Artemis ist Göttin der griechischen Tradition.
Göttin der Jagd, des Mondes und der Wildnis, unverheiratete Herrscherin der Natur. Artemis ist die Zwillingsschwester Apollons und eine der wenigen Olympierinnen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt und ihre Unabhängigkeit gegenüber Männern durchsetzt. Mit Bogen und Pfeilen bewacht sie Hirsche, Rehe und alle wilden Tiere. Sie ist Beschützerin von Frauen, besonders bei Geburt und Frauenfreundschaften.
Typ: Griechische Hauptgottheit, Jäger- und Mond-Göttin, Patronin der Jungfrauen
Pantheon: Griechenland (eine der zwölf Olympier), Römisch als Diana übernommen
Funktion: Jagd, wilde Natur, Mondlauf, Schutz von Frauen in Geburtswehen, Jungfräulichkeit
Hauptattribute: Bogen mit goldenen Pfeilen, Mondsichel, Hirschkuh, kurzes Jägerinnen-Gewand
Hauptkultorte: Ephesos (Artemision, Weltwunder), Brauron (Attika), Sparta (Artemis Orthia), Delos (Geburtsort)
Römisches Pendant: Diana
Artemis ist seit Homer (8. Jh. v. Chr.) zentral in der griechischen Mythologie. Ihr Hauptheiligtum, das Artemision in Ephesos, war eines der Sieben Weltwunder der Antike (errichtet ab dem 6. Jh. v. Chr., niedergebrannt durch Herostratos 356 v. Chr., wiedererrichtet, schließlich im 3. Jh. n. Chr. zerstört). In Ephesos ist Artemis allerdings bereits eine Synthese aus der griechischen Artemis und der vorhellenistischen anatolischen Muttergöttin (Kybele/Kubaba), die berühmten Vielbrüste-Statuen gehören zu dieser kleinasiatischen Form. In hellenistischer Zeit weitere Synkretisierung mit Hekate (Artemis-Hekate) und Selene (Mond). Im Neuen Testament Acta 19 die berühmte Episode über die Silberschmiede in Ephesos.
Hauptkultorte: Ephesos (Artemision, das berühmteste; mit der mehrbrüstigen anatolisch-griechischen Mischform), Brauron (Attika, mit den Mädchen-Initiationen, den Arkteia, junge Mädchen spielten „Bärinnen“ vor der Heirat), Sparta (Artemis Orthia, mit den berühmten Knaben-Geißelungen, einem Initiationsritual), Delos (mythischer Geburtsort, dort gemeinsam mit Apollon verehrt), Aulis (Iphigenie-Mythos). Auf Sizilien Syrakus mit dem Artemis-Kult bei der Quelle Arethusa.
Zentrale Quellen: Hesiod (Theogonie), Homers Ilias und Odyssee, der Homerische Hymnos an Artemis (kurz, 27. Hymnos), Kallimachos’ Hymnos auf Artemis (alexandrinisch, ausführlich), Apollodors Bibliothek, Pausanias Beschreibung Griechenlands. Theaterstücke: Euripides’ Iphigenie in Aulis und Iphigenie bei den Taurern (zentral für Artemis-Mythos), Euripides’ Hippolytos. Sekundärliteratur: Burkert, Griechische Religion; Vernant, Mortals and Immortals; Cole, Landscapes, Gender, and Ritual Space; LIMC sub voce Artemis.
Artemis wird als muskulöse, schnelle Jägerin dargestellt, oft in Jagd-Kleidung (kurzer Chiton), mit Bogen und Köcher. Ihre Symbole sind der Hirsch oder die Gazelle, die silberne Mondsichel (die sie am Himmel lenkt), die Fackel, und manchmal Hunde (ihre Jagd-Hunde). Sie wird häufig mit ihren Nymphen-Nymphen in Waldszenen gezeigt. Ihre Schönheit ist wild und ungeziembar, nicht höfisch wie bei Aphrodite.
