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Hera, Göttin der Ehe und Königin des Olymp

Hera zählt im griechischen Pantheon zu den zwölf olympischen Hauptgottheiten und gilt als Schwester sowie Gemahlin des Zeus. Sie verkörpert die rechtmäßige Ehe, das eheliche Band und die Souveränität der Königin. In der hesiodischen «Theogonie» wird sie als Tochter des Kronos und der Rhea genannt, womit sie zur ältesten Generation der Olympier zählt.

Ihr Beiname «teleia», die «Vollendete», bezeichnet sie als Schutzpatronin der vollzogenen Ehe; im argivischen Kult tritt sie als «Argeia», die Argivische, hervor.

Über das homerische Epos hinaus ist Hera in zahlreichen lokalen Kulten greifbar, von Argos und Samos bis Olympia und Großgriechenland. Die Kultpraxis dort weist auf eine eigenständige Stadtherrin hin, die erst in einer zweiten Schicht zur olympischen Gemahlin wurde.

Inhaltsverzeichnis

Hera - Götter aus der Griechenland-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Stammbaum

Hesiod ordnet Hera in der «Theogonie» (Vers 453 bis 458) der zweiten Generation göttlicher Wesen zu: Sie ist Tochter der Titanen Kronos und Rhea, geschwisterlich verbunden mit Hestia, Demeter, Hades, Poseidon und Zeus.

Nach der Sturzfabel wird sie wie ihre Geschwister von Kronos verschlungen und später durch das von Rhea verabreichte Brechmittel wieder freigegeben. Pausanias verzeichnet eine arkadische Tradition, nach der sie als Mädchen am Fluss Asterion bei Argos aufwuchs, gepflegt von dessen drei Töchtern Euböa, Prosymna und Akraia, die später als Quellnymphen des Heiligtums verehrt wurden.

Die Verbindung mit Zeus deutet die Theogonie als hieros gamos, als heilige Hochzeit, die kosmologisch das Königtum auf dem Olymp begründet. Aus dieser Ehe gehen nach Hesiod Ares, Hebe und Eileithyia hervor; Hephaistos wird, je nach Quelle, von Hera allein geboren, als trotzige Antwort auf die parthenogenetische Geburt der Athene aus Zeus‘ Haupt.

Bei Homer erscheinen die Genealogien stabiler, doch das Motiv der eigenständigen Mutterschaft Heras bleibt ein wiederkehrendes Element ihrer Mythen. Eine späte hellenistische Tradition, festgehalten bei Diodor (V, 72), nennt Argos selbst als Geburtsort und macht Temenos, den Sohn des Pelasgos, zum ersten Ordner ihrer Riten.

Bemerkenswert sind die Hinweise auf eine vorgriechische Eigenständigkeit: Walter Burkert hat in «Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche» darauf hingewiesen, dass Heras Kultzentren in Argos, auf Samos und in Perachora älter erscheinen als die ausgereifte olympische Ordnung.

Funde mykenischer Linear-B-Tafeln aus Pylos und Theben bezeugen unter dem Namen «e-ra» eine Empfängerin von Opfern bereits im dreizehnten vorchristlichen Jahrhundert. Die Göttin trägt damit Züge einer eigenständigen Stadtherrin, die erst sekundär in das homerische System der Zeus-Gemahlin eingegliedert wurde.

Genealogisch wirkt Hera über ihre Kinder weit in den Mythos hinein. Ares wird Vater des Eros (in einer der konkurrierenden Traditionen), der Phobos und Deimos; Hebe heiratet nach Herakles‘ Apotheose den vergöttlichten Heroen; Eileithyia wird zur unverzichtbaren Begleiterin jeder Geburt.

Diese Linie zeigt Hera weniger als kosmologische Urmutter denn als Stifterin sozialer Institutionen: Ehe, Geburt, Jugend.

Symbole, