iWell Guard

Gilgamesh, König von Uruk und Epenheld

Gilgamesh ist König von Uruk und als Epenheld die zentrale Gestalt des ältesten in Keilschrift überlieferten Großepos der Menschheit. Gilgamesch ist der wohl berühmteste literarische Held der altmesopotamischen Tradition.

Als sagenhafter König von Uruk regiert er nach den königlichen Listen rund 126 Jahre und wird in der Folge zu einer halbgöttlichen Gestalt, deren Suche nach Unsterblichkeit das Hauptthema des nach ihm benannten Epos ist.

Das Gilgamesch-Epos in seiner kanonischen Standardversion von 12 Tafeln gehört zu den frühesten erhaltenen Werken der Weltliteratur und behandelt zentrale Fragen menschlicher Existenz.

Inhaltsverzeichnis

Gilgamesh - Götter aus der Mesopotamien-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Herkunft

Gilgamesch ist historisch wahrscheinlich auf einen König von Uruk in der frühdynastischen Periode des frühen 3. Jahrtausends v. Chr. zurückzuführen. Sein Name erscheint in den sumerischen Königslisten als fünfter König der ersten Dynastie von Uruk, in einer Reihe von Herrschern, die teilweise halbgöttlichen Charakter tragen.

Schon in der altsumerischen Tradition wurde er als zur Hälfte göttlich gedacht, weil seine Mutter Ninsun, eine kleinere Göttin, mit Lugalbanda, einem ebenfalls vergöttlichten Herrscher, verbunden war.

Die altsumerischen Erzählungen über Gilgamesch sind nicht ein einheitlicher Roman, sondern eine Reihe von einzelnen Liedern. Dazu zählen «Gilgamesch und Aga», «Gilgamesch und Huwawa», «Gilgamesch und der Himmelsstier», «Gilgameschs Tod» und «Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt».

In altbabylonischer Zeit, etwa um 1800 v. Chr., wurden diese Lieder zu einer ersten zusammenhängenden Komposition gebündelt, in der Sprache nun akkadisch. In mittelassyrischer Zeit, etwa um 1200 v. Chr., entstand die spätere Standardversion in zwölf Tafeln, die dem Priester Sin-leqi-unninni zugeschrieben wird.

Das Epos folgt zunächst dem ungebundenen König Gilgamesch, der seine Untertanen mit überhebenden Ansprüchen plagt. Die Götter erschaffen Enkidu, einen wildlebenden Mann, der ihm an Kraft ebenbürtig ist. Beide werden Freunde und ziehen gemeinsam aus, um den Wächter des Zedernwalds, Humbaba, zu besiegen.

Nach diesem Sieg beleidigt Gilgamesch die Göttin Ischtar, die zur Strafe den Himmelsstier auf die Stadt sendet. Beide Helden töten den Stier, woraufhin die Götter Enkidu als Schuldopfer erkranken lassen. Sein Tod wirft Gilgamesch in eine tiefe Lebenskrise und treibt ihn auf eine Suche nach der Unsterblichkeit.

Gilgamesch reist zu Utnapischtim, dem Überlebenden der großen Flut, der ihm die Geschichte der Flut erzählt und ihm Prüfungen auferlegt, an denen er scheitert. Auf der Rückreise findet er eine Pflanze, die das Alter zurückdrehen soll, doch sie wird von einer Schlange gestohlen.

Gilgamesch kehrt nach Uruk zurück und betrachtet stolz die Mauern seiner Stadt: das ist sein bleibender Ruhm. Diese Schlusskomposition gilt als eine der ergreifendsten Endformulierungen der antiken Literatur.

Symbole und Attribute

Gilgamesch wird in der Bildkunst als groß gewachsener Held mit Bart und Lockenhaar dargestellt. Seine wichtigsten Attribute sind die Streitkeule, oft mit Doppelkopf, und der Bogen. Auf neuassyrischen Reliefs erscheint er manchmal mit einem Löwen unter dem Arm, eine Darstellung, die seine überlegene körperliche Kraft sinnbildlich umsetzt.

