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Geb, ägyptischer Erdgott

Geb ist ein ägyptischer Erdgott und in der Neunheit von Heliopolis der Vater des Osiris, dessen Leib die Erde selbst bildet. Geb ist im altägyptischen Pantheon der personifizierte Erdgott, Gemahl der Himmelsgöttin Nut und Vater der vier osirianischen Götter Osiris, Isis, Seth und Nephthys.

Sein Name (in der ältesten Form vermutlich «Gebeb» oder «Keb») ist möglicherweise mit dem Wort für «Erdklümpchen» oder «Gänserich» verwandt; die Gänsehieroglyphe ist sein wichtigstes Schriftzeichen und führt zu seinem Beinamen «der große Schnatterer» (gengen wer), unter dem ein kosmisches Ei verstanden wird, aus dem die Welt geboren sein soll.

Geb gehört zur zweiten Generation der heliopolitischen Götterneunheit (Enneade) und nimmt im theologischen System eine grundlegende Stellung als Träger des bewohnten Lands ein. Im Königtum hat Geb eine besondere Bedeutung: Der Pharao sitzt auf dem «Thron des Geb», was bedeutet, dass er die Königswürde unmittelbar aus dem Erdgott bezieht.

Inhaltsverzeichnis

Geb - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Stammbaum

Geb ist Sohn von Schu und Tefnut, also Enkel des Urgottes Atum. In den Pyramidentexten und Sargtexten ist diese Genealogie fest etabliert: Atum bringt durch Selbst-Hervorbringung Schu und Tefnut hervor; aus deren Verbindung gehen Geb und Nut hervor.

In einer mythischen Vorzeit umarmten sich Geb (die Erde) und Nut (der Himmel) so eng, dass keine Luft zwischen ihnen war und kein Lebensraum entstehen konnte.

Schu, der Vater, trat zwischen die beiden und hob Nut empor, sodass sie als Himmelsgewölbe über der Erde gespannt wurde. Geb blieb am Boden, ausgestreckt mit Armen und Beinen, oft mit einer Erektion dargestellt, die seine sehnsüchtige Verbindung mit der entrückten Nut symbolisiert.

Aus der Verbindung von Geb und Nut sind die vier osirianischen Götter hervorgegangen: Osiris (am ersten Geburtstag), Horus der Ältere (am zweiten), Seth (am dritten), Isis (am vierten) und Nephthys (am fünften).

Die fünf Schalt-Tage des ägyptischen Jahres (die epagomenen Tage) galten als die Geburtstage dieser Götter; an jedem von ihnen wurde ein eigenes Fest gefeiert. Plutarch («De Iside et Osiride» 12) bewahrt die Erzählung in einer der wenigen erhaltenen narrativen Versionen.

Mythische Erzählungen schildern Geb in Spannung mit seiner entrückten Gemahlin. Eine besondere Episode handelt vom Streit zwischen Geb und Schu um die Götterherrschaft.

Im «Buch vom Niederwerfen des Apophis» und in der theologisch verwandten Tradition wird berichtet, dass Geb seinen Vater Schu von der Herrschaft verdrängt und selbst die Königswürde über die Erde annimmt; sein Beiname «erblicher Prinz der Götter» (rpa) und «König der Götter» reflektiert diese mythische Phase.

Aus dieser Königsherrschaft Gebs leitet sich die spätere ägyptische Königstheologie ab.

Eine weitere Erzählung verbindet Geb mit der Vergewaltigung seiner Mutter Tefnut, die in einigen Texten erwähnt wird; sie ist religionsgeschichtlich vielleicht ein Reflex einer alten Erdvater-Erdmutter-Verbindung, die in der heliopolitischen Theologie genealogisch umstrukturiert wurde.

Diese düsteren Mythen-Episoden stehen im Hintergrund des sonst meist friedlich dargestellten Geb. In der späteren Tradition wird Geb hauptsächlich als sitzender oder liegender Gott des bewohnten Landes geehrt, dessen Macht in der Fruchtbarkeit der Felder und im Wachstum der Pflanzen erfahrbar ist.

Symbole, Ikonografie und Attribute

Geb wird in der Regel als ausgestreckter Mann am Boden dargestellt, der mit einer oder beiden Händen Pflanzen, Korn oder das Hieroglyphenzeichen für «Erde» (ta) berührt.

