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Hananim, höchster Gott des koreanischen Schamanismus

Hananim (koreanisch 하나님) ist der moderne koreanische Begriff für den «Himmelsherrn» oder «höchsten Gott». Anders als Hwanin, der eine mythologisch verankerte Figur des Gründungsmythos darstellt, ist Hananim ein religionsgeschichtlich relativ junger Begriff, der seit dem 19. Jahrhundert vor allem in christlichen, neureligiösen und volksspirituellen Kontexten verwendet wird.

Sein Aufstieg zu einem zentralen Gottesnamen ist Teil der religiösen Transformation Koreas in der Begegnung mit westlichem Christentum und mit eigenen religiösen Reformbewegungen.

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Inhaltsverzeichnis

Hananim - Götter aus der Korea-Tradition, historisch-illustrativ

Etymologie und Wortgeschichte

Der Begriff Hananim setzt sich aus dem koreanischen «haneul» (Himmel) und dem Ehrensuffix «-nim» zusammen, was wörtlich «der ehrenwerte Himmel» oder «Herr des Himmels» bedeutet. In der älteren Form lautete er Hanunim oder Hanonim und geht auf die volkstümliche Praxis zurück, den Himmel als persönliche Macht zu adressieren.

Don Baker hat in «Korean Spirituality» (2008) gezeigt, dass die Wortform in volkstümlicher Praxis seit dem 17. und 18. Jahrhundert nachweisbar ist, allerdings ohne dass dies als geschlossene Gotteslehre formuliert worden wäre.

James Grayson hat in «Korea: A Religious History» (1989) darauf hingewiesen, dass der Begriff in der modernen Form Hananim erst im 19. Jahrhundert bei den frühen koreanischen Konvertiten zum Katholizismus und vor allem bei den protestantischen Missionaren des späten 19. Jahrhunderts seinen festen Platz fand.

Die schottischen Missionare John Ross und John MacIntyre, die 1882 in Mukden die erste koreanische Bibelübersetzung anfertigten, entschieden sich für Hananim als Übersetzung des hebräisch-griechischen Gottesnamens. Diese Wahl prägte die spätere protestantische Tradition Koreas nachhaltig.

Hananim in der volksreligiösen Tradition

Bevor die christlichen Missionare den Begriff übernahmen, war Hananim oder Hanunim eine Anrede an den Himmel in zahlreichen koreanischen Volksriten.

Bauern riefen ihn vor der Aussaat an, Schamanen erwähnten ihn in Klagegebeten, und Eltern sprachen ihn zu Geburt und Tod an. Diese Verehrung war nicht in einem geschlossenen Pantheon organisiert, sondern erschien neben der buddhistischen, konfuzianischen und schamanischen Religiosität als zusätzliche Schicht.

Boudewijn Walraven hat in seinen Arbeiten zum koreanischen Schamanismus darauf hingewiesen, dass die Schamanen («mudang») den Himmelsherrn häufig als entfernte, kaum eingreifende Macht anriefen, während sie die konkrete Heilarbeit über lokale Geister und Berggottheiten leisteten.

Hananim stand am oberen Rand der religiösen Hierarchie, ohne im Alltag eine direkte rituelle Bedeutung zu haben. Diese «Deus otiosus»-Struktur ist nach Mircea Eliade typisch für nordasiatische Himmelsglaubensformen.

Christliche Aneignung im 19. Jahrhundert

Die Wahl von Hananim als Übersetzung des biblischen Gottesnamens war eine bewusste Entscheidung der protestantischen Mission. Die Alternativen umfassten Sanonim (Berg-Herr), Shinjeo (göttliche Macht) und Sangje (höchster Herrscher, ein konfuzianischer Begriff).

John Ross und sein Kreis entschieden sich gegen Sangje, weil dieser zu stark mit dem konfuzianischen Hofkult verbunden war, und gegen Shinjeo, weil dieser polytheistisch oder pantheistisch verstanden werden konnte. Hananim hatte den Vorteil, im Volksglauben bereits als persönliche, einzigartige Macht etabliert zu sein.

