Silenos ist Geist der griechischen Tradition.
Der trunkene Erzieher des Dionysos und gefangene Weise. Silenos gilt als weiser Gefährte des Dionysos, der trotz seiner Trunkenheit verehrt wurde.
Silenos ist der alte Gefährte und Erzieher des Dionysos: trunken, dickbäuchig, auf dem Esel reitend und zugleich Träger einer berühmten, abgründigen Weisheit. Als König Midas ihn fing, offenbarte er, das Beste für den Menschen sei, gar nicht geboren zu werden.
Im Satyrspiel führt er als Papposilen den Chor der Satyrn an. Von der jungen, ungestümen Schar der Satyrn hebt sich der eine Silenos als Einzelfigur ab: der Alte des Gefolges, dessen Wirkung nicht im Schrecken liegt, sondern im Wort.
Typ: Alter Gefährte und Erzieher des Dionysos, Einzelfigur aus der Schar der Silene
Herkunft: Griechenland, Phrygien, Makedonien
Texte: Homerischer Aphroditehymnos, Herodot, Platon, Vasenmalerei
Zeitraum: 7./6. Jahrhundert v. Chr. bis Spätantike
Erscheinung: alter, kahler, dickbäuchiger Mann mit Pferdeohren, oft auf dem Esel
Die Silenoi erscheinen schon im Homerischen Aphroditehymnos; die Einzelfigur des Silenos hebt sich seit archaischer Zeit heraus und bleibt bis in die Spätantike präsent.
Griechenland, Phrygien und Makedonien: Die Midas-Sage haftet an realen Orten wie den Rosengärten am Bermion-Gebirge und der Midas-Quelle in Kleinasien.
Gut belegt: der Aphroditehymnos, Herodot, Xenophon, Platon und Ovid, dazu die attische Vasenmalerei, die Hedreen erschlossen hat.
Griechisch: silenos, Plural silenoi. Auf attischen Vasen heißen die pferdeschwänzigen Gefolgswesen des Dionysos Silenoi; von den Satyrn sind sie kaum zu unterscheiden, die Namen wechseln. Fest umrissen ist nur die Einzelfigur des alten Silenos, im Satyrspiel Papposilen genannt.
Erscheinung
Silenos trägt die Züge des heiteren Alters: Glatze, Stupsnase, runder Bauch und weißes Haar, dazu Pferdeohren und häufig einen Pferdeschweif; im Festzug reitet er schwankend auf einem Esel und muss gestützt werden. Efeukranz und Weinschlauch verbinden ihn mit Dionysos, der Aulos mit der Musik; auch der Silen Marsyas gehört diesem Typus an.
Wirkung
Silenos wirkt als Erzieher und Bewahrer: Er zieht den Dionysosknaben auf und begleitet den Gott durch alle Festzüge. Gefangen oder gebunden wird er zur Quelle von Wissen: Midas entlockt ihm die Lehre über das Menschenlos, und in Vergils sechster Ekloge singt der gefesselte Silen ein ganzes Weltentstehungslied. Bedrohlich ist er nie; die Überlieferung kennt keinen Schadenszauber durch Silene.
Die wichtigsten Aspekte des alten Dionysos-Gefährten auf einen Blick.
Figur zwischen Geistwesen, Bühnenrolle und philosophischem Sinnbild: Amme und Erzieher des Weingottes, Chorführer des Satyrspiels, Vergleichsbild des Sokrates.
Könige und Weisheitssucher im Mythos, allen voran Midas; daneben das Theaterpublikum der Dionysien.
Alter, kahler, dickbäuchiger Mann mit Pferdeohren und weißem Haar, auf dem Esel schwankend; Efeukranz, Weinschlauch und Aulos als Attribute.
Erzieher des Dionysosknaben und gebundener Weissager: prophetische Rede und Lebenslehre, dazu die Rolle des weisen Narren, der betrunken Wahrheit sagt.
Kein Abwehrbrauch, sondern ein Fangbrauch: Wein in die Quelle mischen, den Berauschten binden; wer den Gefangenen ehrt und zurückbringt, wird belohnt.
Die Mehrzahl der Silene ist älter als die Einzelfigur: Schon der Homerische Aphroditehymnos nennt die Silenoi neben Hermes als Liebhaber der Bergnymphen, der Oreaden, in den Grotten. Aus dieser Schar hebt sich seit archaischer Zeit der eine Silenos heraus: Amme, Erzieher und ständiger Begleiter des Weingottes. Seine bekannteste Geschichte verbindet ihn mit König Midas. Herodot verortet die Gefangennahme in den Rosengärten am Bermion-Gebirge in Makedonien; Xenophon kennt in Kleinasien die Midas-Quelle, in die der König Wein gemischt haben soll, um das Wesen zu fangen.