Über ihm spannt sich die Gestalt der Nut als der bogenförmig gekrümmte Himmel; zwischen ihnen steht Schu, der mit erhobenen Armen die Mutter vom Vater trennt. Diese «Geb-Nut-Schu»-Konfiguration ist eines der häufigsten ikonographischen Programme der ägyptischen Totenbücher und der Sargdeckel; auf jedem hochrangigen Sarkophag der Spätzeit findet sich diese Darstellung.

Sein heiliges Tier ist die Nilgans, die das ägyptische Hieroglyphenzeichen für seinen Namen liefert. Die Gans war in Ägypten ein gewöhnliches Haustier, doch ihre Verbindung mit Geb hob sie kultisch hervor; in einigen Tempeln wurden heilige Gänse gehalten und nach dem Tod mumifiziert.

Die «große Gans» (gengen wer), aus der die kosmische Welt-Ei-Vorstellung hervorging, ist eine theologische Spielform: Aus dem von Geb gelegten kosmischen Ei sind alle Wesen hervorgegangen, was den Erdgott in eine kosmogonisch herausgehobene Stellung rückt.

Auf dem Kopf trägt Geb gewöhnlich die Hieroglyphe seines eigenen Namens (eine Gans) oder die weiße Krone Oberägyptens. In einigen Reliefs trägt er die Atefkrone, die seine herrscherliche Würde unterstreicht.

Selten erscheint er mit grüner Hautfarbe, die seine Verbindung mit der Vegetation andeutet, wobei diese Farbgebung sonst Osiris vorbehalten ist und für Geb selten verwendet wird. In den astronomischen Decken der Königsgräber zeigt sich Geb mit Sternen oder Pflanzenwurzeln, was seine kosmische und vegetationsbezogene Dimension verbindet.

Plastische Bildwerke Gebs sind seit dem Alten Reich erhalten. Auf den Decken der Königsgräber des Tals der Könige (besonders bei Sethos I., Ramses VI. und Tutanchamun) erscheint Geb in der typischen liegenden Haltung. Eine bedeutende Statue aus der Spätzeit zeigt Geb sitzend mit der Doppelkrone; sie steht heute im Ägyptischen Museum Berlin.

Auf den Sarkophag-Deckeln der Spätzeit, besonders der dritten Zwischenzeit und der saitischen Zeit, ist Geb mit großer Detailgenauigkeit dargestellt; sein Körper folgt der Linie des Sargdeckels, und er trägt auf der Brust die ausgebreiteten Pflanzen, die der Erdgott aus seinem Leib hervorbringt.

Kult und Verehrung

Der Geb-Kult war in der ägyptischen Religion zwar allgegenwärtig, hatte aber kein einzelnes Hauptzentrum vergleichbar Heliopolis für Atum oder Theben für Amun. Geb wurde in den meisten Tempeln als Teil der heliopolitischen Götterneunheit verehrt, in eigenen Kapellen aufgestellt und in den theologischen Programmen der Tempelreliefs dargestellt.

Sein wichtigstes lokales Heiligtum war im Delta-Ort Bata («Haus des Geb», eine Stadt nahe dem heutigen Banha), wo Geb als Hauptgott einer Stadt galt; das Heiligtum ist nur aus Inschriften, nicht aus archäologischen Resten greifbar.

In Heliopolis war Geb ein integraler Teil des Atum-Re-Kultes. Die heliopolitische Priesterschaft pflegte das theologische System der Götterneunheit, in dem Geb seine feste Stellung hatte.

Im täglichen Tempelritus wurden Geb-Hymnen rezitiert, in denen der Erdgott als der Träger des fruchtbaren Bodens und der wachsenden Pflanzen angerufen wurde. Eine bedeutende Hymne ist in den «Erntopfern-Texten» erhalten, die im Mortuartempel Hatschepsuts und in den ramessidischen Mortuartempeln (Ramesseum, Medinet Habu) inschriftlich überliefert sind.

Bei der Krönung des Pharaos spielte Geb eine zentrale Rolle. Der König trat «auf den Thron des Geb», was die rituelle Übernahme der Herrschaft über das Land bedeutete.