Eine zweite Welle protestantischer Missionare, vor allem Methodisten und Presbyterianer aus den USA, übernahm die Wahl in den 1880er und 1890er Jahren. Horace Underwood und Henry Appenzeller, die 1885 in Seoul eintrafen, verwendeten Hananim in ihrer Bibelübersetzung und in der liturgischen Praxis.

Damit war der Begriff bis 1900 fest in der koreanischen Bibel verankert, ein Befund, der in keiner anderen ostasiatischen Tradition (China, Japan) eine vergleichbare einheimische Vorgeschichte hat.

Hananim und die katholische Tradition

Die ältere katholische Tradition Koreas, die im späten 18. Jahrhundert aus China importiert worden war, verwendete zunächst den chinesisch geprägten Begriff Cheonju («Herr des Himmels»), der von Matteo Ricci eingeführt worden war.

Dieser Begriff hält sich bis heute in der koreanischen katholischen Liturgie. Damit gibt es im koreanischen Christentum eine konfessionelle Trennung der Gottesbezeichnung: Protestanten nennen ihn Hananim, Katholiken Cheonju. Beide Begriffe sind im täglichen Sprachgebrauch fest verankert.

Diese Spaltung der Gottesbezeichnung ist religionsgeschichtlich bemerkenswert und hat in den letzten Jahrzehnten zu ökumenischen Diskussionen geführt. Don Baker hat darauf hingewiesen, dass die Wahl unterschiedlicher Gottesnamen mehr ist als eine reine Übersetzungsfrage; sie markiert unterschiedliche theologische Anschlüsse: Cheonju verbindet sich mit der hierarchisch-konfuzianischen Tradition, Hananim mit der volksreligiösen Himmelsfrömmigkeit.

Neureligiöse Bewegungen

Auch in den koreanischen neureligiösen Bewegungen der späten Joseon-Zeit und der Kolonialzeit spielt Hananim eine zentrale Rolle.

Die 1860 von Choe Je-u gegründete Donghak-Bewegung verehrte Hannolnim, eine Variante des Hananim, als personifizierten Himmel, der in jedem Menschen anwesend ist (im berühmten Satz «innaecheon», «Mensch ist Himmel»). Diese Bewegung führte 1894 zum großen Donghak-Aufstand und wurde später als Cheondogyo institutionalisiert.

Auch das Daejonggyo, das 1909 die Dangun-Hwanin-Tradition systematisch ausformulierte, verwendet Hananim als Bezeichnung für den höchsten Gott der heiligen Dreiheit. Die später entstandene Sun-Myung-Moon-Bewegung (Vereinigungskirche) übernahm den Begriff aus der koreanischen christlichen Tradition. Diese Vielfalt zeigt, wie offen Hananim als religiöse Sprachform ist und wie verschiedene Strömungen ihn für unterschiedliche theologische Programme nutzbar gemacht haben.

Hananim und Cheonju im Vergleich

Die Wahl zwischen Hananim und Cheonju lässt sich nicht nur konfessionell, sondern auch sprachgeschichtlich beschreiben. Hananim ist ein rein koreanischer Begriff, Cheonju eine sino-koreanische Bildung. Diese Sprachunterschiede schlagen sich in der Wahrnehmung der Gläubigen nieder.

Während Hananim als vertraut, volkstümlich und persönlich erlebt wird, gilt Cheonju als formaler, würdevoller und schriftsprachlich. Damit haben beide Begriffe unterschiedliche Konnotationen, ohne dass eine theologisch eindeutige Hierarchie zwischen ihnen besteht.

Antonetta Bruno hat in ihren Arbeiten zur koreanischen Religionssprache vorgeschlagen, die Unterscheidung als bewusst gewahrte Mehrsprachigkeit innerhalb der koreanischen Religiosität zu verstehen. Sie zeigt, wie eine Sprache zwei verschiedene Wörter für die gleiche theologische Grundkategorie bereithalten kann, ohne dass dies zu Verwirrung führt.

Heutige Verwendung

Heute ist Hananim der Standardbegriff für den christlichen Gott in der koreanischen protestantischen Tradition. Mit über zehn Millionen Protestanten in Südkorea und einer starken Präsenz koreanischer Kirchen im Ausland hat der Begriff eine sehr breite Verbreitung.

