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Laozi, Begründer des Daoismus

Laozi (老子, auch Lao-tzu, Lao-tse) gilt in der chinesischen Tradition als Begründer des Daoismus und als legendärer Verfasser des «Daodejing», eines der einflussreichsten Texte der chinesischen Religions- und Philosophiegeschichte.

Seine historische Existenz ist in der modernen Forschung umstritten; die Quellen zu seinem Leben sind spärlich, widersprüchlich und teilweise mythisch überformt. Die religionswissenschaftliche Erforschung des Laozi bewegt sich heute weniger um die historische Person als um die Wirkungsgeschichte der ihm zugeschriebenen Texte und der späteren Vergottung.

Gott

Inhaltsverzeichnis

Laozi - Götter aus der Daoismus-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage zur historischen Person

Die ausführlichste antike Biografie Laozis findet sich im «Shiji» («Aufzeichnungen des Historikers») des Sima Qian, abgeschlossen um 90 vor Christus. Sima Qian berichtet drei verschiedene Versionen über Laozi und gibt selbst zu, nicht zu wissen, welche zutrifft.

Die populärste Version macht Laozi zu einem Beamten am Hof der östlichen Zhou-Dynastie, der im 6. Jahrhundert vor Christus ein Bibliothekar oder Archivar gewesen sei.

Er sei dem jungen Konfuzius (551 bis 479 vor Christus) begegnet und habe dem späteren Meister einen Unterricht erteilt. Schließlich habe Laozi, enttäuscht über den Verfall des Reiches, das Land nach Westen verlassen und auf Bitten des Grenzwächters Yinxi am Han-Gu-Pass das Daodejing in 5000 Schriftzeichen niedergeschrieben.

Die zweite Version identifiziert Laozi mit Lao Laizi, einem anderen daoistischen Lehrer der Zhou-Zeit. Die dritte Version verortet ihn etwa 100 Jahre später. Diese Mehrfachversionen zeigen, dass Sima Qian selbst über keine verlässlichen biografischen Daten verfügte und das Material aus verschiedenen mündlichen und schriftlichen Traditionen zusammenstellte.

Hans-Georg Möller hat in «Laotse» (1995) und «The Philosophy of the Daodejing» (2006) gezeigt, dass die spärlichen Daten Sima Qians eher legendäre als historische Substanz haben.

Historizität in der modernen Forschung

Die moderne sinologische Forschung diskutiert die Frage der Historizität Laozis intensiv. Russell Kirkland hat in «Taoism: The Enduring Tradition» (2004) eine kritische Position vertreten, nach der Laozi als historische Person kaum greifbar ist und die ihm zugeschriebenen Texte vielmehr ein Produkt mehrerer Generationen daoistisch geprägter Gelehrter sind.

Diese Position wird durch die textgeschichtliche Forschung gestützt: Das Daodejing ist nach heutiger Auffassung kein einheitlich verfasstes Werk, sondern eine Kompilation, deren älteste Schichten in das 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus zurückreichen.

Die 1993 in Guodian (Provinz Hubei) entdeckten Bambustexte enthielten Fragmente einer frühen Version des Daodejing, die ins späte 4. Jahrhundert vor Christus datiert werden. Diese Funde haben die Diskussion um die Entstehungsgeschichte des Textes neu belebt und zeigen, dass das Daodejing über mehrere Jahrhunderte hinweg redigiert und ergänzt wurde.

Eine einzelne historische Verfasserpersönlichkeit ist damit unwahrscheinlich. Die Tradition, das Werk Laozi zuzuschreiben, gehört zu einem typischen chinesischen Muster der pseudepigrafischen Zuschreibung an einen legendären Stifter.

Das Daodejing

Das Daodejing («Klassiker des Wegs und der Tugend») ist ein Text von 81 kurzen Kapiteln, der in poetischer, aphoristischer Form grundlegende daoistische Konzepte entfaltet.

