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Tsongkhapa, Begründer der Gelug-Schule

Tsongkhapa Lobsang Dragpa (1357 bis 1419) war ein tibetischer Gelehrter, Klosterreformer und Begründer der Gelug-Tradition («Schule der Tugendhaften»), die seit dem 17. Jahrhundert die religiös und politisch dominierende Strömung im tibetischen Buddhismus darstellt.

Aus dieser Schule ging die Linie der Dalai Lamas und der Panchen Lamas hervor. Tsongkhapa gilt als einer der bedeutendsten Systematiker der tibetischen Buddhismus-Geschichte und prägte die scholastische Tradition durch sein umfangreiches Werk und durch die Gründung des Klosters Ganden.

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Inhaltsverzeichnis

Tsongkhapa - Götter aus der Tibet-Tradition, historisch-illustrativ

Lebensverlauf und Biografie

Tsongkhapa wurde in der osttibetischen Region Amdo geboren, im heutigen Qinghai. Sein Geburtsort wird mit Tsongkha identifiziert, was ihm den Beinamen «der Mann aus Tsongkha» einbrachte. Seine ersten religiösen Studien absolvierte er in einem nahegelegenen Kloster der nyingma- und kadampa-Linien.

Im Alter von 16 Jahren reiste er nach Zentraltibet, um an den großen Klöstern Sangphu und Nethang zu studieren. In den folgenden drei Jahrzehnten bewegte er sich zwischen mehreren Klöstern und lernte bei Lehrern aller damals bedeutenden Traditionen.

Robert Thurman hat in «Life and Teachings of Tsong Khapa» (1982) Tsongkhapas Lebensweg detailliert nachgezeichnet und gezeigt, dass seine Bildungspolitik bewusst auf eine Integration aller damaligen Studientraditionen abzielte.

Sein wichtigster Lehrer für Sutra-Studien war Drakpa Gyaltsen, für tantrische Studien war es vor allem Khedrup Je und Gyaltsab Je. Ein weiterer wichtiger Lehrer war der Sakya-Meister Rendawa Shyönnu Lodrö, der ihn besonders in Madhyamaka-Philosophie schulte. Diese breite Bildungsbasis prägte das spätere Profil der Gelug-Schule.

Religiös-philosophisches Programm

Tsongkhapas philosophisches Programm zielte auf eine strenge Vereinigung von gelehrter Sutra-Tradition und tantrischer Praxis.

Er bestand darauf, dass beide Pfade in einer geordneten Reihenfolge zu absolvieren seien: zunächst die Grundlagen der Klosterregel (Vinaya), dann die systematische Sutra-Philosophie nach Madhyamaka- und Pramana-Maßstäben, schließlich die tantrischen Initiationen und Praktiken. Diese Stufung wurde zur Grundlage der Gelug-Studienreform und zur Norm der späteren tibetischen Klosterausbildung.

Sein bedeutendstes Werk ist der «Lam Rim Chenmo», der «Große Lehrgang des Stufenwegs zur Erleuchtung», abgeschlossen 1402, der den geistigen Weg eines Bodhisattva in drei Stufen (geringe, mittlere, höhere Motivation) darstellt.

Donald Lopez und Joshua Cutler haben das Werk in mehreren Bänden ins Englische übersetzt und in seinen philosophischen Voraussetzungen erläutert. Es gilt als zentrales Lehrbuch der Gelug-Tradition und wird bis heute in den Klöstern memoriert und kommentiert.

Madhyamaka-Interpretation

Im philosophischen Bereich ist Tsongkhapa vor allem für seine Interpretation der Madhyamaka-Schule des Nagarjuna bekannt. Er vertrat eine sogenannte «prasangika-madhyamaka» Position, die alle inhaltlichen Aussagen über die letzte Wirklichkeit zurückwies und die Lehre von der «Leerheit» (śūnyatā) konsequent dialektisch entfaltete.

Sein Hauptwerk auf diesem Feld ist die «Klarheit der Gedanken» («dgongs pa rab gsal»), in dem er die Kommentartradition des indischen Madhyamika Candrakirti rezipierte und gegen abweichende Interpretationen verteidigte.