Diese Formel ist in den Krönungsinschriften seit dem Alten Reich belegt und bleibt bis zur römischen Kaiserzeit ein fester Bestandteil der ägyptischen Königsterminologie. Bei der Bestattung erhielt der verstorbene König eine Identifikation mit Geb, die seinen Übergang von der diesseitigen zur jenseitigen Herrschaft markierte.

Im Erntefest, das in Ägypten zwischen Februar und April gefeiert wurde, erhielt Geb die ersten Erstlingsopfer. Die Bauern brachten dem Erdgott die ersten Garben des neuen Korns; in einigen Lokalkulten wurde Geb mit dem Erntegott Nepri identifiziert, der die spezifische Personifikation des Getreides war.

Bei den großen Fest-Prozessionen Theben (Opet-Fest, Tal-Fest) wurde Geb als Teil der Götterversammlung mitgeführt. Im Edfu-Tempel ist sein Geburtstag im Festkalender verzeichnet; er fiel auf den ersten epagomenen Tag und wurde mit Opfern und Hymnen begangen.

Wichtige Heiligtümer und Tempel

Geb hatte keine monumentalen Haupttempel im Stil der großen Amun- oder Ptah-Heiligtümer. Seine Kultorte sind in der Forschung bisher nur fragmentarisch identifiziert. Das wichtigste war Bata, eine Delta-Stadt, deren Name «Haus des Geb» bedeutet; dort soll der Hauptkult gepflegt worden sein, doch die archäologische Identifikation ist nicht sicher.

In Heliopolis hatte Geb eine Kapelle innerhalb des Atum-Re-Tempels, in Memphis eine Kapelle innerhalb des Ptah-Tempels, in Theben eine Kapelle innerhalb des Amun-Re-Komplexes.

In Edfu, im großen Horus-Tempel, ist Geb in den theologischen Bildreihen der Wände prominent vertreten; eine eigene Kapelle ist jedoch nicht überliefert. Im Mortuartempel Sethos‘ I. in Abydos erscheint Geb in der Reihe der Götter, die den König segnen.

In Dendara (Tempel der Hathor) hat Geb eine eigene Wandszene, in der er den König mit dem Lebenszeichen «Anch» berührt; ähnliche Bildprogramme finden sich in Philae und Esna.

Im Tal der Könige zeigen die Königsgräber der Ramessiden-Zeit auf den Decken die liegende Gestalt Gebs als Erdgott, über dem die bogenförmige Nut steht. Diese Decken-Darstellungen sind die eindrucksvollsten Geb-Bildwerke der ägyptischen Kunst.

Im Grab Sethos‘ I. (KV 17) sind die Decken besonders detailliert; Geb erscheint dort in der voll figurierten Pose mit Pflanzen, die aus seinem Leib hervorwachsen.

Im Hibis-Tempel der Oase Charga gibt es einen ausführlichen Bildzyklus, der die Götterneunheit von Heliopolis darstellt; Geb hat hier eine zentrale Position. Die Inschriften und Reliefs gehören zu den theologisch ambitioniertesten der Spätzeit.

Im Esna-Tempel und im Tempel von Kom Ombo ist Geb in den theologischen Programmen ebenfalls vertreten, jedoch ohne eigenständigen Kapellen-Charakter. Die Bedeutung Gebs lag weniger in eigenen Kultzentren als in seiner kosmischen und genealogischen Funktion innerhalb des Götternetzwerks.

Mythen-Erzählungen

Die wichtigste mythische Episode Gebs ist die Trennung von Nut. In den Sargtexten und im Buch vom Tag und der Nacht wird die Trennung ausführlich beschrieben: Schu, der Vater Gebs und Nuts, tritt zwischen die beiden engumschlungenen Geschwister und hebt Nut mit beiden Armen empor.

Damit entsteht der Lebensraum zwischen Erde und Himmel, der die Schöpfung in eigentlichem Sinne ermöglicht. Geb bleibt am Boden, oft mit Erektion oder mit ausgestreckten Armen, und versucht Nut zu erreichen. Diese Erzählung gilt als eine der ältesten Welt-Trennungs-Mythen der Menschheit.