Die zentralen Begriffe sind «Dao» (Weg, ursprüngliche kosmische Wirklichkeit), «De» (Tugend, innere Kraft), «Wuwei» (Nicht-Handeln, ungezwungenes Wirken), «Ziran» (Natürlichkeit, von-selbst-so) und «Pu» (das ungeschnitzte Holz, ursprüngliche Einfachheit). Diese Begriffe bilden zusammen ein philosophisches und religiöses System, das in zahlreichen späteren Kommentaren weiterentwickelt wurde.

Die wichtigsten klassischen Kommentare zum Daodejing stammen von Wang Bi (226 bis 249) und Heshang Gong (1. Jahrhundert vor Christus oder 2. Jahrhundert nach Christus). Beide vertreten unterschiedliche Lesarten: Wang Bi liest den Text philosophisch-ontologisch, Heshang Gong religiös-praktisch mit Bezug auf Meditation und Atemtechniken.

Die Spannung zwischen einer philosophischen und einer religiösen Lesart prägt die Daodejing-Rezeption bis in die Gegenwart. Livia Kohn hat in «Daoism and Chinese Culture» (2001) gezeigt, wie diese Doppelnatur des Textes seine außerordentliche Wirkung in den verschiedensten kulturellen Kontexten ermöglicht.

Vergottung Laozis

Im 2. Jahrhundert nach Christus begann die religiöse Vergottung Laozis. In der frühen daoistischen Schule der Tianshi («Himmlische Meister»), gegründet von Zhang Daoling um 142 nach Christus, wurde Laozi als himmlischer Lehrer und Manifestation des Dao verehrt.

Er erschien dem Zhang Daoling angeblich in einer Vision und übergab ihm die heiligen Texte. Damit war Laozi nicht mehr nur ein legendärer Philosoph, sondern eine kosmische Figur mit aktiver religiöser Funktion.

Diese Vergottung wurde im Lauf der folgenden Jahrhunderte ausgebaut. Im Daoismus der Tang-Zeit (618 bis 907) galt Laozi als Taishang Laojun («Höchster alter Herr»), eine der drei Hauptgottheiten des daoistischen Pantheons neben Yuanshi Tianzun («Himmlischer Würdenträger des Anfangs») und Lingbao Tianzun («Himmlischer Würdenträger des heiligen Schatzes»).

In dieser Form ist Laozi bis heute in den daoistischen Tempeln Chinas, Taiwans und Hongkongs anwesend.

Laozi und die kaiserliche Politik

Eine besondere Rolle spielte Laozi in der kaiserlichen Politik. Die Tang-Kaiser, die den Familiennamen Li trugen, behaupteten genealogische Abstammung von Laozi, dessen Familienname Li gewesen sein soll.

Diese genealogische Konstruktion wurde zur ideologischen Grundlage der Tang-Dynastie und führte zu einer staatlichen Förderung des Daoismus. Kaiser Xuanzong (regierte 712 bis 756) verlieh Laozi den Titel «Hochheiliger Vorfahre, Ewiger Himmelsherr von gewaltiger Tugend» und ordnete an, dass das Daodejing zur Pflichtlektüre in den staatlichen Examina werde.

Florian Reiter hat in «The Aspirations and Standards of Taoist Priests in the Early Tang Period» (1998) gezeigt, wie eng die religiöse Verehrung Laozis mit der politischen Selbstdarstellung der Tang-Dynastie verbunden war.

Die kaiserliche Förderung führte zu einer Blüte des Daoismus, zur Errichtung zahlreicher Tempel und zur Standardisierung der daoistischen Liturgie. Diese politische Indienstnahme prägte das Bild Laozis nachhaltig und unterscheidet seine Rezeption von der weniger institutionalisierten Linie des Konfuzianismus.

Religionswissenschaftliche Einordnung

In der religionswissenschaftlichen Forschung wird zwischen dem «philosophischen Daoismus» (Daojia) und dem «religiösen Daoismus» (Daojiao) unterschieden, eine Trennung, die seit der Han-Zeit (206 vor Christus bis 220 nach Christus) gebräuchlich ist. Diese Unterscheidung ist allerdings problematisch, weil beide Stränge in der historischen Realität ineinander übergehen.

