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Hi'iaka - Hawaiianische Göttin des Hula, der Heilung und Heldin des Pele-Zyklus

Hi’iaka, mit vollem Namen Hi’iakaikapoliopele (‚Hi’iaka im Schoss der Pele‘), ist die jüngste Schwester der Vulkangöttin Pele und Heldin eines der zentralen Mythenkreise der hawaiianischen Tradition. Sie ist Patronin des Hula, der Heilung, der waldigen Lebensräume und steht zugleich für Loyalität und Selbstbehauptung.

GöttinPolynesien / MaoriTanz- und Naturgottheit

Inhaltsverzeichnis

Hi Iaka - Götter aus der Polynesisch-maori-Tradition, historisch-illustrativ

Hi’iaka, Schwester der Vulkangöttin, ist eine zentrale Figur im Pele-Zyklus der hawaiianischen Mythologie.

Einordnung im hawaiianischen Pantheon

Hi’iaka ist eine der zahlreichen Schwestern der Vulkangöttin. Die Gruppe der Hi’iaka-Schwestern umfasst mehrere Frauen mit dem Namen Hi’iaka und unterschiedlichen Beinamen. Diese Vielheit kann als Mehrfachexistenz oder als poetische Aspekte einer Figur gelesen werden.

Martha Beckwith und Mary Kawena Pukui dokumentieren die Komplexität der Hi’iaka-Familie. Religionswissenschaftlich ist Hi’iaka eine Figur, die in mehreren Bereichen wirkt: Hula, Heilung, Waldfloren, Loyalität. Diese Mehrdimensionalität ist typisch für polynesische Atua, die nicht über ein einziges Attribut definiert sind.

Die religiöse Tradition, in der Hi’iaka steht, kennt – ähnlich der Maori-Theologie – keine systematische Doktrin und kein abgeschlossenes Lehrgebäude. Was die Atua an Wirklichkeit besitzen, gewinnen sie im Vollzug: im Karakia, in den Versammlungen auf dem Marae, in den Whakapapa-Rezitationen.

Religionswissenschaftlich gilt diese auf Praxis gestützte Theologie als eigenständiger Beitrag zum Fach; Mary Ann Boord und Edward Tregear haben sie in ihren religionsethnographischen Untersuchungen zu Polynesien systematisch ausgearbeitet.

Wer Hi’iaka erforscht, trifft auf eine grundsätzliche Schwierigkeit der polynesischen Religionsforschung: Zahlreiche Quellen stammen aus dem kolonialen 19. Jahrhundert und sind durch die Wahrnehmung von Missionaren und Ethnologen eingefärbt. Die neuere Forschung arbeitet daher beständig an einer Dekolonisierung dieser Bestände, indem sie polynesische Stimmen in den Mittelpunkt rückt und westliche Ordnungsbegriffe kritisch befragt.

Stellt man die polynesische Religion neben andere indigene Religionen Ozeaniens, Australiens und Südostasiens, fällt eine doppelte Eigenschaft auf: An Grundmotiven bleibt sie bemerkenswert konstant, passt sich aber zugleich lokal an. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Universalität und Lokalität – im Hi’iaka-Stoff ebenso greifbar wie anderswo – bildet einen wichtigen Untersuchungsgegenstand der Pazifik-Religionsethnologie.

Name und Etymologie

Der Name Hi’iaka bedeutet ’sich erhebende Wolke‘ oder ‚Wolke, die aufsteigt‘. Das Präfix Hi’i bezeichnet das Tragen, das Halten im Arm. Die Erzählung von Hi’iaka ‚im Schoss der Pele‘ verweist auf den mythischen Anfang: Hi’iaka wurde als Ei von der älteren Schwester in der Achselhöhle nach Hawai’i gebracht und dort ausgebrütet.

Die Vielzahl der Schwestern mit demselben Hauptnamen ist linguistisch interessant: Beinamen verraten Funktion oder geografische Zugehörigkeit. Pukui beschreibt diese Praxis als typisch für hawaiianische Theologie, in der ein ‚Name‘ mehrere Aspekte trägt.

