole, Attribute und Wesen des Hofstaats

Ryūjin wird in der bildenden Kunst als alter, weiser Mann mit Bart dargestellt, oft mit Krone und Drachen-Insignien, manchmal direkt in Drachengestalt mit langem schlangenartigem Körper, vier Klauen und Geweih ähnlich dem chinesischen Long.

Sein Hauptattribut sind die beiden Gezeitenjuwelen, Shio-mitsu-tama (Flutjuwel) und Shio-hiru-tama (Ebbejuwel), die er Hoori als Hochzeitsgabe schenkt und mit denen dieser später seinen Bruder Hoderi besiegt.

Zum Hofstaat Ryūjins gehören diverse Meeresbewohner: Quallen, Tintenfische, Fische, Schildkröten. Die Schildkröte spielt eine wichtige Rolle als Bote und Reittier; in der Urashima-Tarō-Sage ist sie diejenige, die den Fischer in den Drachenpalast führt.

Ryūjin hat in den Mythen zahlreiche Kinder, darunter Toyotama-hime und ihre jüngere Schwester Tamayori-hime, die später Hoori und seinen Sohn heiraten und die kaiserliche Linie mit Drachenblut verbinden.

Verehrung, Schreine und Rituale

Ryūjin wird vor allem in Küstenregionen verehrt, von Fischern, Tauchern (Ama) und Seeleuten. Bedeutende Schreine sind Ryūgū-jinja in der Präfektur Mie auf der Halbinsel Shima, der Shika-no-Umi-jinja in Fukuoka (einer der ältesten Schreine Japans, im Engishiki bereits genannt), Watatsumi-jinja in Tsushima und der Enoshima-jinja vor Kamakura.

Letzterer ist mit der Legende von Benzaiten und dem Drachenkönig verbunden, die häufig parallel verehrt werden.

Bei rituellen Zeremonien an der Küste werden Ryūjin Reis, Sake und Salz dargebracht, oft auch Fisch, der ins Meer zurückgegeben wird. Vor langen Seereisen war es üblich, an Drachenschreinen zu beten; bei Stürmen warfen Fischer rituelle Opfer ins Meer.

In Tsushima und Iki gibt es bis heute Drachen-Feste mit Bootsprozessionen. Der Bukatsuchi-no-mikoto-Ritus an der Bucht von Mikuriya bezieht sich auf die Versöhnung mit den Wasserwesen.

Ryūjin im Buddhismus: Synkretismus mit Nāgaraja

Mit dem Einzug des Buddhismus nach Japan im 6. Jahrhundert wurde der einheimische Meeresgott zunehmend mit den nāga-Königen der indischen Tradition identifiziert. Die acht großen nāga-Könige (Mahānāgarāja) erscheinen im Lotos-Sutra in Kapitel 1 als Zuhörer des Buddha und werden in Japan als «Hachidai-Ryūō» verehrt.

Ihr Anführer Sāgara («Ozean») wird oft mit Ryūjin gleichgesetzt. Die Tochter Sāgaras erlangt im Lotos-Sutra (Devadatta-Kapitel) die Buddhaschaft trotz ihrer tierischen Form und ihres Geschlechts; dieser Bericht hatte erhebliche Wirkung auf die buddhistische Frauenfrage in Japan.

In der Shingon-Tradition werden die Drachenkönige beim Regen-Ritus angerufen; der Kūkai zugeschriebene Regenmacher-Ritus am Shinsen-en-Teich in Kyoto (im Jahr 824 dokumentiert) gilt als klassische japanische Anwendung dieser Praxis. Im Zen wird der Drache zum Symbol der Erleuchtung; das Drachen-Bild an der Decke vieler Zen-Tempel-Haupthallen geht auf diese Tradition zurück.

Volkserzählungen: Urashima Tarō und andere Märchen

Die bekannteste Volkserzählung um Ryūjin ist die Sage von Urashima Tarō, in einer frühen Form bereits im «Man’yōshū» (8. Jahrhundert, Gedicht 1740) sowie im «Tango-fudoki» bezeugt.

