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Hwanin, höchster Himmelsgott Koreas

Hwanin ist als höchster Himmelsgott Koreas im Gründungsmythos der Großvater des sagenhaften Reichsgründers Dangun. Hwanin (koreanisch 환인, 桓因) ist im koreanischen Gründungsmythos der höchste Himmelsherr und der Großvater des mythischen Stammvaters Dangun.

Seine Gestalt verbindet sich mit der koreanischen Identität als «Volk vom Himmel» und steht am Anfang der ältesten überlieferten Genealogie des koreanischen Königtums. Die wichtigste schriftliche Quelle ist das «Samguk Yusa» («Hinterlassene Aufzeichnungen der Drei Reiche»), das der buddhistische Mönch Iryeon (1206 bis 1289) im Jahr 1281 zusammenstellte.

GottKorea

Inhaltsverzeichnis

Hwanin - Götter aus der Korea-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage und textgeschichtlicher Hintergrund

Das «Samguk Yusa» ist die zentrale Quelle für die Hwanin-Tradition. Iryeon stützte sich darin auf ältere, heute verlorene Schriften wie das «Gogi» («Alte Aufzeichnungen»), das vermutlich aus der späten Goryeo-Zeit stammte.

Eine zweite wichtige Quelle ist das «Samguk Sagi» («Geschichte der Drei Reiche») von Kim Busik (1145), das jedoch konfuzianisch-rationalistisch ausgerichtet ist und mythische Elemente weitgehend ausspart. Hwanin erscheint dort nicht. Das «Jewang Ungi» des Yi Seunghyu von 1287 nennt ihn dagegen in einer Versgeschichte, die parallel zu Iryeon entstand.

James Grayson hat in «Korea: A Religious History» (1989) die Quellengeschichte rekonstruiert und gezeigt, dass die schriftliche Fixierung der Dangun-Hwanin-Tradition erst in der späten Goryeo-Zeit erfolgte, möglicherweise als Reaktion auf die mongolische Oberherrschaft.

Hong-Key Yoon hat darauf hingewiesen, dass die mythische Genealogie eine wichtige Rolle bei der Konstruktion einer koreanischen kollektiven Identität gegen die mongolische Dominanz spielte. Maurizio Riotto hat die buddhistische Vermittlung bei Iryeon detailliert untersucht.

Position im Dangun-Mythos

Im Mythos ist Hwanin der höchste Himmelsherr (cheonje) und Vater des Hwanung, der seinerseits Vater des Dangun ist. Hwanung möchte auf die Erde herabsteigen, um die Menschen zu unterrichten.

Sein Vater Hwanin gibt ihm dafür drei Himmelssiegel («cheonbu inseo») mit, die seine Autorität als Sohn des Himmels beglaubigen, und sendet ihn zusammen mit 3000 Begleitern auf den Berg Taebaek (heute meist mit dem Berg Baekdu identifiziert). Dort gründet Hwanung die «Stadt des Gottes» («Sin-si») und unterrichtet die Menschen in den 360 Künsten des Lebens.

Auf dem Berg leben ein Bär und ein Tiger, die menschliche Gestalt erlangen wollen. Hwanung gibt ihnen Beifuß und Knoblauch und befiehlt ihnen, 100 Tage in einer Höhle zu fasten. Der Tiger gibt auf, der Bär aber hält durch und wird zur schönen Frau Ungnyeo, die mit Hwanung den Stammvater Dangun zeugt.

Dangun gründet später das mythische Reich Joseon, das die mittelalterlichen Texte ins Jahr 2333 vor Christus datieren. Hwanin selbst bleibt durchgängig im Himmel und greift nicht direkt in die irdischen Ereignisse ein.

Name und Etymologie

Der Name Hwanin wird in den ältesten Texten chinesisch als 桓因 geschrieben. Iryeon selbst notiert, dass es sich um eine phonetische Wiedergabe handle und dass Hwanin ein anderer Name des indischen Gottes Indra (Shakra Devanam Indra, im Mahayana-Buddhismus Sakra) sei.

