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Kannon, japanische Göttin des Mitgefühls

Kannon ist die japanische Göttin des Mitgefühls, die sich den Leidenden in vielerlei Gestalt zuwendet und Trost gewährt. Kannon, mit vollem Namen Kanzeon-Bosatsu (japan.) oder Guanyin (chines.), ist im ostasiatischen Buddhismus die zentrale Gestalt des Mitleids und des grenzenlosen Erbarmens.

Als japanischer Name für den indischen Bodhisattva Avalokiteśvara verbindet Kannon mehrere religionsgeschichtliche Schichten: die indische Mahayana-Tradition, die chinesische Volksreligion, die japanische Tendai- und Shingon-Schule und die mittelalterliche Volksfrömmigkeit. In keiner anderen Figur des japanischen Pantheons wird die soteriologische Idee des stellvertretenden Mitleidens so direkt verkörpert.

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Inhaltsverzeichnis

Kannon - Götter aus der Japan-Tradition, historisch-illustrativ

Etymologie und Identifikation

Der Sanskrit-Name Avalokiteśvara setzt sich zusammen aus «avalokita» (herabschauend, betrachtend) und «īśvara» (Herr) und bedeutet «Der Herr, der herabblickt». Die chinesische Übersetzung Guanshiyin (Beobachter der Welttöne) wurde später zu Guanyin verkürzt. Die japanische Lesung Kanzeon (Schreiart 観世音) bzw. Kannon (観音) folgt dieser Linie.

In den Mahayana-Sutren erscheint Avalokiteśvara erstmals im «Sukhāvatī-vyūha» (1. bis 2. Jahrhundert) als Hauptassistent des Buddha Amitabha; das «Saddharma-Pundarika-Sutra» (Lotos-Sutra) widmet ihm im 25. Kapitel («Samantamukha-parivarta») eine eigene Schrift, die in Ostasien als «Kannongyō» eigenständig kursierte.

Vom indischen Bodhisattva zur chinesisch-japanischen Gestalt

In der indischen Tradition ist Avalokiteśvara männlich, oft mit Sanftheits- und Schutzgesten dargestellt. In China vollzog sich seit der Tang-Zeit (7. bis 9. Jahrhundert) ein Geschlechtswechsel: Guanyin wurde zunehmend in weiblicher Gestalt verehrt, ein Vorgang, der religionswissenschaftlich vielfach diskutiert ist.

Chün-fang Yü hat in «Kuan-yin. The Chinese Transformation of Avalokiteśvara» (2001) gezeigt, dass dieser Wandel mit der Adaption indigener chinesischer Göttinnen, mit dem Lotos-SutraKult und mit der Volkslegende der Prinzessin Miao-shan zusammenhängt.

In Japan blieb die Geschlechterzuordnung lange ambivalent. Die offiziellen Heian-Tempel zeigen Kannon meist androgyn, oft jugendlich-männlich; die Volksreligion neigt zur weiblichen Lesart, insbesondere unter dem Einfluss des chinesischen Guanyin-Kults.

Joseph Kitagawa und Inken Prohl betonen, dass diese Doppelheit kein theologisches Problem darstellt, sondern dem Grundgedanken der unendlichen Verwandlungsfähigkeit des Bodhisattvas entspricht: Das Lotos-Sutra zählt 33 Manifestationen auf, in denen Kannon Lebewesen rettet.

Die 33 Verwandlungen und die Sechs Kannon

Das «Samantamukha-parivarta» beschreibt 33 «Pforten» oder Erscheinungsformen, in denen Kannon den Wesen begegnet, je nachdem, welche Gestalt ihnen Heil bringen kann. In Japan wurde dieser Katalog liturgisch fixiert und mit den 33 Pilgerstätten des Saigoku-Pilgerwegs in der Kansai-Region verbunden, einer Pilgerrundreise, die seit dem 11. Jahrhundert dokumentiert ist und bis heute jährlich hunderttausende Gläubige anzieht.

