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Xi Wangmu, Königin-Mutter des Westens

Xi Wangmu, die «Königin-Mutter des Westens», ist eine der ältesten und gleichzeitig komplexesten weiblichen Göttergestalten der chinesischen Mythologie. Sie residiert nach der traditionellen Vorstellung auf dem Kunlun-Gebirge im fernen Westen und besitzt die Pfirsiche der Unsterblichkeit, die alle dreitausend oder neuntausend Jahre reifen.

Religionsgeschichtlich hat sie eine bemerkenswerte Wandlung durchlaufen, vom archaischen, halb tierischen Westmonster der Shang-Zeit zur eleganten daoistischen Himmelskönigin der späteren Tradition.

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Inhaltsverzeichnis

Xi Wangmu - Götter aus der China-Tradition, historisch-illustrativ

Frühe Belege im Shanhaijing

Der älteste Beleg für Xi Wangmu findet sich im «Shanhaijing» («Klassiker der Berge und Meere»), einem Werk, dessen ältester Schichten in das 4. bis 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurückreichen.

Das Buch «Westliche Berge» schildert sie als ein Mischwesen mit menschlichen Zügen, Pantherschwanz, Tigerzähnen und wildem Haar, das auf einem Berg im Westen wohnt und für Pestilenzen und Strafgerichte zuständig ist.

Diese frühe Gestalt ist alles andere als anmutig, sie steht in einer Reihe mit anderen archaischen chinesischen Götterwesen, die zoomorphe Elemente tragen. Edward Schafer hat in «The Divine Woman» (San Francisco 1973) gezeigt, dass die spätere ikonographische Glättung Xi Wangmus erst ab der Han-Zeit einsetzt und einen tiefgreifenden Bedeutungswandel reflektiert.

Die Han-zeitliche Transformation

In der Han-Zeit (206 vor unserer Zeitrechnung bis 220 unserer Zeitrechnung) verschiebt sich das Bild Xi Wangmus radikal. Aus der monströsen Pestgöttin wird die Spenderin der Unsterblichkeit.

Die Pfirsiche der Unsterblichkeit, die auf ihren Bäumen am Kunlun wachsen, werden zum zentralen Motiv. Die Han-Zeit kennt eine intensive Beschäftigung mit dem Streben nach körperlicher Unsterblichkeit (xian), und Xi Wangmu wird zur höchsten Patronin dieser Suche.

Im «Huainanzi» (2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) ist sie die Hüterin des Unsterblichkeitselixiers, das der Bogenschütze Hou Yi von ihr erhält und das seine Frau Chang’e dann zum Mond entführt. Diese Erzählung verbindet die Königin-Mutter des Westens mit der Mondgöttin und etabliert eine astronomisch-kosmologische Tiefendimension.

Eine bedeutsame Episode ist die legendäre Begegnung Xi Wangmus mit dem Zhou-König Mu, überliefert im «Mu Tianzi Zhuan» (4. bis 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung). Der König reist nach Westen, trifft die Königin-Mutter auf einem ihrer Berge und tauscht Gedichte mit ihr.

Diese Begegnung wurde in der späteren chinesischen Literatur und Kunst vielfach aufgegriffen und stand für die Verbindung des irdischen Herrschers mit den göttlichen Mächten des Westens. Stephen Bokenkamp («Early Daoist Scriptures», Berkeley 1997) hat den Stellenwert dieser Erzählung für die Selbstlegitimation der frühen daoistischen Bewegungen analysiert.

Die Pfirsiche der Unsterblichkeit

Die Pantao, die Pfirsiche der Unsterblichkeit, sind das ikonisch wichtigste Attribut Xi Wangmus. Nach den Überlieferungen reifen sie nur alle dreitausend Jahre, manche Versionen sprechen von dreitausend, sechstausend und neuntausend Jahren für drei unterschiedliche Sorten. Wer eine Frucht isst, wird zum xian, zum Unsterblichen.

Im «Reise in den Westen» (Xiyou Ji) ist die Plünderung des Pfirsichgartens durch den Affenkönig Sun Wukong eine der bekanntesten Episoden der chinesischen Romanliteratur. Diese narrative Ausgestaltung ist literarisch, sie greift aber auf einen seit der Han-Zeit bestehenden mythologischen Komplex zurück.

Verbindung mit Yu Huang

Mit der Etablierung des Jadekaisers in der Song-Zeit wird Xi Wangmu zur «Königlichen Mutter» (Wangmu Niangniang), seiner Gemahlin. Diese Verbindung ist religionsgeschichtlich eine späte Konstruktion, die zwei ursprünglich getrennte Götterkomplexe zusammenführt. In dieser Konstellation regiert sie über die weibliche Hälfte des Götterhimmels und ist Patronin der weiblichen Unsterblichen, der Xian-Frauen.

