Voltumna (lateinisch auch Vertumnus oder Veltha, etruskisch Veltha oder Velthune) ist der höchste Bundesgott der zwölf Städte umfassenden etruskischen Liga. Sein Heiligtum, das Fanum Voltumnae, befand sich nahe Volsinii und war Ort der jährlichen Versammlung der etruskischen Liga. Diese Darstellung beschreibt seine religionspolitische und kultische Stellung im etruskischen Staatswesen.
Voltumna nimmt im etruskischen Pantheon eine besondere Stellung ein: Er ist nicht primär ein ‚kosmischer‘ Hochgott wie Tinia, sondern ein politisch-religiös definierter Bundesgott. Sein Kult war mit der Institution des Zwölfstädtebundes (Dodekapolis) verknüpft. Die Stadt Volsinii war Hüterin seines Bundesheiligtums.
Massimo Pallottino, Mauro Cristofani und Simonetta Stopponi haben in mehreren Arbeiten die Voltumna-Forschung geprägt. Stopponis Ausgrabungen am Campo della Fiera bei Orvieto haben die wahrscheinliche Lokalisierung des Fanum Voltumnae möglich gemacht.
Der Bundesgott Voltumna gehört einer Religion an, die für die Religionswissenschaft deshalb so aufschlussreich ist, weil sie zwischen der griechisch-mediterranen und der italisch-römischen Überlieferungswelt vermittelt. Wesentliche Beiträge zu ihrer Erforschung haben Massimo Pallottino, Jacques Heurgon, Sybille Haynes, Mauro Cristofani und Giovanni Colonna geleistet, deren Arbeiten das Bild einer eigenständigen religiösen Tradition geschärft haben.
Die etruskische Theologie kannte ein klar gegliedertes Pantheon mit abgestuften Rängen und verteilten Zuständigkeiten, innerhalb dessen Voltumna eine eigene, politisch-religiös bestimmte Stellung einnahm. Wo ältere Studien dieses System als rätselhaft oder fremdartig zeichneten, sieht man heute eine eigenständige Spielart mediterraner Religion.
In der Religionsgeschichte Italiens wirkten die Etrusker als Mittler zwischen griechischen Einflüssen und der sich bildenden römischen Religion. Dass mit Voltumna eine etruskische Gottheit im römischen Vertumnus weiterlebte, ist ein Beispiel für diese Vermittlerrolle, die religionswissenschaftlich besonderes Interesse weckt.
Die religionsethnologische Forschung der jüngeren Jahrzehnte betrachtet die etruskische Religion als ein in sich geschlossenes, religionsphänomenologisch eigenständiges System. Die ältere Neigung, sie als bloße Ableitung der griechischen Religion zu lesen, ist einer deutlich differenzierteren Sicht gewichen, von der auch das Verständnis Voltumnas profitiert.
Der etruskische Name Veltha bzw. Velthune wird im Lateinischen als Voltumna oder Vertumnus wiedergegeben. Die Etymologie ist unsicher; Vorschläge reichen von ‚der Wachsende‘ (mit Bezug auf vertere, ‚wenden‘) bis zu ‚der Wechselnde‘. Eine Verbindung zum saisonalen Wechsel der Vegetation wird in der Forschung diskutiert.
Der lateinische Vertumnus ist als Gott des Wandels und der Vegetation in Rom belegt; ob er identisch mit Voltumna ist oder eine eigenständige römische Gottheit, wird diskutiert. Die etruskischen Quellen sind hier ergiebiger als die römischen.
Das Etruskische steht sprachlich für sich; es gilt als isoliert oder wird hypothetisch einer tyrsenischen Familie zugewiesen, der womöglich auch das Lemnische und das Rätische angehören. An der Entzifferung der Texte wird seit dem 19. Jahrhundert gearbeitet, abgeschlossen ist sie nicht, was auch die Deutung von Namen wie Veltha oder Velthune betrifft.