Artemis wird als Schutzgöttin der Jagd, der Wildnis und der Frauen angerufen, besonders bei Schwangerschaften und Geburten. Sie schützt Frauen vor Überbelästigung und Gewalt. Ihr Eid ist unverbrüchlich; denen, die sie beschwören, hilft sie. Frauen brachten ihr Weihgaben vor ihrer Hochzeit dar. Paradoxerweise ist Artemis auch Göttin der Pest unter wilden Tieren. Ihr Fest, die Thesmophoria (zum Teil), wird jährlich in zahlreichen Heiligtümern gefeiert. Sie ist das Ideal der Unabhängigkeit und der weiblichen Freundschaft.
Artemis wird dargestellt als junge, muskulöse Jungfrau in kurzer Chiton, bewaffnet mit Bogen und Köcher voller Pfeile – das Urbild der Jagdgöttin. Der Hirsch und das Reh waren ihre heiligen Tiere, ebenso wie die Hündin. Der Mond selbst wurde ihre Sphäre, obwohl dies erst in späteren Perioden vollständig etabliert war; früher war sie mehr die Sonnengöttin der Nacht. Die Zypresse und die Fichte waren ihr geheiligt. Mit ihrer Mondsichel als Diadem und ihrer silbernen Glanz verkörperte sie Reinheit und Jungfräulichkeit, und zugleich die ambivalente Macht der weiblichen Wildheit und Unabhängigkeit – die keinem Mann unterworfen sein wollte.
Die wichtigsten Aspekte von Artemis auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und kulturelle Parallelen zusammen.
Artemis ist Tochter des Zeus und der Titanin Leto, Zwillingsschwester des Apollon. Geboren auf der Insel Delos (oder nach einer alten Tradition auf Ortygia bei Delos), wo Leto (von Hera verfolgt) Zuflucht fand. Artemis wird zuerst geboren und hilft dann ihrer Mutter bei Apollons Geburt, daher ihre Patronage der Geburt. Bewusste Jungfrau (parthenos), sie schwur als Kind ihrem Vater Zeus, niemals zu heiraten und bat um Bogen, Jägergefolge und Berge als Reich. Mythische Rachefigur in den Fällen Aktaion (verwandelt in einen Hirsch und von eigenen Hunden zerrissen, weil er sie nackt sah) und Niobe (deren Kinder Artemis und Apollon mit Pfeilen erschossen).
Doppelfunktion charakteristisch für Artemis: Jägerin mit gnadenlosem Bogen, aber auch Beschützerin der wilden Tiere und ihrer Jungen (Potnia Theron, „Herrin der wilden Tiere“). Patronin der jungen Mädchen vor der Heirat, in Brauron ehrten attische Mädchen vor der Ehe das Heiligtum als „Bärinnen“. Helferin in Geburts-Wehen (zusammen mit Eileithyia), aber auch ihre silbernen Pfeile brachten Frauen den plötzlichen Tod (im Gegensatz zu Apollons Pfeilen für Männer). Patronin des Mondlaufs (später mit Selene synkretisiert).
Junge, schöne, hochgewachsene Frau mit kurzem über den Knien-Gewand (chitoniskos, ein typisches Jägerinnen-Kostüm). Hochgebundenes Haar oder kurzer Lockenkopf. Bogen mit goldenen Pfeilen und Köcher über der Schulter. Mondsichel auf der Stirn (später Synkretismus mit Selene). Im Lauf festgehalten, oft mit aufgenommenem Bein. Hirschkuh oder Goldenes Reh von Keryneia als Begleittier. Spitz-Mütze (Pilos), Sandalen. In Ephesos die ungewöhnliche Form: thronend, mit mehreren Reihen vorgebauter Brüste oder Stier-Skroten (Symbol der Fruchtbarkeit der vorgriechischen anatolischen Mutter).
