König der Hölle, Beherrscher von Diyu, Richter ohne Mitleid. Yanluo Wang ist der oberste Richter der chinesischen Unterwelt *Diyu*, eine kakaophonische Hölle mit zehn Stockwerken, jedes mit eigenen Martern. Im Gegensatz zum indischen Yama (sein ursprünglicher Vorfahre) ist Yanluo Wang nicht primär Todesgott, sondern Richter-Administrator, akkurat, emotionslos, Karmalisten ohne Gnade.
Der Name bedeutet König Yanluo; Yanluo selbst ist eine Sanskritisierung von Yama. Mit dunklen Roben, kaiserlichem Mandat, und Verwaltungspapieren sitzt er auf seinem Thron in der untersten Hölle und verhandelt jede Seele, die vor ihm erscheint. Yanluo richtet als Gott der chinesischen Unterwelt über jede Seele, die vor seinen Thron tritt.
Typ: Chinesische Hauptgottheit, Totenrichter und höchster der zehn Höllenkönige (Diyu)
Pantheon: Daoismus, chinesischer Buddhismus, chinesische Volksreligion
Funktion: Oberster Totenrichter, Vorsteher des Höllenreichs Diyu, Verwalter der Wiedergeburt
Hauptattribute: Richter-Robe, Pinsel und Buch der Toten, Schreibtafel mit Sperma-Schreibgriffel
Hauptkultorte: Dongyue-Tempel (Berg Tai), Toten-Tempel in jeder größeren chinesischen Stadt
Buddhistische Identifikation: Yamaraja (Sanskrit), Yāma (Buddhismus)
Yanluo (chin. Yán Luó Wáng) ist eine Synthese aus dem indisch-buddhistischen Yamaraja und dem chinesischen volkstümlichen Toten-Richter-Konzept. Die Synkretisierung beginnt mit dem Eintreffen des Buddhismus in China (1.–2. Jh. n. Chr.) und kanonisiert sich in der Tang-Dynastie (7.–10. Jh.).
Im chinesischen System ist Yanluo nicht der einzige Toten-König, sondern der Erste der Zehn Höllenkönige (Shí Diàn Yánluó), die jeder einer der zehn Höllen-Kammern vorsteht. Hauptblütezeit der Yanluo-Theologie: Tang- bis Ming-Dynastie. Heute weiterhin in jedem chinesischen Toten-Ritual zentral.
Hauptkultorte: Dongyue-Tempel auf dem Berg Tai in Shandong (eines der wichtigsten chinesischen Toten-Heiligtümer), Yanluo-Tempel in vielen chinesischen Städten (typisch in Verbindung mit dem lokalen Stadtgott-Tempel). In Hong Kong, Singapur, Malaysia und Taiwan in jeder größeren chinesischen Diaspora-Tempel-Anlage präsent. Im taiwanischen Volksglauben besonders im Yulan-Pen-Festival (Geister-Monat) zentral angerufen.
Zentrale Quellen: Sutra der Zehn Könige (chinesisch-buddhistischer Text, 9./10. Jh.), Yulan Pen Sutra, daoistische und buddhistische Toten-Liturgien. Sekundärliteratur: Teiser, The Scripture on the Ten Kings and the Making of Purgatory in Medieval Chinese Buddhism; Werner, Myths and Legends of China; Kohn, Daoism Handbook.
Yanluo Wang ist dargestellt als düstere, imposante männliche Gestalt in kaiserlichen, dunklen Roben, oft grün oder schwarz. Seine Gesichtszüge sind streng, unbeugsam, keineswegs böse. Er trägt Krone und Insignia der Macht, die Autorität des Urteils anstelle von Gold.
Sein Tisch ist bedeckt mit Ledgern und Papieren, die das Karma jeder Seele dokumentieren. Untergeordnete Könige oder Magistrate sitzen neben oder unter ihm. Symbole sind die zehn Hölle-Räume, jede mit typischen Martern (Seen aus Blut, sägende Sägen, siedende Kessel, Dornenwälder). Der Fluss Sanzu (oder Naihe, Fluss der Verworgung) trennt Leben und Tod.
Yanluo Wang ist reines Funktions-Pantheon: Respekt aus Angst statt individueller Verehrung. Die Volkstradition betont: Er hat keine Diskretion. Jedes Lebenswerk wird bewertet, und die Strafe folgt automatisch. Im Daoismus können Meditationspraktizierenden ihn konfrontieren, um aufzusteigen. Im Buddhismus ist sein Urteil Karma-Umsetzung, deskriptiv zu verstehen, nicht moralisch-absolut.
