Kartikeya, hinduistischer Kriegsgott
Kartikeya ist ein hinduistischer Kriegsgott, der als jugendlicher Heerführer der Götter und Bezwinger dämonischer Mächte gilt. Kartikeya, auch bekannt als Skanda, Murugan, Subrahmanya oder Kumara, ist im Hinduismus der Kriegsgott und Befehlshaber der göttlichen Streitmacht. Er ist Sohn Shivas und Parvatis und Bruder Ganeshas.
Sein Reittier ist der Pfau, seine Waffe der Speer (Vel). In Südindien, vor allem in Tamil Nadu, ist Kartikeya unter dem Namen Murugan einer der meistverehrten Götter. In Nordindien ist seine Verehrung weniger präsent, jedoch überall im klassischen Pantheon anerkannt. Religionsgeschichtlich gilt er als wichtiges Beispiel der Verschmelzung dravidischer und sanskritischer Traditionen.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Kartikeyas Geburt ist eng mit der Notwendigkeit verbunden, den Dämonen Taraka zu besiegen. Taraka hatte durch lange Askese die Gnade Brahmas erlangt, dass nur ein Sohn Shivas ihn töten könne. Da Shiva nach Satis Tod in Askese versunken war, schien dieser Sohn unerreichbar.
Die Götter erweckten daher Kama, den Liebesgott, um Shiva zu Parvati zu führen. Shiva verbrannte Kama mit dem dritten Auge, doch Parvati gewann ihn schließlich durch eigene Askese. Aus ihrer Ehe sollte Kartikeya hervorgehen.
Die Geburt selbst wird in verschiedenen Versionen erzählt. Im Mahabharata (Vana Parva 224-231) und im Skanda Purana wird beschrieben, dass Shivas Samen so machtvoll war, dass selbst Parvati ihn nicht aufnehmen konnte. Der Samen fiel in das Feür Agnis, dann in den Ganges, dann in das Schilfrohr (Sharavana).
Aus dem Schilf wurde Kartikeya geboren. Er wurde von den Krittikas, den sechs Plejaden-Sternen, gesäugt. Daher der Name Kartikeya («Sohn der Krittikas»). Da er sechs Säugammen hatte, entwickelte er sechs Köpfe. Ein anderer Name, Shanmukha («Sechsgesichtiger»), bezieht sich darauf.
Wendy Doniger hat in «Siva, the Erotic Ascetic» (1973) diese Mehrfach-Geburtsgenealogie als Reflex zweier Erzählschichten gedeutet: einer älteren, in der Kartikeya als Sohn der Plejaden (vermutlich uralter Sternenkult) erscheint, und einer jüeren, brahmanischen, in der er in die Shiva-Parvati-Familie integriert wird. Diese Verschmelzung war im 1. Jahrtausend nach Christus weitgehend abgeschlossen.
Die mythische Verkettung von Tarakas Unverwundbarkeit und der Notwendigkeit eines Shiva-Sohnes ist religionsgeschichtlich eine der wichtigsten kosmologischen Erzählstrukturen des Hinduismus. Sie verbindet die theologische Konstellation Shiva-Parvati mit der eschatologischen Notwendigkeit der Dämonenvernichtung. Ohne Shivas Erweckung aus der Askese, ohne Parvatis Werbung, ohne die kosmische Ehe wäre die Welt vom Dämonen Taraka unterworfen.
Die mythische Geburt aus dem Schilf ist eine Variante des verbreiteten Motivs der ungewöhnlichen Geburt großer Helden. Im persischen Schahname wird Faridun ähnlich abgeschirmt geboren, im hebräischen Mose-Mythos das Aussetzen im Schilf des Nils, im römischen Romulus-Mythos die Aussetzung der Zwillinge.
Diese typologische Parallele wurde von Otto Rank in «Der Mythos von der Geburt des Helden» (1909) systematisch beschrieben. Kartikeyas Geburt fügt sich in dieses universelle Muster ein, mit der spezifischen indischen Ausprägung des Schilfgeburts und der Krittikas-Säugung.
Symbole und Attribute
Kartikeyas hervorstechendes Attribut ist der Speer, Vel (Tamil) oder Shakti (Sanskrit). Dieser Speer ist nicht nur Waffe, sondern auch Symbol der spiritüllen Erleuchtung, da er die Unwissenheit durchstösst. In Tamil Nadu wird der Vel in vielen Murugan-Tempeln als zentrales Kultobjekt verehrt.