Isabelle Robinet hat in «Taoism: Growth of a Religion» (1997) und Harold Roth in «Original Tao» (1999) gezeigt, dass eine strikte Trennung den historischen Befund nicht angemessen abbildet. Auch das Daodejing enthält Passagen, die meditationspraktisch zu lesen sind, während die religiösen Strömungen die philosophischen Begriffe zentral verwenden.

Volker Olles hat in seinen Arbeiten zum Daoismus in Sichuan die regionale Vielfalt der Laozi-Verehrung dokumentiert. In manchen Regionen wird Laozi als kosmisches Prinzip verehrt, in anderen als persönliche Gottheit mit konkreten Wirkungsfeldern (Heilung, Schutz, Reichtum).

Diese Vielfalt zeigt, dass der Daoismus keine geschlossene Religion ist, sondern eine breite religiöse Tradition mit zahlreichen Strömungen und lokalen Ausprägungen.

Laozi im Vergleich

Der Vergleich Laozis mit den großen Stiftern anderer religiöser Traditionen (Konfuzius, Buddha, Sokrates) wird in der Forschung gelegentlich gezogen, ist aber methodisch heikel. Hans-Georg Möller hat darauf hingewiesen, dass die Vorstellung eines einzelnen Stifters, die in westlichen Religionen prominent ist, in der chinesischen Tradition nicht in derselben Weise gilt.

Laozi ist weniger ein Begründer im Sinne Jesu oder Mohammeds, sondern eine legendäre Symbolfigur, die eine bestimmte Tradition repräsentiert, ohne sie aktiv ins Leben gerufen zu haben.

Innerhalb der chinesischen Tradition steht Laozi in einer Reihe mit Zhuangzi (4. Jahrhundert vor Christus), dem zweiten großen daoistischen Autor, dessen gleichnamiges Werk «Zhuangzi» ebenfalls grundlegende Bedeutung hat.

Beide werden oft gemeinsam als die Begründer des klassischen Daoismus bezeichnet. Hans-Georg Möller und Harold Roth haben gezeigt, dass die beiden Texte unterschiedliche philosophische Akzente setzen, aber gemeinsame Grundbegriffe verwenden und sich gegenseitig kommentieren.

Mawangdui- und Guodian-Manuskripte

Die textgeschichtliche Erforschung des «Daodejing» wurde durch zwei archäologische Funde des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert. 1973 entdeckten chinesische Archäologen im Grab 3 von Mawangdui bei Changsha (Provinz Hunan) zwei Seidenmanuskripte des Textes, datiert auf 168 vor unserer Zeitrechnung.

Die Versionen «Mawangdui A» und «Mawangdui B» weisen gegenüber dem späteren Standardtext eine umgekehrte Anordnung der Hauptteile auf: der «De-Teil» (Kapitel 38 bis 81 des Standardtextes) steht vor dem «Dao-Teil» (Kapitel 1 bis 37).

Dieser Befund wird in der Sinologie als Hinweis auf eine ältere, dem Standardtext vorausgehende Redaktion gelesen. Robert G. Henricks hat in «Lao-Tzu. Te-Tao Ching» (New York 1989) eine vollständige englische Übersetzung der Mawangdui-Fassungen mit kritischem Apparat vorgelegt und auf 130 substantielle Lesungsdifferenzen zur Wang-Bi-Vulgata hingewiesen.

Den zweiten Schlüsselfund liefern die 1993 in Guodian (ebenfalls Hunan) ausgegrabenen Bambusstreifen aus einem auf etwa 300 vor unserer Zeit datierten Grab.

Sie enthalten in drei Bündeln etwa zwei Fünftel des Daodejing-Texts in einer noch nicht in zwei Teile gegliederten Form. Diese Fassung gilt heute als der älteste materielle Textzeuge des Daodejing-Komplexes. Robert Henricks hat in «Lao Tzu’s Tao Te Ching.

