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Atum, ägyptischer Schöpfergott von Heliopolis

Atum ist ein ägyptischer Schöpfergott, dessen Kult in Heliopolis beheimatet war und der am Anfang der dortigen Neunheit steht. Atum gilt im altägyptischen Pantheon als der Schöpfergott von Heliopolis, der aus dem Urgewässer Nun auftauchte und durch sich selbst die ersten beiden Götter, Schu und Tefnut, hervorbrachte.

Sein Name wird gewöhnlich mit «der Vollendete», «der Vollständige» oder «der Allgewordene» übersetzt; gleichzeitig kann er auch «der Nichtseiende» bedeuten, da das Verb «tem» sowohl Vollendung als auch Negation ausdrücken kann.

Diese semantische Ambivalenz erfasst Atums theologische Stellung: Er ist das, was vor der Schöpfung war und das, was nach der Schöpfung sein wird, der Anfang und das Ende des kosmischen Zyklus.

Während im Mittleren und Neuen Reich Amun-Re die theologische Hauptstellung übernimmt, behält Atum seine kosmogonische Funktion und sein eigentümliches Profil als Schöpfer durch Selbstmasturbation oder Selbstaussprache, eines der ältesten und differenziertesten Konzepte der Religionsgeschichte.

Inhaltsverzeichnis

Atum - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Stammbaum

Die heliopolitische Kosmogonie stellt Atum an den Anfang der Götterneunheit (Enneade). Aus dem Urgewässer Nun, das vor allem Zeit und Form existierte, taucht Atum auf den Urhügel (Tatenen), der erste feste Punkt im Chaos.

Auf diesem Hügel vollzieht Atum die Schöpfung: In den Pyramidentexten (Spruch 527) erschafft er Schu und Tefnut durch sein Sperma, das er entweder mit der Hand emittiert oder in Gestalt der eigenen Hand-Göttin «Hethemut» empfängt.

In einer anderen Variante (Pyramidentexte Spruch 600) erschafft Atum die ersten Götter durch sein Ausspucken: Er nieste Schu (Luft) aus, spuckte Tefnut (Feuchtigkeit). Beide Versionen stehen nebeneinander, ohne dass die ägyptische Theologie versucht hätte, sie zu harmonisieren.

Aus Schu und Tefnut entstehen Geb (Erde) und Nut (Himmel), aus deren Verbindung Osiris, Isis, Seth, Nephthys und in einigen Listen auch Horus der Ältere hervorgehen. Damit ist Atum genealogischer Stammvater fast aller wichtigen ägyptischen Götter.

Die Enneade von Heliopolis (Neun-Göttergruppe) versammelt Atum, Schu, Tefnut, Geb, Nut, Osiris, Isis, Seth und Nephthys; sie bildet das theologische Grundgerüst der heliopolitischen Theologie.

Die Reihe der Götter ist nicht nur genealogisch, sondern auch kosmisch zu lesen: Sie entfaltet die Schöpfung von der reinen Selbstheit Atums über die elementaren Naturkräfte bis zu den die menschliche Welt prägenden Götterfiguren.

Bemerkenswert ist die Selbstgenügsamkeit Atums in der ältesten Tradition. Anders als andere Schöpfergötter benötigt Atum keinen Partner und keine vorgegebene Materie; er erschafft die Welt aus sich selbst.

Diese Vorstellung wird in der späteren Theologie philosophisch ausgebaut: Die Atum-Hymnen aus dem Neuen Reich bezeichnen ihn als denjenigen, der «sich selbst gemacht» hat, der «aus sich selbst entstanden» ist (kheper-djesef). Diese Lesart prägt die theologischen Spekulationen der Spätzeit und beeinflusst auch christlich-gnostische Vorstellungen vom Selbst-Erzeuger.

In der vereinten Götterform Atum-Re tritt Atum als Aspekt des Sonnengottes auf, speziell als die untergehende Abendsonne (gegenüber Khepri als der aufgehenden und Re als der mittäglichen Sonne).

Diese Dreiteilung des Sonnenzyklus, ausführlich in den Sonnenlitaneien des Neuen Reichs behandelt, macht Atum zum Gott des kosmischen Zyklus-Endes, der zugleich den neuen Anfang in sich birgt. Die Pharaonen identifizierten sich besonders im Tod mit Atum, weil dieser den Übergang vom diesseitigen Sonnenuntergang zur jenseitigen Wiedergeburt verkörperte.