Er wird typischerweise mit sechs Köpfen und zwölf Armen dargestellt (Shanmukha-Form) oder mit einem Kopf und vier Armen (in der südindischen Subrahmanya-Form). Die sechs Köpfe verkörpern die sechs Krittikas-Säugammen. In Südindien herrscht die einköpfige Form vor, in Nordindien die sechsköpfige.
Sein Reittier ist der Pfau (Mayura). Der Pfau verkörpert Schönheit, Stolz und die Kontrolle über die Schlange (die der Pfau in seinen Klaün hält, Symbol der Beherrschung der Leidenschaften). In Tamil Nadu ist die Verbindung Kartikeya-Pfau eines der zentralen ikonographischen Merkmale.
Sein Banner trägt den Hahn (Kukkuta). Diese Verbindung ist im Mahabharata und in den Tamil-Quellen bezeugt. Der Hahn symbolisiert die Wachsamkeit und den Beginn des Tages. Kartikeya wird daher auch in Verbindung mit der Morgenröte und mit dem Wecken zum spiritüllen Bewusstsein gebracht.
Sein Gewand ist meist rot, sein Schmuck aus Gold. Auf dem Kopf trägt er eine Krone. In der südindischen Tradition wird er oft mit zwei Gemahlinnen dargestellt: Devasena (Tochter Indras) und Valli (Tochter eines Bergstammes), was seine doppelte Verankerung im brahmanisch-himmlischen und volkstümlich-stammlichen Bereich verkörpert.
Kult und Verehrung
Die wichtigsten Murugan-Tempel sind die Arupadai Veedu («Sechs Heimstätten Murugans») in Tamil Nadu: Palani (Palni), Tiruchendur, Thiruparankunram, Pazhamudircholai, Swamimalai und Thiruthani. Diese sechs Tempel sind die meistbesuchten Wallfahrtsstätten Murugans und werden in der Tamil-Bhakti-Literatur, vor allem im «Tirumurugatruppadai» des Nakkirar (vermutlich 6. Jahrhundert), besungen.
Außerhalb Indiens ist Murugan in Sri Lanka, Malaysia, Singapur und unter der tamilischen Diaspora weltweit verbreitet. Der Batu-Caves-Tempel in Malaysia (mit einer 42 Meter hohen Murugan-Statü) ist eines der größten Heiligtümer im Ausland.
Das wichtigste Fest ist Thaipusam (Januar-Februar), bei dem Gläubige Büsserprozessionen unternehmen, oft mit Kavadi (einem Joch oder einer mit Lanzen versehenen Tragvorrichtung) auf den Schultern.
In Malaysia und Sri Lanka zieht das Fest Hunderttausende von Pilgern an. Die Selbstkasteiung beim Thaipusam (Durchbohren der Wangen oder Zunge mit kleinen Spiessen) ist ein heftig diskutiertes Phänomen, das in der wissenschaftlichen Forschung (Cynthia Talbot, Fred Clothey) ausführlich beschrieben wurde.
Ein weiteres Fest ist Skanda Sasthi (Oktober-November), das die Vernichtung des Dämonen Taraka erinnert. An sechs Tagen wird Kartikeya verehrt, mit besonderer Intensität am letzten Tag (Sasthi). In Südindien gehört dieses Fest zu den wichtigsten Familienfesten.
Im täglichen Hauskult Tamil Nadus ist Murugan allgegenwärtig. Viele tamilische Jungen tragen seine Namen (Murugan, Karthik, Skanda, Subramanian, Murugesh). Tempel sind in fast jedem Dorf vorhanden. Der Murugan-Kult ist soziologisch eine der stärksten religiösen Identitäten der Tamilen.
Wichtige Mythen
Der Hauptmythos ist die Vernichtung des Dämonen Taraka (Tarakasura). Nachdem Kartikeya geboren und herangewachsen war, wurde er von Indra zum Befehlshaber der göttlichen Streitmacht ernannt.
In einer gewaltigen Schlacht traf er Taraka und durchbohrte ihn mit dem Speer. Diese Erzählung ist in vielen Puranas dargestellt, am ausführlichsten im Skanda Purana und im Kumarasambhava Kalidasas (5. Jh.).
Der zweite Mythos ist Kartikeyas Wettlauf mit Ganesha. Eine zentrale südindische Erzählung berichtet, dass Shiva und Parvati ihren beiden Söhnen eine Frucht (manchmal als Mango, manchmal als heilige Frucht beschrieben) zur Belohnung versprachen, falls einer von ihnen dreimal die Welt umrunde. Kartikeya machte sich sofort auf seinem Pfau auf die Reise.