Die maßgebliche epigrafische Sammlung des etruskischen Sprachkorpus ist Helmut Rix‘ Editio Minor. Ergänzt wird sie heute durch den Thesaurus Linguae Etruscae und die Online-Datenbank ETP, das Etruscan Texts Project, in denen sich auch das Material zu Voltumna erschließen lässt.
Schon in der Antike wurde über die Herkunft der Etrusker gestritten: Herodot leitete sie aus Lydien her, Dionysios von Halikarnass hielt sie für ein einheimisches italisches Volk. Religionsgeschichtlich ist die Frage relevant, weil von ihr abhängt, ob die etruskische Religion Bezüge zu kleinasiatischen Kulten aufweist.
Sprachwissenschaft und Epigrafik arbeiten heute eng zusammen. Die digitale Edition etruskischer Texte, das Etruscan Texts Project (ETP), erleichtert vergleichende Untersuchungen erheblich, etwa zu Theonymen wie Veltha. Wegweisende Beiträge dazu haben Marie-Laurence Haack und Vincent Jolivet vorgelegt.
Die ikonografische Überlieferung Voltumnas ist relativ dünn. Auf einigen etruskischen Münzen ist eine männliche Figur abgebildet, die mit Voltumna identifiziert wird. Sie trägt manchmal vegetabile Symbole – Ähren, Blumen, Weinreben – was die Vegetationsfunktion unterstützen würde.
In Rom ist Vertumnus durch eine berühmte Statue im Vicus Tuscus belegt, die er als wandelnde Vegetationsgottheit zeigt. Diese Statue erwähnen Properz und andere römische Autoren.
Religionsphänomenologisch ist die etruskische Bildkunst von großem Reichtum und zugleich die Hauptquelle unseres Wissens. Spiegel, Vasen, Grabmalereien und Bronzen tragen den Großteil des Materials, während die Überlieferung zu Voltumna selbst vergleichsweise dünn ist. Larissa Bonfante hat in ihren Studien betont, dass diese Bildsprache eine selbstständige Tradition und nicht bloß abgeleitet ist.
Eine erstrangige Quelle zur Religion und Eschatologie der Etrusker ist die Grabmalerei, erhalten vor allem in Tarquinia, Cerveteri und Vulci. Ihre Bilder zeigen Gelage, mythologische Episoden sowie Tanz und Musik und entwerfen ein Jenseits, das als Weiterführung des irdischen Lebens gedacht ist.
Die etruskische Ikonografie bevorzugt vielfigurige Kompositionen, erzählerische Anspielungen und symbolisch verdichtete Bildaussagen. Die Erschließung dieser Bildersprache ist Aufgabe der etruskischen Religionsikonografie.
Kennzeichnend für die etruskische Bildkunst ist eine dichte erzählerische Schichtung: Schon ein einzelner Spiegel oder eine Vase kann mehrere mythologische Bezüge zugleich enthalten. Diese Verdichtung verlangt von der Forschung eine sorgfältige Analyse des jeweiligen Bildkontexts.
Die zwölf etruskischen Hauptstädte – Tarquinia, Caere, Vulci, Veji, Clusium, Volsinii, Cortona, Perugia, Arezzo, Volterra, Populonia und Roselle – bildeten einen religiös-politischen Bund (Dodekapolis), der sich jährlich am Fanum Voltumnae traf. Diese Versammlung diente sowohl religiösen als auch politischen Zwecken: Opfer, Bundesentscheidungen, gemeinsame Festspiele.
Livius (4.23, 5.17) berichtet ausführlich über diese Bundes-Treffen. Sie waren Modell für das spätere römische Concilium und beeinflussten maßgeblich die Entwicklung politischer Institutionen in Italien. Wissenschaftlich ist Voltumna damit ein Beispiel für einen ‚politischen Gott‘, dessen Kult eine staatliche Organisation trägt.
Eine ausformulierte Erzählliteratur, wie sie die griechische und römische Überlieferung kennt, gibt es für die etruskische Mythologie nicht. Was wir wissen, auch über Voltumna, muss aus Bilddarstellungen, Inschriften und den Berichten griechischer und römischer Autoren erschlossen werden. Diese mittelbare Quellenlage gebietet besondere methodische Vorsicht.