Ihre sieben Töchter sind in den volksreligiösen Erzählungen zentrale Figuren, vor allem die siebente Tochter Zhinü, das «Webermädchen», dessen Geschichte mit dem Hirten Niulang das Qixi-Fest am siebten Tag des siebten Mondmonats begründet.

Ikonographie

Die ikonographische Wandlung Xi Wangmus zeigt einen Bedeutungswechsel, der für die chinesische Religionsgeschichte exemplarisch ist. Die Han-zeitlichen Reliefs der Sichuaner und Shandong-Gräber zeigen sie noch häufig mit dem Sheng-Kopfschmuck, einem charakteristischen, dem Webstuhl-Schiffchen ähnlichen Aufsatz, und mit ihrem Begleiter-Tier, dem dreibeinigen Vogel, der ihre Speisen bringt, sowie dem neunschwänzigen Fuchs und dem Mondhasen.

Ab der Tang-Zeit wandelt sich ihre Darstellung zur idealisierten höfischen Dame in langen Gewändern, oft mit Pfirsich oder Phönixfeder. In der Ming- und Qing-Zeit ist sie ikonographisch von anderen daoistischen Himmelsdamen kaum noch zu unterscheiden, ihr Symbol bleibt der Pfirsich.

Kult und Verehrung

Tempel der Xi Wangmu sind in China weit verbreitet, sie konzentrieren sich besonders im Westen und Norden des Landes. Der Wangmu-Palast auf dem Berg Huashan in Shaanxi ist eines der berühmtesten Heiligtümer. Ihre Festtage fallen auf den dritten Tag des dritten Mondmonats (Geburtstag) und den 18. Tag des siebten Mondmonats (Tag des Pfirsichfests).

An diesen Tagen werden Pfirsichkuchen und Langlebigkeitsnudeln dargebracht. In Taiwan und in der chinesischen Diaspora ist ihre Verehrung lebendig, besonders im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Langlebigkeit und in Verbindung mit Geburtstagsfeiern älterer Familienmitglieder, denen häufig Pfirsich-Skulpturen aus Reisteig geschenkt werden.

Westmotiv und kulturelle Kontakte

Die Verortung Xi Wangmus im «fernen Westen» ist ein religionsgeographisch interessantes Element. Im Bewusstsein der frühen Han-Zeit lag der äußerste bekannte Westen in den Regionen des heutigen Xinjiang, Kasachstan und Iran. Die Königin-Mutter wurde damit zur mythologischen Personifikation des unbekannten Außerhalb.

Mit der Eröffnung der Seidenstraße ab dem späten 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entstanden tatsächlich Verbindungen in westliche Reiche, und die Beschäftigung mit Xi Wangmu intensivierte sich.

Edward Schafer hat in mehreren Studien die Möglichkeit erwogen, dass iranische oder zentralasiatische religiöse Vorstellungen in die spätere Ausgestaltung der Königin-Mutter eingeflossen sein könnten, ohne dass sich ein direkter Übertragungspfad nachweisen lässt.

Daoistische Aneignung

Im organisierten Daoismus, vor allem in der Shangqing-Schule des 4. bis 6. Jahrhunderts, wurde Xi Wangmu zur höchsten weiblichen Lehrerin der Unsterblichkeit. Sie soll mehrere zentrale Texte der Schule offenbart haben, darunter Anweisungen zur Atemmeditation und zur inneren Alchemie. Suzanne Cahill hat in «Transcendence and Divine Passion.

The Queen Mother of the West in Medieval China» (Stanford 1993) diese daoistische Aneignung detailliert untersucht und gezeigt, dass Xi Wangmu in der Shangqing-Theologie eine eigene, von der späteren konfuzianisch geprägten Hierarchie unabhängige Stellung einnimmt.

In ihrer Studie wird auch deutlich, dass weibliche daoistische Praktizierende in Xi Wangmu eine direkte Identifikationsfigur fanden, deren Existenz nicht durch eine männliche Vermittlung legitimiert war.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Anne Birrell und Sarah Allan haben unabhängig voneinander darauf hingewiesen, dass Xi Wangmu als Götterfigur einen Übergang von einer archaischen, naturmagischen Konzeption zu einer höfisch-zivilisatorischen verkörpert.

Die Pfirsiche der Unsterblichkeit symbolisieren dabei nicht nur die Macht über Leben und Tod, sie sind auch ein Bild der Kultivierung, denn der Pfirsich ist eine bewusst kultivierte Frucht und stellt damit eine zivilisatorische Errungenschaft dar.

In dieser Spannung zwischen wilder Macht und kultivierter Würde liegt eine der Grundlagen der dauerhaften Bedeutung Xi Wangmus für die chinesische Religion.

Quellen und weiterführende Literatur

Primärquellen: Shanhaijing («Klassiker der Berge und Meere»), Buch «Westliche Berge»; Mu Tianzi Zhuan (4. bis 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung); Huainanzi; Han-zeitliche Grabreliefs von Sichuan und Shandong; Shangqing-Texte des 4. bis 6. Jahrhunderts; Reise in den Westen (Xiyou Ji).

Sekundärliteratur: Edward Schafer, «The Divine Woman», San Francisco 1973; Suzanne Cahill, «Transcendence and Divine Passion. The Queen Mother of the West in Medieval China», Stanford 1993; Anne Birrell, «Chinese Mythology.

An Introduction», Baltimore 1993; Stephen Bokenkamp, «Early Daoist Scriptures», Berkeley 1997; Sarah Allan, «The Shape of the Turtle», Albany 1991; Mark Lewis, «The Construction of Space in Early China», Albany 2006.

Kunlun-Berg als kosmischer Ort

Der Kunlun-Berg, auf dem Xi Wangmu nach der Tradition residiert, ist in der chinesischen Mythologie ein zentraler kosmischer Ort.

Geographisch wird er meist mit dem heutigen Kunlun-Gebirge in Xinjiang oder mit den Bergketten des östlichen Tibet identifiziert, mythologisch ist er aber primär ein vertikaler Weltachsenberg, vergleichbar dem Meru-Berg der indischen Tradition oder dem Olymp der griechischen.

Auf seinem Gipfel befindet sich nach der Vorstellung des Huainanzi der «Hängende Garten» (Xuanpu), der die Pfirsiche der Unsterblichkeit trägt. Vom Kunlun fließen die wichtigsten chinesischen Flüsse herab, darunter der Gelbe Fluss, dessen Quelle nach der Han-zeitlichen Vorstellung auf dem Berg liegen sollte.

Edward Schafer hat in «Pacing the Void» (Berkeley 1977) detailliert dargestellt, wie der Kunlun in der daoistischen Kosmographie der Han- und Tang-Zeit als das Zentrum der kosmischen Geographie konstruiert wurde.

Der dreibeinige Vogel und der neunschwänzige Fuchs

Die Begleiter Xi Wangmus, vor allem in der Han-zeitlichen Ikonographie, bilden ein eigenes mythologisches Ensemble. Der dreibeinige Vogel (sanzu wu) gilt als der Speise-Bringer der Göttin; er wird häufig auch mit der Sonne identifiziert, in der nach traditioneller Vorstellung ein dreibeiniger Rabe wohnt.

Der neunschwänzige Fuchs (jiuwei hu) ist ein Symbol des kosmischen Wohlstands und der Glückseligkeit, in späteren Erzählungen hat dieser Fuchs aber auch ambivalente, manchmal dämonische Konnotationen angenommen.

Der Mondhase, der das Unsterblichkeitselixier stampft, ist nach manchen Versionen mit der Frau Chang’e identifiziert, die das Elixier von Xi Wangmu erhalten und zum Mond entführt hat. Diese drei Tiergestalten zusammen bilden den kosmischen Hofstaat der Königin-Mutter und sind in zahlreichen Han-zeitlichen Grabreliefs in ihrer Umgebung dargestellt.

Xi Wangmu und die Shangqing-Schule

Die Shangqing-Schule des Daoismus, gegründet in den 360er Jahren in Südchina, hat Xi Wangmu eine besondere Stellung gegeben. Nach den Offenbarungen, die Yang Xi und seinen Mitstreitern zuteilwurden, ist sie die höchste weibliche Lehrerin der Unsterblichkeit.

Sie soll mehrere zentrale Texte der Schule offenbart haben, darunter Anweisungen zur Atemmeditation, zur visuellen Imagination des inneren Körpers und zur Aufnahme von Sternlichtern.

Suzanne Cahill hat in «Transcendence and Divine Passion» (Stanford 1993) die Shangqing-Texte zu Xi Wangmu detailliert übersetzt und kommentiert.

Eine ihrer wichtigsten Beobachtungen ist, dass die Shangqing-Theologie weiblichen Praktizierenden eine direkte Identifikation mit Xi Wangmu erlaubt, ohne dass eine Vermittlung über männliche Lehrer nötig wäre. Diese Konstellation ist in der religionshistorischen Forschung als einer der wenigen weiblich-autonomen daoistischen Praxisräume beschrieben worden.