Ganesha jedoch umrundete dreimal seine Eltern, denn «meine Eltern sind meine Welt», und gewann die Frucht. Als Kartikeya zurückkam und das Ergebnis hörte, war er enttäuscht und zog sich in den Berg Palani zurück. Dieser Mythos erklärt die südindische Vorliebe für Murugan, der nach diesem Streit in den Süden Indiens wanderte.
Der dritte zentrale Mythos ist die Liebesgeschichte mit Valli. Valli, eine Stammestochter des Vedhar-Stammes, wurde im Wald in einer Yamskuhle gefunden. Kartikeya verliebte sich in sie.
Um sie zu gewinnen, verwandelte er sich in einen alten Mann, dann in einen Jäger, dann in einen Elefanten (mit Hilfe seines Bruders Ganesha). Schließlich akzeptierte Valli ihn. Die Erzählung verbindet Kartikeya mit der nicht-brahmanischen, dravidischen Volksreligion und ist in der Tamil-Bhakti-Literatur ein zentrales Motiv.
Die Erzählung vom Wettlauf zwischen Kartikeya und Ganesha um die Frucht der Eltern hat in der südindischen Tradition eine besondere Stellung. Sie erklärt mythisch die Verteilung der beiden Brüdersöhne: Ganesha bleibt in Nordindien Vor- und Glückbringer, Kartikeya wandert in den Süden Indiens und wird dort zum Murugan.
Diese geografische Verteilung der Götterbrüdersöhne ist religionssoziologisch ein wichtiges Phänomen: sie spiegelt die historische Aufteilung des klassischen Hinduismus in nordindische und südindische Traditionen.
Die Liebesgeschichte mit Valli ist religionshistorisch besonders bedeutsam, weil sie eine sanskritische Hauptgottheit mit einer dravidischen Stammestradition verbindet. Valli ist Tochter des Vedhar-Stammes der Kurinji-Landschaft (Berge), eines indigenen Tamil-Stammes der vorbrahmanischen Zeit. Ihre Heirat mit Kartikeya symbolisiert die Synthese der sanskritischen Brahmanenkultur mit der dravidischen Volkstradition.
Diese Synthese ist in der Tamil-Bhakti-Literatur, vor allem im «Tirumurugatruppadai» und in den Tiruppukal-Hymnen Arunagirinathars, zentrales Motiv. Fred Clothey hat in «The Many Faces of Murukan» (1978) diese kulturelle Verbindung als Schlüssel zum Verständnis Murugans charakterisiert.
Beziehungen im Pantheon
Kartikeya ist Sohn Shivas und Parvatis, Bruder Ganeshas. Diese Familienkonstellation ist eine der wichtigsten Götterfamilien Indiens. Im Mythos und in der Volkstraditionen werden die vier (Shiva, Parvati, Ganesha, Kartikeya) oft gemeinsam dargestellt.
Seine Gemahlinnen sind Devasena (Tochter Indras, Vertreterin der brahmanisch-himmlischen Tradition) und Valli (Stammestochter, Vertreterin der dravidisch-volkstümlichen Tradition). Diese doppelte Verbindung verkörpert die religiöse Komplexität Kartikeyas: er ist sowohl klassischer Hindu-Gott als auch volksreligiöse Hauptgestalt Südindiens.
Zu den Dämonen verhält sich Kartikeya als Vernichter. Taraka, Surapadma und andere werden in den Erzählungen besiegt. Kartikeya ist nicht nur Krieger, sondern auch Schützer der Götter und Hüter der kosmischen Ordnung.
Zu seiner Schwester Sasthi (in einigen Traditionen) und seinem Bruder Ganesha besteht eine enge Verbindung. Ganesha ist der glücksbringende Erstgeborene (in nordindischen Traditionen) oder der später geborene Klügere (in südindischen Traditionen), Kartikeya der kriegerische Zweite oder ungestüme Erste. Die Genealogie variiert regional.
Rezeption und Wirkung
In der Tamil-Bhakti-Literatur ist Murugan zentral. Das Tirumurugatruppadai des Nakkirar (vermutlich 6. Jh.) ist eines der zehn großen Sangam-Werke und beschreibt die sechs Heimstätten Murugans. Die Tamil-Hymnen der Bhakti-Bewegung (6.-9. Jh.), vor allem die Werke von Arunagirinathar (15. Jh.) und seine Tiruppukal-Hymnen, gehören zu den größten literarischen Leistungen Tamil Nadus.
