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Ranginui - Götter aus der Polynesisch-maori-Tradition, historisch-illustrativ

Ranginui – der Himmelsvater im Weltbild der Maori

GottPolynesien / MaoriHimmelsvater

Ranginui ist der Himmelsvater der Maori-Kosmologie. Mit der Erdmutter Papatūānuku bildet er das Urelternpaar. Seine Söhne trennen ihn gewaltsam von der Erde, um Licht und Lebensraum zu schaffen; seither bleibt er der weinende, der Erde zugewandte Himmel.

Einordnung

Ranginui, oft kurz Rangi genannt, ist in der Kosmologie der Maori der Himmel, gedacht als männliche Urgestalt und Vater. Er bildet mit der Erdmutter Papatūānuku das Urelternpaar, von dem die Götter und alles Lebendige abstammen. Wie bei Papatūānuku gilt: Ranginui herrscht nicht über den Himmel, er ist der Himmel. Name und Sache sind eins.

Innerhalb der Religion der Polynesien / Maori steht Ranginui am Anfang der genealogischen Reihe, der whakapapa, die Götter, Land und Menschen verbindet. Er gehört damit zur ersten Generation personifizierter Mächte. Seine eigentliche mythische Bedeutung gewinnt er weniger durch Taten als durch sein Schicksal: durch die Umarmung mit der Erde und die schmerzhafte Trennung von ihr.

Religionswissenschaftlich verkörpert Ranginui den Typus des Himmelsvaters, der mit einer Erdmutter ein kosmisches Paar bildet. Dieses Motiv ist in Polynesien weit verbreitet und begegnet auch in zahlreichen anderen Mythologien. Charakteristisch für die Maori-Fassung ist, dass die Welt nicht durch einen Schöpfungsakt entsteht, sondern durch die Entfaltung und Trennung dieses Urpaares.

Name und Etymologie

Der Name Ranginui ist zusammengesetzt aus rangi, Himmel, und nui, groß. Er bedeutet damit der große Himmel. Das Wort rangi ist im Maori und in den verwandten polynesischen Sprachen weit verbreitet und bezeichnet zugleich den sichtbaren Himmel und den Tag.

In den Erzählungen erscheint meist die Kurzform Rangi. Daneben gibt es eine Reihe von Beinamen, die unterschiedliche Aspekte des Himmels benennen, etwa den klaren, den fernen oder den über allem ausgebreiteten Himmel. Manche Überlieferungen kennen eine Abfolge oder Schichtung mehrerer Himmel, in der Ranginui der unterste, der Erde zugewandte ist.

Verwandte Namen für Himmelsgestalten finden sich in anderen Teilen Polynesiens, was Ranginui in einen gemeinsamen mythologischen Bestand einordnet. Wie bei Papatūānuku ist die Einheit von Name, personaler Gestalt und physischer Wirklichkeit zu beachten: Ranginui ist nicht ein Gott des Himmels, sondern der Himmel als verwandte, personhafte Macht.

Beschreibung und Erscheinungsformen

Ranginui wird als über der Erde liegende, später emporgehobene Männergestalt vorgestellt. In der Zeit vor der Trennung bedeckt sein Leib unmittelbar den Leib Papatūānukus, sodass zwischen beiden kein Raum und kein Licht bleibt. Nach der Trennung ist er der hoch oben ausgespannte Himmel, der die Welt überwölbt.

Seine Erscheinungsformen sind die Phänomene des Himmels. Der Regen und der Tau gelten als seine Tränen, die er aus Sehnsucht nach der getrennten Gattin vergießt.

Die Gestirne werden in manchen Überlieferungen als Schmuck gedeutet, mit dem sein Sohn ihn nach der Trennung versah, um den Vater zu trösten und zu ehren. Wolken, Dunst und das Licht des Tages gehören ebenfalls zu seiner sichtbaren Gegenwart.