Eine ikonografische Tradition stellt ihn als Heros zwischen zwei aufgerichteten Löwen dar, eine Position, die im altmesopotamischen Bildprogramm den «Herrn der Tiere» kennzeichnet. Diese Position teilen mehrere Heldengestalten und Götter des Pantheons. Reliefs aus dem Palast Sargons II. in Khorsabad zeigen ihn in dieser Position, was die überkulturelle Strahlkraft seiner Figur unterstreicht.

Sein Begleiter Enkidu ist ein eigener ikonografischer Typus, oft mit langem Haar, Fellgewand und Wildtierzügen dargestellt. Die beiden Helden zusammen sind ein altmesopotamisches Paar-Motiv, das später in vergleichbarer Form in griechischen und persischen Erzählungen wiederkehrt. Das Motiv des engen heroischen Freundespaars wurde von Friedrich Schiller und vielen anderen Autoren der Neuzeit aufgegriffen.

Kult und Verehrung

Gilgamesch wurde im Gegensatz zu vielen Helden der antiken Welt tatsächlich kultisch verehrt. Inschriften aus altsumerischer und altbabylonischer Zeit belegen Opfer, die seinem Geist im Monat der Totenklage dargebracht wurden. Vor allem als Wahrsager- und Richtergottheit in der Unterwelt war er angerufen, wo er die Toten begrüßen und ihnen den Weg weisen sollte.

Ein wichtiges Heiligtum war das Eturkalama in Uruk, das ihm und seinen Vorfahren geweiht war. Auch in Nippur und Babylon wurden seine Namen in Beschwörungstexten und Klageliturgien gerufen. Sein Geist galt als besonders machtvoll bei Wahrsagepraktiken, weil er als Held die Unterwelt zweimal betreten habe: einmal um Enkidu zurückzuholen, einmal nach seinem eigenen Tod.

In neuassyrischer Zeit blieb sein literarisches Ansehen ungebrochen, doch der kultische Aspekt schwand. Aschurbanipal, der große Bibliothekar-König, ließ das Gilgamesch-Epos in mehreren Exemplaren in seiner Bibliothek aufbewahren.

Eine große Zahl der erhaltenen Tafeln stammt aus dieser königlichen Sammlung in Niniveh. Auch in Hattusha, der Hauptstadt der Hethiter, wurde eine hethitische Übersetzung erstellt, was die internationale Verbreitung des Stoffs zeigt.

In der spätbabylonischen und seleukidischen Zeit verblasste die literarische Tradition. Doch noch in jüdisch-aramäischen und syrischen Quellen tauchen Spuren des Gilgamesch-Stoffs auf, oft umgedeutet auf andere Helden. Die direkte Tradition endete erst mit der vollständigen Verschüttung der mesopotamischen Schriftkultur im 1. Jahrhundert n. Chr.

Wichtige Mythen

Das Hauptwerk ist das Gilgamesch-Epos in der Standardversion von zwölf Tafeln. Tafel I bis II beschreiben den jungen, herrschsüchtigen Gilgamesch und die Erschaffung Enkidus durch die Göttin Aruru. Die Begegnung beider Helden, ihr Kampf und ihre folgende Freundschaft sind religionsgeschichtlich außergewöhnlich, weil sie den klassischen Konflikt zwischen Stadt und Steppe in einen Liebesbund verwandeln.

Tafel III bis V schildern die Reise zum Zedernwald und den Kampf gegen Humbaba, den Hüter des Waldes. Diese Episode ist religionsgeschichtlich bemerkenswert, weil sie kosmische Geographie mit konkretem Holzhandel verbindet. Die Zedernholzgewinnung im Libanon war eine reale wirtschaftliche Aktivität mesopotamischer Könige, und das Epos legitimiert sie mythisch.