Ein junger Fischer rettet eine Schildkröte, wird in den Drachenpalast geführt, lebt dort drei Jahre und kehrt mit einer Kassette zurück, deren Öffnung ihn altert: Auf der Erde sind in seiner Abwesenheit hunderte Jahre vergangen.

Das Motiv des verzerrten Zeitablaufs in der Anderen Welt findet sich im keltischen, hawaiianischen und chinesischen Vergleichsmaterial. Klaus Vollmer und Bernhard Scheid haben in mehreren Arbeiten die Adaptionsgeschichte dieser Erzählung verfolgt.

Religionsgeschichtliche Einordnung und Querverweise

Ryūjin gehört zu einem pan-asiatischen Drachenkomplex, der vom indischen nāga über den chinesischen Long bis zum koreanischen Yong reicht. Anders als der westeurasische Drache (Lindwurm, Tiamat, Leviathan) wird der ostasiatische Drache nicht als feindliches Chaos-Wesen verstanden, sondern als ambivalente, oft wohltätige Macht.

Christine Guth und Nelly Naumann haben in mehreren Aufsätzen die japanische Spezifik der Drachen-Vorstellung herausgearbeitet, in der das Wasser-Wesen-Drachen-Kontinuum bis in die Volksreligion der Edo-Zeit lebendig blieb.

In der modernen Populärkultur ist Ryūjin in Werken wie «Spirited Away» (Hayao Miyazaki, 2001) als Haku, in «Dragon Ball» als Shenlong und in zahlreichen Anime- und Game-Adaptionen präsent. Die Drachen-Ikonografie hat sich von der religiösen in eine ästhetisch-narrative Sphäre verlagert, ohne ihre Wurzeln zu verlieren.

Quellen

«Kojiki» (712), Buch I, Hoori-Episode. «Nihon Shoki» (720), Buch II. «Man’yōshū» (8. Jahrhundert), Gedicht 1740 (Urashima-Tarō). «Tango-fudoki» (8. Jahrhundert, Fragmente). «Engishiki» (927). «Lotos-Sutra», Devadatta-Kapitel und Eröffnungskapitel.

Nelly Naumann, «Die einheimische Religion Japans», 2 Bände, Leiden 1988 und 1994. Klaus Antoni, «Shintô und die Konzeption des japanischen Nationalwesens», Leiden 1998. Joseph Kitagawa, «Religion in Japanese History», New York 1966. Helen Hardacre, «Shinto. A History», Oxford 2017. Christine Guth, «Asobi.

Play in the Arts of Japan», New York 1996. Klaus Vollmer, «Shintô und Buddhismus», München 2002. Bernhard Scheid, «Religion-in-Japan: Ein digitales Handbuch», Wien laufend. Inken Prohl, «Religiöse Innovationen», Berlin 2006.

Watatsumi und die mythische Geografie der Meere

Die altjapanische Vorstellung des Meeres unterscheidet zwischen mehreren mythischen Wassersphären, die im Verlauf der mittelalterlichen Tradition zu der zentralen Ryūjin-Figur verschmolzen. Im Kojiki erscheinen die «Watatsumi-no-Kami» als Trio: Soko-tsu-Watatsumi («Boden-Wassergott»), Naka-tsu-Watatsumi («Mitte-Wassergott») und Uwa-tsu-Watatsumi («Ober-Wassergott»), die bei der Reinigung Izanagis aus dem Misogi-Wasser entstehen.

Diese Dreiheit gilt als ältester Watatsumi-Komplex und wird in der mittelalterlichen Tradition häufig in einer einzigen Ryūjin-Figur zusammengefasst, ohne dass die Dreiheit liturgisch verschwunden wäre.

Die regionalen Watatsumi-Traditionen sind sehr unterschiedlich. Auf Tsushima und Iki, den nordkyūshū-vorgelagerten Inseln, dominiert eine ältere Schicht der Anbetung, die enge Verbindungen zur koreanischen Meerkönig-Tradition aufweist.