Diese Identifikation überrascht zunächst, ergibt sich aber aus Iryeons buddhistischer Hintergrundbildung. In der buddhistischen Kosmologie ist Indra der Beherrscher der Trayastrimsa-Götter und entspricht funktional dem höchsten Himmelsherrn.

Don Baker hat in «Korean Spirituality» (2008) die Bedeutung dieser buddhistischen Identifikation analysiert und gezeigt, dass Iryeon damit zwei Funktionen verband: die Verankerung des koreanischen Gründungsmythos in einer panbuddhistischen Kosmologie und die Aufwertung des nationalen Ursprungs durch die Verbindung mit einer der zentralen Gottheiten der buddhistischen Welt.

Antonetta Bruno hat in ihren Arbeiten zur koreanischen Religionsgeschichte vorgeschlagen, dass Hwanin in der vorbuddhistischen Form ein einheimischer Himmelsgott war, dessen Bezeichnung erst nachträglich mit dem buddhistischen Indra harmonisiert wurde.

Funktion im religiösen System

Anders als sein Sohn Hwanung und sein Enkel Dangun tritt Hwanin im Mythos nicht handelnd auf. Er entsendet, beauftragt und beglaubigt, greift aber nicht selbst ein. Seine Rolle ist die eines transzendenten Hintergrundgottes, der die Welt von oben her ermöglicht, ohne in ihre Geschicke einzugreifen.

Die Religionswissenschaft kennt diesen Typ als «Deus otiosus», den «müßigen Gott», der nach Mircea Eliade in vielen indogenen Religionen am Ende einer Entwicklung an den Rand des Pantheons gerät.

Boudewijn Walraven hat in seinen Arbeiten zum koreanischen Schamanismus darauf hingewiesen, dass Hwanin in der schamanischen Praxis kaum eine Rolle spielt, während sein Sohn Hwanung und sein Enkel Dangun zumindest in den Bergkulten verehrt werden.

Diese Verteilung entspricht dem klassischen Muster, in dem der höchste Gott im Hintergrund bleibt, während die handelnden Gottheiten oder Heroen die direkte Verehrung erhalten.

Hwanin und das Daejonggyo

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstand in Korea die Religion Daejonggyo, eine Reformbewegung, die den Dangun-Hwanin-Mythos in eine moderne religiöse Lehre überführte.

Daejonggyo, 1909 von Na Cheol gegründet, verehrt eine «heilige Dreiheit» aus Hwanin (dem Schöpfer), Hwanung (dem Welt-Bildner) und Dangun (dem Stammvater), die als drei Aspekte einer einzigen göttlichen Wirklichkeit verstanden werden. Diese theologische Ausformung hatte keine Vorläufer in der vorchristlichen koreanischen Religion und ist eine kreative Synthese aus christlichen, buddhistischen und volksreligiösen Elementen.

Don Baker und James Grayson haben die Bedeutung des Daejonggyo für die koreanische Identitätsbildung in der Kolonialzeit analysiert. Die japanische Kolonialverwaltung verfolgte die Bewegung intensiv, weil sie als Träger eines nationalkoreanischen Bewusstseins galt. Heute hat das Daejonggyo nur wenige Anhänger, hat aber als Bewahrer der mythischen Tradition eine wichtige kulturelle Rolle gespielt.

Politische und nationale Bedeutung

Die Hwanin-Tradition hat über die religiöse Sphäre hinaus eine starke nationale Bedeutung. Der mythische Anfangspunkt 2333 vor Christus wird in der koreanischen Geschichtsschreibung als Beginn des «Vierten Jahrtausends» gewertet (Dangi-Kalender). Während der Kolonialzeit, in der die japanische Verwaltung versuchte, die koreanische Identität aufzulösen, wurde der Dangun-Hwanin-Mythos zum Symbol des Widerstands.