Tafel VI bis VIII enthalten die Episode mit Ischtar, die Tötung des Himmelsstiers und den Tod Enkidus. Hier sind die religionshistorischen Themen am dichtesten.

Gilgameschs Weigerung, Ischtar zur Frau zu nehmen, und seine Aufzählung der früheren Liebhaber der Göttin sind eine seltene Polemik gegen eine mächtige Gottheit. Die Reaktion der Götter, Enkidu sterben zu lassen, gibt der Erzählung eine theologische Tiefe.

Tafel IX bis XI sind dem Verzweiflungsweg Gilgameschs gewidmet. Er reist durch die Tunnel des Sonnengottes, überquert die Wasser des Todes, erreicht Utnapischtim und hört die Flut-Erzählung.

Tafel XI mit ihrem ausführlichen Flutbericht ist historisch besonders wichtig, weil sie als Parallele zur biblischen Sintflutgeschichte gelesen wurde und im 19. Jahrhundert die Diskussion über die literarische Vorgeschichte des Pentateuch tief beeinflusst hat.

Tafel XII, eine spätere Hinzufügung, schildert Gilgameschs Klage um Enkidu und die Wiederkehr des Enkidu-Geistes aus der Unterwelt. Dieser Teil ist eigentlich eine Übersetzung des sumerischen Lieds «Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt» und nicht in das narrative Schema der Standardversion eingepasst, weshalb die Forschung ihn als Anhang betrachtet.

Beziehungen im Pantheon

Gilgamesch ist als historische Gestalt nicht im engeren Sinn Teil des Pantheons, doch posthum wurde er als Halbgott und Richter der Unterwelt verehrt. Seine Mutter Ninsun, eine Göttin der Weisheit und der Stallhaltung, gehört zum Pantheon Uruks. Sein Vater Lugalbanda war ein vergöttlichter Vorgänger auf dem Thron von Uruk.

Sein Begleiter Enkidu ist nicht als Gottheit aufgefasst, sondern als wildlebende Schöpfungsfigur, die nach seinem Tod in das Reich Ereschkigals eingeht. Mit Inanna (Ischtar), der Stadtgöttin Uruks, steht Gilgamesch in einer konflikthaften Beziehung. Mit Shamash, dem Sonnengott und Gott des Rechts, dagegen in einem schützenden Verhältnis, weil Shamash ihm bei den Kampfaufgaben beisteht.

Mit Utnapischtim und dessen Frau verbindet ihn die Begegnung am Ende der Welt, mit Siduri, der Wirtin am Wasser des Todes, eine philosophische Belehrung über die menschliche Existenz. Diese Begegnungen entwickeln eine reichhaltige theologische Landschaft, in der Gilgamesch zunehmend zum Lehrer des Lesers wird.

Gilgameschs Beziehung zu seiner Mutter Ninsun ist von zentraler Bedeutung. Ninsun, deren Name «Herrin der Wildkühe» bedeutet, ist eine Göttin der Stadt Uruk und wird als Beraterin und Traumdeuterin des Helden dargestellt.

Sie deutet in Tafel I die Träume Gilgameschs, in denen Enkidu als künftiger Freund erscheint. Diese Funktion der göttlichen Mutter ist ein archaisches Element, das auch in anderen Heldenepen Mesopotamiens, etwa bei Lugalbanda und Etana, eine Rolle spielt.

Sein Vater Lugalbanda ist selbst eine Heldenfigur, dem zwei eigene sumerische Erzählungen gewidmet sind. Die theogonische Linie Gilgamesch-Lugalbanda-Ninsun verbindet die Stadt Uruk mit einer göttlich-königlichen Genealogie, die über drei Generationen reicht. Diese Genealogie wurde in der Sumerischen Königliste festgeschrieben und gab der Stadt Uruk eine theologische Würde, die über die einfache Stadtgeschichte hinausging.