José Cabezón hat in «A Dose of Emptiness» (1992) gezeigt, dass Tsongkhapas Madhyamaka-Verständnis sich von früheren tibetischen Lesarten in entscheidenden Punkten unterschied. Insbesondere lehnte er die Vorstellung ab, dass Leerheit als ein eigenes, positiv bestimmbares Absolutes verstanden werden könnte.

Diese Position rief Widerspruch aus den Reihen der Nyingma- und Sakya-Schulen hervor, deren Vertreter ihm eine zu strenge Negativität vorwarfen. Der dadurch ausgelöste «Leerheitsstreit» prägte die tibetische Philosophie für mehrere Jahrhunderte.

Tantrische Werke

Neben den Sutra-Studien war Tsongkhapa ein bedeutender Gelehrter und Praktizierender der höchsten tantrischen Yogas. Sein Werk «sngags rim chen mo» («Großer Lehrgang der Mantras», 1405) ist das tantrische Gegenstück zum «Lam Rim Chenmo».

Es ordnet die tantrischen Praktiken in vier Klassen (Kriya-, Carya-, Yoga-, Anuttarayoga-Tantra) und gibt für jede die Voraussetzungen, Methoden und Ergebnisse an. Diese systematische Ordnung wurde zur Grundlage der Gelug-Tantra-Ausbildung.

Tsongkhapa war außerdem ein wichtiger Kommentator des Guhyasamaja-Tantra, das er als zentralstes Anuttarayoga-Tantra ansah. Auch das Chakrasamvara- und das Yamantaka-Tantra waren Felder seiner intensiven Kommentartätigkeit. Christian Wedemeyer hat in seinen Studien zu Aryadeva und Candrakirti gezeigt, wie Tsongkhapa die Tantra-Tradition mit der Madhyamaka-Philosophie zu einer einheitlichen Gesamtkonzeption verband.

Gründung des Ganden-Klosters und das große Gebet

Im Jahr 1409 initiierte Tsongkhapa das «Monlam Chenmo», das «Große Gebet von Lhasa», ein 21-tägiges Klosterfest, das jährlich zum tibetischen Neujahr stattfand und Tausende von Mönchen und Laien zusammenführte.

Dieses Fest etablierte Tsongkhapas Reformbewegung als sichtbare Größe im religiösen Leben Tibets. Im gleichen Jahr begründete er das Kloster Ganden auf einem Berg östlich von Lhasa, das zum Mutterkloster der Gelug-Tradition wurde.

Wenige Jahre später folgten die Gründungen von Drepung (1416 durch Jamyang Choje, einen Schüler Tsongkhapas) und von Sera (1419 durch Sakya Yeshe, ebenfalls ein Schüler). Diese drei Klöster, die «drei Sitze der Gelehrsamkeit», wuchsen zu den größten Klosteranlagen des tibetischen Buddhismus und beherbergten in ihrer Blütezeit jeweils mehrere tausend Mönche.

Per Sørensen hat in seinen Arbeiten zur tibetischen Klostergeschichte gezeigt, dass die Gründungswelle der Gelug-Schule im frühen 15. Jahrhundert eine wirtschaftliche und politische Umgestaltung Zentraltibets mit sich brachte.

Reform der Klosterordnung

Tsongkhapa legte besonderen Wert auf die strenge Einhaltung des Vinaya, der Mönchsregel. Er kritisierte die in seiner Zeit verbreitete Vermischung von Klosterregel und tantrischer Praxis und bestand darauf, dass die Mönche zölibatär leben und sich an die traditionellen Speisevorschriften halten sollten.

Diese Strenge brachte ihm den Beinamen «der zweite Buddha» («sangs rgyas gnyis pa») ein, der bis heute in der Gelug-Tradition gebraucht wird.

Die Reform betraf auch die Studienordnung. Tsongkhapa führte einen festen Zyklus von Hauptstudien ein: Vinaya, Abhidharma, Pramana, Madhyamaka und Prajnaparamita. Jedes Studium dauerte mehrere Jahre und wurde durch Disputationen und Examina abgeschlossen.