Symbole, Ikonografie und Attribute

Atum wird in der Regel als Mann mit Doppelkrone (pschent) dargestellt, der die Vereinigung von Ober- und Unterägypten symbolisiert. Diese Krone ist ein königliches Attribut und unterstreicht Atums Funktion als Urkönig und Stammvater der pharaonischen Würde.

Er kann auch mit dem Skarabäus auf dem Kopf, mit der Sonnenscheibe oder mit der Atefkrone erscheinen. In anthropomorpher Gestalt ist sein Gesicht gewöhnlich bartlos und jugendlich, was im Kontrast zur Vorstellung des «alten» Atum steht, der die Abendsonne verkörpert.

Sein heiliges Tier ist die Schlange. Im Totenbuch (Spruch 175) erklärt Atum: «Ich werde die Welt wieder in das Urgewässer zurücksenden, und nur ich und Osiris werden übrig bleiben, als zwei Schlangen, die kein Mensch und kein Gott kennen».

Diese eschatologische Vision lässt die Schlange als Symbol des nichtdifferenzierten Urzustands erscheinen. Daneben ist der Ichneumon (Pharaonenratte) ein heiliges Tier des Atum, weil er die Schlangen tötet, die Apophis-ähnliche Bedrohungen verkörpern.

Atums Hauptkultsymbol ist der Benben-Stein in Heliopolis, ein pyramidenförmiger oder konischer Stein, der den Urhügel verkörperte.

Aus dem Benben sind die späteren Pyramidenform der Königsgräber und die Obelisken hervorgegangen; jeder Pyramidion (Pyramidenspitze) ist symbolisch ein Benben-Stein, der den Aufstieg zum Himmel und die Begegnung mit Atum-Re verkörpert. Heliopolis selbst war im Hieroglyphenschrift mit dem Zeichen des Benben gekennzeichnet.

Plastische Atum-Bildwerke sind aus allen Epochen der ägyptischen Religion erhalten. Aus dem Neuen Reich stammt eine berühmte Quarzitstatue Tutanchamuns, in der der jugendliche König mit Atum-Krone dargestellt ist; aus der Spätzeit sind zahlreiche kleinere Bronzestatuen mit Atum erhalten.

Auf den Tempelwänden der ramessidischen Zeit, besonders in Karnak und Abydos, wird Atum regelmäßig in den Reihen der Götter dargestellt, die den König krönen oder ihm das Lebenszeichen «Anch» reichen. In Deir el-Bahari hat Hatschepsut den Atum-Re-Kult mit eindrucksvollen Bildprogrammen ausgestattet, die ihre eigene Schöpfung durch Amun-Atum legitimieren.

Kult und Verehrung

Heliopolis (ägyptisch Iunu, das «Säulenstadt» oder «Pfeilerstadt» bedeutet) war das Hauptkultzentrum Atums. Die Stadt lag etwa zehn Kilometer nordöstlich des heutigen Kairo und gehörte seit der Vereinigung Ägyptens zu den theologisch wichtigsten Städten des Landes.

Hier befand sich der große Atum-Re-Tempel mit dem Benben-Stein, dem heiligen Persea-Baum und der Sonnenbarke, die das tägliche Erscheinen und Verschwinden der Sonne nachvollzog. Das heliopolitische Priestertum, mit dem Obersten Priester an der Spitze (genannt «Großer der Schauer»), war das gelehrteste der ägyptischen Religion; seine theologischen Spekulationen wirkten auf das gesamte Land.

Im Tagesritual des Atum-Tempels erfolgte am Morgen die «Aufweckung» des Götterbildes durch Räucherung, Libation und Hymnusrezitation. Im Verlauf des Tages wurden die täglichen Speiseopfer dargebracht; am Abend wurde das Götterbild rituell zur Ruhe gelegt und das Sanktuar versiegelt.

Bei besonderen Festen, etwa am Königsjubiläum (Sed-Fest) und am Neujahrsfest, wurde das Atum-Bild aus dem Sanktuar entnommen und in einer Prozession durch die Tempelhöfe getragen. Diese Prozessionen waren öffentlich und gaben der städtischen Bevölkerung Anteil am sonst priesterlichen Kult.

Das wichtigste Atum-Fest war das Fest der «Wepet-Renpet», des Neujahrs, das den Beginn der Nilflut markierte. Atum erhielt am Vorabend des neuen Jahres die ersten Erstlingsopfer, weil er als Schöpfer auch derjenige war, der den jährlichen Zyklus erneuerte.