Daneben kennt die japanische Ikonografie sechs Hauptformen, die «Roku-Kannon», die im Shingon- und Tendai-Buddhismus jeweils einem der sechs Daseinsbereiche (Höllen, Hungergeister, Tiere, Asuras, Menschen, Götter) zugeordnet sind. Die wichtigsten sind: Shō-Kannon (Heilige Kannon, Grundform), Senju-Kannon (Tausendarmige), Juichimen-Kannon (Elfgesichtige), Nyoirin-Kannon (Wunschjuwel-Rad), Bato-Kannon (Pferdekopf-Kannon, Schutz der Tiere) und Jundei-Kannon (Reinheit).

Ikonografie und Symbole

Die häufigste japanische Darstellung ist die Senju-Kannon, die «tausendarmige» Kannon, die mit ihren vielen Armen die Wesen aus der Vielfalt menschlicher Notlagen herausziehen kann.

Die berühmteste Skulpturengruppe steht im Sanjūsangen-dō in Kyoto (Tempel des dreiunddreißigfachen Hallens, gegründet 1164): tausend lebensgroße Senju-Kannon-Statuen in zehn langen Reihen, im Zentrum eine elf Meter hohe sitzende Hauptstatue, geschaffen vom Bildhauer Tankei (1254). Die Skulpturengruppe gilt als eines der bedeutendsten Ensembles buddhistischer Kunst weltweit.

Die elfgesichtige Juichimen-Kannon zeigt elf Köpfe, die in alle Himmelsrichtungen blicken und das umfassende Mitleid symbolisieren.

Die berühmteste Statue dieses Typs steht in Hokke-ji in Nara (8. Jahrhundert) und gilt als Porträt der Kaiserin Kōmyō. Die Nyoirin-Kannon, sitzend mit angewinkeltem Bein und Wunschjuwel (Chintāmaṇi), gehört zu den meditationsfördernden Formen und ist häufig in Shingon-Tempeln zu sehen. Bato-Kannon mit Pferdekopf-Krone ist die einzige zornvolle Form Kannons und Schutzpatron der Pferde und Nutztiere.

Mythen, Legenden und Wunder

Die japanische «Konjaku Monogatari» (frühes 12. Jahrhundert) und die «Sambō ekotoba» (984) versammeln zahlreiche Wundererzählungen, in denen Kannon erscheint, um Menschen aus Lebensgefahr zu retten: Schiffbrüchige in Stürmen, Verfolgte vor Räubern, Verlorene in Bergen, Kranke und Sterbende.

Diese Erzählliteratur prägt bis heute das volksreligiöse Bild Kannons und hat ihre Parallelen in der chinesischen «Guanyin-jing yan-ji» (Sammlung von Guanyin-Wundern, 4. bis 8. Jahrhundert).

Die populärste japanische Legende ist die der «Asakusa-Kannon»: 628 sollen die Brüder Hinokuma Hamanari und Hinokuma Takenari beim Fischen auf dem Sumida-Fluss eine kleine Kannon-Statue im Netz gefunden haben. Aus diesem Fund wuchs der Sensōji-Tempel in Tokyo-Asakusa, heute der älteste und meistbesuchte Tempel Tokyos.

Pilgerwege und Kultstätten

Drei große japanische Pilgerwege sind Kannon gewidmet: der Saigoku-Sanjūsansho mit 33 Stationen in der Kansai-Region (Hauptzentrum: Kiyomizu-dera in Kyoto), der Bandō-Sanjūsansho mit 33 Stationen in Kantō (Hauptzentrum: Sensōji in Tokyo) und der Chichibu-Sanjūshisho mit 34 Stationen in Saitama. Zusammen ergeben sie die 100 Kannon-Pilgerstätten («Hyakkasho»), deren komplette Absolvierung als außerordentliches religiöses Verdienst gilt.

Die wichtigsten Einzeltempel sind Kiyomizu-dera in Kyoto (798, Senju-Kannon), Sensōji in Tokyo (628, Shō-Kannon), Sanjūsangen-dō (1164), Hase-dera in Kamakura (sitzende Elfgesichtige), Ishiyama-dera am Biwa-See (Nyoirin-Kannon, hier soll Murasaki Shikibu am «Genji-Monogatari» geschrieben haben), und Hase-dera in Nara (Elfgesichtige).

Eine Sonderrolle nimmt der Buddha-Großstatuen-Komplex der Kannon-Statue von Sendai (100 Meter Höhe, 1991) ein, die zu den größten Statuen der Welt zählt.

