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Tellervo, Hirtin zwischen Waldhof und Weide

Tellervo ist Göttin der finnischen Tradition.

Tapios Tochter, die das Weidevieh hütet und heimgeleitet. Zwischen Waldhof und Weide sorgt Tellervo dafür, dass kein Tier verlorengeht.

GöttinFinnland

Inhaltsverzeichnis

Tellervo, Göttin der finnischen Überlieferung
Tellervo

Tellervo ist die Waldtochter der finnischen Mythologie, „Tapion neiti“, die Jungfrau des Tapio, und in den Viehsegen die Hüterin des auf Waldweide getriebenen Viehs. Sie hütet die Herde, striegelt sie und bringt sie am Abend milchschwer nach Hause.

Für Hirtinnen und Hirten war Tellervo Göttin der sicheren Waldweide: Das Vieh weidet im Reich Tapios, und ein Wesen dieses Reichs bürgt dafür, dass es heil zurückkehrt. Ihre Überlieferung ist regional eng begrenzt, aber im Kalevala fest verankert.

Im Überblick: Tellervo

Typ: Waldtochter und Hüterin des Weideviehs
Herkunft: Kainuu, Nordkarelien, Karelische Landenge und Weißkarelien
Texte: Runengesänge (SKVR), Kalevala 1835/1849, Kanteletar 1840
Zeitraum: 18./19. Jahrhundert dokumentiert
Erscheinung: junge Frau des Waldes im dunstzarten Hemd, mit gelbem Haar

Quellenkontext

Zeitraum der Texte

Runengesänge des 18. und 19. Jahrhunderts, dazu Gananders Hillervo-Eintrag von 1786, das Kalevala von 1835/1849 und ein Lied der Kanteletar von 1840.

Verbreitungsraum

Nur Kainuu, Nordkarelien, die Karelische Landenge und Weißkarelien; ihre Überlieferung ist schmal und regional begrenzt.

Quellenlage

Schmal: regionale Runengesänge der Sammlung SKVR, die Kalevala-Gesänge 14, 32 und 46 sowie das Kanteletar-Lied auf „Tellervo, Tapion neiti“.

Name und Varianten

Finnisch: Tellervo. Zum Namen bestehen mehrere Theorien: Kaarle Krohn leitete ihn über die Alliteration mit Tapio aus Pellervo ab, Matthias Alexander Castrén und Martti Haavio verbanden ihn mit Hillervo, jener „Mutter der Otter“, die Christfrid Ganander 1786 verzeichnete und die Haavio ursprünglich als Iltis-Mutter deutete. Sicher entscheiden lässt sich die Herkunft nicht.

Beschreibung

Erscheinung

Der Viehsegen des 32. Gesangs beschreibt sie liebevoll: „Tellervo, Tapions Jungfrau, rundliches Mädchen des Waldes, im Dunsthemd mit feinem Saum, mit gelbem, schmuckem Haar.“ Das zarte Hemd aus Nebel und das helle Haar zeichnen ein mädchenhaftes, freundliches Waldwesen ohne die Ambivalenz der großen Waldherren; ihr Beiname „Tapion paimen“, Hirtin des Tapio, benennt die Kernrolle.

Wirkung

Tellervo wird gebeten, die Herde „mit schönen Händen“ zu hüten, sie zu striegeln, bis das Fell wie Luchshaar glänzt, und sie am Abend satt und milchreich heimzugeleiten. Bei der Bärenjagd wirkt sie als Türhüterin des Waldhofs: Sie kettet die Hunde an, damit der Jäger ungehindert naht, und markiert mit Mielikki den Weg zur Höhle. In Nordkarelien richtete sich an sie die Bitte um Hilfe, wenn eine Krankheit als „vom Wald geschickt“ gedeutet wurde.

Steckbrief: Tellervo

Die wichtigsten Aspekte der Viehhüterin auf einen Blick.

Kulturkontext

Jungfräuliche Hüterin innerhalb der Waldherrschaft, wie sie die ostseefinnische haltija-Religion mehrfach besetzt; im Kalevala Teil von Tapios Hofstaat.

Zuständig für

Das Weidevieh auf der Waldweide, regional auch Bärenjäger und Kranke, deren Leiden man als „aus dem Wald gekommen“ deutete.

Darstellung

Junge Frau des Waldes im feinen, dunstzarten Hemd, mit gelbem Haar; die Lieder nennen sie ein „rundliches Waldmädchen“.

Funktion

Hüten, Striegeln, Heimgeleiten: Am Abend soll die Herde „eine wogende Quelle auf dem Rücken, einen Milchteich auf der Kruppe“ tragen.

Kult

Der gesungene Viehsegen beim Frühjahrsaustrieb; in Kainuu wurde der Waldfamilie an der Opferfichte die erste Portion Käse aus der Milch einer frisch gekalbten Kuh dargebracht.

Pendants

Der slawische Viehgott Veles und der Leshy der Weideverträge; im Hauskult entspricht ihr funktional der Domovoi.

Eine regionale Gestalt wird Nationalfigur

Tellervo erscheint in Runengesängen aus Kainuu, Nordkarelien, von der Karelischen Landenge und aus Weißkarelien, jeweils mit eigener Aufgabe: In Kainuu und Weißkarelien hilft sie bei der Bärenjagd, in Nordkarelien wird sie gegen eine Krankheit angerufen, „die aus dem Wald kam“, auf der Landenge schützt sie das Vieh. Elias Lönnrot nahm sie in das Kalevala auf: Im 14. Gesang gehört sie zum goldglänzenden Gesinde von Tapios Höfen, im 32. Gesang ist sie die eigentliche Adressatin des großen Viehsegens, im 46. Gesang bindet sie die Hofhunde an und ritzt mit Mielikki die Wegmarken zur Bärenhöhle.