Dass mehrere Schwestern den Namen Hi’iaka tragen und dazu noch zahlreiche Beinamen kursieren, ist sprachgeschichtlich aufschlussreich: Solche Namensfülle verweist auf eine mündliche Überlieferung, die sich regional reich ausdifferenziert hat.

Die linguistische Tiefe der Maori- und hawaiianischen Theonyme ist in den Lexikon-Arbeiten von Bruce Biggs und Hugh Clarke dokumentiert – eine Forschung, die zugleich grundlegend ist, um die Verwandtschaft der polynesischen Sprachen zu verstehen.

Die Beinamen der Hi’iaka-Schwestern sind in vielen Fällen mehr als nur Zier. Sie kodieren bestimmte rituelle Funktionen und liegen in den Karakia-Formeln fest. Die Tohunga, die rituellen Spezialisten, wussten genau, welcher Beiname in welcher Situation anzurufen war. Diese genau geregelte liturgische Praxis untersuchen Charles Royal und Pou Temara.

Beschreibung und Ikonografie

Hi’iaka wird traditionell als junge, schöne Frau dargestellt, die mit Blumen, Kräutern und Farnen geschmückt ist. Ihre Lieblingsblume ist die rote Lehua-Blüte des Ohia-Baums (Metrosideros polymorpha), die im Vulkangebiet wachst. Die Ohia-Lehua-Verbindung ist mythologisch zentral: Ohia und Lehua sind Liebende, die die Vulkangöttin in einen Baum und seine Blüte verwandelte; Hi’iaka trauert um sie.

Bildliche Darstellungen Hi’iakas zeigen sie meist tanzend, mit einer Lei (Blumenkette) aus Lehua-Blüten. In modernen Hula-Tradition erscheint Hi’iaka in zahlreichen Mele (Liedern) und Choreografien als zentraler Bezugspunkt.

In den letzten Jahrzehnten ist das Schnitzhandwerk der Maori und Hawaiianer zu neuer Lebendigkeit gefunden. Schnitzer wie Cliff Whiting, Robyn Kahukiwa, Wright Bowman und Sam Kaʻai verbinden überlieferte Formensprache mit eigenständigen Bearbeitungen. Für eine Figur wie Hiʻiaka, die mit dem Hula, mit Heilpflanzen und dem Gedeihen des Bewuchses verknüpft ist, sind solche Werke aufschlussreich: Pflanzliche Motive, Lei und tanzende Gestalten greifen ihren Bezug zur lebendigen Natur und zum überlieferten Tanz bildlich auf und tragen ihn in die Gegenwart weiter.

In ihren Werken nehmen die Atua, unter ihnen Hi’iaka, vielfältige Gestalt an; ihre ikonografische Gegenwart reicht damit bis in die heutige Kunst.

Polynesische Kunst lässt sich nicht von ihrer kosmologischen Bedeutung trennen. Jede Spirale (koru), jede Verzierung und jede Linie trägt religionsphänomenologischen Sinn – auch dort, wo Hi’iaka mit Lehua-Blüten und Farnen dargestellt ist. Roger Neich, Damian Skinner und weitere Kunsthistoriker haben diese Bedeutungsschichten systematisch erschlossen.

Der Hi'iaka-Pele-Zyklus

Der zentrale Mythos um Hi’iaka ist ihre Reise nach Kaua’i, um den Liebsten der Vulkangöttin, Lohi’au, zu holen. Pele liegt in Trance und sendet Hi’iaka aus.

Hi’iaka erhält drei Gaben: einen Rock aus Lehua-Blättern, die Kraft des Blitzes und ihre Freundin und Begleiterin Wahine’oma’o. Sie verspricht, in 40 Tagen zurück zu sein, und stellt nur eine Bedingung: die Schwester möge ihren Wald und ihre Freundin Hopoe nicht berühren.