Im Unterschied zu Trickster- oder Wandlungsgöttern tritt Ranginui nicht in wechselnden Gestalten auf. Seine Präsenz ist die beständige Gegenwart des Himmels über dem Land. Charakteristisch ist seine Haltung der Zuwendung: Er bleibt oben, aber er ist der Erde zugekehrt, und seine Trauer hält die Verbindung zu Papatūānuku aufrecht.

Mythologie und Überlieferung

Der zentrale Mythos um Ranginui ist die Trennung des Urelternpaares. Am Anfang liegen Ranginui und Papatūānuku in enger Umarmung. Ihre göttlichen Söhne, eingeschlossen in der Dunkelheit zwischen den Eltern, beraten, wie sie Licht und Raum gewinnen. Sie verwerfen den Gedanken, die Eltern zu töten, und beschließen, sie zu trennen.

Mehrere Söhne versuchen vergeblich, Himmel und Erde auseinanderzudrücken. Erst Tāne, dem Gott der Wälder, gelingt es, indem er sich mit den Schultern gegen die Erde und mit den Füßen gegen den Himmel stemmt und Ranginui langsam emporhebt.

Damit entsteht die Welt des Lichts. Ein anderer Sohn, Tāwhirimātea, der Gott der Stürme, ist mit der Trennung nicht einverstanden. Er folgt seinem Vater in die Höhe und führt von dort aus Wind und Unwetter gegen seine Brüder, die unten geblieben sind.

Die Trennung bringt der Welt das Leben, aber sie bleibt für die Eltern ein dauernder Schmerz. Ranginui weint, und seine Tränen fallen als Regen und Tau auf Papatūānuku herab; sie sendet ihren Seufzer als Nebel zu ihm empor. So erklärt der Mythos die unaufhörliche Verbindung von Himmel und Erde.

In manchen Überlieferungen tröstet Tāne den Vater, indem er ihn mit Sonne, Mond und Sternen schmückt. Über die Trennung berichtet unter anderem der Schöpfungsbericht, den Te Rangikāheke im 19. Jahrhundert aufzeichnete; daneben bestehen zahlreiche regionale Varianten mit abweichenden Einzelheiten.

Eine in mehreren Überlieferungen entfaltete Episode betrifft die Ausschmückung Ranginuis. Nachdem der Himmel emporgehoben ist, erscheint er zunächst kahl und nackt.

Tāne versucht, ihn mit verschiedenen Lichtern zu schmücken, und ordnet schließlich die Gestirne über seinem Leib an: das rote Licht der Morgenröte, die Sonne, den Mond und zuletzt die Sterne, die er aus einem Korb verstreut.

Diese Erzählung erklärt zugleich die sichtbare Ordnung des Himmels und gibt ihr einen Sinn, denn der Schmuck ist ein Akt der Sühne und des Trostes für den getrennten Vater.

Manche Fassungen kennen außerdem eine Vorgeschichte, die der Trennung vorausgeht. Sie lassen aus dem ungeschiedenen Urzustand, aus Nichts, Leere und Nacht, in Stufen erst das Denken und Suchen und dann das Urelternpaar hervorgehen.

Ranginui steht damit nicht am absoluten Anfang, sondern als erste männliche Gestalt am Übergang von der formlosen Urzeit zur geordneten Welt. Auch die Zahl und Reihenfolge der Söhne, die die Trennung versuchen, schwankt zwischen den Iwi; einzelne Stämme nennen andere Götter als erfolgreichen Heber oder kennen weitere Geschwister, die in der bekannten Te-Rangikāheke-Fassung fehlen.

Kult und Verehrung

Wie für Papatūānuku gab es für Ranginui keine Tempel und keine eigene Kultorganisation. Seine Verehrung war Teil der umfassenden rituellen Ordnung, die das Verhältnis des Menschen zu den göttlichen Mächten und zur Natur regelte. Ranginui wurde in den karakia angerufen, den rituellen Sprüchen und Gebeten, die wichtige Handlungen begleiteten.

