Israfil ist die Erzengelfigur der islamischen Tradition, Posaunen-Engel der Auferstehung und Verkünder des Jüngsten Gerichts. Seine religionswissenschaftliche Bedeutung liegt in der Verkörperung eschatologischer Wendepunkte, in der kosmischen Transformation vom Irdischen zum Ewigen und in der Mystik als Verkünder der Stunde (As-Sa’ah).
Israfil fungiert als Posaunen-Engel und Auferstehungsbote. Seine Eigenschaften umfassen Kraft, kosmisches Bewusstsein und unmittelbare Nähe zum Welten-Augenblick.
Zentrale Mythen sind: Israfils doppelte Posaunenstöße (erste zum Tode, zweite zur Auferstehung), die Zeitraffung beim Blasen (alles Leben pausiert, alle Seelen stehen auf), die Begegnung mit dem Propheten Muhammad bei der Himmelfahrt (Isra und Mi’raj), und mystische Traditionen der Sufi-Eschatologie.
Israfil wird indirekt im Koran erwähnt (39:68 an dem Tage, da die Posaune geblasen wird) und in Hadith-Sammlungen ausgearbeitet (Tirmidhi, Ibn Majah, arabisch, 8. 9. Jh.). Die Rahmenzuweisung erfolgt in früher islamischer Periode. Forschungsstand (Schimmel, Hughes, Wild) dokumentiert Israfil als zentral für islamische Eschatologie und zeitliche Kosmologie.
Die schriftliche Überlieferung zu Israfil reicht mehrere Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit, mit großer Wahrscheinlichkeit noch älteren mündlichen Traditionen, die vorher existierten. Die Islam haben diese Entität oder dieses Konzept über außerordentlich lange Zeiträume bewahrt und sorgfältig von Generation zu Generation weitergegeben, was auf zentrale religiöse und kulturelle Bedeutung hindeutet.
Von den frühen Korankommentaren über die Hadith-Literatur bis zur Kosmografie al-Qazwinis im 13. Jahrhundert wurde das Bild Israfils im Kern unverändert weitergegeben: der Engel mit der Posaune (Sur), der auf das Zeichen zum Jüngsten Tag wartet.
Auch in der heutigen islamischen Frömmigkeit ist diese Vorstellung gegenwärtig, etwa in Predigten und Erbauungsliteratur zum Weltende. Geändert haben sich die Ausschmückungen, nicht das Amt des Engels.
Israfil war nicht auf bestimmte Region oder Lokationen begrenzt, sondern universell in der gesamten Islam-Welt bekannt und verehrt oder respektvoll gefürchtet. Ob in großen urbanen Zentren oder in peripherer ländlicher Region, ob bei sozialem Elite oder bei einfachem Volk, die spirituelle oder kulturelle Bedeutung dieser Entität war durchgehend anerkannt und universell.
Israfil wird in der gesamten islamischen Welt in derselben Funktion genannt, vom Maghreb bis nach Südostasien: als der Engel, der am Jüngsten Tag die Posaune bläst.
Diese Einheitlichkeit verdankt sich der gemeinsamen Grundlage in Koranauslegung und Hadith-Literatur sowie der weiten Verbreitung von Werken wie al-Qazwinis Kosmografie, die mit Handel und Gelehrtenreisen durch die islamischen Länder wanderten. Der Posaunenengel gehört damit zum festen Bestand der Glaubensvorstellungen aller islamischen Regionen.
Primärquellen sind der Koran (39:68 Posaunen-Vers, 69:13-14 Auferstehungsszenario, arabisch, 7. Jh.), Hadith-Sammlungen (Jami’at-Tirmidhi, Sunan Ibn Majah, arabisch), Tafsir-Werke (Tabari Sure 39:68, Ibn Kathir) und Sufi-Eschatologie (Al-Ghazali Ihya, Ibn Arabi Futuhat al-Makkiyya, arabisch, 11. 13. Jh.).
Sekundär analysierten Schimmel (Mystical Dimensions, 1975), Hughes (Dictionary of Islam), Wild (Eschatology in Islamic Tradition) und McLeod (Judeo-Islamic Angelology) Israfils kosmische Rolle als Zentrum-Erzengel der Auferstehung.