Das Verhältnis zwischen etruskischer und griechischer Mythologie ist vielschichtig. Die Etrusker übernahmen zwar zahlreiche griechische Stoffe, etwa um Achilleus, Odysseus und Ödipus, deuteten sie aber häufig um und setzten eigene Schwerpunkte. Wie dieser Aneignungsprozess verlief, wird in der Forschung eingehend untersucht.
Zur etruskischen Theologie gehört charakteristisch der Götterrat, der consensus deorum. Selbst der Hochgott Tinia handelt nicht allein, sondern berät sich mit den übrigen Göttern, zu denen mit Voltumna auch der Bundesgott des Staatenbundes zählt. Religionsphänomenologisch stellt dieses Gremium eine Besonderheit dar.
Eine geschlossene Erzähltradition hat die etruskische Mythologie nicht hinterlassen; sie muss aus Bildszenen, Inschriften und Sekundärquellen erschlossen werden, was sorgfältige Deutung erfordert. Gerade bei einer dünn überlieferten Gestalt wie Voltumna ist dabei das Zusammenführen von etruskischer Beischrift, griechischem Bildvorbild und kontextueller Lesung eine wichtige Methode.
Das Fanum Voltumnae ist das wichtigste etruskische Bundesheiligtum. Lange Zeit war seine genaue Lokalisierung umstritten. Simonetta Stopponi hat seit 2000 am Campo della Fiera bei Orvieto eine bedeutende Tempelanlage ausgegraben, die heute mit hoher Wahrscheinlichkeit als Fanum Voltumnae identifiziert wird.
Die Anlage umfasst mehrere Tempel, Altare, Brunnen und Versammlungsbereiche. Die Funde reichen vom 7. Jahrhundert v. Chr. bis in die römische Zeit. Das Heiligtum diente kontinuierlich rund 1000 Jahre lang als religiöses und politisches Zentrum.
Die Disciplina Etrusca, das geordnete Wahrsagewesen der Etrusker, gliedert sich in die Eingeweideschau (haruspicina), die Blitzdeutung (fulguratio) und die Vogelschau (auspicia). Von den Etruskern an die Römer weitergegeben, blieb sie bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. lebendige Praxis. Ausführliche Schilderungen verdanken wir Cicero und Seneca.
Vermittelt wurde die Disciplina Etrusca in eigens dafür bestehenden Priesterschulen. Zu ihren wichtigen Schriften gehörten die Libri Rituales, die Libri Haruspicini und die Libri Fulgurales. Diese Texte sind nicht erhalten, lassen sich aber aus Zitaten römischer Autoren wie Cicero, Festus und Macrobius teilweise rekonstruieren.
Der etruskische Kult war stark an die jeweilige Stadt gebunden. Jedes der bedeutenden Zentren, also Tarquinia, Caere, Vulci, Veji, Clusium, Volsinii, Cortona, Perugia, Arezzo, Volterra, Populonia und Roselle, pflegte eigene Hauptkulte und religiöse Eigenarten. Volsinii kam dabei eine Sonderrolle zu, da es das Bundesheiligtum Voltumnas hütete.
Als geschlossenes religiös-divinatorisches System gehört die Disciplina Etrusca zu den am höchsten entwickelten Wahrsagepraktiken der antiken Welt. Die Römer übernahmen sie planmäßig, und sie wurde bis in die späte Antike fortgeführt. Diese Kontinuität ist religionshistorisch beachtlich.
Die Kultpraxis am Fanum Voltumnae umfasste Opfer (Stiere, Schafe, Schweine), Gebete, Prozessionen und Festspiele. Die jährlichen Versammlungen waren wichtige religiöse und politische Ereignisse für die gesamte etruskische Welt.
Nach der römischen Eroberung von Volsinii (264 v. Chr.) wurde das Voltumna-Heiligtum nicht aufgegeben; es bestand in modifizierter Form weiter und wurde teilweise in den römischen Kult integriert. Diese Kontinuität dokumentiert die religiöse Bedeutung Voltumnas auch über den politischen Untergang Etruriens hinaus.