Das von ihm ins Leben gerufene System der «Geshe-Examina» führte schließlich zum «Geshe Lharampa», dem höchsten akademischen Grad der Gelug-Schule. Donald Lopez hat in «The Madman’s Middle Way» (2006) die epistemische und institutionelle Bedeutung dieser Reform aufgearbeitet.

Tod und Nachleben

Tsongkhapa starb im Jahr 1419 im Ganden-Kloster. Sein einbalsamierter Leichnam wurde dort in einem Stupa aufbewahrt und galt bis zur Zerstörung des Klosters in der Kulturrevolution als einer der wichtigsten Wallfahrtsorte des tibetischen Buddhismus.

Sein Werk wurde in 18 Bänden gesammelt und im 17. Jahrhundert in der berühmten Lhasa-Ausgabe als geschlossenes Korpus herausgegeben. In den folgenden Jahrhunderten kommentierten zahlreiche Gelehrte seine Werke; allein der «Lam Rim Chenmo» hat über 100 tibetische Kommentare hervorgebracht.

Tsongkhapas Tag, der 25. Tag des 10. tibetischen Monats, wird bis heute als «Ganden Ngamchö» mit großen Butterlampen-Festen gefeiert. Im modernen tibetischen Buddhismus ist seine Figur nicht auf die Gelug-Schule beschränkt; auch in anderen Traditionen wird er als bedeutender Gelehrter geschätzt, selbst wo seine philosophischen Positionen abgelehnt werden.

Geoffrey Samuel hat darauf hingewiesen, dass Tsongkhapa als institutionelle Schlüsselfigur des tibetischen Buddhismus eine ähnlich grundlegende Stellung einnimmt wie Thomas von Aquin in der katholischen Tradition oder Maimonides im rabbinischen Judentum.

Internationale Rezeption

In der westlichen Tibetologie und Religionswissenschaft ist Tsongkhapa seit Giuseppe Tuccis Arbeiten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensiv erforscht.

David Snellgrove, Robert Thurman, Donald Lopez, José Cabezón und Jan-Ulrich Sobisch haben sein Werk in mehreren grundlegenden Studien aufgearbeitet. Tsongkhapas «Lam Rim Chenmo» ist heute vollständig in englischer Übersetzung verfügbar, und ausgewählte tantrische Texte sind in kritischen Ausgaben zugänglich.

Im modernen tibetischen Exil dient Tsongkhapa als Identifikationsfigur der Gelug-Tradition und als Garant institutioneller Kontinuität. Der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso hat in zahlreichen Vorträgen und Büchern, insbesondere in seinen Kommentaren zum «Lam Rim Chenmo», die Aktualität Tsongkhapas für die buddhistische Praxis der Gegenwart unterstrichen.

Außerhalb der spezifisch buddhistischen Rezeption ist Tsongkhapa in der europäischen und amerikanischen akademischen Philosophie als einer der bedeutendsten nicht-westlichen Systematiker rezipiert worden.

Schriftenkorpus und Editionsgeschichte

Tsongkhapas «gsung ‚bum» («Gesammelte Werke») umfasst in der traditionellen Tashilhunpo-Ausgabe achtzehn Bände, die etwa 210 selbständige Werke und Briefe enthalten.

Neben dem «Lamrim Chenmo» («Großer Stufenweg zur Erleuchtung», 1402) und dem «Ngakrim Chenmo» («Großer Stufenweg des Mantra», 1405) zählen das «Drang-nges legs-bshad snying-po» («Essenz der Unterscheidung des Provisorischen und Definitiven», 1408), der «Rigs pa’i rgya mtsho» («Ozean der Argumentation», Kommentar zu Nāgārjunas Mūlamadhyamakakārikā) und das «Lhag mthong chen mo» (vermittelnde Schrift über die Einsicht aus dem Lamrim Chenmo) zu den wirkungsmächtigsten Texten.

Robert A. F. Thurman hat in «Tsongkhapa’s Speech of Gold in the Essence of True Eloquence» (Princeton 1984) eine vollständige englische Übersetzung des «Drang-nges legs-bshad snying-po» mit umfangreichem religionsgeschichtlichem Apparat vorgelegt; José Ignacio Cabezón hat in «A Dose of Emptiness» (Albany 1992) eine Übersetzung von mKhas-grub-rjes Kommentar zu Tsongkhapas Madhyamaka-Lehre besorgt.