Israfil wird in den verschiedenen Quellen und künstlerischen Traditionen mit bestimmten wiederkehrenden ikonographischen Elementen dargestellt, die über Jahrzehnte und über verschiedene geografische Räume hinweg relativ konstant bleiben. Diese Elemente sind nicht rein dekorativ oder zufällig gewählt, sondern sind tief symbolisch kodiert und tragen große Bedeutung.
Die islamische Überlieferung beschreibt Israfil über sein Amt und seine Attribute: Die Posaune (Sur) an seinen Lippen, bereit zum Stoß, der die Auferstehung einleitet, kennzeichnet ihn unverwechselbar als Engel des Jüngsten Tags. Kosmografen wie al-Qazwini schildern ihn zudem in gewaltigen Ausmaßen, mit Flügeln, die Himmelsrichtungen überspannen, und in ständiger Bereitschaft auf das göttliche Zeichen wartend.
Wer diese Beschreibungen kannte, verstand sofort, welche Aufgabe dem Engel im Heilsgeschehen zukommt: Er setzt mit dem ersten Posaunenstoß das Ende der Welt in Gang und ruft mit dem zweiten die Toten zur Auferstehung.
Israfil war zentral in der religiösen Praxis, den Alltagsritualen und im alltäglichen Verständnis der Islam. Menschen wendeten sich in kritischen oder bestimmten Lebenssituationen oder zu bestimmten rituellen Jahreszeiten an diese Entität, mit strukturierten, oft aufwendigen Ritualen, Gebeten oder Opfergaben.
Was über Israfil gesagt wurde, folgte den Regeln der islamischen Gelehrsamkeit: Die Koranstellen zum Posaunenstoß am Jüngsten Tag legten Korankommentatoren aus, die Überlieferungen zum Engel sammelten und prüften Hadith-Gelehrte, und Kosmografen wie al-Qazwini ordneten ihn in ihre Weltbeschreibungen ein. Die Rede vom Posaunenengel war damit Teil einer geordneten Wissenschaft, nicht freier Spekulation.
Israfil wird über Jahrhunderte hinweg in Korankommentaren, Überlieferungssammlungen und Kosmografien wie der al-Qazwinis beschrieben, was zeigt, wie fest sein Amt im islamischen Weltbild verankert war.
Seine Aufgaben sind klar umrissen: Der erste Stoß in die Posaune (Sur) beendet die Welt, der zweite weckt die Toten zur Auferstehung und zum Gericht. In der Volksfrömmigkeit galt der wartende Engel zugleich als Mahnung, das eigene Leben im Blick auf den Jüngsten Tag zu führen.
Der Steckbrief erfasst Israfil über sechs Dimensionen: seine Herkunft in koranischen eschatologischen Szenen, seine Zielgruppe unter gläubigen Muslimen und mystischen Kontemplierenden, ikonografische Posaunen-Attribute, seine funktionale Rolle als kosmischer Transformationsbote, Vergleiche zu christlichen und jüdischen Auferstehungsmächten, und seine mystische Rolle in Sufi-Eschatologien.
Israfil wird in koranischen Texten des 7. Jahrhunderts erwähnt, mit Wurzeln in judäisch-christlichen Auferstehungstraditionen (Gabriels Ankündigungen, Uriels eschatologische Rolle). Die geografische Herkunft liegt in der arabischen Halbinsel und dem Nahen Osten.
Die Datierung der ersten Erwähnung ist Koran 39:68 (Mekka-Periode, 610, 632 CE). Die theologische Rahmung als Haupt-Posaunen-Engel erfolgte in Hadith-Kommentaren und Sufi-Werken (9. 13. Jahrhundert).
Israfil richtete sich primär an gläubige Muslime mit Interesse an Jenseits-Hoffnung und Gericht. Zielgruppe sind Fromme (Hoffnung auf Auferstehung), Gläubige aller sozialer Schichten, und Sufis (mystische Kontemplation). Anlässe sind Freitagsgebete (Khutba über Jüngsten Tag), Todesgedanken, End-Zeichen-Diskussionen (Allamah) und mystische Nachtgebete (Tahajjud). Die Anrufung erfolgt in Gebeten um Bereitschaft (Isti’dad) für Jüngsten Tag.
Israfil ikonografisch: männliche Gestalt mit gewaltigen, silbernen oder goldenen Flügeln, ernster, konzentrierter Blick. Attribute sind Posaune oder Horn (Soor, arabisch), manchmal Buch der Deeds (Amal), Licht oder Heiligenschein. In Sufi-Miniatur-Malerei: angespannte Körperhaltung, als ob zum Blasen bereit. Die ikonografische Verbindung zur Posaune und kosmischen Spannung ist einzigartig für Israfil.