Direkte Altäre zu Yanluo Wang sind selten; stattdessen wird er in Tempeln erwähnt, in Hölle-Beschreibungs-Kunstwerken gezeigt, in Volksglaubens-Ritualen um Schutz vor Verdammnis angerufen. Priester können Yanluo Wang durch Rituale verhandeln, um lebende oder tote Verwandte zu retten, aber seine Entscheidung bleibt funktional: Karma ist nicht verhandelbar.
Die wichtigsten Aspekte von Yanluo auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und kulturelle Parallelen zusammen.
Yanluo entwickelt sich aus dem indischen Yamaraja, der mit dem Buddhismus nach China kommt. Im chinesischen System mit dem volkstümlichen Toten-Richter-Konzept verschmolzen.
In späteren Volkserzählungen oft als historische Person identifiziert (verschiedene Kandidaten je nach Region: ein gerechter Sui-Beamter, ein Tang-Minister). Erster der Zehn Höllenkönige, ihm unterstehen die anderen neun, die jeweils eine spezifische Höllen-Kammer verwalten (für jede Sünde-Kategorie eine).
Oberster Totenrichter. Wenn ein Mensch stirbt, kommt seine Seele zuerst vor Yanluo. Er liest aus dem Buch der Toten, in dem alle Taten verzeichnet sind, und entscheidet über: (1) sofortige gute Wiedergeburt (selten), (2) Strafzeit in einer der zehn Höllen vor Wiedergeburt, (3) ewige Strafe (sehr selten).
Die zehn Höllen sind nach Sünden-Kategorien organisiert (Eis-Hölle für Lieblose, Feuer-Hölle für Wütende, etc.). Im persönlichen Kult wird Yanluo gefürchtet, eine direkte Anrufung unterbleibt. Bei Toten-Ritualen für Verstorbene wird er allerdings um milde Behandlung gebeten.
Strenger männlicher Beamter in chinesischer Richter-Robe (kaiserlich-blau oder schwarz, mit Drachenstickerei), schwarzer Bart, hohe Beamten-Kappe (Mian oder „Sieben-Sterne“-Hut), Pinsel und Schreibtafel in der Hand, Buch der Toten auf dem Schreibtisch.
Thront auf einem hohen Richter-Sitz in der ersten Höllen-Halle. Begleitet von zwei Wächter-Dämonen: Niu Tou (Ochsen-Kopf) und Ma Mian (Pferde-Gesicht), die die Toten zur Verhandlung schleppen.
Wirkungsbereich: Yanluo wird in jedem chinesischen Toten-Ritual angerufen, mit Bittpetitionen für mildes Urteil. Im persönlichen Kult kaum direkt verehrt, er ist gefürchtet, nicht beliebt. Im Yulan-Pen-Festival (Geister-Monat, Juli/August chinesischer Mondkalender) werden Speisen und Geld-Papier-Opfergaben für die Verstorbenen vor Yanluos Hof gebracht. Im Volkstheater (Peking-Oper) ist die Yanluo-Hof-Szene ein klassisches Sujet.
Richter-Robe, Pinsel, Schreibtafel, Buch der Toten, Mian-Krone oder Beamten-Hut, schwarzer Bart, Richter-Sitz, Stempel der göttlichen Vollmacht. Begleiter: Niu Tou (Ochsenkopf-Dämon) und Ma Mian (Pferdegesicht-Dämon). Heilige Pflanzen: keine spezifischen.
Yamaraja / Yama-Dharmaraja (Hinduismus / Tibet, direkter Vorläufer), Yama (Buddhismus, gemeinsame indische Wurzel), Enma-O (Japan, chinesisch geprägte Adaption), Yeomra (Korea, chinesisch geprägt), Hades (Griechenland, Unterweltsherr), Pluto (Rom), Anubis/Osiris (Ägypten, Totengeleit + Totenrichter), Hel (Germanisch), Mictlantecuhtli (Aztekisch). Yanluo ist die ostasiatisch-chinesisch geprägte Version des indischen Yamaraja, mit der charakteristischen Beamten-Hierarchie der zehn Höllenkönige.
Apotropäische Rituale
Yanluo Wang (chines. 閻羅王) ist der König der zehn Höllen (Shidian Yanjun) im chinesischen Volksglauben, Synthese des indischen Yama mit konfuzianischen Beamten-Bürokratie-Vorstellungen. Seit der Tang-Zeit (7.-9. Jh.) etabliert.
