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Ceridwen, walisische Göttin der Inspiration

Ceridwen, auch Cerridwen, ist eine zentrale Figur der walisischen Mythologie und wird in der mittelalterlichen Tradition als Herrin des Kessels der Inspiration beschrieben.

Ihre Erzählung steht im Mittelpunkt der «Hanes Taliesin», der Lebensgeschichte des legendären walisischen Dichters Taliesin, deren älteste fragmentarische Belege ins 9. Jahrhundert reichen, deren vollständige Fassung jedoch erst in spätmittelalterlichen Handschriften überliefert ist.

Inhaltsverzeichnis

Ceridwen - Götter aus der Keltisch-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage und literarische Tradition

Die wichtigste Quelle für Ceridwen ist die «Hanes Taliesin», die in der vollständigen Form bei Elis Gruffydd im 16. Jahrhundert und bei John Jones in den «Llanstephan-Handschriften» überliefert ist. Fragmente, die auf eine deutlich ältere Tradition verweisen, finden sich im «Buch von Taliesin» und im «Buch des Aneirin», beide aus dem 13. Jahrhundert.

Patrick K. Ford hat in «The Mabinogi and Other Medieval Welsh Tales» (1977) die textgeschichtliche Komplexität der Ceridwen-Tradition aufgearbeitet und gezeigt, dass die zentrale Erzählung der Kesselverwandlung in mehreren walisischen und bretonischen Varianten existiert.

Marged Haycock hat in ihren Arbeiten zum «Buch von Taliesin» darauf hingewiesen, dass viele der Taliesin zugeschriebenen Gedichte erst im 9. bis 12. Jahrhundert entstanden, während die Erzählung um Ceridwen literarisch ältere Schichten enthält. Die Forschung steht damit vor dem typischen Problem, eine möglicherweise alte mythische Substanz aus einer spätmittelalterlichen Textgestalt zu rekonstruieren.

Die Erzählung vom Kessel

Die zentrale Erzählung berichtet: Ceridwen lebt mit ihrem Mann Tegid Foel am See Llyn Tegid (heute Bala Lake in Gwynedd) und hat zwei Kinder, die schöne Creirwy und den hässlichen Morfran (auch Afagddu).

Um Morfran trotz seines unschönen Aussehens mit Weisheit und Inspiration zu versorgen, braut Ceridwen einen besonderen Trank im Kessel der Inspiration («pair awen»). Der Trank muss ein Jahr und einen Tag köcheln, und nur die ersten drei Tropfen besitzen die magische Wirkung; der Rest ist tödliches Gift.

Den Kessel hütet der Junge Gwion Bach. Beim Umrühren spritzen drei Tropfen auf seinen Daumen, den er instinktiv in den Mund nimmt. Sofort erlangt er das umfassende Wissen, das eigentlich für Morfran bestimmt war. Erschrocken flieht er, und der Kessel zerbricht.

Ceridwen verfolgt ihn in einer Reihe von Verwandlungen: Gwion wird Hase, sie Hündin, er Fisch, sie Otter, er Vogel, sie Falke, er Korn, sie Henne, die das Korn verschlingt. Neun Monate später gebiert sie das Kind Taliesin, das sie in einem Lederbeutel ins Meer wirft, wo der junge Prinz Elphin es findet und großzieht.

Symbolik des Kessels

Der Kessel der Ceridwen gehört zu den bedeutendsten Symbolen der walisischen Tradition. Er steht in einer Reihe mit anderen wundertätigen Kesseln, etwa dem Kessel des Bran im «Mabinogi», der die Toten wiederbelebt, oder dem Kessel des Dagda in der irischen Tradition, der unermessliche Speise spendet.

Helmut Birkhan hat in «Kelten» (1997) den Kessel als zentrales Sakralobjekt der keltischen Religion identifiziert, das in archäologischen Funden wie dem Gundestrup-Kessel und den Kesseln von Brå und Rynkeby konkret greifbar ist.