Israfil (Isrāfīl, Urāfīl) ist im islamischen Volksglaube und in kanonischen Quellen der Erzengel, der die Posaune (Sūr) beim Jüngsten Gericht (Yawm al-Qiyāma) blast.
Israfil galt als neutral-autoritär und unfehlbar in der eschatologischen Vollstreckung. Die Anrufungspraktiken umfassten Gebete um Bereitschaft (Isti’dad) auf Jüngsten Tag, um Versöhnung (Muhasaba) und innere Reinigung (Takhalli).
In Sufi-Traditionen wurden Meditationen auf Israfils Blasen praktiziert (Muraqaba ala-s-soor), um Furcht vor Allahs Gericht (Khawf) und Hoffnung auf Gnade (Raja) zu kultivieren. Der Respekt vor Israfil äußerte sich als eschatologische Wachsamkeit.
Vergleichbare Figuren im Islam: Jibril (Offenbarungsverkünder), Mikail (Schutz-Engel), Azrael (Todesengel). Außerhalb des Islam: christlicher Gabriel (Ankündigungen), jüdischer Uriel (Gericht-Engel), christlicher Michael (Kriegs-Engel). Die spezifische kosmische Transformationsfunktion macht Israfil einzigartig.
Anrufungen und Gedenkpraxis
Israfil ist kein Gegenstand direkter Anrufung im Sinne der Bittgebete (Du’a).
Der Posaunen-Laut und mystische Audition
Die Sūra 39:68 beschreibt einen einzigen Blast (Naffkha), gefolgt von einem zweiten.
Schutzamulette und apokalyptische Vorbereitung
Es gibt keine direkten Amulett-Praktiken für Israfil. Stattdessen ist die Gedenkpraxis (Zikr, Salawat auf dem Propheten) die präventive Schutzmaßnahme.
Jüdische Tradition: Jüdische Parallele: Uriel (Gerichts-Engel, Vernichtungsposaunen impliziert in Apokalyptik). Der Unterschied: Uriel ist eher Straf-Verkünder; Israfil ist reine Transformationsansage. Auch Raguel (kosmische Gerechtigkeit) trägt eschatologische Züge.
Griechisch-römische Welt: Griechische Entsprechung: Hermes (Todesboten-Verkünder), Apollon (Orakel, aber nicht eschatologisch). Näher: die Moiren/Parzen (Schicksals-Botinnen, zeitliche Transformation). Keine Auferstehungs-Mythologie in Griechenland macht direkte Parallelen schwach.
Mesopotamien: Mesopotamische Entsprechung: Enuma Elisch Szenario (kosmische Transformation durch Schlacht). Näher: Namtar (Boten-Dämon der Transformation). Keine explizite Auferstehungstradition in Mesopotamien macht Israfil spezifisch islamisch.
Indien/Asien: Indische Entsprechung: Indras Horn oder Posaune bei Weltübergang (Hindu-Eschatologie). Näher: Samvarta (kosmische Auflösung-Gott). Buddhistische Parallele: Dharmakaya-Transformation (Buddha-Natur-Offenbarung). Die Transformationsfunktion teilen sie.
Israfil ist im islamischen Glauben vor allem der Engel der Posaune. Seine Aufgabe ist es, am Ende der Zeit in ein Horn oder eine Trompete zu stoßen, in arabischen Quellen meist as-sur genannt.
Nach der verbreiteten Lehre erfolgt dieser Stoß zweimal. Der erste Posaunenstoß lässt alle Lebenden vor Schrecken sterben und die Ordnung der Welt zusammenbrechen. Der zweite Posaunenstoß ruft die Toten zur Auferstehung und versammelt sie zum Gericht.
Bemerkenswert ist, dass der Name Israfil im Koran selbst nicht vorkommt. Der Koran spricht an mehreren Stellen vom Posaunenstoß und von dem, der die Posaune bläst, ohne ihn zu benennen.
Die Identifikation dieses Engels mit dem Namen Israfil stammt aus der außerkoranischen Tradition, vor allem aus den Hadithen, den überlieferten Aussprüchen und Berichten über den Propheten, und aus der späteren erzählenden Literatur.