Bedeutung gewann Ranginui besonders dort, wo es um Wetter, Regen, Gestirne und Zeitrechnung ging. Die Beobachtung des Himmels, der Sterne und ihrer Aufgänge war für Navigation, Ackerbau und Festkalender unentbehrlich; das Wissen darum war mit der mythischen Gestalt des Himmelsvaters verknüpft. Wer den Himmel deutete, hatte es mit Ranginui und seinen Zeichen zu tun.

In Reden auf dem marae, dem Versammlungsplatz, werden Ranginui und Papatūānuku bis heute gemeinsam angerufen, häufig in der einleitenden Anrufung, die Himmel und Erde grüßt, bevor von den Menschen die Rede ist.

Damit bleibt das Urelternpaar im rituellen Sprechen der Maori gegenwärtig, auch dort, wo es keinen eigentlichen Kult mehr gibt. Die enge Verbindung von Ranginui und Papatūānuku im Gebet spiegelt die mythische Sehnsucht der getrennten Eltern wider.

Schutzpraxis und Apotropäisches

Schutz im Zusammenhang mit Ranginui betrifft vor allem die rechte Ordnung gegenüber den Mächten des Himmels und des Wetters. Sturm, Unwetter und Dürre wurden als Wirken göttlicher Kräfte verstanden, insbesondere als Werk des Sturmgottes Tāwhirimātea, der nach der Trennung zu seinem Vater emporgezogen war.

Die Abwehr solcher Bedrohungen geschah durch karakia, durch rituelle Sprüche, mit denen man Unwetter zu beschwichtigen oder günstiges Wetter zu erbitten suchte.

Eine eigentliche apotropäische Praxis im Sinne von Amuletten oder Schutzobjekten, die speziell auf Ranginui bezogen wäre, ist nicht charakteristisch.

Schutz bestand vielmehr im richtigen Wissen und im richtigen Verhalten: in der Kenntnis der Himmelszeichen, der Sternaufgänge und der Wetterregeln, die das mythische Wissen um Ranginui praktisch nutzbar machten. Wer den Himmel zu lesen verstand, konnte Gefahren rechtzeitig begegnen.

Religionswissenschaftlich zeigt sich auch hier das Maori-Muster, dass Schutz auf Beziehung, Wissen und Maßhalten beruht und nicht auf isolierter Magie.

Die rituelle Achtung vor dem Himmelsvater, etwa in den einleitenden Anrufungen von Himmel und Erde, hatte selbst eine bewahrende Funktion: Sie ordnete den Menschen in das verwandtschaftliche Gefüge von Kosmos und Gemeinschaft ein und sicherte so die Grundlage des Handelns.

Stellung in der Genealogie und im Sternwissen

Ranginui ist nicht nur eine kosmologische Urgestalt, sondern auch der Ausgangspunkt eines praktisch genutzten Wissens. Die Himmelsschichten, die manche Überlieferungen über ihm annehmen, gelten als Wohnorte weiterer Mächte, und die Beobachtung des Himmels wurde zu einem hoch entwickelten Fachwissen, das mit der mythischen Gestalt des Himmelsvaters verbunden blieb.

Besondere Bedeutung hatte die Stern- und Mondkunde. Der heliakische Aufgang des Sternhaufens Matariki, der die Plejaden bezeichnet, oder in anderen Stammesgebieten des Sterns Puanga markierte den Jahreswechsel und den Beginn einer neuen Anbauperiode.

Der Mondkalender, der maramataka, ordnete die Nächte des Mondmonats nach ihrer Eignung für Fischfang, Pflanzung und Ernte. Dieses Wissen war an Fachleute, die tohunga, gebunden und wurde in genau überlieferten Formen weitergegeben.

Auch die Navigation auf offener See stützte sich auf den Himmel Ranginuis. Die Seefahrer, die den Pazifik besiedelten, lasen ihren Kurs aus den Aufgangspunkten der Sterne, aus Wind und Dünung.

