Tiyanak, das Weinen, das aus dem Wald lockt
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Tiyanak ist ein Dämon der philippinischen Tradition.
Ein weinendes Baby als Tarnung, dann Zähne und Krallen. Zentral in der Überlieferung ist das Weinen, das aus dem Wald lockt.
Tiyanak ist der Geist eines ungeborenen oder verstorbenen Kindes auf den Philippinen. Er tarnt sich als hilfloses, weinendes Baby, um mitleidige Reisende anzulocken, und enthüllt bei Annäherung eine dämonische Gestalt mit scharfen Zähnen und Krallen.
Vorkolonial galt der Tiyanak als Geist eines ungeborenen oder verstorbenen Kindes zwischen den Welten; unter spanischer Herrschaft wurde er zur rachsüchtigen Seele eines ungetauften oder abgetriebenen Kindes umgeformt, dem der Himmel verwehrt bleibt. Die Quellenlage gilt als gut, landesweit ist die Gestalt vor allem an Waldrändern und einsamen Landstraßen gefürchtet.
Typ: Geist eines ungeborenen oder verstorbenen Kindes, dämonisch gewendet
Herkunft: Vorkoloniale animistische Wurzel, im 16. Jahrhundert katholisch umgedeutet
Texte: Ramos, niedere Mythologie und Aswang-Komplex der Philippinen
Zeitraum: vorkolonial bis heute, gute Quellenlage
Erscheinung: weinendes Kleinkind als Tarnung, dann monströse Gestalt mit Zähnen und Krallen
Quellenkontext
Zeitraum der Texte
Vorkolonial bis heute: Die animistische Wurzel reicht in die Zeit vor der spanischen Kolonisierung zurück und wurde im 16. Jahrhundert katholisch umgedeutet.
Verbreitungsraum
Landesweit verbreitet, vor allem in der Wald- und Landstraßen-Folklore der Philippinen.
Belegdichte
Gut: Ramos behandelt den Tiyanak sowohl in seiner niederen Mythologie als auch in seinem Aufsatz zum Aswang-Komplex der philippinischen Folklore.
Name und Varianten
Philippinisch: Die Herleitung wird beim malaiischen Pontianak oder Mantianak diskutiert; wichtig ist die Unterscheidung, dass der Pontianak die Mutter meint, der Tiyanak dagegen den Geist des Kindes.
Erscheinung und Verhalten
Erscheinung
Der Tiyanak tarnt sich als hilfloses, weinendes Baby und enthüllt bei Annäherung eine dämonische Gestalt mit scharfen Zähnen und Krallen. Er symbolisiert die ungetauften und verlorenen Kinder und die katholische Angst vor dem verweigerten Seelenheil.
Wirkung
Der Tiyanak lockt durch Babygeschrei aus dem Dunkel des Waldes oder von einsamen Straßen. Nähert sich das Opfer, greift er an und nährt sich von Fleisch oder Blut. Reisende führt er auch in die Irre und lässt sie sich verirren.
Steckbrief: Tiyanak
Die wichtigsten Aspekte des Geisterkindes auf einen Blick.
Vorkolonialer Geisterkind-Glaube der Philippinen, unter spanischer Mission katholisch zur rachsüchtigen Seele des ungetauften Kindes umgedeutet.
Reisende, Waldgänger und mitleidige Passanten, die das Babygeschrei aus dem Dunkel anlockt.
Weinendes Kleinkind als Tarnung, das bei Annäherung scharfe Zähne und Krallen zeigt.
Lockt mit Babyweinen, greift an und nährt sich von Fleisch oder Blut, führt Reisende auch bloß in die Irre.
Die Taufe als zentrales Gegenmittel, dazu das Verkehrtherumtragen der Kleidung, um den Bann zu brechen.
Vom Geisterkind zwischen den Welten zur ungetauften Seele
Die Herleitung wird beim malaiischen Pontianak oder Mantianak diskutiert; wichtig ist die Unterscheidung, dass der Pontianak die Mutter meint, der Tiyanak dagegen den Geist des Kindes. Vorkolonial war der Tiyanak der Geist eines ungeborenen oder verstorbenen Kindes zwischen den Welten.
Unter spanischer Herrschaft wurde er zur rachsüchtigen Seele eines ungetauften oder abgetriebenen Kindes umgeformt, dem der Himmel verwehrt bleibt. Ramos zählt ihn zur niederen Mythologie der Philippinen.
Vom Waldpfad in den philippinischen Horrorfilm
Der Tiyanak ist eine wiederkehrende Figur in philippinischen Horrorfilmen, unter anderem in mehreren Verfilmungen unter seinem eigenen Namen, sowie in Comics und zu Halloween.
Religionswissenschaftlich verbindet der Tiyanak den vorkolonialen Glauben an das Geisterkind zwischen den Welten mit der katholischen Vorstellung vom ungetauften, dem Himmel verwehrten Kind. Er ist ein Beispiel für die Umdeutung indigener Vorstellungen durch die spanische Mission.
Taufe und die verkehrte Kleidung
Zentrales Gegenmittel ist die Taufe, die den Namen des Kindes an die Welt bindet und dem Geist die Tarnung nimmt. Wer sich verirrt hat, bricht den Bann, indem er seine Kleidung verkehrt herum trägt, was der Tiyanak so belustigend findet, dass er das Opfer freilässt. Allgemein gelten geweihte Gegenstände und Gebet, dazu Weihwasser, ein getragenes Amulett und Salz als überlieferte Schutzmittel.
Geisterkinder von Malaysia bis zum Mapuche-Land
Der Tiyanak ist mit dem malaiischen Toyol verwandt, einem aus einem toten Fötus erschaffenen kindsgestaltigen Wesen, und leitet sich vom Pontianak-Kind her, während die verstorbene Mutter zur Pontianak wird. Als Geisterkind ungetaufter oder verstorbener Kinder steht er auch dem karibischen Douen und dem Mapuche-Geist Anchimayen nahe, die beide ebenfalls aus toten Kindern hervorgehen, sowie dem skandinavischen Myling.
Häufige Fragen zum Tiyanak
Warum ein Baby?
Die Tarnung als hilfloser Säugling nutzt das Mitleid der Reisenden als Falle.
Wie entkommt man?
Indem man seine Kleidung verkehrt herum anzieht, was den Irreführungszauber bricht.
Woher stammt das Wesen?
Wohl vom malaiischen Pontianak-Kind, katholisch als ungetauftes oder abgetriebenes Kind umgedeutet.
Weiterführende Verlinkungen
Weiterlesen:
- Aswang – der philippinische Schreckwesen-Komplex
- Toyol – der malaiische Kindergeist im Dienst eines Meisters
- Douen, Myling, Anchimayen – weitere Geister toter Kinder
- Weihwasser, Amulett, Salz – überlieferte Schutzmittel
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als philippinisches Geisterkind bleibt der Tiyanak ein weinendes Baby nur so lange, bis sich ein Mitleidiger nähert: Dann zeigt sich hinter der Tarnung die zurückgewiesene, rachsüchtige Seele eines ungetauften Kindes.