Inschriften im Tempel von Karnak und in den ramessidischen Mortuartempeln dokumentieren diese Riten detailliert. Im «Ritual des Königs aus der Hand des Atum» (Papyrus Berlin 3055) wird die liturgische Sequenz vollständig wiedergegeben; sie diente dem Pharao als Modell seines eigenen täglichen Tempelrituals.

Außerhalb Heliopolis war der Atum-Kult an vielen Orten präsent, doch fast immer als Aspekt anderer Hauptgötter. In Theben wurde Amun-Atum verehrt, in Karnak die ganze Enneade einschließlich Atums in das Festkalendarium aufgenommen. In Memphis war Ptah-Atum eine wichtige theologische Verbindung, die das Konzept des Ptah-als-Verstand mit dem Konzept des Atum-als-Selbstgenügsamkeit kombinierte.

Der berühmte «Memphitische Theologie»-Text (auf dem Schabaka-Stein, heute London) artikuliert die theologische Überlegung, dass Ptah durch den Verstand und das Wort all das vollbracht habe, was Atum durch sein Sperma vollbracht hatte; eine philosophisch hochrangige Variante der Schöpfungstheologie.

Wichtige Heiligtümer und Tempel

Der Atum-Re-Tempel von Heliopolis war einer der größten Sakralbauten Ägyptens, doch ist von ihm fast nichts erhalten. Die Stadt wurde in römischer Zeit aufgegeben und im Mittelalter als Steinbruch für den Bau des nahen Kairo verwendet; nur einzelne Obelisken (Sesostris I. in Mataria) und Reste der Tempelmauern haben überdauert.

Strabon (XVII, 1, 27 bis 30) beschreibt seinen Besuch in Heliopolis im ersten vorchristlichen Jahrhundert und gibt einen knappen Bericht über den Tempel; zu dieser Zeit war das Heiligtum bereits vernachlässigt, aber noch sichtbar.

Wichtige Atum-Kapellen finden sich in Karnak (im Hof des Tempels von Amun), im Mortuartempel von Hatschepsut in Deir el-Bahari, im Tempel von Ramses II. in Abydos und im Sed-Fest-Tempel von Amenophis III. in Malkata.

Die meisten ramessidischen Mortuartempel auf der Westseite Thebens (Ramesseum, Medinet Habu, Sety-I-Tempel) haben Atum-Kapellen, in denen der verstorbene König mit Atum-Re vereinigt wurde.

In Abu Simbel ist Atum unter den vier Hauptgöttern des großen Tempels (Amun-Re, Re-Harachte, Ptah, sowie Ramses II. selbst); Atum erscheint hier als Teil der Königsapotheose. In Deir el-Medineh, dem Dorf der Königsgrab-Arbeiter, gibt es kleine private Schreine, an denen Atum-Re neben Amun und Ptah Anrufungen erhielt.

Atum-Heiligtümer in der Libyschen Wüste (Bahariya, Charga, Dakhla) sind in der Spätzeit dokumentiert. Im Hibis-Tempel der Oase Charga ist Atum als Teil der theologischen Bildprogramme prominent vertreten.

Mythen-Erzählungen

Der zentrale Mythos Atums ist seine Selbstschöpfung. In den Pyramidentexten (Spruch 527 und 600) wird die Geschichte in zwei Varianten erzählt. In der ersten emittiert Atum allein auf dem Urhügel sein Sperma in seine Hand, die personifiziert wird als die Göttin Hethemut oder Iusaas; aus diesem Spermafleck entstehen Schu und Tefnut.

In der zweiten spuckt Atum die beiden Götter aus, wobei das ägyptische Wortspiel zwischen «spucken» (techech) und Tefnut bzw. «niesen» (ischesch) und Schu hörbar wird; die Götter werden also durch Lautmalerei aus den Verben hervorgebracht. Beide Varianten stehen für die ägyptische Vorstellung, dass die Schöpfung ein körperlicher Akt ist, kein abstrakter, geistiger Vorgang.

Eine andere Erzählung beschreibt Atums Suche nach seinen verlorenen Kindern Schu und Tefnut. In einer mythischen Vorzeit verschwanden die beiden Götter im Urgewässer Nun; Atum sandte sein Auge (das Augen-Auge oder das Ureh-Auge) aus, sie zu suchen. Während das Auge unterwegs war, erschuf Atum sich ein neues Auge.