Gleichzeitig wird er in literarischen und nicht-religiösen Kontexten als allgemeine Gottesbezeichnung verwendet, etwa in Gedichten, in alltäglichen Ausrufen und in philosophischer Sprache.

Die Bewahrung des Begriffs im modernen koreanischen Wortschatz ist ein bemerkenswertes Beispiel für die religionshistorische Wirksamkeit einer ursprünglich volksreligiösen Anrede, die durch missionarische Übernahme zur theologischen Hauptkategorie geworden ist.

James Grayson hat diesen Vorgang als «relativ einzigartig im weltweiten christlichen Missionsgeschehen» bewertet, weil in den meisten anderen Sprachen die Bibelübersetzer entweder einen neuen Begriff bilden oder einen bestehenden Begriff stark umdefinieren mussten. Im koreanischen Fall blieb der bestehende Begriff weitgehend in seiner Bedeutung und wurde durch die christliche Verwendung nur theologisch geschärft.

Forschungslage

Die Hananim-Forschung wird vor allem von James Grayson, Don Baker, Boudewijn Walraven und Antonetta Bruno getragen. Sie haben in den letzten drei Jahrzehnten die historische Tiefe und die historische Bedeutung des Begriffs herausgearbeitet.

Eine systematische Wortgeschichte mit allen relevanten Belegen aus volksreligiösen, christlichen und neureligiösen Texten ist allerdings noch nicht vollständig vorgelegt worden. Maurizio Riotto hat in mehreren Aufsätzen zur koreanischen Religionsgeschichte die Verbindung zur nordasiatischen Tengri-Tradition diskutiert, mit dem vorsichtigen Befund, dass eine direkte Linie nicht herstellbar ist.

Im breiteren wissenschaftlichen Rahmen ist Hananim ein Beispiel für die theoretische Diskussion um die «Urgottesfrage», die Mircea Eliade und Wilhelm Schmidt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt rückten.

Die These eines ursprünglichen Hochgotts, der nachträglich von anderen Gottheiten überlagert wird, hat in der modernen Religionsforschung Kritik erfahren, bleibt aber als Diskussionsrahmen für den koreanischen Befund relevant.

Hananim zeigt, wie ein volksreligiöser Hochgottbegriff über Jahrhunderte präsent sein kann, ohne in eine geschlossene Theologie eingebettet zu sein, und wie er durch externe theologische Programme reaktiviert werden kann.

Donghak, Choe Je-u und die Hannolnim-Theologie

Die wichtigste eigenständige koreanische Theologie des 19. Jahrhunderts knüpft an Hananim an. Choe Je-u (1824 bis 1864), der Gründer der Donghak-Bewegung («Östliche Lehre»), berichtete von einer mystischen Begegnung im Jahr 1860, in der ihm der Himmelsherr Hannolnim die Lehre vom inneren Himmel mitteilte.

Seine Texte, gesammelt im «Donggyeong daejeon» (1880) und «Yongdam yusa» (1881), formulieren die Grundlehre, dass Mensch und Himmel nicht getrennt sind. Der zentrale Satz «si cheonju» («den Himmelsherrn in sich tragen») entwickelte sich bei seinem Nachfolger Choe Si-hyeong und vor allem bei Son Byong-hi zur radikaleren Formel «innaecheon» («Mensch ist Himmel»).

Diese theologische Position verband sich mit einer sozialkritischen Praxis, die Choe Je-u 1864 das Leben kostete; er wurde wegen Häresie und Aufruhr hingerichtet. Die Bewegung führte 1894 zum großen Donghak-Bauernaufstand, der zunächst regionale Erfolge erzielte, dann aber von japanischen und konfuzianisch-koreanischen Truppen militärisch niedergeschlagen wurde.

Don Baker und Susan Shin haben in ihren Arbeiten zur Donghak-Bewegung gezeigt, dass die Hananim-Theologie der Donghak einen eigenständigen koreanischen Versuch darstellt, eine moderne Religion zu formulieren, ohne sich dem westlichen Christentum oder dem konfuzianischen Hofkult unterzuordnen.

Son Byong-hi institutionalisierte die Bewegung 1905 als Cheondogyo («Religion des himmlischen Weges»), die in der Kolonialzeit eine wichtige Rolle in der Unabhängigkeitsbewegung spielte, etwa bei der März-Bewegung 1919.

