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Mielikki, die Herrin mit den goldenen Schlüsseln

Mielikki ist Göttin der finnischen Tradition.

Herrin des Waldes, die die Vorratskammer des Wildes öffnet. Mit ihren goldenen Schlüsseln entscheidet Mielikki, wem das Wild des Waldes zufällt.

GöttinFinnland

Inhaltsverzeichnis

Mielikki, Göttin der finnischen Überlieferung
Mielikki

Mielikki ist die Herrin des Waldes (metsän emäntä), Gattin des Waldkönigs Tapio und Mutter von Nyyrikki, Tellervo und Tuulikki. Sie verwahrt die Schlüssel zur Vorratskammer des Waldes und entscheidet damit über das Jagdglück.

Für die Jäger war Mielikki Göttin des Jagdglücks: Sie lässt „Gold und Silber“, also das Wild, vor dem Jäger wandern, öffnet die Vorratskammer oder hält sie verschlossen. In den Runengesängen wurde sie öfter angerufen als ihr Gatte.

Im Überblick: Mielikki

Typ: Herrin des Waldes, Geberin des Jagdglücks
Herkunft: Finnland und Karelien, Schicht der Wald-haltijat
Texte: Runengesänge (SKVR), Ganander 1789, Kalevala 1835/1849
Zeitraum: 18./19. Jahrhundert dokumentiert
Erscheinung: Frau des Waldes, golden geschmückt in guten Zeiten, grau und ärmlich in kargen

Herkunftsraum und Quellen

Zeitraum der Texte

Die Belege stammen aus den finnisch-karelischen Runengesängen des 18. und 19. Jahrhunderts, dazu Ganander 1789 und das Kalevala von 1835/1849.

Verbreitungsraum

Ganz Finnland und Karelien, unter vielen Regionalnamen wie Mimerkki, Mielus, Annikki und Metsätär; bei den Waldfinnen Skandinaviens lebte sie als Mehänemäntä fort.

Quellenlage

Gut: die Runengesang-Sammlung SKVR, Gananders Mythologia Fennica und das Kalevala; in Jagdgebeten ist sie häufiger angerufen als Tapio.

Name und Varianten

Finnisch: Mielikki, gestellt zum Wortfeld mieli und mieltyä: Die Herrin soll dem Jäger „geneigt“ werden, wie es die Gebetsformel „mielly metsä, kostu korpi“ (werde mild, Wald, erweiche dich, Ödwald) ausspricht; eine ältere Deutung verband den Namen mit mielu, „Glück“. Nebenformen sind Mimerkki, Mielus, Metsätär und Annikki, letzterer von der heiligen Anna beeinflusst; Ganander nennt 1789 die Waldherrin Tapiotar, „große Mutter des Federwilds“.

Erscheinung und Verhalten

Erscheinung

Die Runengesänge beschreiben Mielikki doppelgesichtig, und dieses Doppel ist ein Omen: Zeigt sich die Waldherrin golden geschmückt, mit Goldreifen an den Händen, Goldgehängen im Haar und Perlen am Hals, wird sie freigiebig sein; erscheint sie grau, in Werktagslumpen und mit Ringen aus Reisig, bleibt die Jagd karg. Daneben stehen Farbattribute wie blauer Umhang und blaue Strümpfe, die sie als Wesen des tiefen Waldes kennzeichnen; ihre Beinamen durchziehen Honig und Met („metinen emäntä“, die honigsüße Herrin).

Wirkung

Mielikki vergibt das Jagdglück, besonders bei Kleinwild und Waldvögeln, dem „Korn der Mutter“ (emon vilja). Die jüngere Überlieferung kennt sie zudem als geschickte Heilerin der Waldtiere, die Pfoten von Tieren versorgt, die Fallen entkommen sind, und aus dem Nest gefallene Jungvögel aufliest. Symbolisch verkörpert sie die Gunst des Waldes selbst, die man nicht erzwingen, sondern nur gewinnen kann.

Steckbrief: Mielikki

Die wichtigsten Aspekte der Waldherrin auf einen Blick.

Tradition

Schicht der Wald-haltijat, der Schutzherrschaften des Waldes; im Kalevala Gattin Tapios und Hausherrin von Metsola.

Zuständig für

Jagdglück, besonders Kleinwild- und Vogeljagd, dazu der Schutz des Weideviehs: Im 32. Gesang schickt sie als „Alte der Herden“ ihre Mägde zur Herde.

Darstellung

Frau des Waldes mit Goldschmuck in gebefreudigen Zeiten, grau und ärmlich in kargen; dazu blauer Umhang und blaue Strümpfe als Zeichen des tiefen Waldes.

Funktion

Sie verwahrt die goldenen Schlüssel am Ring an ihrer Hüfte und öffnet Tapios Vorratshaus, wie es Lemminkäinen im 14. Gesang erbittet.

Kult

Erstlingsgaben an der wipfellosen Opferfichte, die bei den Waldfinnen ausdrücklich „Stube der Waldherrin“ (metsänemännän tupa) hieß; dazu der symbolische Gabentausch der Jagdlieder.

Pendants

Die estnische Metsaema und die ersänische Vir-ava, beides „Waldmütter“, dazu Artemis als Herrin der Tiere.

Von den Jagdliedern zur Hausherrin von Metsola

Mielikki gehört zur Schicht der Wald-haltijat, wie sie die finnisch-karelischen Runengesänge des 18. und 19. Jahrhunderts überliefern. Elias Lönnrot machte sie im Kalevala zur Gattin Tapios und zur Hausherrin von Metsola: Im 14. Gesang bittet Lemminkäinen sie, die goldenen Schlüssel vom Ring an ihrer Hüfte zu nehmen und Tapios Vorratshaus zu öffnen; im 32. Gesang schickt sie ihre Mägde zum Schutz des Weideviehs; im 46. Gesang ist sie die Ziehmutter des Bären.