Pfirsich als kulturelles Symbol

Der Pfirsich (tao), das wichtigste Attribut Xi Wangmus, ist im chinesischen kulturellen Kontext mehr als nur eine Frucht. Er steht für Langlebigkeit, ist apotropäisch wirksam (Pfirsichholz wird traditionell zur Vertreibung von Dämonen verwendet) und symbolisiert Fruchtbarkeit, Jugend und feminine Anmut.

Bei Geburtstagsfeiern älterer Familienmitglieder werden traditionell pfirsichförmige Kuchen aus Reisteig geschenkt (shoutao, «Langlebigkeitspfirsiche»). Diese Tradition geht auf die Pantao-Verehrung Xi Wangmus zurück und ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine religiöse Vorstellung in ein säkulares kulturelles Brauchtum übergehen kann, ohne dass die religiöse Wurzel ausdrücklich präsent sein muss.

Die Mu-Tianzi-Zhuan-Begegnung

Das «Mu Tianzi Zhuan» (Aufzeichnungen vom Sohn des Himmels Mu), ein vermutlich in der späten Zhou- oder frühen Han-Zeit entstandener Text, schildert die legendäre Reise des Zhou-Königs Mu (regierte ca. 956 bis 918 vor unserer Zeitrechnung) zum Wohnsitz der Xi Wangmu.

Der Text wurde 281 unserer Zeitrechnung in einem Königsgrab in Ji (Henan) wiedergefunden, ist also archäologisch bezeugt. Er beschreibt detailliert die Reise des Königs nach Westen, das Treffen mit der Xi Wangmu auf dem Kunlun-Berg und den Austausch poetischer Lieder zwischen beiden.

Diese Erzählung markiert den Übergang Xi Wangmus von einer wilden Halbgottheit in den älteren Schichten zu einer würdigen Königin, die mit dem Sohn des Himmels auf Augenhöhe verkehrt. Rémi Mathieu hat das Mu Tianzi Zhuan 1978 ins Französische übersetzt und kommentiert.

Die wissenschaftliche Bedeutung des Textes besteht darin, dass er die Transformation der Göttin in einer Zwischenphase belegt: das wilde Wesen mit Tigerzähnen aus dem Shanhaijing ist hier bereits abgemildert, aber die Han-zeitliche vollständige Veredelung zur Hofgöttin steht noch aus.

Die Han-Reliefs und das Westmotiv

In Han-Grabreliefs (1. bis 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung) ist Xi Wangmu eine der häufigsten Darstellungen. Sie sitzt typischerweise auf einem Thron, flankiert vom dreibeinigen Vogel (san zu wu), dem neunschwänzigen Fuchs (jiu wei hu) und dem Mondhasen, der das Unsterblichkeitselixier stampft.

Diese Begleittiere sind ikonographische Standard-Attribute. Suzanne Cahill («Transcendence and Divine Passion: The Queen Mother of the West in Medieval China», Stanford 1993) hat die Han-Ikonographie systematisch ausgewertet und gezeigt, dass die Reliefs in zwei Hauptregionen konzentriert sind: Shandong und Sichuan.

Die Sichuan-Reliefs aus den Grabkammern von Cangshan und anderen Orten sind besonders detailreich und stellen Xi Wangmu in einem Westhimmels-Hofstaat dar, der von zahlreichen Unsterblichen umgeben ist. Diese Visualisierung war religiös-eschatologisch motiviert: man hoffte, im Jenseits zu Xi Wangmu zu gelangen und an ihrem Hof die Unsterblichkeit zu erlangen.

Das Pfirsich-Motiv im Han Wudi neizhuan

Das Motiv der Pfirsichbäume in Xi Wangmus Garten, deren Früchte nur alle 3000 oder 9000 Jahre reifen und Unsterblichkeit verleihen, ist ältere Han-Tradition und erhielt seine kanonische Form im «Han Wudi neizhuan» (Innere Aufzeichnungen des Han-Kaisers Wu, vermutlich 4. bis 6. Jahrhundert).

Dort wird berichtet, wie Xi Wangmu dem Han-Kaiser Wu (regierte 141 bis 87 vor unserer Zeitrechnung) sieben Pfirsiche schenkte.

Der Kaiser bewahrte die Kerne auf, um sie selbst anzubauen, was Xi Wangmu mit der Bemerkung quittierte, diese Pfirsiche wüchsen nur im Westhimmel und nicht in der irdischen Welt.