In Shimane und der Westküste Honshus hingegen mischen sich Watatsumi-Vorstellungen mit dem regionalen Susanoo-Kult, was zu komplizierten lokalen Mischtraditionen führt. Nelly Naumann hat in mehreren Detailuntersuchungen diese regionalen Schichten herausgearbeitet und auf ihre Bedeutung für die Religionsgeschichte des japanischen Meeresgottes hingewiesen.

Der Ryūgū-jō und seine literarische Tradition

Der Drachenpalast Ryūgū-jō («Burg des Drachenpalasts») ist eines der zentralen Motive der japanischen Erzählliteratur. In Kojiki, Nihon Shoki, Konjaku Monogatari, in zahlreichen Setsuwa-Sammlungen und in den Nō-Theaterstücken («Tamamo-no-Mae», «Ama» und andere) erscheint er als ein leuchtender, palastartiger Ort unter dem Meer.

Die typische Beschreibung umfasst Korallen-Säulen, Perlmutt-Fußböden, Edelstein-Wände, Sonnenlicht trotz Meerestiefe, riesige Festhallen und eine zeitlich anders strukturierte Realität, in der Stunden zu Jahrhunderten werden können.

Im «Heike-Monogatari» und in der späteren Mittelalter-Erzählliteratur wird der Ryūgū-jō zum Ort, an den die im Meer ertrunkenen Helden des Heike-Krieges entrückt werden. Diese Vorstellung verbindet den Drachenpalast mit dem Jenseits-Bereich und macht ihn zu einer japanischen Variante der «Inseln der Seligen»-Topos.

Christine Guth und Bernhard Scheid haben gezeigt, dass die mittelalterliche Literarisierung des Ryūgū-jō im Wesentlichen eine höfische Konstruktion ist, die ältere Fischer-Vorstellungen aufnimmt und in einer eleganten Erzählform verdichtet.

Die Tochter des Drachenkönigs und die Buddhaschaft

Eine der einflussreichsten Passagen über einen Drachenkönig im ostasiatischen Buddhismus steht im «Devadatta»-Kapitel des Lotos-Sutras. Dort tritt die achtjährige Tochter des nāga-Königs Sāgara auf, präsentiert dem Buddha einen Edelstein und erlangt augenblicklich die volle Buddhaschaft.

Diese Erzählung ist religionsgeschichtlich aus zwei Gründen bedeutsam: Sie zeigt, dass auch Tiere (Drachen) und Frauen die Buddhaschaft erlangen können, was im patriarchalischen und anthropozentrischen Frühbuddhismus revolutionär war.

In der japanischen Tradition wurde diese Erzählung intensiv aufgenommen und mit dem einheimischen Drachenkomplex verbunden. In der Tendai- und Nichiren-Schule galt die «Tochter des Drachenkönigs» als Schlüsselbeleg für die universale Buddha-Natur. Dōgens «Shōbōgenzō» behandelt die Episode mehrfach.

Im japanischen Volksglauben verband sich die Figur mit Benzaiten, der Wassergöttin der Sieben Glücksgötter, und mit verschiedenen lokalen Wassergottheiten. Diese Verschmelzung von indischer nāga-Theologie, chinesischer Long-Mythologie und japanischer Watatsumi-Religion ist ein klassisches Beispiel ostasiatischer Religionsintegration.

Drachenpfade und heilige Berge

Die japanische Volksreligion kennt das Konzept der «Drachenpfade» («ryūmyaku»), unterirdischer Wasseradern, die heilige Berge mit Quellen, Flüssen und schließlich dem Meer verbinden. Diese Vorstellung ist in der Shugendō-Tradition besonders ausgeprägt und prägt die religiöse Geografie zahlreicher heiliger Berge wie Ontake, Hakusan, Tateyama und besonders Fuji.

Der Heisei-jingu-Schrein am Fuß des Fuji ist Watatsumi gewidmet und unterhält rituelle Verbindungen zum Drachenwesen, das in den Kratergewässern und an den großen Wasserfällen wirken soll.

An den Wasserfällen Nachi (Wakayama), Kegon (Nikko) und Ryūzū (ebenfalls Nikko, bedeutet «Drachenkopf») wird der Drachenkönig in lokalen Riten angerufen. Diese Wasserfälle gelten als Manifestationen Ryūjins und sind klassische Stationen der Misogi-Wasserreinigung und der Shugendō-Bergaskese.

Der berühmte Nachi-no-Otaki, der größte Wasserfall Japans (133 m), war seit dem 8. Jahrhundert ein heiliger Ort und wurde 2004 von der UNESCO als Teil der «Sacred Sites and Pilgrimage Routes in the Kii Mountain Range» zum Weltkulturerbe erklärt.

Regenbittriten und Drachenanrufung

Bei langanhaltender Dürre wurde in vielen japanischen Regionen eine spezielle Form der Regenbittprozession durchgeführt, die als «Ryūjin-matsuri» («Drachenfest») oder als «amagoi» («Regen-Bitte») bezeichnet ist. Dabei wird ein Drachen-Bildnis aus Bambus, Papier und Stoff angefertigt und durch das Dorf zu einem Schrein oder Wasserfall getragen.

Manchmal wird ein realer oder symbolisch dargestellter Frosch oder Aal in eine Holzkiste eingesperrt und in einer Bittprozession durch das Dorf geführt; die Annahme ist, dass der Drachenkönig auf das Leiden seiner Untertanen mit Regen reagieren wird.

In der Shingon-Tradition wurde der berühmte «Shingon-Regenmacher-Ritus» am Shinsen-en-Teich in Kyoto im Jahr 824 erstmals durchgeführt. Kūkai soll dabei den Drachenkönig der Anavatapta-See (in der indisch-buddhistischen Geografie der mythische Quellsee des Himalaya) angerufen und damit nach drei Tagen Regen herbeigeführt haben.

Dieser Ritus wurde in der Heian-Zeit zu einer kanonischen Praxis und in den großen Schingon-Tempeln Tō-ji und Daikaku-ji bis in die Neuzeit fortgeführt.

Sicht der modernen Religionswissenschaft

In der modernen Forschung wird Ryūjin als Schlüsselbeispiel der ostasiatischen Religionshybridisierung gelesen. Helen Hardacre, Bernhard Scheid und Klaus Vollmer haben in mehreren Studien gezeigt, dass die Verschmelzung von einheimischem Watatsumi mit indischem nāga und chinesischem Long in der japanischen Religionsgeschichte ein paradigmatischer Fall für die Mehrschichtigkeit jeder gewachsenen Religionspraxis ist.

Anders als die analytisch saubere Religionsphilologie suggeriert, gehört diese Verschmelzung zur normalen Wirklichkeit lebendiger Religiosität.

Inken Prohl hat in ihren Untersuchungen zur modernen japanischen Religiosität betont, dass die Drachenfigur in der zeitgenössischen Spiritualität, in Heilungspraktiken und in der populären Esoterik einen erstaunlichen Renaissance erlebt. Drachenkraft-Symbole, Drachen-Tattoos, Drachen-Schmuck und Drachen-Meditationen sind in Japan, in der ostasiatischen Diaspora und zunehmend auch im westlichen New-Age-Milieu verbreitet.

Diese moderne Drachen-Aufladung speist sich nur teilweise aus dem historischen Ryūjin-Kult, sondern verbindet ihn mit Elementen des chinesischen Feng-Shui, der westlichen Drachen-Imagination (Smaug, Tolkien) und der populären Fantasy-Kultur.

