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Avalokiteshvara, Gott der buddhistischen Tradition

Avalokiteshvara ist Gott der buddhistischen Tradition.

Der Bodhisattva des Mitgefühls, tausendfach verkörpert zur Rettung aller Wesen. Avalokiteshvara ist wohl der bekannteste Bodhisattva des Mahayana-Buddhismus, so populär, dass er fast als Gott gilt. Sein Name bedeutet »Der, der die Laute der Welt hört«. Mit einer tausend Armen, von denen jede einem Auge durchdrungen ist, steht Avalokiteshvara bereit, jedem Wesen zu helfen. In China wurde er zur Göttin Guanyin, in Japan zu Kannon, und überall hört er die Rufe der Leidenden. Eine sanfte, großmütige Kraft, kein Donnerkeil wie Vajrapani, sondern das Herz der Erleuchtung selbst.

Inhaltsverzeichnis

Avalokiteshvara - Götter aus der Buddhismus-Tradition, historisch-illustrativ

Avalokiteshvara

Auf einen Blick: Avalokiteshvara

Typ: Mahayana-Buddhistischer Hauptbodhisattva, Bodhisattva des Mitleids
Pantheon: Mahayana– und Vajrayana-Buddhismus (alle Schulen)
Funktion: Verkörperung des grenzenlosen Mitleids (karuṇā)
Hauptattribute: Lotos, Vase mit Nektar, Mantra OM MAṛI PADME HṚM
Hauptkultorte: Potala-Palast (Lhasa), Putuoshan (China), Tibet, Bhutan
Ostasiatische Identifikationen: Guanyin (China), Kannon (Japan), Quan Am (Vietnam)

Kontext

Zeitraum der Texte

Avalokiteshvara ist seit dem 1.–2. Jh. n. Chr. in den frühen Mahâyâna-Sutren belegt. Hauptblütezeit der ikonografischen Tradition ist die Gupta-Zeit Indiens (4.–6. Jh.). Mit der Verbreitung des Mahâyâna nach China (3. Jh. ff.) Wandel der Identifikation zur weiblichen Guanyin. In Tibet seit dem 7. Jh. zentral, der Dalai Lama gilt als seine Inkarnation. Heute einer der weltweit meist verehrten Buddhisten-Bodhisattvas.

Verbreitungsraum

Hauptkultorte: Potala-Palast in Lhasa (tibetischer Hauptkultort), Putuoshan (eine der vier heiligen Berge des chinesischen Buddhismus, der Avalokiteshvara/Guanyin geweiht), Sera- und Drepung-Klöster (Tibet). Im modernen China und Vietnam Tausende Guanyin-Tempel. In Japan einer der wichtigsten Bodhisattvas (33-Kannon-Pilgerwege).

Quellenlage

Zentrale Quellen: Lotos-Sutra (Kapitel 25, das berühmte Avalokitesvara-Kapitel), Kâraṇḍavyûha-Sutra (Hauptquelle für das OM-MAṇI-Mantra), Sukhâvati-vyûha-Sutra, tibetisches Mani-Kabum. Sekundärliteratur: Studholme, The Origins of Om Manipadme Hum; Yu, Kuan-yin: The Chinese Transformation of Avalokitesvara; Lopez, Religions of Tibet in Practice.

Name und Varianten

Avalokiteshvara wird meist mit einer oder elf Köpfen dargestellt, aber seine bekannteste Form hat tausend Arme, jede mit einem Auge in der Mitte. Sein Körper ist weiß, rosa oder golden. Die oberste Hand hält oft einen Lotus. Er trägt eine Krone mit dem Buddha Amitabha auf der Stirn, sein spiritueller Meister. In verschiedenen Kulturen variiert seine Form: Die chinesische Guanyin ist weiblich und sanft; die tibetische Form (Chenrezig) ist männlich und kann furchtbar sein; die japanische Kannon ist androgyn.

Charakteristika

Avalokiteshvara hört die Laute der Welt, jeden Schrei des Leids, jeden Hilferuf. Er manifestiert sich tausendfach, um zu retten: als Mutter, als Krieger, als Arzt, als Priester. Im Himalaya-Buddhismus ist die Chenrezig-Meditation zentral, man visualisiert sich selbst als Avalokiteshvara mit tausend Armen. Das Mantra Om Mani Padme Hum (»Oh Juwel im Lotus«) wird täglich rezitiert zur Kultivierung von Mitgefühl. Gebete zu Avalokiteshvara füllen jeden Tempel und Gebetsraum.

Erscheinung und Symbolik

Avalokiteshvara wird mit elf Köpfen oder tausend Armen dargestellt (im Tibetisch-Buddhistischen), wobei jeder Kopf und Arm ein Aspekt von Mitgefühl verkörpert. Die weiße oder rosafarbene Hautfarbe symbolisiert Reinheit. Er trägt ein Lotos und eine Wasserkanne. Sein Reittier ist der Löwe.

4. Steckbrief: Avalokiteshvara

Die wichtigsten Aspekte von Avalokiteshvara auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Tradition

Avalokiteshvara entsteht in der frühen Mahâyâna-Tradition als Personifikation des grenzenlosen Mitleids des Buddha. In manchen Sutren als emanierter Sohn des Buddha Amitâbha (Sukhâvati-Schule). In Tibet gilt der Dalai Lama als Re-Inkarnation Avalokiteshvaras. In China wandelt sich die Identifikation ab Tang-Zeit zur weiblichen Guanyin, eine der bedeutendsten Geschlechter-Transformationen in der Religionsgeschichte.