Rezeption und Wirkung

Das Gilgamesch-Epos wurde 1872 durch George Smith im British Museum entziffert, was die wissenschaftliche Sensation der Flut-Tafel auslöste. Seitdem ist es in dutzende Sprachen übersetzt und in vielen Editionen erschienen.

Reiner Maria Rilke nannte es «eines der größten Werke der menschlichen Literatur», Carl Gustav Jung interpretierte es im archetypischen Sinn als Reise des bewussten Ichs zur Tiefe der Seele.

In der modernen Literatur wurde das Gilgamesch-Motiv vielfach aufgegriffen, etwa von Hans Henny Jahnn, Stephan Grundy, Robert Silverberg und Joan London.

Der Komponist Bohuslav Martinu schrieb «The Epic of Gilgamesh», eine Kantate für Soli, Chor und Orchester, die 1958 in Basel uraufgeführt wurde. In Comics, Filmen und Spielen taucht der Held in vielen Adaptionen auf, oft mit großen Freiheiten gegenüber dem antiken Stoff.

In der Religionsgeschichte spielt das Epos eine zentrale Rolle bei der vergleichenden Erforschung von Held, Tod und Sintflut. Die Parallelen zur biblischen Genesis sind seit der Entdeckung Standardthema von theologischen und wissenschaftlichen Lehrbüchern. Die Frage nach historischer Abhängigkeit oder gemeinsamem Ursprung wird bis heute diskutiert.

In der modernen Religionsgeschichte hat das Gilgamesch-Epos die Diskussion über den Ursprung der biblischen Sintflut grundlegend verändert. Hermann Gunkel formulierte in «Genesis» (1901) die These, dass die mesopotamische Tradition die biblische Erzählung sprachlich und motivisch prägt.

Diese These wurde von Claus Westermann in seinem großen Genesis-Kommentar übernommen und ist heute Konsens. Die genaue Form der Vermittlung, sei es direkt über babylonische Gefangenschaft oder über mündliche Traditionen im Vorderen Orient, bleibt diskutiert.

In der modernen Literatur ist Gilgamesch zur Chiffre der Suche nach Sinn nach dem Verlust eines Freundes geworden.

Stefan Heyms «Das Buch von Gilgamesch» (1972), Joan London «Gilgamesh» (2001) und Robert Silverbergs Roman «Gilgamesh the King» (1984) sind die wichtigsten literarischen Adaptionen. Im Film ist Andrei Tarkovskijs «Stalker» (1979) von Gilgamesch-Motiven geprägt, was er in seinen Aufzeichnungen ausdrücklich erwähnte.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Andrew George hat in seiner Editionsausgabe «The Babylonian Gilgamesh Epic» die handschriftliche Tradition rekonstruiert und das Epos in seinem altorientalischen Kontext analysiert. Seine Arbeit gilt als Standardwerk und hat das wissenschaftliche Verständnis des Stoffs entscheidend geprägt. Stefan Maul hat in mehreren Studien die magisch-rituellen Aspekte des Epos analysiert.

Thorkild Jacobsen sieht im Gilgamesch-Stoff eine altmesopotamische Form der Reflexion über Tod und Sterben. Aus seiner Sicht ist das Epos nicht primär ein Heldenroman, sondern eine theologische Auseinandersetzung mit der Endlichkeit. Jean Bottéro betont die soziale Funktion des Textes, der in den Schulstuben von Schreiberlehrlingen abgeschrieben und damit zum Bildungsfundament der altmesopotamischen Elite wurde.

Stephanie Dalley und Wilfred Lambert haben Übersetzungen und Kommentare vorgelegt, die das Werk für ein breiteres Publikum zugänglich machten. Walther Sallaberger hat die altsumerischen Vorläufer rekonstruiert. Die Forschung sieht im Gilgamesch-Epos heute eines der wichtigsten Selbstzeugnisse der altmesopotamischen Hochkultur und ein Schlüsseltexte zur Frage, wie eine frühe Hochkultur über Sterblichkeit, Freundschaft und Ruhm reflektiert hat.