Ainu-Parallelen und nordpazifische Meeres-Religiosität

Eine eigene religionshistorische Spur führt vom japanischen Ryūjin in die Ainu-Religion der nordjapanischen Hauptinseln und Sachalins. Der Ainu-Walgott Repun-Kamuy ist ebenfalls ein Meeres-Herr, der über Wale, Fische und die Fischerei herrscht; er erscheint als Mensch im Walanzug, der in einer Welt unter dem Meer lebt.

Strukturelle Parallelen sind die Verbindung mit Walen, das Tausch-Verhältnis mit den Fischern und die Verbots-Logik. Diese Parallelen verweisen auf eine breitere nordpazifische Meeres-Religiosität, die von den Aleuten und Tlingit bis zu den Itelmenen Kamtschatkas und den Ainu reicht.

Nelly Naumann und Klaus Vollmer haben gezeigt, dass die japanische Watatsumi-Religion (vor ihrer Verschmelzung mit dem chinesisch-buddhistischen Drachenkomplex) wesentliche Elemente dieser pan-pazifischen Meeres-Tradition enthielt.

Die mittelalterliche Verschmelzung mit dem nāga- und Long-Komplex überlagerte diese Schicht, ohne sie vollständig zu verdrängen. In Küstendörfern Tsushimas und Hokkaidos haben sich Spuren dieser archaischen Schicht bis in die Moderne erhalten.

Kūkai und der Shinsen-en-Regenmacher-Ritus

Der Shinsen-en-Regenmacher-Ritus, der 824 unter Kaiser Junna in Kyoto durchgeführt wurde, gehört zu den am besten dokumentierten Drachen-Ritualen der japanischen Religionsgeschichte. Kūkai, der Begründer der Shingon-Schule, soll in einem Wettstreit mit dem konfuzianisch-daoistischen Mönch Shubin den Drachenkönig der mythischen Anavatapta-See angerufen haben.

Anavatapta gilt im indisch-buddhistischen Weltbild als der mythische Quellsee des Himalaya, in dem die acht großen Drachen-Könige des Lotos-Sutras residieren. Nach dreitägigem Ritual setzte heftiger Regen ein, und Kūkais Rang in der höfischen Hierarchie wurde erheblich gestärkt.

Der Ritus selbst wurde in den folgenden Jahrhunderten kanonisiert und zum festen Bestandteil des Shingon-Liturgie-Repertoires. Im Tō-ji und im Daikaku-ji finden sich bis heute liturgische Hand- und Lehrbücher, die die Praxis detailliert beschreiben.

Die Verbindung von indischer nāga-Theologie, chinesischer Anavatapta-Geografie und japanischer Wettermagie ist ein historisch besonders dichtes Beispiel für die ostasiatische Religionsintegration.

Der Drache in der Zen-Tradition

Im Zen-Buddhismus hat der Drache eine eigene symbolische Bedeutung erhalten. Anders als im Reine-Land-Buddhismus oder im Shingon ist er nicht primär ein anrufbarer Gott, sondern ein Bild der Erleuchtung selbst.

Der berühmte «Drache des Hōzō-In»-Spruch lautet: «Der Drache singt im verdorrten Baum», eine paradoxe Formulierung, die die Plötzlichkeit und Unerwartbarkeit der Buddha-Natur ausdrücken soll. In den Decken vieler Zen-Tempel-Haupthallen sind großformatige Drachen-Wandmalereien angebracht, die diese symbolische Bedeutung visualisieren.

Die berühmtesten Drachen-Decken finden sich in Kenninji (Kyoto, gemalt von Koizumi Junsaku, 2002), Tofukuji (Kyoto, gemalt von Dōmoto Inshō, 1934) und Tenryuji (Kyoto, gemalt von Kayama Matazo, 1997).

Die Drachen-Darstellungen zeigen meist ein einzelnes, riesiges Drachenwesen, das sich quer über die Decke der Versammlungshalle zieht; der Blick der Mönche während der Meditation fällt auf dieses Bild und soll die meditative Konzentration unterstützen.

Einordnung & Schutz

IISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe II zu – Spürbare Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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