Als das alte Auge mit den gefundenen Kindern zurückkehrte, fand es das neue Auge an seiner Stelle und wurde rasend. Atum besänftigte das Auge, indem er es als Uräusschlange an seine Stirn setzte; aus den Tränen des Auges entstanden die ersten Menschen.

Diese mythische Erzählung, in mehreren späten Texten überliefert, etabliert den Bezug zwischen dem Götterauge und der Uräus-Schlange und erklärt zugleich die Entstehung des Menschengeschlechts.

Im Totenbuch (Spruch 175) findet sich eine eschatologische Vision: Atum kündigt an, dass nach langen Zeitaltern die geschaffene Welt wieder ins Urgewässer Nun zurückkehren wird; nur Atum selbst und Osiris werden in Schlangengestalt übrig bleiben.

Diese Vorstellung einer zyklisch-eschatologischen Welt-Rückkehr ins Chaos ist religionsgeschichtlich bedeutsam und steht in struktureller Verwandtschaft mit dem hinduistischen Pralaya-Konzept und mit jüngeren apokalyptischen Vorstellungen.

Im täglichen Sonnenzyklus übernimmt Atum die Rolle der Abendsonne. Mit seinem Eintritt in die Unterwelt beginnt die nächtliche Reise der Sonnenbarke, die in zwölf Stundenabschnitten das Reich der Toten durchquert.

Diese Reise ist in den «Pforten-Büchern» und im «Amduat» (das «Buch von dem, was in der Unterwelt ist») ausführlich beschrieben. Atum als alter Mann mit Stab und gebücktem Rücken steigt in die Barke und wird durch die Nacht zur morgendlichen Auferstehung als Khepri geführt.

Beziehungen im Pantheon

Atum ist genealogisch und theologisch der Stammvater des heliopolitischen Pantheons. Mit Schu und Tefnut hat er das Vater-Kind-Verhältnis; in einer Variante erscheinen sie als seine Hände, die ihre eigene Existenz erlangen.

Mit Re bildet er die Doppelform Atum-Re, in der die abendliche und die tägliche Sonne theologisch zusammengeführt werden. Mit Khepri und Re ergibt sich die Dreiergestalt des Sonnenzyklus: Khepri (Morgensonne), Re (Mittagssonne), Atum (Abendsonne).

Mit Amun in Theben verschmilzt Atum zu Amun-Atum, eine Form, die in der ramessidischen Zeit theologisch wirksam wurde.

Mit Ptah in Memphis besteht in der «Memphitischen Theologie» eine philosophische Beziehung: Ptah denkt und spricht das, was Atum dann schöpferisch ausführt; diese Lesart macht aus Atum den vollziehenden Aspekt einer durch Ptah konzipierten Schöpfung. Mit Khnum in Esna besteht eine ähnliche Komplementarität; Khnum formt die Lebewesen, Atum bringt sie zur Existenz.

Mit Osiris hat Atum eine eschatologische Beziehung, die im Totenbuch artikuliert wird: Beide werden als die einzigen verbleibenden Götter am Ende der Welt vorgestellt, in Schlangengestalt. Diese Konstellation macht Atum zum Gott des kosmischen Anfangs und Endes, Osiris zum Gott der Unterweltsherrschaft.

Mit dem König (Pharao) besteht eine besondere Beziehung: Bei seiner Krönung wird der Pharao mit Atum identifiziert, bei seinem Tod wird er als Atum-Re in den Sonnenzyklus aufgenommen. Diese rituelle Identifikation ist der Kern der ägyptischen Königstheologie.

Rezeption

In der griechisch-römischen Antike wurde Atum gewöhnlich mit Helios oder Apollon gleichgesetzt, manchmal auch mit Saturn, weil Atum «der Alte» ist. Plutarch («De Iside et Osiride» 12 und 73) behandelt die heliopolitische Theologie und identifiziert Atum mit dem griechischen «Geron», dem Alten.

Die hellenistische Hermetik nutzte Atum-Konzepte in ihren Spekulationen über den «autogenes Theos», den «selbst-entstandenen Gott». Diese Lesart prägt das «Corpus Hermeticum» und über dieses die christlich-gnostische Theologie der Spätantike.