Auf der Reise erlebt Hi’iaka zahlreiche Abenteuer. Sie bekämpft Mo’o (Drachenfrauen), heilt Kranke, weckt Lohi’au vom Tod, überwindet stürmische Meere. Die Reise dauert länger als versprochen, die Vulkangöttin wird ungeduldig, vernichtet Hi’iakas Wald und Hopoe mit Lavaflüssen. Diese komplexe Erzählung ist in mehreren Aufzeichnungen überliefert, am wichtigsten bei Nathaniel Emerson (1915) und Ka’ili (2006).

Der Hi’iaka-Pele-Zyklus ist wissenschaftlich nicht als geschlossene Erzählung zu verstehen, sondern als ein Netz von Erzählungen, die einander wechselseitig erläutern und in den einzelnen Stammestraditionen unterschiedlich gewichtet werden.

Diese rhizomatische, netzartige Struktur stellt die Erforschung methodisch vor Aufgaben, eröffnet ihr aber zugleich hermeneutische Tiefe. Abweichende Fassungen einer Geschichte gelten als gleichrangige regionale Ausprägungen, keineswegs als ‚falsch‘ oder ‚verfälscht‘.

Der Hi’iaka-Pele-Zyklus wird über die bloße Bewahrung im Gedächtnis hinaus aktiv weitergegeben – in Karakia, in den Reden auf dem Marae und im Unterricht. Er ist damit gelebte Praxis und kein stillgelegtes Archiv. Die Sprachprogramme für Te Reo Maori und Olelo Hawai’i haben diese Lebendigkeit in den vergangenen drei Jahrzehnten erheblich verstärkt.

Hi'iaka als Patronin des Hula

Hi’iaka gilt traditionell als eine der Schutzgöttinnen des Hula. Eine andere wichtige Hula-Göttin ist Laka, die in manchen Traditionen als eine der Hi’iaka-Schwestern aufgefasst wird. Hula ist weit mehr als ‚Tanz‘ im westlichen Sinn: eine umfassende religiös-körperlich-poetische Praxis, die Mele, Bewegungen, Kostüm, Pflanzen und Ahnenbezug verbindet.

Hula-Halau (Hula-Schulen) verehren traditionell Hi’iaka oder Laka als ihre Schutzgottheit. Vor jeder Aufführung und jedem Unterricht wird ein Pule gesprochen, ein Altar mit Pflanzen und Gaben aufgestellt. Diese Praxis ist heute lebendig und an vielen Hula-Halau weltweit verbreitet.

Dass Hi’iaka als Patronin des Hula verehrt wird, also einer Praxis, die Tanz, Lied und Ritus vereint, zeigt einen Grundzug der Religion von Maori und Hawaiianern: Ritus und alltägliche Tätigkeit greifen ineinander.

Religiöse Systeme, die das Heilige scharf vom Profanen scheiden, kennen das so nicht; hier durchziehen die Atua-Bezüge das gesamte Leben. Diese in der Lebenswelt selbst verankerte Religiosität ist Gegenstand religionsphänomenologischer Studien von Mason Durie, Charles Royal, Lilikala Kame’eleihiwa und weiteren polynesischen Gelehrten der Gegenwart.

Wie eng rituelle Praxis und Alltag miteinander verwoben sind, lässt sich auch an der Sprache ablesen: Begriffe wie mana, tapu, aroha oder hauora gehören heute zum allgemeinen Englisch Aotearoas und werden auch außerhalb religiöser Zusammenhänge gebraucht. Dass die Maori-Theologie sich so in den Sprachgebrauch eingeschrieben hat, dokumentiert ihre kulturelle Tiefenwirkung.

Hi'iaka als Heilerin

Hi’iaka ist in der hawaiianischen Tradition auch eine Patronin der Heilung. Im Zyklus selbst belebt sie Lohi’au zweimal vom Tod. Sie kennt Pflanzen, Karakia und Riten, die das Leben retten. Traditionelle Heilerinnen (Kahuna La’au Lapa’au) berufen sich teilweise auf Hi’iaka als Quelle ihres Wissens.