Wirkungs-Bereich: Artemis war besonders bei Frauen und jungen Mädchen populär, vor der Hochzeit, in Geburtswehen, bei akuten Krankheiten. Mädchen weihten ihr vor der Heirat Spielzeug, Schleier und Locken; in Brauron spielten sie das Arkteia-Initiationsritual als Bärinnen. In Sparta führten Knaben am Artemis-Orthia-Altar die Diamastigôsis durch (rituelle Geißelung als Mannbarkeits-Probe). Jäger und Wanderer riefen sie vor jedem Aufbruch in die Wildnis an. In Ephesos zogen tausende Pilger zu ihrem Tempelfest, das alle vier Jahre stattfand. Im Iphigenie-Mythos führt sie das geforderte Mädchen-Opfer in letzter Minute durch eine Hirschkuh ab und schickt Iphigenie als Priesterin nach Tauris.
Bogen mit goldenen Pfeilen (silberne Pfeile bei Homer), Köcher, kurzes Jägerinnen-Gewand, Mondsichel (später), Hirschkuh, Goldenes Reh, Bärin (Brauron), Spieß, Fackel (Artemis Phosphoros, „Lichtbringerin“), Sandalen. Heilige Pflanzen: Lorbeer (mit Apollon), Zypresse, Palme (Delos). Heilige Tiere: Hirschkuh, Bär, Reh, Eber (Kalydonischer Eber-Mythos), Wachtel (Ortygia), Hund. Heilige Zahl: 3 (Triplizität mit Hekate und Selene).
Diana (Rom, nahezu identische Übernahme mit eigenem Diana-Cult in Aricia bei Rom), Selene (Griechenland, Mond, später mit Artemis synkretisiert), Hekate (Griechenland, Wegkreuzungen, oft als Triplizität mit Artemis und Selene), Kybele/Kubaba (Anatolien, ursprüngliche Wurzel der Ephesos-Artemis), Britomartis (Kreta, lokale Jägerin), Bastet (Ägypten, in hellenistischer Zeit als Artemis Bubastia synkretisiert), Freyja (Germanisch, Jägerin und Liebes-Göttin), Durga (Hinduismus, Tigern reitende Krieger-Göttin), Ishtar (Mesopotamien, Pfeile und Bogen). Im weiteren Kontext: Artemis ist die berühmteste Vertreterin der Potnia Theron-Tradition (Herrin der wilden Tiere), die in vielen archaischen Kulturen vorkommt.
Rituale und Anrufungen
Historische Praktiken und Opferrituale in der Volksfrömmigkeit: Räucherwerk, Libationen, Votiv-Gaben. Archäologische Befunde auf Tontafeln (Ägypten: Kyphi-Rezepte aus Edfu; Griechenland: Defixiones aus Athen; Vodou: Drumming-Rhythmen und Lwa-Anrufung). Historische Zeugnisse zeigen rituelle Kontinuität über Jahrtausende.
Textüberlieferung und Formeln
Schriftliche Überlieferung: Pyramidentexte (Ägypten), Vedische Hymnen (Hinduismus), Psalmen und Magische Papyri (Judentum/Christentum), Qu’ran-Verse (Islam), Übertragene Formeln in Mündlichkeit. Rhythmische Anrufungen, Göttinnamen-Zyklus, magische Sigillen und phonetische Kraft (Mantra-Prinzip).
Materielle Apotropäika und archäologische Belege
Physische Objekte: Skarabäen-Siegel (Ägypten), Bes-Plaketten, Wedjat-Auge, Evil-Eye-Amulette (Mittelmeerraum), Vèvè-Erdzeichen (Vodou), Runen-Talismane (Germanisch). Inschriften auf Amulett-Trägern, Schutz durch Material (Elfenbein, Hämatit, Lapis Lazuli) und kultisches Design. Museum-Kataloge und Grabungsberichte dokumentieren Alltags-Apotropäika aus 3000+ Jahren.
Jagd-Göttinnen und Mond-Göttinnen finden sich überall: Diana (Rom), Atalante (Heroische Sage), Skadi (Skandinavien), Chang’e (China). Artemis‘ Betonung auf Weiblichkeit ohne Sexualität und männliche Unterwerfung ist einzigartig für ihre Zeit. Sie teilt den Mond-Aspekt mit Selene und Hecate, aber ihre Jagd-Fokus unterscheidet sie. Ihre Rolle als Beschützerin von Frauen und Kindern verbindet sie mit Ilithyia und anderen Schutz-Gottheiten.