Die textkritische Erschließung von Tsongkhapas Werken ist durch die «Sera Jey Library» und das «Tibetan Buddhist Resource Center» (TBRC, seit 1999 Digitalisierungsprojekt von E. Gene Smith) in den letzten Jahrzehnten erheblich vorangekommen.

Donald S. Lopez Jr. hat in «The Madman’s Middle Way» (Chicago 2006) und in seinen Aufsätzen zur Gelug-Hermeneutik gezeigt, dass Tsongkhapas Kommentartechnik methodisch innovativ war: er kombinierte den indischen Prasaṅgika-Stil des Candrakīrti mit einer detaillierten epistemologischen Analyse nach Dharmakīrti und schuf damit ein Hybrid, das die spätere Gelug-Scholastik bis ins zwanzigste Jahrhundert prägte.

Kontroverse um den «svatantra»-Streit

Eine der zentralen lehrhaften Kontroversen, die Tsongkhapa in die tibetische Geistesgeschichte einbrachte, betrifft die Frage, ob im Madhyamaka eigenständige logische Begründungen (svatantra-anumāna, tib. «rang rgyud») zulässig seien oder ob ausschließlich Konsequenzschlüsse (prasaṅga) eingesetzt werden dürften. Tsongkhapa positionierte sich strikt als Prasaṅgika in der Linie Buddhapālitas und Candrakīrtis gegen die als svatantrika gelesene Position Bhāvavivekas.

Diese Positionierung ist im «Lhag mthong chen mo» und im «Rigs pa’i rgya mtsho» ausgearbeitet. Die nachfolgenden Schulen reagierten unterschiedlich: die Sakya-Lehrer Gorampa Sonam Senge (1429 bis 1489) und Shakya Chogden (1428 bis 1507) widersprachen Tsongkhapa scharf, woraus die wichtigste innertibetische philosophische Debatte des 15. und 16. Jahrhunderts hervorging.

Cabezón und Geshe Lobsang Dargyay haben in mehreren Aufsätzen, gesammelt in «Scholasticism» (Albany 1998), die Argumentationslinien dieser Debatte rekonstruiert. José Cabezón hat in «Freedom from Extremes» (Somerville 2007) Gorampas Hauptwerk «lTa ba’i shan ‚byed» («Unterscheidung der Ansichten») übersetzt und mit Tsongkhapas Position verglichen.

Janet Gyatso hat in den «Journal of the International Association of Buddhist Studies» (Bd. 27, 2004) gezeigt, dass die Debatte nicht rein akademisch blieb, sondern bis ins 17. Jahrhundert mit politischen Konsequenzen für die Stellung der einzelnen Klosterzentren verbunden war.

Verhältnis zur Bön-Tradition und zu älteren Schulen

Tsongkhapas Reformprogramm war kein vollständiger Bruch mit der bestehenden tibetischen Religiosität, sondern eine Neuordnung im Rahmen vorhandener Traditionen.

Er übernahm wesentliche Elemente der kadampa-Schule, die im 11. Jahrhundert auf den indischen Lehrer Atisha zurückging, und integrierte sie in eine erweiterte philosophische und tantrische Konzeption. Zur Bön-Religion, der vorbuddhistischen tibetischen Tradition, hielt er ausdrücklich Distanz, ohne ihre Vertreter zu verfolgen.

Auch gegenüber den nyingma-pa und kagyü-pa, die viele tantrische Linien älterer indischer und tibetischer Meister bewahrten, übte er keine politische Feindseligkeit. Die spätere Polarisierung zwischen Gelug- und Nyingma-pa- bzw.

Kagyü-pa-Traditionen ist eher Folge der politischen Konflikte des 17. Jahrhunderts und nicht Tsongkhapas eigene Hinterlassenschaft. Klaus-Dieter Mathes hat in seinen Studien zur Geschichte des tibetischen Buddhismus diese Unterscheidung mehrfach betont.