Wissenschaftlich ist die Verbindung von Tanz, Heilung und Naturwissen typisch polynesisch. Diese Bereiche bilden ein integriertes Wissensystem, eine Trennung kennt die Tradition hier nicht. Hi’iaka steht für dieses Wissensystem als ganzes. Mary Kawena Pukui (Nana I Ke Kumu, 1972) beschreibt die Verbindung im Detail.

Die polynesische Religion bleibt vor allem an Marae und Heiau lebendig, jenen Stätten, die Versammlungs- und Kultplatz in einem sind. Jeder Marae und jedes Heiau besitzt eine eigene Whakapapa, eigene Überlieferungen und eigene Atua-Bezüge – bei Hi’iaka als Heilerin auch solche, die mit Heilritualen verknüpft sind.

Ein Marae-Besuch beginnt mit dem Powhiri, dem Ritual, mit dem die Tangata Whenua ihre Gäste feierlich aufnehmen. Das ist keine zeremonielle Folklore, sondern gelebte religiöse Praxis und zählt wissenschaftlich zu den am besten dokumentierten polynesischen Begrüßungsritualen.

Im 20. und 21. Jahrhundert hat sich die Kultpraxis deutlich verändert. Wo früher die Tohunga im Zentrum standen, tragen den Ritus heute vielfach die Kaumatua, die Ältesten, sowie die Marae-Komitees. Religionssoziologisch ist diese Verlagerung aufschlussreich; Manuka Henare und Mason Durie erörtern sie in ihrer Forschung.

Kult und Schutztraditionen

Hi’iaka wird in der hawaiianischen Tradition durch Hula, durch Karakia und durch Pflanzenrituale verehrt. Wer in den Wald geht, um Lehua, Maile-Ranken oder Awa (Kava) zu sammeln, bittet zuerst Hi’iaka um Erlaubnis. Diese Praxis ist heute teilweise wiederbelebt im Rahmen kultureller Praktiken auf Hawai’i.

Schutzpraktiken im Hi’iaka-Bereich konzentrieren sich auf das richtige Verhalten in der Natur und auf das richtige Anrufen vor wichtigen Aufführungen oder Heilungsritualen. Im Mittelpunkt steht die rituelle Pflege der Beziehung zur Göttin, magische Schutzobjekte im westlichen Sinn spielen hier keine Rolle.

Beim Thema Schutz lohnt wissenschaftlich eine Klärung: Das westliche Verständnis denkt vom wirksamen Amulett her, das polynesische von der gepflegten Beziehung. Schutz ist hier relational und ritualisiert angelegt, statt auf magisch-kausaler Wirkung zu beruhen.

Wer zu einem Atua wie Hi’iaka in Beziehung steht und diese Beziehung unterhält, gilt als ‚geschützt‘ – der Grund liegt darin, dass eine bestehende Relation kosmologisch verbindlich ist, und gerade nicht in der Wirkung eines Gegenstands. In der Religionsanthropologie läuft dieser Gedanke unter dem Begriff der ‚relational ontology‘.

Die Schutzpraxis ist zudem ein Feld, auf dem sich Tradition und Moderne begegnen. Smartphone-Anwendungen mit Karakia, Online-Anleitungen zu Schutzritualen und virtuelle Marae-Besuche zeigen, dass die polynesische Religion neue Medien für ihre Praxis aufgreift. Diese Modernisierung ist als anpassungsfähige Weiterentwicklung zu verstehen, eine Verflachung liegt darin gerade nicht.

Parallelen in anderen Kulturen

Hi’iaka lässt sich vergleichen mit anderen Tanz- und Heilgöttinnen weltweit: Sarasvati (vedisch, Musik und Wissen), Terpsichore (griechisch, Tanz), Brigid (keltisch, Heilung und Dichtung). Die Verbindung von Tanz, Wissen und Heilung in einer Figur ist nicht selten.