Etruskische Tempel weisen architektonische Eigenheiten auf. Kennzeichnend ist der Tuscanus-Stil, eine eigene Säulenordnung, die Vitruv in De Architectura beschreibt. Die Grundrisse betonen die Cella und eine breite vordere Halle und unterscheiden sich darin deutlich von griechischen Vorbildern.
Viele etruskische Tempel waren monumental angelegt. Der Iupiter-Tempel auf dem römischen Capitolium etwa wurde von etruskischen Architekten und Künstlern errichtet, vor allem von Vulca aus Veji, und gilt als architektonisches Zeugnis etruskischer Religiosität im frühen Rom.
Alljährlich versammelte sich der Bund der zwölf etruskischen Städte am Fanum Voltumnae bei Volsinii, wo religiöse und politische Angelegenheiten zugleich verhandelt wurden. Voltumna war die Bundesgottheit dieses Staatenbundes und besaß eine Bedeutung, die über die einzelnen Stadtkulte hinausreichte.
Voltumna war Schutzgott der etruskischen Liga insgesamt. Wer sich an den Bund wandte, wandte sich an Voltumna. Diese politisch-religiöse Verschmelzung ist wissenschaftlich interessant: Sie zeigt eine Religion, die nicht nur individuelle Frommheit organisiert, sondern auch zwischenstaatliche Beziehungen.
Apotropäisch wurde Voltumna in Stadtgründungen, Bundnisbildungen und politischen Verträgen angerufen. Diese Praxis hat sich teilweise in römische Stadtgründungsrituale fortgesetzt.
Zum etruskischen Schutzbrauchtum gehört eine Reihe abwehrender Zeichen: Phallusamulette, Gorgoneion-Bilder, Augensymbole, Bullae und bestimmte Formeln. Die Bildsprache dieser apotropäischen Symbole hat Larissa Bonfante in ihrem ab 1980 erschienenen Werk Etruscan Mirrors erschlossen.
Abwehrende Symbole waren in der etruskischen Kultur weit verbreitet, darunter das Auge des Tinia, Phallusamulette und Gorgoneia. Sie schmückten Tempel und Gräber ebenso wie Hausschreine und persönlichen Besitz. Im römischen wie im mediterranen Volksglauben lebte diese Praxis fort.
Im etruskischen Kontext war das Schutzhandeln eng mit der Disciplina Etrusca verknüpft. Vor jedem bedeutenden Vorhaben, sei es eine Stadtgründung, ein Kriegszug oder ein Hausbau, holte man durch Wahrsagung den Götterwillen ein, was gerade auch für die politischen Beschlüsse des Bundes um Voltumna galt.
Voltumna lässt sich mit anderen Bundesgöttern vergleichen: Zeus Hellanios (panhellenischer Zeus), Diespiter Latiaris (latinischer Iupiter) oder Yahwe in seiner Funktion als israelitischer Bundesgott. Die Verbindung von politischer Konföderation und religiösem Kult ist ein verbreitetes Phänomen antiker Religionsgeschichte.
Insbesondere die Parallele zum späteren Iuppiter Latiaris des Latinerbundes ist historisch aufschlussreich. Beide Bundeskulte trafen sich jährlich an einem zentralen Ort, beide hatten politische Funktionen, beide überlebten politische Veränderungen.
Durch die interpretatio Romana erhielten etruskische Gottheiten römische Namen: Tinia wurde zu Iupiter, Uni zu Iuno, Menrva zu Minerva, und Voltumna lebte im römischen Vertumnus fort. Solche Gleichsetzungen waren meist nicht umfassend, sondern hoben nur Teilaspekte hervor. Die Forschung der letzten fünfzig Jahre arbeitet heraus, welche etruskischen Eigenheiten dabei erhalten blieben.
Die etruskische Religion weist vielfältige Berührungspunkte mit anatolischen, phönizischen und vorderorientalischen Überlieferungen auf. Den phönizischen Austausch belegen besonders die Pyrgi-Tafeln. Diese mediterranübergreifende Vernetzung ist seit einigen Jahrzehnten ein wichtiges Forschungsfeld.