Religionsgeschichtliche Bedeutung und Synkretismen

Mit dem Aufkommen des Reine-Land-Buddhismus (Jōdo-shū, Jōdo-Shinshū) im 12. und 13. Jahrhundert wurde Kannon eng mit Amida (Amitabha) verbunden: Kannon und Seishi (Mahāsthāmaprāpta) gelten als die beiden Hauptassistenten Amidas, die ihn bei der «Raigō» (Empfangserscheinung) eines Sterbenden begleiten.

Diese Trias prägt die Ikonografie der Raigō-Bilder, die im Heian- und Kamakura-Buddhismus zu den wichtigsten religiösen Bildgattungen wurden.

Im honji-suijaku-Denken wurde Kannon mehrfach mit Kami identifiziert, besonders mit Kumano-Gongen und mit Hachiman in seiner Bodhisattva-Form. In der Shingon-Schule gehört Kannon zum Lotos-Bereich des Garbhadhātu-Mandala. Im Zen-Buddhismus wird Kannon vor allem als Meditationsgegenstand und als Inbegriff des nicht-dualen Mitleids verstanden; Dōgen widmet ihm im «Shōbōgenzō» das Kapitel «Kannon».

Kannon in der modernen Religiosität

Helen Hardacre und Inken Prohl haben gezeigt, dass Kannon in der modernen japanischen Religionsgeschichte eine ungebrochen zentrale Stellung behält. In den «Mizuko-Kuyō»-Riten für abgetriebene und tot geborene Kinder ist Kannon die häufigste Anrufungsgestalt; diese Praxis hat sich seit den 1970er Jahren stark ausgebreitet und ist in der Forschung intensiv diskutiert (William LaFleur, «Liquid Life», 1992).

In der Bewegung der «Neuen Religionen» (Reiyū-kai, Risshō Kōsei-kai, Sōka Gakkai) bleibt das Lotos-Sutra und damit das Kannon-Kapitel zentral.

Querverweise

Im interreligiösen Vergleich wird Kannon häufig mit Maria parallelisiert; die Stadt Nagasaki kennt die «Maria-Kannon», Madonnen-Figuren in Kannon-Gestalt, die im Verborgenen des Christenverfolgungszeitalters (16. bis 19. Jahrhundert) als Marien verehrt wurden.

Im indischen Buddhismus ist die tibetische Tara eng mit Avalokiteśvara verbunden und gilt als seine weibliche Begleitgestalt. In der Tradition Tibets ist der Dalai Lama die Inkarnation Avalokiteśvaras.

Quellen

«Saddharma-Pundarika-Sutra» (Lotos-Sutra), Kapitel 25, deutsche Übersetzung von Margareta von Borsig, Freiburg 2009. «Sukhāvatī-vyūha» (1. bis 2. Jahrhundert). «Kannongyō», eigenständige Tradition des 25. Lotos-Kapitels. «Konjaku Monogatari» (frühes 12. Jahrhundert), Übersetzung von Marian Ury, Berkeley 1979. «Sambō ekotoba» (984). Dōgen, «Shōbōgenzō», Kapitel «Kannon», Übersetzung von Gudo Wafu Nishijima.

Chün-fang Yü, «Kuan-yin. The Chinese Transformation of Avalokiteśvara», New York 2001. William LaFleur, «Liquid Life.

Abortion and Buddhism in Japan», Princeton 1992. Joseph Kitagawa, «Religion in Japanese History», New York 1966. Helen Hardacre, «Shinto. A History», Oxford 2017. Inken Prohl, «Religiöse Innovationen», Berlin 2006. Klaus Vollmer, «Shintô und Buddhismus», München 2002. Bernhard Scheid, «Religion-in-Japan», Wien laufend.

John Holt, «Buddha in the Crown. Avalokiteśvara in the Buddhist Traditions of Sri Lanka», New York 1991.

Avalokiteśvara in Indien und Tibet

Die Herkunft Avalokiteśvaras liegt im indischen Mahayana-Buddhismus des ersten bis dritten nachchristlichen Jahrhunderts. In den frühen Texten des Reine-Land-Buddhismus (Sukhāvatī-vyūha) erscheint er als einer der Hauptassistenten des Buddhas Amitabha, gemeinsam mit Mahāsthāmaprāpta.