Wichtiger als Universalien ist die spezifisch hawaiianische Ausprägung. Hi’iaka ist Schutzgöttin einer Praxis und zugleich Heldin eines konkreten Erzählzyklus. Diese narrative Dichte ist ein Spezifikum.

Solche universalen Strukturen religiöser Erfahrung haben Joseph Campbell und Mircea Eliade systematisch durchleuchtet. So grundlegend ihre Arbeiten sind, müssen sie doch für die konkreten polynesischen Zusammenhänge neu durchdacht werden, ohne in eine pan-globalisierende Vereinfachung abzugleiten. Die jüngere polynesische Forschung legt großen Wert auf diese kontextsensible Auslegung.

In der globalen Indigenous-Studies-Forschung werden die Parallelen zwischen polynesischen und anderen indigenen Religionen systematisch herausgearbeitet. Linda Tuhiwai Smith hat mit Decolonizing Methodologies (1999) methodische Massstäbe gesetzt, deren Wirkung über Polynesien hinaus international reicht.

Heutige Rezeption

Hi’iaka ist in der hawaiianischen Renaissance seit den 1970er Jahren eine zentrale Figur. Die Wiederbelebung des Hula als rituelle Praxis – nicht als Tourismusattraktion – ist eng mit Hi’iaka verknüpft. Der Merrie Monarch Festival, die wichtigste Hula-Veranstaltung Hawai’is, ist ein Ort, an dem die Hi’iaka-Tradition jährlich erneuert wird.

In Literatur und Film ist Hi’iaka weniger bekannt als Pele oder Maui, gewinnt aber zunehmend Sichtbarkeit. Marie Alohalani Browns Studien eröffnen eine moderne feministische Lektüre. Eine vertiefte Einordnung in die polynesische Religionsfamilie insgesamt zeigt die kulturelle Spezifik der hawaiianischen Ausprägung.

In der internationalen Debatte hat die polynesische Religion zunehmend Anerkennung als eigenständiges religiöses System gefunden und wird nicht länger als bloße ‚Mythologie‚ oder ‚Folklore‚ herabgesetzt.

Dass Begriffe wie mana, tapu, mauri und whakapapa Eingang in die wissenschaftliche Fachsprache gefunden haben, dokumentiert diesen Wandel. Ihr Gebrauch verlangt allerdings eine kontextuelle Sensibilität, die nicht voraussetzungslos zu haben ist.

Wie polynesische Religionen in der Populärkultur aufgegriffen werden – in Disney-Produktionen, im Tourismus, in esoterischer Literatur -, ist Gegenstand kritischer Debatten. Wo findet eine angemessene Vermittlung statt, wo wird verflacht oder verzerrt? Diese Fragen werden in Aotearoa und Hawai’i mit Nachdruck und in der Öffentlichkeit erörtert.

Forschung und Quellen

Wichtige Beiträge zu Hi’iaka stammen von Nathaniel Emerson, Martha Beckwith, Mary Kawena Pukui, Marie Alohalani Brown und Ka’ili. Emersons 1915er Werk ist die klassische Aufzeichnung; Ka’ilis 2006er Edition ist die modernste hawaiianisch-internen Bearbeitung. Brown eröffnet einen feministischen Zugang.

Hi’iaka ist eine lebendige Figur in einer lebendigen Tradition, die durch Hula-Halau, Kulturorganisationen und akademische Forschung gleichermaßen getragen wird.

Der Austausch zwischen den polynesisch-internen Wissenstraditionen und der akademischen Forschung ruht heute auf einem festen institutionellen Fundament: der Royal Society of New Zealand – Te Aparangi, dem Maori Studies Department der Auckland University, der University of Hawai’i at Manoa und der Stiftung Te Punga Tipu.

Diese Einrichtungen gewährleisten, dass die Forschung über Polynesien auch von Polynesien selbst getragen wird, statt allein von außen zu kommen.