Die Geburt der vier osirianischen Götter ist eine weitere zentrale Erzählung. Re hatte verfügt, dass Nut an keinem Tag des Jahres gebären solle. Thoth, der listige Gott der Schrift, gewann jedoch im Spiel mit dem Mond fünf zusätzliche Tage, die nicht zum normalen Jahr zählten.

An diesen fünf Schalt-Tagen brachte Nut nacheinander Osiris, Horus den Älteren, Seth, Isis und Nephthys zur Welt. Diese Geburt der osirianischen Götter ist die mythische Begründung der fünf «epagomenen Tage» des ägyptischen Kalenders, die als Geburtstage der Götter gefeiert wurden.

Eine düstere Mythen-Episode betrifft den Streit zwischen Geb und seinem Sohn Seth. Nach dem Tod des Osiris erbt Horus die Königswürde, doch Seth bestreitet diesen Anspruch. Geb, als Vater und Großvater der streitenden Götter, übernimmt die Funktion eines Schiedsrichters.

Im «Streit zwischen Horus und Seth» (Papyrus Chester Beatty I), einer langen Erzählung aus der Ramessiden-Zeit, ist Geb einer der Götter, die das Verfahren leiten; schließlich entscheidet er zu Gunsten des Horus. Damit wird Geb zum Stifter der pharaonischen Königsfolge, die über Horus auf die menschlichen Pharaonen übergeht.

Im Buch vom Toten heißt es vom Verstorbenen, er sei «aus dem Leib der Geb hervorgegangen». Diese Formel macht Geb zum Ursprung aller Erdwesen und stellt den Verstorbenen in die kosmische Linie von Atum über Schu und Tefnut zu Geb und damit zur Schöpfung selbst.

Bei der Bestattungsritualen wurde der Verstorbene mit Geb identifiziert, was seinen Übergang in das Land der Toten erleichtern sollte. Diese Identifikation ist religionsgeschichtlich bemerkenswert, weil sie den Erdgott zum Garanten der Wiederauferstehung macht: Wer aus der Erde kommt, kehrt in die Erde zurück, um aus ihr neu hervorgehen.

Beziehungen im Pantheon

Geb ist in das genealogische Netz der heliopolitischen Götterneunheit eng eingebunden. Mit Nut, seiner Schwester und Gemahlin, verbindet ihn die kosmische Trennung; ihre vier (oder fünf) Kinder sind die zentralen osirianischen Götter.

Mit Schu, seinem Vater, besteht das Verhältnis der mythischen Trennung; aus dieser Trennung entsteht der Lebensraum, in dem die menschliche Welt existiert. Mit Tefnut, seiner Mutter, besteht in einigen Texten ein eheähnliches Verhältnis, das in der heliopolitischen Hauptlinie aber zurückgedrängt wird.

Mit Osiris hat Geb eine besondere Beziehung als Vater. Osiris erbt von Geb die Königswürde über die Erde; nach Osiris‘ Tod und seinem Übergang in die Unterwelt geht die Königswürde auf seinen Sohn Horus über.

Diese genealogische Linie von Geb über Osiris zu Horus bildet das mythische Modell der pharaonischen Königsfolge. Mit Seth besteht ein ambivalentes Verhältnis: Seth ist Gebs Sohn, doch sein Verhalten gegen Osiris bringt ihn in Konflikt mit der väterlichen Linie; Geb tritt schließlich für Horus ein.

Mit Re hat Geb eine theologische Beziehung. Re hatte verboten, dass Nut an einem regulären Tag des Jahres gebären solle; durch Thoths List wurde diese Verfügung umgangen.

In späteren Texten wird Re als der höchste Gott vorausgesetzt, dem auch Geb untergeordnet ist; doch Geb behält die Funktion des Erdgottes und Stammvaters der osirianischen Götter. Mit Nepri, dem Gott des Getreides, und mit Renenutet, der Schlangengöttin der Ernte, hat Geb funktionale Verbindungen, die seine Fruchtbarkeitsaspekte unterstreichen.

Rezeption

In der griechisch-römischen Antike wurde Geb gewöhnlich mit Kronos identifiziert, weil beide als alte Stammväter der jüngeren Götter galten. Plutarch («De Iside et Osiride» 12) benennt diese Identifikation ausdrücklich; Diodor (I, 13) spricht von Geb als dem «alten Gott des Landes».