Miranda Aldhouse-Green hat in «The Quest for the Shaman» (2005) die Möglichkeit erwogen, dass die Kessel-Symbolik auf schamanische Inspirations- und Initiationsriten zurückgeht, in denen ein Inhaltsstoff in flüssiger Form mit der Erlangung außergewöhnlichen Wissens verbunden war. Diese Hypothese bleibt spekulativ, ist aber durch die Häufigkeit des Kessel-Motivs in keltischer Bildkunst und Erzähltradition motiviert.

Ceridwen als Göttin?

Ob Ceridwen ursprünglich eine Göttin war, ist in der Forschung umstritten. Die «Hanes Taliesin» präsentiert sie als mächtige Zauberin, ohne sie ausdrücklich als Göttin zu bezeichnen.

Bernhard Maier ordnet sie in «Die Religion der Kelten» (2001) eher als literarisch gebildete Figur ein, die Eigenschaften älterer Inspirations- und Verwandlungsgottheiten in sich vereinigt. John T. Koch hat hingegen in mehreren Aufsätzen für eine Identifikation mit einer alten walisischen Göttin der Dichtung und der Wandlung plädiert.

Eine namentlich bezeugte gallorömische Inspirationsgöttin gibt es nicht, aber die Inschriften zu Sironа, Belisama und Brigantia zeigen die Existenz weiblicher Lokalgottheiten mit Inspirations- und Heilkompetenzen. Die strukturelle Nähe zur irischen Brigid, die unter anderem über die Dichtkunst herrscht, hat Marie-Louise Sjoestedt früh herausgearbeitet.

Eine direkte Identifikation lehnt sie jedoch ab. Die heutige Mehrheitsmeinung sieht Ceridwen als literarisch gestaltete Mythenfigur, in der ältere mythische Substanz nachklingt, ohne dass eine geschlossene «Religion der Ceridwen» rekonstruierbar wäre.

Ceridwen und Taliesin

Die Wiedergeburt des Gwion Bach als Taliesin verbindet die Ceridwen-Tradition mit dem historisch greifbaren Taliesin, einem walisischen Hofdichter des 6. Jahrhunderts, dem das «Buch von Taliesin» einen Teil seiner Gedichte zuschreibt.

In den späteren Erzählungen wird Taliesin zur archetypischen Figur des inspirierten Dichters, der alle Zeitalter und Verwandlungen kennt. Seine berühmten autobiografischen Gedichte («Ich war bei der Erschaffung der Welt»; «Ich war ein Blauer Lachs») setzen die Erlebnisse der mythischen Verfolgung durch Ceridwen voraus.

Damit hat Ceridwen eine doppelte Funktion: Sie ist Verfolgerin und Gebärerin des Dichters zugleich. Marged Haycock hat diesen Aspekt als Modell einer initiatorischen Mutterfigur gedeutet, die durch ihre Verfolgung das spätere Können des Eingeweihten überhaupt erst erzeugt.

Damit gehört Ceridwen in die typologische Reihe von Lehrerinnen und Gegenspielerinnen wie der irischen Scáthach, die Cúchulainn ausbildet, oder der nordischen Gunnlöd, die den Met der Dichtkunst hütet.

Llyn Tegid und der Landschaftsbezug

Der See Llyn Tegid (Bala Lake) im Nordwesten von Wales ist der Hauptschauplatz der Ceridwen-Erzählung. Er ist mit 6 Kilometern Länge der größte natürliche See in Wales und seit der Antike mit zahlreichen Sagen verbunden.

Die mittelalterlichen Texte präsentieren ihn als Wohnort des Tegid Foel, dessen Name «Tegid der Glatzköpfige» bedeutet und auf eine ältere Seegottheit hinweisen könnte. Die Verbindung von Ceridwen mit dem See ordnet sie in die für die keltische Mythologie typische Verknüpfung weiblicher Gestalten mit stehendem Wasser ein.

Brynley Roberts hat in seinen Studien zur walisischen Toponymie auf die Möglichkeit hingewiesen, dass der See ursprünglich als Heiligtum diente, an dem Inspirations- und Initiationsriten stattfanden. Archäologische Belege fehlen, aber die Dichte der mit Llyn Tegid verbundenen Sagen unterstützt die Annahme einer alten sakralen Bedeutung.