Verehrung erfolgt vor allem im Rahmen der Zhongyuan-Festes (15. Tag des 7. Mondmonats, „Geisterfest“), wenn Geistergeld (jīnzhǐ) und Speisen für die Toten dargereicht werden. Tempelbilder zeigen Yanluo am Tribunal mit Schreiber Cui Jue und Boten (Niu-Tou, Ma-Mian), vgl. Teiser, The Ghost Festival in Medieval China.
Anrufungen
Das Yulan-pen-jing (Ullambana-Sutra, ca. 6. Jh.) ist zentraler liturgischer Text für die Toten-Befreiung aus den zehn Höllen Yanluos. Mulian-Erzählungen (Mulian rettet seine Mutter) werden im Geisterfest aufgeführt. Daoistische Liturgien wie das Yujing–Ritual binden Yanluo in den daoistischen Pantheon ein.
Amulette und Schutzsymbole
Tor-Wächter-Bilder (Mengshen) an chinesischen Hauseingängen, Qin Shubao und Yuchi Gong, Generäle der Tang-Zeit, vergöttlicht, sollen vor Yanluos Boten schützen. Schwarze Tinten-Talismane mit dem Yanluo-Siegel werden bei Friedhof-Besuchen getragen. Die Hölleninschriften am Eingang chinesischer Tempel listen Yanluos zehn Höllen apotropäisch auf.
Im chinesischen Volksglauben ist Yanluo, vollständig oft Yanluo Wang, kein Alleinherrscher über das Totenreich, sondern Teil eines bürokratischen Gremiums. Die voll ausgebildete Vorstellung kennt zehn Höllenkönige, die Shi Dian Yanluo oder zehn Könige der Unterwelt, die jeweils einem von zehn Höllengerichtshöfen vorstehen. Yanluo gilt in der gängigen Reihung als der fünfte dieser Könige.
Diese Ordnung ist in einem konkreten Text fassbar, dem Shiwang jing, dem Sutra der zehn Könige, das in der Tang-Zeit entstand und durch Funde in den Höhlen von Dunhuang gut belegt ist.
Der Text beschreibt die Reise der Seele durch die zehn Gerichtshöfe, die in einem festen zeitlichen Rhythmus durchlaufen werden, an bestimmten Tagen nach dem Tod und an Jahrestagen. An jedem Hof wird ein Teil der Lebensbilanz geprüft.
Dass Yanluo trotz dieser Einbindung im Sprachgebrauch oft für die gesamte Unterwelt steht, hat historische Gründe. Er ist der älteste und bekannteste der Könige, hervorgegangen aus dem indischen Yama, und sein Name war im Umlauf, bevor das System der zehn Könige sich verfestigte.
Die Religionswissenschaft, etwa in den Arbeiten von Stephen Teiser zum Shiwang jing, sieht in der Zehnerstruktur eine spezifisch chinesische Leistung: Sie überträgt das Modell der irdischen Beamtenhierarchie auf das Jenseits.
Yanluo ist das Ergebnis eines langen Übersetzungs- und Anpassungsprozesses. Der Name selbst ist eine chinesische Wiedergabe des Sanskrit Yama, in den frühen buddhistischen Übersetzungen meist als Yanmoluo oder verkürzt Yanluo transkribiert. Mit dem Buddhismus gelangte ab den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende die Vorstellung eines Totenrichters und differenzierter Höllen nach China (siehe Yama).
Der indische Yama wurde dabei tiefgreifend umgeformt. Aus dem Herrn der Ahnen und Verwalter des Dharma wurde ein Beamter in einer Verwaltungshierarchie, der seinerseits einem höheren Himmel unterstellt ist und sogar abgesetzt oder versetzt werden kann.
Eine in Volkserzählungen verbreitete Geschichte berichtet, Yanluo sei wegen zu großer Milde von einem höheren Hof degradiert worden. Diese Erzählungen zeigen, wie vollständig die Figur in das chinesische Denken von Amt, Beförderung und Disziplin überführt wurde.
Zugleich verband sich Yanluo mit einheimischen daoistischen und volkstümlichen Vorstellungen vom Totenreich, etwa dem Berg Taishan als Sammelort der Seelen und dem unterirdischen Reich Diyu. Das Ergebnis ist eine Mischform, in der buddhistische Karmalehre, daoistische Geografie des Jenseits und konfuzianisch geprägte Verwaltungsethik zusammenfließen.
Yanluo ist damit ein Musterbeispiel dafür, wie eine Gottheit beim Übergang zwischen Kulturen neu zusammengesetzt wird, anstatt einfach übernommen zu werden.