Israfil gehört damit zu den vier oder, je nach Zählung, mehreren herausgehobenen Engeln, deren Namen und Funktionen die islamische Tradition über den Korantext hinaus ausgearbeitet hat.
In der populären islamischen Frömmigkeit gilt Israfil als einer der ranghöchsten Engel, oft neben Dschibril, Mikail und dem Todesengel genannt. Die Vorstellung, dass er stets bereit an der Posaune steht und auf den göttlichen Befehl wartet, hat eine starke eschatologische Wirkung.
Sie hält den Gedanken an die Unausweichlichkeit des Gerichts wach. Religionswissenschaftlich ist Israfil ein gutes Beispiel dafür, wie ein im heiligen Text nur als Funktion erscheinendes Wesen in der nachfolgenden Tradition Namen, Biografie und Profil erhält.
Die ausführlicheren Beschreibungen Israfils finden sich in der Hadith-Literatur und in den erzählenden Werken der sogenannten Qisas al-anbiya, der Geschichten der Propheten.
Dort wird Israfil als ein Engel von gewaltiger Größe geschildert, mit mehreren Flügelpaaren, dessen Gestalt die Schöpfung durchmisst. Manche Überlieferungen sagen, er habe vier Flügel und sein Haupt reiche bis unter den Thron Gottes.
Eine in der frommen Literatur verbreitete Vorstellung betrifft seine ständige Bereitschaft. Israfil halte die Posaune schon an den Mund gesetzt, den Blick auf den göttlichen Thron gerichtet, und warte allein auf den Befehl zu blasen.
Diese Bilder unterstreichen, dass der Zeitpunkt des Endes allein bei Gott liegt und der mächtigste Engel nur ein Ausführender ist. In einigen Überlieferungen wird Israfil auch eine Rolle als Engel zugeschrieben, der die göttlichen Beschlüsse oder die Inhalte der himmlischen Tafel an andere Engel weitergibt.
Manche Erzähltraditionen verbinden Israfil mit dem Propheten Muhammad, etwa indem berichtet wird, Israfil sei dem Propheten zu Beginn seiner Berufung erschienen, bevor Dschibril die regelmäßige Offenbarung übermittelte. Solche Berichte sind allerdings unterschiedlich bewertet und nicht in allen Sammlungen anerkannt.
Die islamische Gelehrsamkeit unterscheidet hier sorgfältig zwischen gut bezeugten und schwächeren Überlieferungen. Für die wissenschaftliche Betrachtung ist entscheidend, dass Israfils Profil sich aus einer Vielzahl von Texten unterschiedlichen Gewichts zusammensetzt und nicht aus einer einzigen autoritativen Quelle.
Die Gestalt des Posaunenengels steht in einem größeren religionshistorischen Zusammenhang.
Das Bild eines Engels, der mit einem Hornstoß das Ende der Welt und die Auferstehung der Toten einleitet, hat deutliche Parallelen in der jüdischen und christlichen Überlieferung.
Im Judentum ist der Schofar, das Widderhorn, mit der Vorstellung des großen Hornstoßes am Ende der Tage verbunden, und auch die christliche Apokalyptik, etwa im ersten Korintherbrief und in der Offenbarung des Johannes, kennt die Posaune als Signal der Auferstehung.
Die Forschung sieht in Israfil deshalb eine Gestalt, die ältere nahöstliche eschatologische Bildwelten aufnimmt und im islamischen Rahmen neu ordnet. Anders als in der christlichen Offenbarung, wo mehrere Engel nacheinander Posaunen blasen, bündelt die islamische Tradition diese Funktion in einer einzigen, namentlich gefassten Gestalt. Das verleiht der islamischen Eschatologie an dieser Stelle eine klare Konzentration.
Innerhalb der islamischen Angelologie steht Israfil neben den anderen großen Engeln in einem geordneten Gefüge. Dschibril überbringt die Offenbarung, Mikail wird mit der Versorgung und dem Regen verbunden, der Todesengel nimmt die Seelen, und Israfil ist dem Ende und der Auferstehung zugeordnet (siehe Gabriel für die jüdisch-christliche Parallele zu Dschibril).
Wichtig ist im islamischen Verständnis durchgehend, dass alle diese Engel reine Ausführende des göttlichen Willens sind. Sie haben keine eigene Macht über den Zeitpunkt oder den Ausgang des Geschehens. Israfil ist mächtig, aber er ist Diener, und sein Hornstoß erfolgt erst, wenn Gott es befiehlt.
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