Rezeption und moderne Neuformung

In der walisischen Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts erlebte Ceridwen eine literarische Renaissance, vor allem durch Iolo Morganwg (Edward Williams), der einen großen Teil der modernen «keltischen» Bardentradition erfand und Ceridwen als oberste Göttin der walisischen Druiden präsentierte.

Diese Rekonstruktion ist heute als Erfindung des 19. Jahrhunderts erkannt, hat aber das öffentliche Bild der Ceridwen nachhaltig geprägt. Ronald Hutton hat in «Blood and Mistletoe» (2009) diese Rezeptionsgeschichte differenziert aufgearbeitet.

In der modernen neopaganen Tradition, vor allem in der walisisch geprägten Druidentum-Strömung und in der Wicca-Bewegung, ist Ceridwen eine zentrale Göttin der Inspiration und der Hexenkunst. Ihr Kessel gilt als Symbol für Transformation, schöpferische Erkenntnis und weibliche Macht.

Diese moderne Rezeption stützt sich weniger auf die mittelalterlichen Texte als auf das von Iolo Morganwg und seinen Nachfolgern geschaffene Druidenbild. Eine direkte Linie zur vorchristlichen walisischen Religion ist nicht belegt, was Bernhard Maier und Ronald Hutton wiederholt betont haben.

Awen als zentraler Begriff

Eng mit Ceridwen verbunden ist der Begriff awen, der in der walisischen Tradition die «göttliche Inspiration» bezeichnet, die einen Dichter zum vollkommenen bardd macht. Der Begriff erscheint bereits in den frühen Taliesin-Gedichten und wird in der mittelalterlichen Bardenschule als unverzichtbare Qualität der Dichtung diskutiert.

Die drei Tropfen aus Ceridwens Kessel werden in den Texten als materielle Manifestation der awen verstanden, die hier nicht als abstrakte Eigenschaft, sondern als physisch übertragbare Substanz erscheint.

Patrick Sims-Williams hat in «Religion and Literature in Western England, 600-800» (1990) gezeigt, dass die awen-Vorstellung in keltisch-christlichen Übergangsformen sowohl in der walisischen als auch in der irischen Tradition tief verwurzelt war.

Die Ceridwen-Erzählung gilt als deren wichtigste mythische Verdichtung im walisischen Raum. Die spätere walisische Bardenschule, insbesondere im Umfeld der Eisteddfod-Tradition, hat awen als grundlegenden Begriff bewahrt, allerdings ohne die unmittelbare mythische Bindung an Ceridwen.

Handschriftliche Überlieferung der Hanes Taliesin

Die wichtigste Quelle für Ceridwen ist die «Ystoria Taliesin» beziehungsweise «Hanes Taliesin».

Sie ist nicht in den ältesten walisischen Sammelhandschriften, dem «Llyfr Aneirin» und dem «Llyfr Taliesin» des 13. und 14. Jahrhunderts, enthalten, sondern erst in einer prosaischen Erzählform überliefert, deren ältester vollständiger Textzeuge die Handschrift «NLW MS 5276D» (auch «Elis Gruffydd-Chronik», Mitte 16. Jahrhundert) bildet.

Patrick Ford hat in «Ystoria Taliesin» (Cardiff 1992) die Editionsgeschichte rekonstruiert und gezeigt, dass die Erzählung in mündlicher Tradition deutlich älter ist, in ihrer literarischen Fassung jedoch frühneuzeitliche Schichtungen aufweist.

Die Edition mit englischer Übersetzung erschien zuerst in den «Mabinogion»-Bänden von Lady Charlotte Guest (1838 bis 1849), die den Text als Anhang in den Mabinogi-Kanon aufnahm.