Der koreanische Term Question

Die Entscheidung der protestantischen Missionare für Hananim ist als «koreanische Term Question» Teil einer breiteren ostasiatischen Diskussion. In China führte die parallele Frage zwischen Shen, Shangdi und Tianzhu zu jahrhundertelangen Kontroversen seit Matteo Riccis Anpassungsversuchen.

In Japan entschieden sich die Missionare im 19. Jahrhundert für Kami als Übersetzungswort, mit erheblichen Bedeutungsverlusten. Im koreanischen Fall verlief die Frage vergleichsweise schnell und einvernehmlich, was Don Baker auf die strukturelle Nähe des volksreligiösen Hananim zu einem persönlichen Hochgott zurückführt.

John Ross veröffentlichte 1877 das «Corean Primer» und 1882 die ersten Bibelübersetzungen aus dem griechischen Neuen Testament. Sein Mitarbeiterkreis bestand aus den frühen koreanischen Konvertiten Seo Sang-ryun und Baek Hong-jun.

Die Wahl Hananim begründete Ross damit, dass die koreanische Bevölkerung «den höchsten Gott bereits unter diesem Namen kenne», ein Befund, den spätere Forschung als zutreffend, aber theologisch zugespitzt einschätzt.

Der amerikanische Theologe James Scarth Gale baute in seinen Werken «Korean Sketches» (1898) und «The Cloud Dream of the Nine» (1922) die literarische Vermittlung Hananims in die englischsprachige Welt aus.

Hananim in der modernen Theologie und Kultur

Im 20. und 21. Jahrhundert hat Hananim mehrere theologische Ausarbeitungen erfahren. Die koreanische Minjung-Theologie, eine Befreiungstheologie der 1970er und 1980er Jahre um Suh Nam-dong und Ahn Byung-mu, identifizierte Hananim mit dem Gott der Geschundenen und Unterdrückten und verband ihn mit der Han-Erfahrung, dem kollektiven Leiden der koreanischen Bevölkerung unter Kolonialismus, Krieg und Diktatur.

Diese theologische Verbindung von Hananim mit sozialem Leiden hat die koreanische protestantische Identität bis heute geprägt.

Demgegenüber steht die Theologie der koreanischen Pfingstkirchen, besonders die Yoido Full Gospel Church Cho Yonggis (1936 bis 2021), die Hananim als segnenden Geber materieller und spiritueller Güter ansprach.

Beide Auslegungen, die soziale und die prosperitätstheologische, haben Hananim als koreanischen Gottesnamen tief im modernen religiösen Bewusstsein verankert. Sebastian Kim, James Grayson und Robert Buswell haben in ihren Arbeiten zur modernen koreanischen Religiosität die Vielschichtigkeit dieser Hananim-Aneignungen dokumentiert.

Quellen und Literatur

Primärquellen: Choe Je-u, «Donggyeong daejeon» (postum 1880) und «Yongdam yusa» (postum 1881); John Ross, «History of Corea, Ancient and Modern» (Paisley 1879) und «Corean Primer» (Shanghai 1877); James Scarth Gale, «Korean Sketches» (New York 1898); Horace G. Underwood, «The Religions of Eastern Asia» (New York 1910).

Sekundärliteratur:

  • James H. Grayson, «Korea: A Religious History» (Oxford 1989, 2002) und «Early Buddhism and Christianity in Korea» (Leiden 1985).
  • Don Baker, «Korean Spirituality» (Honolulu 2008) und «Catholics and Anti-Catholicism in Choson Korea» (Honolulu 2017).
  • Boudewijn Walraven, «Songs of the Shaman» (London 1994).
  • Susan Shin, «Tonghak Thought: The Roots of Revolution», in «Korea Journal» 19 (1979).
  • Sebastian Kim, «In Search of Identity: Debates on Religious Conversion in India» mit koreanischen Vergleichsabschnitten (Oxford 2003).
  • George Paik, «The History of Protestant Missions in Korea 1832-1910» (Pyongyang 1929, ND Seoul 1980).

Zur Term Question siehe Sung-Deuk Oak, «The Making of Korean Christianity» (Waco 2013).