Auch in der modernen Republik Korea und in Nordkorea wird die Tradition staatlich aufgegriffen, wenn auch in unterschiedlicher Weise: Im Süden eher als kulturelles Erbe, im Norden als historische Tatsache mit politischer Funktion.

Hong-Key Yoon hat in seinen Arbeiten zur kulturellen Geografie Koreas gezeigt, dass die mythische Verortung Hwanungs am Berg Baekdu eine bis heute virulente politische Bedeutung hat, weil der Berg auf der Grenze zwischen Korea und China liegt und seine Identifikation als heiliger Berg in beiden Staatstraditionen umstritten ist.

Forschung und Diskussion

Die Hwanin-Forschung steht vor der Schwierigkeit, eine erst spät schriftlich fixierte Tradition zu interpretieren, deren ältere Schichten nicht direkt zugänglich sind. Antonetta Bruno, Boudewijn Walraven, James Grayson, Don Baker und Maurizio Riotto haben in den letzten Jahrzehnten die wichtigsten methodischen Klärungen vorgelegt.

Sie sind sich weitgehend darin einig, dass der Mythos in seiner schriftlichen Form ein Produkt der späten Goryeo-Zeit ist, dass er aber auf älteren mündlichen Traditionen aufbaut, deren genaue Form nicht mehr rekonstruierbar ist.

Die Verbindung zur sibirischen und mongolischen Tradition des Himmelsherrn (Tengri-Glaube) wird in der Forschung vorsichtig diskutiert. Einige Parallelen, etwa das Motiv der Himmelsabstammung und der dreigliedrigen Genealogie, lassen einen gemeinsamen nordasiatischen Hintergrund vermuten, ohne dass dies zu einer eindeutigen religionsgeschichtlichen Linie ausgebaut werden könnte.

Maurizio Riotto hat darauf hingewiesen, dass die strukturelle Ähnlichkeit nicht zwingend genetische Verwandtschaft bedeutet, sondern typologische Verwandtschaft zwischen Himmelsgottheiten in altaisch-uralischen und benachbarten Kulturen ausdrücken kann.

Hwanin im modernen Koreanischen Religionsraum

Im heutigen Südkorea ist Hwanin außerhalb der relativ kleinen Daejonggyo-Gemeinde keine direkt verehrte Gottheit. Er bleibt aber als Bildungsgut und als Bezugspunkt nationaler Erinnerung präsent.

In den Schulbüchern wird der Dangun-Hwanin-Mythos als kulturelles Erbe vorgestellt, ohne ihn in den Rang einer historischen Tatsache zu erheben. In Nordkorea hat die Pjöngjang-Schule der Geschichtswissenschaft den Mythos teilweise als historisches Faktum behandelt, was in der internationalen Forschung kritisch gesehen wird.

Auch in den christlichen Kirchen Koreas, die heute einen erheblichen Teil der Bevölkerung umfassen, wird die Tradition gelegentlich rezipiert.

Vereinzelt nutzen koreanische protestantische Theologen Hwanin als kulturelle Anknüpfung für die Verkündigung des biblischen Gottes, was Don Baker als typischen Vorgang theologischer Akkulturation beschrieben hat. Diese Verwendung ist nicht unumstritten, weil sie die mythische Eigenart Hwanins für eine fremde Tradition in Anspruch nimmt.

Archäologische Diskussion und prähistorischer Hintergrund

Die archäologische Erforschung der koreanischen Bronzezeit hat die Frage aufgeworfen, ob der Dangun-Hwanin-Mythos auf reale frühe Staatenbildungen Bezug nimmt. Die Liaoning-Bronzezeit (etwa 1500 bis 300 vor Christus) mit ihren charakteristischen mandolinenförmigen Dolchen und Vielwinkelspiegeln gilt als materielle Grundlage des frühen koreanischen Kulturraums.