Standardversion und Sin-leqi-unninni

Die literarisch bekannteste Form des Gilgamesch-Epos ist die sogenannte Standardversion, eine zwölf Tafeln umfassende akkadische Komposition, die in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. unter dem Namen «Sha naqba imuru», «Der alles gesehen hat», kompiliert wurde.

Die antike Tradition schreibt die Redaktion einem gelehrten Babylonier namens Sin-leqi-unninni zu, einem Hexenmeister und Schreiber, der wahrscheinlich in der mittelbabylonischen Zeit (12. Jahrhundert v. Chr.) wirkte.

Sein Name erscheint in Schreiberverzeichnissen aus Niniveh als «der, der die Tafeln zusammenstellte». Andrew George hat in seiner monumentalen Edition «The Babylonian Gilgamesh Epic» (Oxford 2003) die Textgeschichte minutiös rekonstruiert und die Quellen aus Niniveh, Sultantepe, Babylon, Uruk und Mesopotamia kollationiert.

Die Standardversion gliedert sich in zwölf Tafeln. Tafel I bis II behandeln die Schaffung Enkidus und seine Begegnung mit Gilgamesch. Tafel III bis V schildern die Reise zum Zedernwald und den Kampf mit Humbaba. Tafel VI berichtet von der Begegnung mit Ishtar und der Tötung des Himmelsstiers.

Tafel VII enthält Enkidus Tod und Gilgameschs Trauer. Tafel VIII bis XI berichten von Gilgameschs Suche nach Unsterblichkeit, mit der Begegnung mit Utnapischtim, dem mesopotamischen Noah, und der Sintfluterzählung. Tafel XII ist eine sumerische Beigabe, die als Anhang einen Auszug aus «Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt» wiedergibt.

Die Sintfluterzählung in Tafel XI ist eine der berühmtesten Episoden der Weltliteratur. Utnapischtim erzählt Gilgamesch, wie Enki ihn vor der großen Flut warnte, die der Gott Enlil über die Menschheit verhängte. Utnapischtim baute eine Arche, in die er seine Familie, alle Lebewesen und das Wissen rettete.

Nach sieben Tagen der Flut landete die Arche auf dem Berg Nisir, und Utnapischtim wurde von den Göttern unsterblich gemacht. Die Erzählung wurde erstmals 1872 von George Smith im Britischen Museum publiziert und löste eine wissenschaftliche und theologische Sensation aus, weil sie auf eine mögliche mesopotamische Vorlage der biblischen Sintflut-Erzählung verwies.

Altbabylonische Versionen und Bilgames-Texte

Vor der Standardversion existierten mehrere altbabylonische Versionen aus dem 18. Jahrhundert v. Chr., darunter die Pennsylvania-Tafel und die Yale-Tafel, die in beiden Fällen von Akademie-Schülern als Schreibübung kopiert wurden.

Diese altbabylonischen Versionen sind teilweise lakoner und liturgisch beweglicher als die Standardversion und enthalten Variationen, die ein glücksbringendes Ende der Gilgamesch-Enkidu-Beziehung andeuten. Die Pennsylvania-Tafel beginnt mit der traumhaften Vorhersage Enkidus durch Gilgameschs Mutter Ninsun, eine Szene, die in der Standardversion verkürzt wiedergegeben wird.

Vor den altbabylonischen Versionen gibt es eine sumerische Tradition, in der Gilgamesch unter dem Namen Bilgames in fünf eigenständigen Erzählungen auftritt.

Diese Bilgames-Texte sind: «Bilgames und Aga», die Schilderung einer Belagerung Uruks durch den königlichen Nachbarn Aga; «Bilgames und Huwawa», der Vorläufer der Humbaba-Episode; «Bilgames und der Himmelsstier»; «Bilgames, Enkidu und die Unterwelt»; und «Der Tod des Bilgames».