Im «Kāraṇḍa-vyūha-Sutra» (4. Jahrhundert) wird er zur eigenständigen kosmischen Erlöser-Figur erhoben, deren Mantra «Oṃ maṇi padme hūṃ» bis heute das verbreitetste Mantra des tibetischen Buddhismus ist. Die ikonografische Vielfalt mit zwei-, vier- oder tausendarmigen Formen entstand in dieser Phase und wurde nach Zentralasien, China und schließlich Japan weitergetragen.

Im tibetischen Buddhismus ist Avalokiteśvara als Chenrézig der Schutzpatron Tibets und gilt als der zentrale Bodhisattva des Landes. Die Dalai Lamas werden traditionell als Inkarnationen Chenrézigs verstanden.

John Holt («Buddha in the Crown», 1991) und Lokesh Chandra haben die Entwicklungsgeschichte Avalokiteśvaras quer durch die buddhistischen Kulturen vergleichend rekonstruiert. Die japanische Form Kannon ist demnach das Ergebnis einer mehr als tausendjährigen Wanderung dieser Gottesvorstellung von Nordindien über Zentralasien und China nach Japan.

Frühe Übernahme in Japan

Die ersten Kannon-Bildwerke in Japan stammen aus der Asuka-Zeit (6. bis 7. Jahrhundert). Die berühmte Kudara-Kannon im Hōryū-ji (frühes 7. Jahrhundert) ist eine schlanke, fast überdimensionierte Holzfigur in der koreanisch-paekchischen Tradition und gehört zu den ältesten erhaltenen japanischen buddhistischen Skulpturen.

Die Yumedono-Kannon, eine Geheim-Statue ebenfalls im Hōryū-ji, wurde über Jahrhunderte verhüllt aufbewahrt und erst 1884 von Ernest Fenollosa und Okakura Tenshin wieder zugänglich gemacht. Diese frühen Statuen dokumentieren die hohe Bedeutung des Kannon-Kults bereits in der Frühphase des japanischen Buddhismus.

In der Nara-Zeit (710 bis 794) wurde Kannon zur Hauptfigur des Tōdai-ji-Komplexes und zahlreicher anderer Reichstempel. Die monumentale Trockenlack-Statue der Tausendarmigen Kannon im Tōshōdai-ji, die der chinesische Mönch Ganjin und seine Werkstatt im 8. Jahrhundert schufen, zeigt die Kombination aus chinesischer Werkstatttradition und japanischer Aneignung.

Die Heian-Zeit brachte mit dem Aufstieg von Tendai und Shingon eine weitere Differenzierung des Kannon-Pantheons, in der die sechs Roku-Kannon-Formen liturgisch durchgegliedert wurden.

Sanjūsangen-dō und die Werkstatt-Tradition

Der Sanjūsangen-dō («Halle der dreiunddreißig Räume») in Kyoto, gegründet 1164 von Taira no Kiyomori im Auftrag des Kaisers Goshirakawa, beherbergt das größte erhaltene Kannon-Ensemble Japans: tausend lebensgroße Senju-Kannon-Statuen in zehn langen Reihen, eine elf Meter hohe sitzende Hauptfigur und 28 Begleitskulpturen der Schutzgötter.

Nach einem Brand 1249 wurde die Anlage zwischen 1251 und 1266 wiederaufgebaut, wobei rund 124 der ursprünglichen Statuen erhalten blieben und in den Neubau integriert wurden. Die übrigen Statuen wurden von der Werkstatt des Bildhauers Tankei (1173 bis 1256) und seinen Schülern neu geschaffen.

Tankei gehörte zur Kei-Schule, die im späten 12. und 13. Jahrhundert die japanische Bildhauerkunst prägte und besonders im Kamakura-Buddhismus ihren stilistischen Höhepunkt erreichte.

Die Statuen des Sanjūsangen-dō sind aus mehrteilig zusammengesetztem Hinoki-Holz («yosegi-zukuri»-Technik) gefertigt und mit Lack, Gold und Edelstein-Inkrustationen versehen. Im Jahr 2018 wurden alle tausend Statuen zu Nationalschätzen Japans erklärt, ein einzigartiger Schritt in der japanischen Denkmalpflege.