Sarah Nelson hat in «The Archaeology of Korea» (1993) gezeigt, dass die mythische Datierung 2333 vor Christus archäologisch nicht abgedeckt ist, dass aber die Bronzezeit der Liaodong-Halbinsel und Nordkoreas eine reale kulturelle Einheit darstellt, in der die spätere Dangun-Tradition wurzeln könnte.

Mark Byington hat in seinen Arbeiten zum frühen Gojoseon darauf hingewiesen, dass die historische Existenz eines bronzezeitlichen Staates Gojoseon archäologisch wahrscheinlich ist, die mythische Genealogie mit Hwanin als himmlischer Ursprung aber sekundär ergänzt wurde.

Die nordkoreanische Forschung hat seit den 1990er Jahren eine angebliche «Dangun-Grabstätte» bei Pjöngjang vorgestellt und auf etwa 5000 Jahre datiert, was in der internationalen Fachwelt aber als politisch motivierte Konstruktion gewertet wird. Pankaj Mohan und andere Forscher haben die methodischen Probleme dieser Datierung dokumentiert.

Vergleichende Mythologie

Die Figur Hwanins steht typologisch in einer Reihe nordasiatischer Himmelsgottheiten. Der mongolische Tenger («Himmel»), der türkische Tengri und der mandschurische Abka enduri sind höchste Himmelsherren mit ähnlicher Stellung.

Roger Janelli und Dawnhee Yim Janelli haben in ihren Arbeiten zur koreanischen Volksreligion die strukturellen Parallelen zwischen koreanischem Hananim, mongolischem Tenger und chinesischem Tian («Himmel») herausgearbeitet. Alle drei Konzepte bezeichnen einen transzendenten Himmelsherrn, der über den irdischen Geschehnissen steht und durch ein Mittlerwesen oder einen Sohn auf die Erde wirkt.

Eine spezifische Parallele ergibt sich zum japanischen Ninigi-no-Mikoto-Mythos im «Kojiki» (712) und «Nihon Shoki» (720). Auch dort entsendet die höchste Gottheit (Amaterasu beziehungsweise im weiteren Hintergrund Ame-no-Minakanushi) einen göttlichen Enkel auf die Erde, der zum Stammvater der Herrscherdynastie wird.

Maurizio Riotto hat diese Parallele als typologisches Muster der ostasiatischen Königsideologie analysiert: Der höchste Gott bleibt im Himmel, ein Mittlerwesen vermittelt die göttliche Autorität auf die Erde. Die Frage, ob es sich um genetische Verwandtschaft oder unabhängige Parallelentwicklungen handelt, ist nicht abschließend geklärt.

Quellen und Literatur

Primärquellen: Iryeon, «Samguk Yusa» (1281), kritische deutsche Teilübersetzung durch Vos und Riotto; Yi Seunghyu, «Jewang Ungi» (1287); Kim Busik, «Samguk Sagi» (1145).

Sekundärliteratur:

  • James H. Grayson, «Korea: A Religious History» (Oxford 1989, 2. Auflage 2002) und «Myths and Legends from Korea» (Richmond 2001).
  • Don Baker, «Korean Spirituality» (Honolulu 2008).
  • Maurizio Riotto, «La leggenda di Tan’gun» (Cassino 1994).
  • Antonetta Bruno, «The Gate of Words: Language in the Rituals of Korean Shamans» (Leiden 2002).
  • Boudewijn Walraven, «Songs of the Shaman» (London 1994).
  • Hong-Key Yoon, «The Culture of Fengshui in Korea» (Lanham 2006).
  • Sarah Nelson, «The Archaeology of Korea» (Cambridge 1993).
  • Mark Byington, «The History and Archaeology of the Koguryo Kingdom» und Aufsätze in «The Han Commanderies in Early Korean History» (Cambridge MA 2013).

Zur nordkoreanischen Dangun-Konstruktion: Pankaj Mohan, «Rescuing a Stone from Nationalism», in «Journal of Inner and East Asian Studies» (2004).