Ein Bindeglied zur globalen Religionswissenschaft bilden jene Studien, die die polynesische Theologie als Beispielfall für eine nicht-westliche Religiosität heranziehen. Solche vergleichende Arbeit ist methodisch anspruchsvoll, eröffnet aber neue Sichtweisen darauf, wie Religion als kulturelles Phänomen zu verstehen ist.

Die Reise nach Kauaʻi und der Konflikt der Schwestern

Die bekannteste und am dichtesten überlieferte Erzählung um Hiʻiaka ist ihre Reise von der Insel Hawaiʻi nach Kauaʻi, die in zahlreichen Fassungen der hawaiischen Tradition festgehalten und im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in mehreren Zeitungsserien publiziert wurde.

Auslöser ist ein Auftrag ihrer älteren Schwester, der Vulkangöttin Pele: Hiʻiaka soll den von ihr im Traum begehrten jungen Mann Lohiʻau holen und binnen einer festgelegten Frist zurückbringen. Die Bedingung lautet, dass sie ihn nicht selbst berühren dürfe.

Die Reise entfaltet sich als eine Abfolge von Begegnungen mit feindlichen Geistwesen, moʻo genannten Echsenwesen und ortsgebundenen Mächten, die Hiʻiaka mit ritueller und kämpferischer Kompetenz überwindet. Begleitet wird sie von der Freundin Wahineʻomaʻo und zeitweise von der Tänzerin Hopoe, deren spätere Vernichtung durch die Göttin zum Wendepunkt wird.

Denn während Hiʻiakas Abwesenheit wartet die Vulkangöttin selbst die vereinbarte Frist nicht in der erwarteten Weise ab. Sie reagiert vielmehr mit Misstrauen und Zorn, lässt Lava über die Wälder fließen, die Hiʻiaka liebt, und tötet Hopoe. Als Hiʻiaka schließlich, durch Verlust und gebrochenes Vertrauen gelöst von ihrer Verpflichtung, Lohiʻau doch umarmt, eskaliert der Konflikt vollends.

Wissenschaftlich ist die Erzählung in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Sie verknüpft Topografie und Mythos: nahezu jede Station entspricht einem realen Ort, einem wahi pana, einem benannten und bedeutungsvollen Platz, sodass die Geschichte zugleich eine Art Landschaftsgedächtnis darstellt.

Sie ist außerdem eng mit dem hula verbunden, da Hiʻiaka als Schutzpatronin dieses Tanzes gilt und viele Gesänge der Tradition Episoden der Reise aufgreifen.

Die Forschung, etwa die Editionsarbeit zu den Fassungen von Hoʻoulumāhiehie und Nathaniel Emerson, weist darauf hin, dass die schriftlichen Versionen redaktionell bearbeitet und für ein verändertes Publikum zugeschnitten wurden. Die Spannung zwischen Loyalität, Auftrag und eigenem Empfinden, die der Mythos durchspielt, gilt vielen Interpreten als sein eigentlicher Kern.

Literatur (Auswahl)

  • Nathaniel Emerson: Pele and Hiiaka: A Myth from Hawaii (1915)
  • Martha Beckwith: Hawaiian Mythology (1940)
  • Mary Kawena Pukui: Nana I Ke Kumu (1972)
  • Marie Alohalani Brown: Facing the Spears of Change (2016)
  • Ka’ili: The Epic Tale of Hiiakaikapoliopele (2006)
  • Nathaniel Emerson: Unwritten Literature of Hawaii (1909)

Der Kult der Hi’iaka ist eng mit dem Hula als ritueller Tanzpraxis und mit den Vulkanlandschaften Hawai’is verbunden. Ihre Verehrung erfolgt traditionell innerhalb der hālau hula, der Tanzschulen, in denen Gesänge, Pflanzenwissen und Genealogien an die Schwester der Vulkangöttin weitergegeben werden. Der Kult überdauerte die Missionierung in Tanz, Lied und Familientraditionen.

Verwandte Schlüsselbegriffe: Hi’iaka Hawaii Hula Pele Lohi’au Ohia Lehua Hopoe.

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