Wirkungsgegenstand

Verkörperung des unendlichen Mitleids (mahâ-karuṇâ). Wer in Not ist und Avalokiteshvara anruft, erhält Erlösung. Im Lotos-Sutra sind 33 Manifestationen aufgezählt, Avalokiteshvara erscheint in der Form, die der Hilfesuchende braucht. Schützer der Schiffer (Guanyin als Meeresgöttin), der Mütter, der Sterbenden. Mantra: OM MAṇI PADME HṚM („Om, Juwel im Lotos, hum“).

Avalokiteshvaras Erscheinung

Verschiedene Manifestationen:

Indisch: junger Mann mit Lotos und vase, eine Hand in Schutzgeste (varada-mudrâ).

Tibetisch (Chenrezig): vierarmig, Hauptpaar mit gefaltete Mani-Geste, Außere mit Lotos und Mala-Kette. Tausend-armige Form (Sahasrabhuja-avalokitešvara) mit elf Köpfen.

Chinesisch (Guanyin): weibliche Gestalt in fließendem weißem Gewand, häufig mit Vase und Pajurnzweig. Im Meer-Aspekt auf einem Drachen reitend.

Funktion

Wirkungs-Bereich: Avalokiteshvara wird in Notlagen aller Art angerufen, Krankheit, Schiffbruch, Gefängnis. Die Mantra-Rezitation des OM MAṇI PADME HṚM ist die meistgesprochene buddhistische Mantra weltweit. Tibetische Mani-Steine (Steine mit dem Mantra) säumen Pilgerwege. In China wird Guanyin im chinesischen Hausaltar nahezu universal verehrt, auch von Nicht-Buddhisten als Glücksbringerin.

Schutzmittel

Lotos (das Hauptattribut), Vase mit Nektar (Amrita), Mala-Gebetskette, Mantra OM MAṇI PADME HṚM, weißes Gewand (Guanyin), Hirschhirsch (Tibet), tausend Augen (in tausend Händen, Sahasrabhuja-Form), elf Köpfe (Sahasrabhuja-Form), Drache (Guanyin als Meeresgöttin), Bambusflöte.

Vergleichbares

Guanyin (China, weibliche Form), Kannon (Japan), Quan Am (Vietnam), Gwaneum (Korea), Chenrezig (tibetisch). Funktional: Maria (Christentum, Mater Misericordiae, mitleidsvolle Mutter), Tara (Buddhismus, weibliche Mitleids-Gottheit, oft als Avalokiteshvaras Träne), Lakshmi und Sarasvati (Hinduismus, Aspekte des liebevollen Schutzes).

Schutzpraxis

Rituale zur Verehrung

Avalokiteshvara ist einer der am meisten verehrten Bodhisattvas, tägliche Meditation vor Statuen oder Altären. Das Lotossutra, Kapitel 25, ist gewidmet diesem Bodhisattva. Populäre Praxis: Om-Mani-Padme-Hum rezitieren, 108 oder 1000 Mal per Mala. In Japan (Kannon) und China (Guanyin) sind nationale Wallfahrtsstätten wie Koyasan und Putuo-Berg Zentren der Verehrung. Tibetische Goenpa-Rituale: Avalokiteshvara im höchsten Chakra visualisieren.

Beschwörungen und Anrufungen

Das Universal-Mantra „Om Mani Padme Hum“ („Das Juwel im Lotus“) ist das Kern-Mantra des Mitgefühls. Der Dharani-Text der Avalokiteshvara-Sutra wird in Chanting-Ritualen genutzt. Tibetisch: „Om Mani Padme Hum Hrih“ mit Visualisierung des sechsarmigen Avalokiteshvara. Sanskrit-Überlieferung: Saddharma-Pundarika-Sutra, das Mantra ist im Tantrayana auch als „Om Lokeshvara Stri Maha Mantra“ belegt.

Amulette und Schutzsymbole

Kannon-Statuen in japanischen Hausschreinen und Tempeln sind das häufigste Avalokiteshvara-Amulett. Tibetische Malas und Om-Mani-Plakettten aus Stein oder Messing. Gebetsfahnen mit Mantra-Schriften für den Himalaya-Raum. Archäologische Belege: Avalokiteshvara-Reliefs in Bamiyan, Ellora-Höhlen (Indien, 7.-8. Jh.), Borobudur-Relief (Indonesien, 8. Jh.). Japanische Ofuda (Talisman-Papiere) aus Koyasan.

6. Avalokiteshvara, Parallelen in anderen Kulturen

Avalokiteshvara ähnelt der Mutter Gottes (Maria) im Christentum, beide sind Mutter-Figuren des Mitgefühls. Mit Isis Ägyptens teilt er die Rettungs-Funktion für Leidende. In westlicher esoterischer Tradition wird Avalokiteshvara oft als Archetyp göttlichen Mitgefühls gelesen. Die tausend Arme symbolisieren universale Hilfsbereitschaft, ein ideales Bild für moderne spirituelle Sucher.

Forschungsliteratur

  • Studholme, Alexander: The Origins of Om Manipadme Hum. Albany 2002.
  • Yu, Chun-fang: Kuan-yin: The Chinese Transformation of Avalokitesvara. New York 2001.
  • Lopez, Donald S.: Religions of Tibet in Practice. Princeton 1997.
  • Williams, Paul: Mahayana Buddhism. The Doctrinal Foundations. London 1989.
  • Lotos-Sutra (Kap. 25, zahlreiche Übersetzungen).
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Avalokitesvara“).