Im religionsvergleichenden Blick gehört der etruskische Kult zur weiteren mediterranen Religionsfamilie und steht in Beziehung zu Griechenland, Phönizien, Ägypten, Anatolien und Latium. Diese Einbindung bildet ein bedeutendes Forschungsfeld.
Die Voltumna-Forschung hat seit den 2000er Jahren durch die Ausgrabungen am Campo della Fiera (Simonetta Stopponi, Universita di Perugia) einen massiven Aufschwung erlebt. Jährliche Grabungsberichte und mehrere Monografien dokumentieren die Funde.
Auch interdisziplinäre Studien zu etruskischer Staatlichkeit (Mauro Cristofani, Adriano Maggiani) beziehen Voltumna systematisch ein. Sein Kult ist Schlüssel zum Verständnis des etruskischen Föderalismus.
Mit der etruskischen Religion befasst sich heute eine international vernetzte Forschung. Zu den bedeutenden Standorten gehören die Universitäten Florenz, Rom Sapienza, Pisa, Tübingen und Princeton. Jährlich widmen sich mehrere internationale Tagungen einzelnen Aspekten des Themas.
Internationale Projekte zur etruskischen Religion greifen heute auf digitale Verfahren zurück: dreidimensionale Scans von Tempeln und Gräbern, Datenbanken für Inschriften und Bildquellen sowie GIS-Analysen der Siedlungsstruktur. Solche Methoden erschließen neue Einsichten, etwa bei der Lokalisierung von Kultstätten wie dem Fanum Voltumnae.
Einer breiteren Öffentlichkeit wird die heutige etruskische Forschung über Ausstellungen vermittelt, unter anderem im Vatikanischen Museum, im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia und im Boston Museum of Fine Arts, sowie über zahlreiche Veröffentlichungen.
Die wichtigsten Quellen zur Voltumna-Forschung sind die archäologischen Funde am Campo della Fiera, die etruskischen Inschriften, die Erwähnungen bei Livius, die römischen Quellen zu Vertumnus sowie die epigrafischen Funde aus den etruskischen Städten.
Eine vertiefte Einordnung in die etruskische Religionsgeschichte insgesamt zeigt, wie Voltumna im Beziehungsgefüge mit Tinia, Uni, Menrva und den anderen Atua zu verstehen ist – mit dem Spezifikum, dass er primär politisch-religiös definiert ist.
Die Quellen zur etruskischen Religion sind uneinheitlich: epigrafische Zeugnisse, gesammelt in Helmut Rix‘ Editio Minor, archäologische Funde, Bildquellen und Sekundärliteratur. Diese Vielfalt verlangt ein fächerübergreifendes Vorgehen, und die jüngere Forschung verbindet Philologie, Archäologie, Religionswissenschaft und Anthropologie systematisch.
Eine sachgerechte Quellenkritik setzt voraus, dass man sowohl die etruskischen Originalzeugnisse als auch die griechisch-römische Sekundärüberlieferung kennt. Gerade bei Voltumna, dessen römische Entsprechung Vertumnus ergiebigere Spuren hinterlassen hat als manche etruskische Quelle, ist dieser doppelte Blick unverzichtbar.
Wer Voltumna religionshistorisch gründlich einordnen will, muss die epigrafischen, archäologischen und literarischen Quellen ebenso überblicken wie die Verfahren der modernen Religionswissenschaft. Diese vielschichtige Auseinandersetzung gilt in der Forschung als Standard.
Voltumna, von römischen Autoren auch Vertumnus genannt, ist eng mit einem bestimmten Kultort verbunden, dem Fanum Voltumnae. Der römische Historiker Titus Livius berichtet mehrfach, dass sich die Vertreter der etruskischen Städte an diesem Heiligtum versammelten, um gemeinsame Angelegenheiten zu beraten, über Krieg und Frieden zu entscheiden und religiöse Feste samt Spielen abzuhalten.
Das Fanum Voltumnae war damit zugleich religiöses Zentrum und politischer Versammlungsort des etruskischen Städtebundes.