Die Identifikation mit Kronos war jedoch nicht völlig glücklich, weil Kronos in der griechischen Tradition auch kannibalistische Züge trägt, die Geb völlig fremd sind. In den hellenistischen Tempeltexten von Edfu, Dendara und Philae blieb Geb in der ägyptischen Bezeichnung erhalten; eine vollständige Hellenisierung fand nicht statt.

Im hermetischen Schrifttum wird Geb gelegentlich als Aspekt der personifizierten Erde behandelt. Die magischen Papyri und die Amulette der Spätzeit nutzen Geb-Anrufungen für Schutz- und Heilungszwecke; insbesondere bei Fruchtbarkeitsritualen und bei Erkrankungen, die mit der Erde verbunden waren, wurde Geb invoziert.

Die Vorstellung des liegenden Erdgottes mit den wachsenden Pflanzen blieb in der koptischen Volkstradition als Bildmotiv erhalten, ohne dass der Name Geb explizit weitergetragen worden wäre.

Die moderne Wiederentdeckung Gebs beginnt mit den Veröffentlichungen Champollions zu den Sargtexten. Im neunzehnten Jahrhundert hat Heinrich Brugsch die Geb-Hymnen analysiert; im zwanzigsten Jahrhundert haben Adolf Erman, Hermann Grapow, Hans Bonnet und Erik Hornung die theologische Stellung Gebs systematisch erfasst.

Die jüngere Forschung von James P. Allen («Genesis in Egypt», 1988) und Jan Assmann («Ägypten», 1984) hat Geb als Modellfall des kosmischen Erdgottes neu bewertet und seine Bedeutung für die ägyptische Königstheologie hervorgehoben. In der modernen Popkultur ist Geb präsent in den Romanen Christian Jacqs und in der Computerspielreihe «Assassin’s Creed Origins».

Religionswissenschaftliche Einordnung

Geb gehört zur Kategorie der Erd-Götter, die in vielen Religionen die personifizierte feste Welt repräsentieren. Religionshistorisch auffällig ist seine Geschlechtszuordnung: Während in den meisten Religionen die Erde weiblich gedacht wird (Gaia in Griechenland, Pṛthivī in Indien, Hou Tu in China), ist sie in Ägypten männlich.

Dies ist eine der bemerkenswerten Besonderheiten der ägyptischen Theologie und steht in struktureller Verwandtschaft mit den anatolischen und nordischen Religionen, in denen die Erde gelegentlich männlich besetzt ist.

Die ägyptische Konfiguration der kosmischen Geschwister (Geb-Erde, Nut-Himmel) und ihrer Trennung durch den Vater Schu ist historisch einzigartig. Sie kehrt das verbreitete Modell des himmlischen Vaters und der Erdmutter um und macht aus dem Himmel die weibliche, aus der Erde die männliche Hälfte des kosmischen Paares.

Die Theologen der ägyptischen Spätzeit haben diese Eigenart bewusst reflektiert und sie in den Hymnen ausdrücklich betont; sie verbindet die ägyptische Religion mit einem matrilinearen Substrat, das in der Frühzeit des Niltals möglicherweise eine Rolle spielte.

Henri Frankfort hat in «Kingship and the Gods» die «Thron des Geb»-Formel als Modellfall der ägyptischen Königstheologie analysiert. Der Pharao sitzt nicht auf einem abstrakten oder konstruierten Thron, sondern auf dem konkreten Gottesleib des Erdgottes; damit ist die Königsherrschaft kosmisch und nicht nur politisch begründet.

Erik Hornung hat in «Conceptions of God» die Funktion Gebs als «Vater der osirianischen Götter» hervorgehoben und damit auch die Stellung Gebs in der jenseitsbezogenen Religion der Ägypter erfasst.

Die jüngere religionsvergleichende Forschung hat in Geb einen wichtigen Vergleichspunkt für die Diskussion über die geschlechtliche Codierung der Erde gefunden; das ägyptische Modell zeigt, dass die «Mutter Erde» keine universelle Vorstellung ist, sondern eine kulturell variable Konstruktion.

Quellen