Diese Episode ist religionspolitisch interessant, sie thematisiert die Spannung zwischen kaiserlicher Macht und transzendenter Unsterblichkeit. Im «Xiyou Ji» (Reise nach Westen, 16. Jh.) wurde das Motiv literarisch aufgegriffen, indem Sun Wukong die Pfirsichplantage Xi Wangmus plündert und damit das berühmte Bukolische Götterfest sprengt.

Die Shangqing-Schule und die spirituelle Transformation Xi Wangmus

In der Shangqing-Schule des Daoismus (gegründet 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung) erfuhr Xi Wangmu eine spirituelle Umdeutung. Sie wurde zur Lehrerin der Unsterblichen und Hüterin der Geheimoffenbarungen.

Die Shangqing-Texte, vor allem die «Wahren Schriften des Großen Reinen» (Shangqing Jing), schildern, wie Xi Wangmu Yang Xi (330 bis 386) und anderen Visionären im Inneren der Berge erschien und ihnen geheime Lehren übermittelte.

Isabelle Robinet («Méditation taoïste», Paris 1979) und Edward Schafer («Mirages on the Sea of Time», Berkeley 1985) haben die Shangqing-Visionsliteratur eingehend untersucht. Die Veredelung Xi Wangmus zur höchsten weiblichen Daoistin ist in dieser Schule abgeschlossen, sie wird zur Mutter aller weiblichen Unsterblichen und zur Lehrerin paradigmatischer Initiierungstexte.

Der Pfirsich als Langlebigkeitssymbol

Der Pfirsich ist im chinesischen Kulturkreis eines der prominentesten Symbole der Langlebigkeit. Diese Symbolik geht direkt auf den Xi-Wangmu-Mythos zurück.

In der bildenden Kunst der Ming- und Qing-Zeit ist der Pfirsich neben Kranich und Pinie zur stehenden Bildchiffre für ein langes Leben geworden. Auch in der modernen Kultur des chinesischsprachigen Raumes sind Pfirsiche traditionelle Geburtstagsgeschenke an Ältere.

Die Volksreligion deutet den Pfirsich darüber hinaus apotropäisch: Pfirsichholzschwerter (taomu jian) gelten als wirksam gegen Dämonen. Diese apotropäische Funktion ist im Yijing-Kommentar und in den Han-zeitlichen Wegweisern (Shuowen Jiezi) belegt. Der Pfirsichbaum bei Xi Wangmu ist also nicht nur ein Symbol der Unsterblichkeit, sondern auch der kosmologischen Schutzkraft.

Der Mondhase und das Unsterblichkeitselixier

Der Mondhase (Yutu) gehört zum Hofstaat Xi Wangmus und stampft im Mond das Unsterblichkeitselixier in einem Mörser. Diese Vorstellung ist seit den Han-Reliefs belegt und wird über Korea, Japan und Vietnam in vergleichbarer Form überliefert.

Die Verbindung des Hasen mit dem Mond und der Unsterblichkeit ist möglicherweise zentralasiatischen Ursprungs und über die Seidenstraße in den chinesischen Kanon eingewandert.

Der Hase erscheint bereits in indischen Jataka-Geschichten und mongolisch-türkischen Mythen. Edward Schafer hat in mehreren Studien zur Tang-Zeit die transkontinentale Verbreitung des Mondhasen-Motivs erörtert. Im modernen chinesischen Mittherbst-Fest (Zhongqiu Jie) ist der Mondhase eine zentrale Bildfigur, vor allem in der Kinderliteratur und der Mooncake-Verpackungsgestaltung.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist Xi Wangmu? Die «Königin-Mutter des Westens», eine der ältesten weiblichen Göttergestalten der chinesischen Mythologie. Sie wurde im Lauf der Religionsgeschichte von einer archaischen Pestgottheit zur eleganten Spenderin der Unsterblichkeit umgedeutet.

Was sind die Pfirsiche der Unsterblichkeit? Die Pantao, die nach der Tradition nur alle dreitausend, sechstausend oder neuntausend Jahre reifen. Wer eine isst, wird zu einem xian, einem Unsterblichen.

Wo wohnt Xi Wangmu? Auf dem Kunlun-Berg im fernen Westen. Geographisch wird dieser Berg meist mit dem heutigen Kunlun-Gebirge in Xinjiang oder dem östlichen Tibet identifiziert, mythologisch ist er aber primär ein vertikaler Weltachsenberg.

Welche Beziehung hat sie zum Jadekaiser? Im späteren chinesischen Volksglauben (ab der Song-Zeit) wird sie als Gemahlin des Jadekaisers verehrt. Diese Verbindung ist eine späte historische Konstruktion, die zwei ursprünglich getrennte Götterkomplexe zusammenführt.

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