Die genaue Lage des Heiligtums war lange unbekannt und Gegenstand verschiedener Hypothesen. Seit den frühen 2000er Jahren konzentriert sich die Forschung auf das Gelände von Campo della Fiera bei Orvieto, dem antiken Velzna oder Volsinii.
Dort haben Ausgrabungen unter der Leitung von Simonetta Stopponi einen ausgedehnten Heiligtumsbezirk mit Tempelfundamenten, Altären, Weihgaben und einer langen Nutzungsgeschichte freigelegt. Die Identifikation mit dem Fanum Voltumnae gilt vielen Forschern als wahrscheinlich, ist aber, wie bei vielen etruskischen Befunden, nicht durch eine eindeutige Inschrift gesichert.
Der Befund von Campo della Fiera zeigt, dass der Ort über die etruskische Zeit hinaus, in römischer und sogar noch in spätantiker Zeit, in Nutzung blieb.
Das passt zu der Beobachtung, dass Voltumnas Kult auch nach der römischen Eroberung von Volsinii fortbestand und der Gott in römischer Form als Vertumnus weiterverehrt wurde. Das Bundesheiligtum verdeutlicht, dass etruskische Religion nicht nur eine Sache einzelner Städte war, sondern auch eine überregionale, identitätsstiftende Funktion hatte.
Über die Natur des Voltumna besteht in der Forschung keine Einigkeit, und das hat mit der Eigenart der Quellen zu tun.
Der römische Gelehrte Varro bezeichnet Voltumna als den höchsten Gott Etruriens, deus Etruriae princeps. Andere Zeugnisse legen einen Vegetations- oder Wandlungsgott nahe, was vor allem durch die römische Gestalt des Vertumnus gestützt wird, der mit dem Wechsel der Jahreszeiten und dem Reifen der Früchte verbunden war.
Der Dichter Properz lässt den Vertumnus in einer berühmten Elegie selbst sprechen und seine Fähigkeit zur Verwandlung rühmen.
Das Problem liegt darin, dass diese Aussagen aus römischer Perspektive stammen und Jahrhunderte nach der Blütezeit des etruskischen Kultes formuliert wurden. Ob Voltumna ursprünglich ein Vegetationsgott war, ein politischer Bundesgott oder eine umfassende Gottheit mit mehreren Aspekten, lässt sich aus den wenigen etruskischen Eigenzeugnissen nicht entscheiden.
Der Name selbst wird von einigen Forschern mit einer Wurzel für Drehen oder Wandeln verbunden, was zur Verwandlungsthematik passen würde, doch auch diese Etymologie ist nicht gesichert.
Voltumna ist damit ein Beispiel für eine grundsätzliche Schwierigkeit der Etruskologie: Eine Gottheit kann durch antike Autoren gut bezeugt sein und dennoch in ihrem ursprünglichen Wesen unscharf bleiben, weil die Zeugnisse spät, fremd und interessegeleitet sind.
Seriöse Darstellungen geben deshalb meist mehrere Deutungen nebeneinander wieder, statt sich auf eine festzulegen. Sicher ist allein die herausgehobene Rolle des Gottes als Bezugspunkt des etruskischen Städtebundes.
Voltumna, auch Veltha oder Vertumnus genannt, war der göttliche Schirmherr der zwölf Städte des etruskischen Bundes. Sein Heiligtum, das Fanum Voltumnae nahe Volsinii, diente nach Aussage des Livius als jährlicher Versammlungsort der Bundesvertreter, an dem religiöse, politische und juristische Fragen gemeinsam verhandelt wurden.
Als göttlicher Bezugspunkt der Liga stand Voltumna damit weniger im häuslichen Kult als in der staatlichen Repräsentation und sicherte die rituelle Klammer zwischen sonst eigenständigen Stadtstaaten.
Der etruskische Mythos nennt Voltumna als obersten Bundesgott der zwölf Städte; in seinem Heiligtum, dem Fanum Voltumnae bei Volsinii, kamen die Vertreter der etruskischen Liga jährlich zu Beratung und Festkult zusammen.
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