Kannon und die Frauen-Soteriologie

Eine bedeutende theologische Linie ist die Kannon-Verehrung im Kontext der buddhistischen Frauen-Soteriologie. Das Lotos-Sutra (Kapitel 25) verspricht, dass Kannon Frauen, die einen Sohn wünschen, einen Sohn schenkt, und Frauen, die eine Tochter wünschen, eine Tochter schenkt.

Diese Stelle hat im japanischen Volksbuddhismus zu einer eigenen Tradition der Kannon-Anrufung in Geburtsangelegenheiten geführt. Die «Koyasu-Kannon» («Kind-Schutz-Kannon»), eine spezielle Form mit Kindfigur, ist in zahlreichen Tempeln vertreten und wird bis heute von werdenden Müttern aufgesucht.

Der bereits genannte Mizuko-Kuyō-Ritus für abgetriebene oder tot geborene Kinder hat sich seit den 1970er Jahren stark verbreitet. Dabei werden kleine Statuen («Jizō» oder «Kannon») mit Kinderkleidchen, Spielzeug und Stein-Anhängern versehen, um die nicht zur Welt gekommenen Kinder rituell zu betreuen.

William LaFleur («Liquid Life», 1992) hat diese Praxis aus religionssoziologischer Sicht analysiert und auf ihre psychologische Schutzfunktion für die betroffenen Familien hingewiesen.

Kannon in den «Verborgenen Christen» (Kakure Kirishitan)

Ein religionshistorisch besonderer Komplex ist die «Maria-Kannon»-Tradition der «Kakure Kirishitan», der verborgenen japanischen Christen während der Verfolgungszeit von 1614 bis 1873. In Nagasaki und auf den umliegenden Inseln (besonders Ikitsuki und Goto) bewahrten sich versteckte christliche Gemeinden, die offiziell als buddhistische Familien geführt wurden, ihre Marienverehrung durch die Identifikation Marias mit Kannon.

Kleine Kannon-Statuen, oft mit verdecktem Kreuz auf der Rückseite, wurden als Maria-Bilder verehrt; die «Mizuko-Kannon»-Form eignete sich besonders, weil die Kindfigur auf dem Arm an Madonnenbilder erinnerte.

Diese Tradition wurde erst nach der Aufhebung des Christen-Verbots 1873 öffentlich. Viele Familien kehrten dann zum offenen Katholizismus zurück, andere bewahrten die synkretistische Praxis und blieben bei der Maria-Kannon-Form. Die Kathedrale von Nagasaki und das Museum der Kakure Kirishitan in Sotome dokumentieren diese Sonderform japanisch-christlicher Religiosität, die zugleich eine außergewöhnliche Episode der Kannon-Religionsgeschichte darstellt.

Kannon in der zeitgenössischen Religiosität

Helen Hardacre und Inken Prohl haben mehrfach betont, dass Kannon in der Gegenwart die wichtigste «zugängliche» buddhistische Figur Japans ist. Während der Dharma-Buddha (Tathāgata) als abstrakte philosophische Größe für viele Anbeter wenig konkret bleibt, ist Kannon durch die Bildhaftigkeit und die emotionale Aufladung als Mitleids-Gestalt unmittelbar zugänglich.

Die «33-Stationen-Pilgerwege» erleben einen anhaltenden Aufschwung, der nicht zuletzt durch touristische und Wellness-Komponenten verstärkt wird, ohne die religiöse Substanz zu verlieren.

In den japanischen «Neuen Religionen» («Shin Shūkyō») wie der Reiyū-kai, Risshō Kōsei-kai und Sōka Gakkai bleibt das Lotos-Sutra und damit das Kannon-Kapitel als Hauptschrift zentral.

Auch in der Sōtō-Zen- und Rinzai-Zen-Tradition ist Kannon als Meditationsgegenstand und als Symbol des nicht-dualen Mitleidens fest verankert. In den großen Tempeln des Reine-Land-Buddhismus (besonders Chion-in in Kyoto) ist Kannon weiterhin die Schwesternfigur Amidas und prägt die liturgische Praxis der Sterbebegleitung.