Mit dem Ende des heidnischen Tempelkultes im fünften und sechsten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung verschwand der praktische Atum-Kult. Die koptische Tradition bewahrte allerdings einige theologische Konzepte, etwa die Vorstellung des selbst-entstandenen Gottes, die in der koptisch-christlichen Christologie sichtbar wird.

Im Mittelalter berichteten arabische Reisende von den verlassenen Tempelresten Heliopolis‘; die meisten Obelisken wurden im Lauf der Zeit nach Rom (heute Lateran, Piazza del Popolo) oder nach Konstantinopel transportiert.

Die moderne Wiederentdeckung des Atum-Kultes beginnt mit den napoleonischen Wissenschaftlern und mit Champollions Entzifferung der Hieroglyphen. Im neunzehnten Jahrhundert dokumentierte Lepsius die Atum-Bildprogramme; im zwanzigsten Jahrhundert haben James Henry Breasted, Henri Frankfort und Erik Hornung die theologische Tiefe der heliopolitischen Kosmogonie systematisch dargestellt.

In der jüngeren Forschung von Jan Assmann («Theologie und Frömmigkeit», 1984) und James P. Allen («Genesis in Egypt», 1988) ist Atum als zentrale Figur der ägyptischen «Vorgeburtstheologie» behandelt worden. In der modernen Esoterik und in der New-Age-Literatur erscheint Atum als Urbild des «selbstgeborenen Bewusstseins», eine Lesart, die sich auf die hermetisch-gnostische Tradition stützt.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Atum gehört zur Kategorie der Schöpfergötter, die durch Selbsthervorbringung schaffen. Diese Vorstellung ist religionsgeschichtlich auffällig: Während die meisten polytheistischen Religionen die Schöpfung durch Kampf, Vereinigung oder Werkstattarbeit beschreiben, kennt die ägyptische heliopolitische Theologie den Schöpfer, der aus sich selbst entsteht.

Vergleichbar sind nur wenige andere Vorstellungen: Der hinduistische Prajāpati, der vedische Hiraṇyagarbha (das «Goldene Ei») und in begrenzter Weise auch der gnostische Autogenes.

Die theologische Reflexion Atums hat besonders in der Spätzeit Höhepunkte erreicht. Die Esna-Hymnen, die Memphis-Theologie und die Hymnen aus den Tempeln von Edfu und Dendara behandeln die paradoxen Aspekte des Schöpfers: Er ist im Urgewässer und doch von ihm verschieden, er ist allein und doch Vater einer Götterneunheit, er ist alt und ewig zugleich.

Diese philosophische Tiefe macht den ägyptischen Schöpfungsdiskurs zu einem der differenziertesten in der antiken Religionsgeschichte und stellt das ägyptische Denken auf eine Stufe mit der griechischen und indischen Philosophie.

Henri Frankfort sah in Atum den «Hochgott» der ägyptischen Religion, eine Lesart, die später von Hornung relativiert wurde: Atum ist nicht der einzige oder höchste Gott, sondern eine Manifestation des göttlichen Prinzips, das in vielen Namen und Gestalten auftritt. Jan Assmann hat in «Ägypten.

Theologie und Frömmigkeit» (1984) die «Neue Sonnentheologie» des Neuen Reichs analysiert, in der Atum, Re und Khepri zu drei Aspekten eines einzigen Sonnenwesens vereinigt werden; diese Lesart bereitet die monolatrische Frömmigkeit der Amarnazeit unter Echnaton vor und steht in struktureller Verwandtschaft mit dem späteren biblischen Monotheismus.

Quellen

Pyramidentexte, Spruch 527 (Selbstschöpfung), Spruch 600 (Schu und Tefnut), Spruch 587. Sargtexte und Totenbuch, besonders Spruch 17, 78 und 175. Memphitische Theologie (Schabaka-Stein, British Museum EA 498), Edition James H. Breasted. Esna-Tempelinschriften, Edition Sauneron. «Buch der Pforten» und «Amduat» aus den Königsgräbern im Tal der Könige, Edition Hornung.

Strabon, «Geographika» XVII, 1, 27 bis 30; Plutarch, «De Iside et Osiride» 12, 73. Henri Frankfort, «Kingship and the Gods», Chicago 1948. Erik Hornung, «Der Eine und die Vielen», Darmstadt 1971. James P. Allen, «Genesis in Egypt.

The Philosophy of Ancient Egyptian Creation Accounts», New Haven 1988. Jan Assmann, «Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur», Stuttgart 1984.