Im Bärenmythos sammelt sie die auf die Wasser geworfene Wolle auf, aus der der Bär entstehen soll, wiegt ihn in einer Wiege mit goldenen Ketten unter einer blühwipfligen Fichte und verweigert ihm Zähne und Krallen, bis er auf ihren Knien schwört, nichts Böses zu tun; erst dann fertigt sie ihm Krallen aus dem Silberzweig der Kiefer und dem Goldzweig der Fichte. Bei den Waldfinnen Skandinaviens lebte sie als Mehänemäntä fort, und die Finnen Nordschwedens übertrugen ihren Titel auf das schwedische Waldwesen Skogsrå.

Rezeption und Forschung

Ein Berg auf der Venus, Mielikki Mons, trägt ihren Namen, ebenso viele Finninnen mit dem Vornamen Mielikki. In der Fantasy-Rollenspielwelt der Forgotten Realms wurde Mielikki als Waldgöttin übernommen, wodurch der Name international bekannt wurde; die neuheidnische Szene Finnlands verehrt sie als Verkörperung des gebenden Waldes.

Religionswissenschaftlich vertritt Mielikki den im nördlichen Eurasien verbreiteten Typus der „Waldmutter“. Bemerkenswert ist der Befund der Forschung, dass die weibliche Waldherrin im Gebetsgebrauch wichtiger war als der männliche Waldkönig; die Jagdlieder feminisieren den Wald und werben um seine Zuneigung. Martti Haavio las die gesamte Waldfamilie als Ausformungen eines Verteilers der Lose, also des Jagdglücks. Die feste Rolle als Tapios Gattin ist Lönnrots Systematisierung; die Feldüberlieferung kennt fließende Übergänge zwischen Herrin, Tochter und Schwiegertochter des Waldes.

Gabentausch mit der Waldherrin

Der Umgang mit Mielikki bestand aus Ehrung und Gabentausch, nicht aus Abwehr. Jäger riefen sie vor dem Aufbruch an und boten ihr symbolisch Gold und Silber zum Tausch gegen Beute, wie es der 14. Gesang vorführt. Geopfert wurde an der wipfellos gewachsenen Fichte, die in Finnland Tapionpöytä heißt und bei den Waldfinnen ausdrücklich „Stube der Waldherrin“ genannt wurde; dorthin brachte man Erstlingsgaben des Fangs. Wer im Wald ihr Erscheinungsbild als Omen las, verschob bei ärmlicher Gestalt die Jagd; der Viehsegen des 32. Gesangs zeigt die Bitte um ihre Mägde als Hüterinnen der Herde während der Waldweide.

Waldmütter und Tierherrinnen

Als Herrin der Tiere steht Mielikki der griechischen Artemis und der römischen Diana nahe, die ebenfalls Jagd gewähren und Wildtiere schützen. Das ostseefinnische Umfeld kennt direkte Entsprechungen: die estnische Metsaema und die ersänische Vir-ava, beides „Waldmütter“. Das skandinavische Waldwesen Skogsrå wurde von finnischsprachigen Siedlern mit ihrem Titel belegt. Der slawische Leshy entspricht eher ihrem Gatten, teilt aber die Doppelrolle aus Geben und Verweigern.

Häufige Fragen zu Mielikki

Warum wurde Mielikki häufiger angerufen als Tapio?

Die Jagdlieder verstehen den Wald als Hausstand, und über Vorräte und Gaben entscheidet die Hausherrin. Deshalb richten sich die Bitten um Beute, um die goldenen Schlüssel und um das Öffnen der Vorratskammer an sie; der Befund stammt aus der Auswertung der Runengesang-Sammlungen und gilt in der Forschung als gesichert.

Welche Rolle hat Mielikki beim Bären?

Im 46. Gesang des Kalevala ist sie die Ziehmutter des Bären: Sie nimmt die Wolle von den Wassern, wiegt das Junge unter der Fichte und gibt ihm erst Krallen und Zähne, nachdem es geschworen hat, nichts Böses zu tun. Der Bär bleibt dadurch an die Hausordnung des Waldes gebunden, worauf sich die Viehsegen berufen.

Ist Mielikki eine Heilgöttin für Menschen?

Die Quellen zeigen sie als Heilerin der Waldtiere, nicht als Krankenheilerin des Menschen. Die verbreitete Angabe, sie helfe auch Menschen mit Kräuterwissen, gehört zur jüngeren populären Überlieferung und sollte entsprechend vorsichtig gelesen werden.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Quellen und Studien:

  • Elias Lönnrot: Kalevala. 1849 (deutsch von Anton Schiefner 1852; Neuübersetzung von Lore und Hans Fromm 1967).
  • Haavio, Martti: Suomalainen mytologia. Helsinki 1967.
  • Pulkkinen, Risto / Lindfors, Stina: Suomalaisen kansanuskon sanakirja. Helsinki 2016.
  • Pentikäinen, Juha: Kalevala Mythology. Bloomington 1989.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Als finnische Waldgöttin verkörpert Mielikki die Gunst des Waldes selbst: Die Herrin des Waldes Kalevalas wie der älteren Jagdlieder öffnet ihre Vorratskammer nur dem, der höflich um Gaben wirbt.

Einordnung & Schutz

ISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe I zu – Geringe Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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