In der bildenden Kunst Südindiens ist Murugan eine der häufigsten Götterdarstellungen. Die Chola-Bronzen (10.-13. Jh.) bringen klassische Murugan-Statün hervor. In der modernen Kalender- und Bazaar-Kunst sind Murugan-Bilder allgegenwärtig.
In der Musik der Karnatak-Tradition ist Murugan eines der wichtigsten Bhakti-Themen. Komponisten wie Muthuswami Dikshitar (1775-1835) und Papanasam Sivan (1890-1973) widmeten ihm zahlreiche Kompositionen. Die Tiruppukal-Hymnen werden bis heute in Tempeln und Konzerten rezitiert.
In der modernen tamilischen Identität ist Murugan ein zentrales Symbol. Die tamilische Bewegung des 20. Jahrhunderts, vor allem unter dem Einfluss von Maraimalai Adigal und der Dravidischen Bewegung, hat Murugan teilweise als symbol eines genuin tamilischen, nicht-arischen Gottes interpretiert. Diese Lesart ist historisch differenziert zu beurteilen, hat aber soziokulturell starke Wirkung entfaltet.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Fred Clothey hat in «The Many Faces of Murukan» (1978) Kartikeyas Funktionen umfassend analysiert.
Er zeigte, dass Murugan ein Synkretismus aus mehreren Schichten ist: einer dravidischen Stammestradition (Valli, Kurinji-Landschaft, Pfau, Hahn), einer vedischen Skanda-Tradition (Plejaden-Säugammen, Sechsköpfigkeit, Speer), und einer puranischen Integration in die Shiva-Familie. Diese Synthese vollzog sich vor allem in der Pallava- und Chola-Zeit (7.-13. Jh.).
Historisch ist Kartikeya eines der besten Beispiele für das Zusammenwachsen sanskritischer und nicht-sanskritischer Traditionen im klassischen Hinduismus. Wendy Doniger hat in «The Hindus: An Alternative History» (2009) Murugan als Schlüsselbeispiel der dravidischen Religionsgeschichte herausgestellt.
Vergleichend-mythologisch hat Kartikeya Parallelen mit dem griechischen Ares, dem römischen Mars und dem germanischen Tyr (Kriegsgottschaft) sowie mit Apollo (Pfau, Sonnenartigkeit). Diese Parallelen sind typologisch. Klaus Klostermaier hat in «A Survey of Hinduism» (3. Aufl. 2007) eine ausgewogene Darstellung der religiösen Bedeutung Murugans geliefert.
In Südostasien hat sich der Kartikeya-Kult durch die historischen Ausbreitungsbewegungen der tamilischen Diaspora über das gesamte indische Ozeangebiet verbreitet. Auf Sri Lanka, in Malaysia (besonders auf den Batu-Caves), Singapur, in Mauritius und auf Fidschi gibt es bedeutende Murugan-Gemeinden.
Das Thaipusam-Fest wird in Malaysia als nationaler Feiertag begangen und zieht jährlich über eine Million Pilger an. Diese transnationalen Ausprägungen sind religionssoziologisch ein wichtiger Forschungsgegenstand. Vasudha Narayanan, Ron Geaves und Cynthia Talbot haben die globale Murugan-Tradition in mehreren Studien beschrieben.
Die selbstkasteienden Praktiken beim Thaipusam (Kavadi-Tragen, Wangendurchbohren, Zungenpierce mit kleinen Speeren) sind ein religionsphänomenologisch interessantes Phänomen. Sie verbinden ekstatische Hingabe mit körperlicher Bewährung. Die Forschung der Ekstase-Religiosität, von William James «The Varieties of Religious Experience» (1902) bis hin zu Mircea Eliades schamanistischen Studien, hat das Thaipusam mehrfach als Beispiel ekstatischer Religionspraxis untersucht.
Cynthia Talbot und Fred Clothey haben in den 1980er und 1990er Jahren detaillierte ethnographische Beschreibungen vorgelegt, die in der modernen religionsanthropologischen Forschung als Klassiker gelten.
Die soziale Bedeutung des Murugan-Kultes in Tamil Nadu ist im 19. und 20. Jahrhundert durch die Dravidische Bewegung politisch aufgeladen worden. Maraimalai Adigal (1876-1950) und spätere Tamil-Nationalisten haben Murugan teilweise als genuin tamilischen Gott interpretiert, der nicht aus dem arisch-brahmanischen Sanskrit-Erbe stamme.
Diese Lesart ist historisch differenziert zu beurteilen, hat aber soziokulturell starke Wirkung entfaltet und prägt bis heute die Identitätspolitik in Tamil Nadu.