Marged Haycock hat in «Legendary Poems from the Book of Taliesin» (Aberystwyth 2007 und 2015 zweite Auflage) die in den ältesten Taliesin-Handschriften enthaltenen sogenannten «sagenhaften» Gedichte philologisch erschlossen und zeigt, dass die Figur Ceridwens dort als «peiryanvic ceridwen», die «kämpfende Ceridwen», beziehungsweise als Hüterin des Kessels («peir ceridwen») mehrfach genannt wird, ohne dass eine narrative Episode entfaltet würde.

Diese kurzen Hinweise sind die ältesten dichten Textzeugen für die Figur und datieren wahrscheinlich auf das 9. bis 11. Jahrhundert. Sie zeigen, dass der Kesselkomplex deutlich älter ist als die ausgeführte Erzählung der frühneuzeitlichen Prosa.

Awen, Inspiration und Bardenkultur

Die in der Ceridwen-Erzählung zentrale Substanz, die drei Tropfen aus dem Inspirationskessel, wird im walisischen Original als «awen» bezeichnet. Der Begriff ist sprachgeschichtlich an die Wurzel *au- «wehen, atmen» anschließbar und bedeutet wörtlich «Eingebung», «göttlicher Atem».

Im «Cyfraith Hywel Dda» («Gesetze des Hywel Dda», Manuskripte ab dem 12. Jahrhundert) ist «awen» bereits als Fachterminus der Hofdichter (pencerdd) belegt.

Der walisische Dichter Iolo Goch (14. Jahrhundert), der Hofdichter Owain Glyndŵrs war, bezieht sich in mehreren Gedichten auf «awen Ceridwen» als Quelle seiner poetischen Kraft.

Iolo Morganwg (Edward Williams, 1747 bis 1826) hat diese Linie im 18. und frühen 19. Jahrhundert in einen neodruidischen Kontext überführt und im «Barddas» die Awen-Symbolik mit dem grafischen Zeichen aus drei Strahlen verbunden, das in der heutigen Eisteddfod-Tradition fortlebt.

John T. Koch hat in «Celtic Culture. A Historical Encyclopedia» (Santa Barbara 2006) und in seinen Aufsätzen zur walisischen Bardenkultur eine technische Funktion der Awen-Konzeption betont. Sowohl in der mittelalterlichen Bardenausbildung als auch in den späteren Eisteddfod-Reglements erfüllte sie diese Aufgabe. Sie diente als Selbstlegitimation der Berufsdichter, die ihre Kunst so als göttlich verliehen, nicht als bloß erlernt darstellen konnten.

Die Ceridwen-Erzählung mit ihrem Wechsel zwischen mühsamer Vorbereitung über ein Jahr und der plötzlichen Eingebung durch die drei Tropfen kodifiziert diesen Doppelaspekt der Bardenkunst literarisch.

Verwandlungsmotiv in vergleichender Perspektive

Die Verfolgungsjagd zwischen Ceridwen und Gwion gehört zu einem weit verbreiteten erzählerischen Motiv, das als «Verwandlungswettkampf» bezeichnet wird.

Vergleichbare Sequenzen finden sich in der griechischen Tradition (Verfolgung der Nemesis durch Zeus, Apollon und Daphne), im keltischen Bereich (Verfolgung von Étaín in «Tochmarc Étaíne»), in der nordischen Edda (Loki und Heimdallr) und in der schottischen Volkstradition. Stith Thompson hat dieses Motiv in seinem «Motif-Index of Folk-Literature» unter D610 als universales Erzählmuster katalogisiert.

Innerhalb der keltischen Tradition ist die Sequenz besonders elaboriert, weil sie nicht nur eine Verfolgungsdramatik, sondern eine Lehrer-Schüler-Beziehung und eine Gebärerin-Kind-Beziehung enthält.

John Carey hat diese Mehrschichtigkeit als Hinweis auf eine archaische Initiationsstruktur gedeutet, in der der Initiand symbolisch von der Lehrerin verschlungen und neu geboren wird. Eine direkte rituelle Bezeugung dieser Praxis fehlt, das Motiv lässt sich aber aus zahlreichen vergleichenden Religionsbeispielen plausibel machen.

Einordnung & Schutz

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