A Translation of the Startling New Documents Found at Guodian» (New York 2000) eine philologische Erstausgabe vorgelegt; Sarah Allan und Crispin Williams haben im Sammelband «The Guodian Laozi» (Berkeley 2000) die methodischen Konsequenzen für die Datierungsfrage diskutiert.

Harold D. Roth hat in «Original Tao» (New York 1999) gezeigt, dass die Guodian-Bambusstreifen den Daodejing-Text als Teil einer breiteren Strömung früher meditativ-kosmologischer Reflexion verorten, deren Spuren auch in «Neiye» und «Heguanzi» fassbar sind.

Kommentartradition und religiöse Aneignung

Die produktive Wirkungsgeschichte des Daodejing wird in erster Linie durch seine Kommentartradition getragen.

Drei Kommentare gelten in der Sinologie als kanonisch. Der «Heshanggong-Kommentar» («Lao-tse-Kommentar des Meisters am Flussufer»), traditionell in die Han-Zeit datiert (faktisch wohl 1. bis 2. Jahrhundert unserer Zeit), liest den Text in einem Programm körperlicher Selbstkultivierung und prägt damit die spätere daoistische Innere-Alchemie-Tradition (neidan).

Eduard Erkes hat 1950 in den «Artibus Asiae» die erste systematische Bearbeitung des Heshanggong-Kommentars in einer westlichen Sprache publiziert; Alan K. L. Chan hat in «Two Visions of the Way» (Albany 1991) den Heshanggong-Kommentar mit dem zweiten kanonischen Kommentar verglichen.

Dieser zweite Kommentar stammt von Wang Bi (226 bis 249), einem Vertreter der «xuanxue» («Lehre des Mysteriösen») der Wei-Jin-Zeit, und bildet den Text in eine ontologisch-metaphysische Linie um, in der das «Nichts» («wu») als ontologischer Grund des Seins gelesen wird.

Wang Bis Kommentar prägte die spätere chinesische Lesart des Textes nachhaltig und ist die Vorlage der überwiegenden Mehrheit der heutigen Standardausgaben.

Der dritte zentrale Kommentar ist der «Xiang’er-Kommentar» («Erklärung in Gedanken an dich»), entstanden im 2. oder 3. Jahrhundert in den Kreisen der frühen «Tianshi»- (Himmelsmeister-) Daoisten.

Stephen R. Bokenkamp hat in «Early Daoist Scriptures» (Berkeley 1997) den Xiang’er-Kommentar erstmals vollständig ins Englische übersetzt und gezeigt, dass die religiöse Aneignung Laozis als Personalgottheit «Taishang Laojun» bereits in dieser Schicht voll ausgebildet ist und nicht erst in den späteren Lingbao- und Shangqing-Schulen entstand.

Internationale Rezeption

Das Daodejing ist neben der Bibel das am häufigsten in andere Sprachen übersetzte Buch der Welt. Die ersten europäischen Übersetzungen stammen aus dem 18. Jahrhundert; im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Werk durch Übersetzer wie Richard Wilhelm, James Legge und Arthur Waley einer breiten westlichen Leserschaft erschlossen.

Im 20. Jahrhundert hat Laozi auch in der westlichen Philosophie, in der psychotherapeutischen Tradition und in der esoterischen Bewegung erhebliche Wirkung entfaltet, oft in stark vereinfachter und westlich umgedeuteter Form.

Heute ist die Laozi-Forschung ein internationales Feld, an dem chinesische, taiwanesische, japanische, europäische und amerikanische Sinologinnen und Sinologen beteiligt sind. Die Diskussionen um Datierung, Textgeschichte, philosophische Lesart und religiöse Funktion sind lebendig.

Eine Schlussfolgerung der bisherigen Forschung lässt sich festhalten: Die Frage nach dem historischen Laozi ist möglicherweise weniger wichtig als die Frage nach der Wirkungsgeschichte der ihm zugeschriebenen Texte, die zu den prägendsten Werken der Weltliteratur und Weltreligionsgeschichte gehören.