Ovid erzählt die Fortsetzung: Midas bewirtet den Alten zehn Tage lang ehrenvoll und führt ihn zu Dionysos zurück, wofür der Gott ihm einen Wunsch gewährt, den verhängnisvollen Goldwunsch. Die dem Gefangenen abgerungene Lehre überliefert Aristoteles in einem bei Plutarch erhaltenen Fragment: Das Beste sei, nicht geboren zu werden, das Zweitbeste, bald zu sterben. Im Satyrspiel schließlich tritt Silenos als Papposilen auf, der greise Vater der Satyrn, so im Kyklops des Euripides.
Bleibende Berühmtheit erlangte die Gestalt durch Platon: Im Symposion beschreibt Alkibiades den Sokrates als eine jener geschnitzten Silensfiguren, die man öffnen kann und die innen Götterbilder bergen, außen hässlich, innen göttlich. Erasmus und Rabelais griffen das Bild auf, die Malerei liebte den trunkenen Alten bis zu Rubens. Nietzsche stellte die Weisheit des Silen an den Anfang der Geburt der Tragödie und machte sie zum Prüfstein der griechischen Daseinsbejahung; Schopenhauer hatte den Spruch zuvor als Beleg seines Pessimismus gelesen.
Religionswissenschaftlich zeigt Silenos, wie durchlässig die Grenze zwischen Geistwesen, Bühnenfigur und philosophischem Sinnbild sein kann. Guy Hedreen hat die Silene der Vasenmalerei als eigene Erzählwelt neben dem Drama erschlossen. Der Midas-Komplex verweist auf Kulturkontakt zwischen Griechenland und Phrygien; die Sage haftet an realen Orten. Religionsgeschichtlich gehört der gebundene Weise zum Typus des zwangsweise wahrsagenden Wesens, der vom Meergreis Proteus bis zu den gefangenen wilden Männern Europas reicht. Ein eigener Kult des Silenos blieb marginal; er lebt im Kult des Dionysos mit.
Bei Silenos kehrt sich das übliche Verhältnis um: Nicht der Mensch schützt sich vor dem Wesen, sondern er sucht es zu fangen, um seine Weisheit zu gewinnen. Der überlieferte Fangbrauch ist präzise: Wein in die Quelle mischen, an welcher der Silen trinkt, dann den Berauschten im Schlaf binden; so berichten Herodot, Xenophon und Ovid. Ebenso quellenfest ist die Gegenregel: Wer den Gefangenen ehrt, bewirtet und zurückbringt, wird belohnt, wie Midas durch Dionysos. Grobheit gegenüber dionysischen Wesen zieht dagegen den Zorn des Gottes nach sich. Als Hausschutz dienten Masken mit Silenszügen an Brunnen und Türen, nach derselben Logik wie die Satyrmasken der Weinberge.
Das Motiv des gefangenen Wesens, das Weisheit preisgeben muss, ist alt und weit verbreitet. Rom erzählte es von Faunus und Picus, die König Numa mit Wein fängt, um Entsühnungswissen zu erhalten; siehe die Kulturseite Rom. Die jüdische Tradition kennt Salomos Bindung eines Dämons, der Wissen um den Tempelbau liefert; einen Einstieg bietet die Kulturseite Judentum. Auch der Wilde Mann der europäischen Sage wird gefangen und gibt Rat preis.
Worin unterscheiden sich Silen und Satyr?
In Bild und Sprache der klassischen Zeit kaum; attische Vasen nennen die pferdeschwänzigen Dionysos-Begleiter Silene, die Literatur oft Satyrn. Fest umrissen ist nur die Einzelfigur: Silenos ist der alte, weise Erzieher des Gottes, während Satyrn als junge, ungestüme Schar auftreten.
Was ist die Weisheit des Silen?
Auf die Frage des Midas, was für den Menschen das Beste sei, antwortet der Silen: gar nicht geboren zu werden, und wenn geboren, möglichst bald zu sterben. Überliefert ist der Spruch aus Aristoteles bei Plutarch; Nietzsche machte ihn berühmt.
Wie fing Midas den Silen?
Der König mischte Wein in die Quelle, aus der das Wesen zu trinken pflegte, und ließ den Berauschten im Schlaf binden. Weil Midas den Gefangenen ehrenvoll behandelte und zurückbrachte, belohnte ihn Dionysos mit einem Wunsch.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Kaum ein Wesen verknüpft als Silen griechische Mythologie und Philosophie so eng: Die Weisheit des Silenos, die Midas dem Gefangenen abrang, beschäftigt das europäische Denken von Platon über Schopenhauer bis zu Nietzsche.
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