Einmal nennt derselbe Gesang sie sogar „Tapions Weib“, die Rollen schwanken also. Auch die Kanteletar von 1840 enthält ein Lied auf „Tellervo, Tapion neiti“, das die Gestalt außerhalb des Kalevala im Umlauf hielt. Versagt die Herde den Heimweg, sollen nach dem Viehsegen Waldjungfrauen sie mit einer Rute aus Ebereschen- oder Wacholderholz heimtreiben.

Denkmal, Name und Deutung

In Helsinki steht seit 1929 die Bronzestatue „Tellervo, Tapion tytär“ von Yrjö Liipola im Kolmikulma-Park; Liipola hatte die Figur zunächst als Diana geschaffen und ihr bei der Überführung nach Finnland den finnischen Namen gegeben, weshalb der Park im Volksmund Dianapuisto heißt. Tellervo ist zudem ein gebräuchlicher finnischer Frauenname; unter anderem trug ihn die Präsidentengattin Tellervo Koivisto.

Religionswissenschaftlich zeigt Tellervo den Typus der jungfräulichen Hüterin innerhalb einer Waldherrschaft. Ihre schwankende Stellung, mal Tochter, mal Gattin, mal Hirtin, führt vor, wie wenig die Runengesänge an festen Genealogien lagen; verbindlich wurden diese erst durch Lönnrots Redaktion. Die Verbindungslinie zu Hillervo, der „Mutter der Otter“, berührt das Konzept der emuu, der mythischen Urmutter einer Tierart, und macht Tellervo zu einem Lehrstück über Namenswanderung und Rollenwechsel in mündlicher Überlieferung.

Der Viehsegen des Frühjahrsaustriebs

Kern der Praxis war der gesungene Viehsegen beim Frühjahrsaustrieb, dessen literarische Musterform der 32. Gesang des Kalevala bewahrt; er verband die Bitte an Tellervo mit dem förmlichen Friedensschluss mit dem Bären. Dazu traten handfeste Bräuche: Glocken am Leitvieh, damit Herde und Hüterin einander fanden, Rauch von Wacholder beim Austrieb und am Abend ein Feuer auf dem Hof, das dem heimkehrenden Vieh den Weg wies, wie es der Segen ausdrücklich erwähnt. In Kainuu wurde der Waldfamilie an der Opferfichte die erste Portion Käse aus der Milch einer frisch gekalbten Kuh dargebracht, ein Dank für die bewahrte Herde.

Viehschützer und Hirtengötter

Die Verbindung von Wald und Viehschutz teilt Tellervo mit dem slawischen Viehgott Veles und mit dem Leshy, mit dem russische Hirten der Sage nach Weideverträge schlossen. Als jungfräuliche Herrin der Tiere erinnert sie an Artemis und Diana, denen ebenfalls das unversehrte junge Leben der Herden und Wildtiere anvertraut war. Im Hauskult entspricht ihr funktional der Domovoi, der das Vieh im Stall schützt, während Tellervo es jenseits des Zauns übernimmt.

Häufige Fragen zu Tellervo

Ist Tellervo Tochter oder Frau des Tapio?

Beides kommt vor. Der übliche Beiname lautet „Tapion neiti“, Tapios Jungfrau oder Tochter, doch der 46. Gesang des Kalevala nennt sie an einer Stelle „Tapion vaimo“, Tapios Weib. Die Forschung wertet das als normale Rollenunschärfe mündlicher Dichtung, nicht als Widerspruch; verbindliche Stammbäume entstanden erst mit Lönnrots Redaktion.

Wobei half Tellervo konkret?

Ihr Kerngeschäft war der Schutz des Weideviehs: hüten, striegeln, abends heimgeleiten. Daneben half sie regional bei der Bärenjagd, indem sie die Hunde des Waldhofs anband und den Weg markierte, und in Nordkarelien wurde sie gegen Krankheiten angerufen, die man als „aus dem Wald gekommen“ deutete.

Warum ist ihre Überlieferung so schmal?

Runengesänge mit Tellervo wurden nur in Kainuu, Nordkarelien, Weißkarelien und auf der Karelischen Landenge aufgezeichnet. Ihre heutige Bekanntheit verdankt sie dem Kalevala und der Kanteletar, die die regionalen Lieder in den Nationalkanon hoben.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Quellen und Studien:

  • Elias Lönnrot: Kalevala. 1849 (deutsch von Anton Schiefner 1852; Neuübersetzung von Lore und Hans Fromm 1967).
  • Haavio, Martti: Suomalainen mytologia. Helsinki 1967.
  • Castrén, M. A.: Vorlesungen über die finnische Mythologie. St. Petersburg 1853.
  • Ganander, Christfrid: Mythologia Fennica. Åbo 1789.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Als Tapion neiti und finnische Viehgöttin der Waldweide steht Tellervo für den Vertrag zwischen Hof und Wald: Das Wertvollste, das ein Haus besaß, wurde dem Reich Tapios anvertraut, und seine Tochter bürgte für die heile Heimkehr.

Einordnung & Schutz

ISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe I zu – Geringe Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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