Eine Besonderheit des chinesischen Yanluo-Glaubens ist, dass das Amt nicht dauerhaft an eine einzige mythische Person gebunden gedacht wurde. In der populären Tradition konnten herausragend gerechte Menschen nach ihrem Tod zu Yanluo werden.
Die berühmteste solche Identifikation betrifft Bao Zheng, einen historischen Beamten der Song-Zeit im elften Jahrhundert, der als Inbegriff des unbestechlichen Richters in die Volkserinnerung einging.
In zahllosen Erzählungen, Theaterstücken und später Romanen tritt Bao Zheng tagsüber als irdischer Richter auf und richtet nachts in der Unterwelt als Yanluo. Diese Vorstellung verbindet das Diesseits und das Jenseits zu einem einzigen, durchgehenden Rechtssystem.
Wer auf Erden der Strafe entkommt, wird im Totenreich von demselben unbestechlichen Richter belangt. Die Botschaft ist deutlich moralisch: Der Gerechtigkeit kann niemand auf Dauer entgehen.
Religionswissenschaftlich ist daran mehrere Dinge interessant. Erstens zeigt es die enge Verzahnung von Religion und Justizkultur im traditionellen China. Zweitens macht es Yanluo zu einer Funktion, einem Amt, das verschiedene Inhaber haben kann, ähnlich wie ein irdisches Beamtenamt.
Drittens diente die Bao-Zheng-Tradition als populäres Korrektiv gegen Korruption und Willkür, eine Art jenseitige Garantie für die Geltung des Rechts. Der Höllenkönig verkörpert hier in erster Linie eine Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit, weniger ein Schreckbild.
Die Vorstellung von Yanluo und den zehn Höllenkönigen ist in China und in der chinesischen Diaspora bis heute materiell präsent. Zahlreiche Tempel enthalten eigene Hallen oder Seitenkapellen, in denen die zehn Gerichtshöfe der Unterwelt als plastische Szenen dargestellt sind.
Besonders bekannt sind solche Höllendarstellungen in Tempelanlagen in Singapur, Taiwan und Südchina, wo die einzelnen Strafen für bestimmte Vergehen anschaulich und drastisch ausgeführt werden.
Diese Darstellungen hatten und haben eine erzieherische Funktion. Sie führen dem Besucher vor Augen, welche Folgen Lüge, Betrug, Mord oder mangelnde Pietät gegenüber den Eltern haben. Begleitet werden sie oft von Texten und Bildrollen, die die Reise der Seele durch die zehn Höfe erläutern.
Im Totenritual werden Papiergeld, Papierdokumente und sogenannte Höllenbanknoten verbrannt, damit der Verstorbene auf seinem Weg durch Diyu Mittel zur Verfügung hat, was die bürokratische Logik des Jenseits auch praktisch widerspiegelt.
Wichtig ist die zeitliche Begrenztheit dieser Höllen. Anders als in manchen westlichen Vorstellungen sind die Strafen in Diyu nicht ewig. Sie sind Stationen, an deren Ende die Wiedergeburt steht.
Am zehnten Hof wird über die Art der nächsten Existenz entschieden, und es gibt die Vorstellung eines Vergessenstranks der Greisin Meng Po, der die Erinnerung an das frühere Leben auslöscht. Yanluo und seine Mitkönige sind damit Teil eines Kreislaufs, nicht Wächter eines endgültigen Endzustands.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Yanluo (auch Yanluo Wang, König Yanluo) ist in der chinesischen Mythologie der Herrscher und oberste Richter der Unterwelt Diyu. Sein Name geht auf den indischen Todesgott Yama zurück, dessen Vorstellung mit dem Buddhismus nach China gelangte und dort mit einheimischen Jenseitsvorstellungen verschmolz.
Yanluo entscheidet über das Schicksal der Verstorbenen: Er prüft ihre im Leben begangenen guten und schlechten Taten und legt fest, in welche Form sie wiedergeboren werden.
In der chinesischen Vorstellung ist die Unterwelt Diyu wie eine himmlische Verwaltung organisiert, ein Spiegelbild der irdischen Bürokratie. Yanluo steht traditionell den zehn Höfen oder Gerichten der Unterwelt vor, durch die jede Seele nacheinander geführt wird.
Jeder Hof prüft bestimmte Vergehen und verhängt entsprechende Strafen. Diese Vorstellung verbindet buddhistische Lehren von Karma und Wiedergeburt mit dem konfuzianischen Ordnungs- und Gerechtigkeitsdenken. Yanluo ist dabei kein willkürlicher Herrscher, sondern ein unbestechlicher Richter.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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