Wissenschaftlich zeigt sich darin, dass die mythische Gestalt des Himmelsvaters und die nüchterne Beobachtung der Gestirne im Maori-Denken keine getrennten Bereiche waren: Wer den Himmel zu deuten verstand, bewegte sich im Leib einer verwandten, personhaften Macht und nutzte zugleich ein präzises, erfahrungsgesättigtes Wissen.

Parallelen in anderen Kulturen

Das Urelternpaar aus Himmelsvater und Erdmutter ist in ganz Polynesien verbreitet. In Hawaii, auf den Gesellschaftsinseln und andernorts begegnen verwandte Himmelsgestalten und Erzählungen von der Trennung von Himmel und Erde. Diese Übereinstimmungen verweisen auf einen gemeinsamen polynesischen Mythenbestand.

Über Polynesien hinaus gehört Ranginui zum weltweit bezeugten Typus des Himmelsvaters. In der griechischen Überlieferung bildet Uranos mit Gaia ein vergleichbares Paar, dessen enge Verbindung von den Kindern gewaltsam gelöst wird.

Dieses Motiv der Trennung von Himmel und Erde durch die Nachkommen kommt der Maori-Erzählung strukturell bemerkenswert nahe. Auch andere indoeuropäische Traditionen kennen einen Himmelsvater als hohe Gottheit.

Wissenschaftlich ist zu betonen, dass solche Parallelen keine direkte Abhängigkeit beweisen. Sie zeigen, dass die Deutung von Himmel und Erde als gegensätzliches und zugleich zeugendes Paar ein verbreitetes kosmologisches Muster ist.

Die Maori-Fassung hebt sich durch zwei Züge ab: durch die Einbettung in die whakapapa, die Götter, Land und Menschen lückenlos verbindet, und durch die starke Betonung der Sehnsucht und Trauer, die das getrennte Paar weiterhin aneinander bindet.

Heutige Rezeption und Forschung

Die Erforschung Ranginuis ist eng mit der Erforschung der gesamten Maori-Kosmologie verbunden. Sie begann im 19. Jahrhundert mit den Sammlungen von George Grey und den ethnographischen Studien von Elsdon Best. Edward Tregear arbeitete die polynesischen Sprachbezüge heraus, spätere Autoren wie Margaret Orbell systematisierten und kommentierten die Mythen kritisch.

Auch hier gilt, dass die ältere Überlieferung mit Vorsicht zu lesen ist. Koloniale Bearbeiter haben die Erzählungen vereinheitlicht und an europäische Erwartungen angepasst; Te Rangikāhekes Schöpfungsbericht wurde durch Greys Veröffentlichung zur scheinbar maßgeblichen Fassung, obwohl er nur eine von vielen Stammesüberlieferungen ist.

Die neuere Forschung betont deshalb die Vielfalt der regionalen Versionen und die Bedeutung der Maori-Stimmen selbst.

In der Gegenwart sind Ranginui und Papatūānuku feste Bestandteile des kulturellen Selbstverständnisses. Sie erscheinen in Bildung, Literatur, Kunst und öffentlicher Rede, häufig als Paar genannt. Der Mythos der getrennten Eltern dient dabei nicht nur als Erinnerung an eine alte Kosmologie, sondern auch als Bild für das Verhältnis von Mensch, Land und Himmel.

Die in Neuseeland geführte Diskussion über die rechtliche Anerkennung von Naturwesen knüpft an dieses Weltbild an, in dem Himmel und Erde verwandte Personen und nicht bloße Ressourcen sind.

Literatur (Auswahl)

  • Elsdon Best: Maori Religion and Mythology (1924)
  • George Grey: Polynesian Mythology (1855)
  • Margaret Orbell: The Illustrated Encyclopedia of Māori Myth and Legend (1995)
  • Edward Tregear: The Maori-Polynesian Comparative Dictionary (1891)
  • Cleve Barlow: Tikanga Whakaaro. Key Concepts in Māori Culture (1991)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Ranginui Rangi Papatuanuku Maori Himmelsvater Tane Tawhirimatea whakapapa karakia.

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