Diese fünf sumerischen Texte sind älter als die akkadische Tradition und reichen in die Zeit der dritten Dynastie von Ur (21. Jahrhundert v. Chr.) zurück. Eine vollständige Edition mit englischer Übersetzung legte Andrew George in «The Epic of Gilgamesh» (Penguin Classics, 1999) vor.

Eine besonders wichtige Quelle ist «Der Tod des Bilgames», ein Text, der den Tod des Helden und seine Bestattung schildert. Gilgamesch wird in der Unterwelt als Richter eingesetzt, eine Funktion, die später auch in den Beschwörungstexten zum Tragen kommt.

Diese Doppelstellung als Held der Vergangenheit und Richter der Toten ist eine für mesopotamische Heldenfiguren typische Konstruktion. Aage Westenholz und Antoine Cavigneaux haben in mehreren Aufsätzen die Bedeutung dieses Textes für die mesopotamische Eschatologie analysiert.

Forschungsgeschichte und Wirkungslinien

Die Entdeckung des Gilgamesch-Epos begann 1853 mit den Ausgrabungen Hormuzd Rassams in der Bibliothek Assurbanipals von Niniveh. Die Tontafeln wurden ans British Museum gebracht und dort von George Smith entziffert.

Sein Vortrag «The Chaldean Account of the Deluge» vor der Society of Biblical Archaeology am 3. Dezember 1872 wurde von der Daily Telegraph mitfinanziert und gilt als Beginn der modernen Assyriologie.

Smith reiste daraufhin nach Niniveh und fand 1873 weitere Fragmente, die das Werk vervollständigten. Seine Ausgabe «The Chaldean Account of Genesis» (1876) machte das Epos der breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Die modernen Editionen folgen weitestgehend Andrew George 2003, mit ergänzenden Funden aus Sultantepe (publiziert von Jeffrey Tigay 1982), aus Ugarit (publiziert von Daniel Arnaud 2007) und aus Hattusha (Bogazköy, in hethitischer und hurritischer Übersetzung).

Diese überregionalen Funde belegen, dass das Epos im 2. Jahrtausend in mehreren Sprachen und in zahlreichen Kulturen des Vorderen Orients zirkulierte, von der Levante bis Anatolien.

Die Wirkungsgeschichte ist breit gefächert. In der biblischen Forschung ist die Diskussion über Parallelen zwischen Gilgamesch und der hebräischen Bibel seit George Smith ein Dauerthema. Frank Moore Cross, John Day und Othmar Keel haben Spuren des Gilgamesch-Stoffs in der Sintflut-Erzählung, in Hiob und in den Psalmen identifiziert.

In der modernen Literatur haben Rainer Maria Rilke (in Briefen), Jorge Luis Borges (in Erzählungen) und Philip Roth (in «The Counterlife») das Epos rezipiert. Die deutsche Übersetzung von Albert Schott und Wolfram von Soden (Reclam 1958) hat das Werk im deutschsprachigen Raum etabliert.

Quellen und weiterführende Literatur

Antike Quellen: Sumerische Gilgamesch-Lieder («Gilgamesch und Huwawa», «Gilgamesch und der Himmelsstier», «Gilgameschs Tod»), altbabylonische Fragmente, Gilgamesch-Epos Standardversion in 12 Tafeln, hethitische Übersetzung aus Hattusha, Niniveh-Tafeln aus der Bibliothek Aschurbanipals.

  • Forschungsliteratur: Andrew George, «The Babylonian Gilgamesh Epic», Oxford 2003.
  • Thorkild Jacobsen, «The Treasures of Darkness», New Haven 1976.
  • Jean Bottéro, «Mesopotamia: Writing, Reasoning, and the Gods», Chicago 1992.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.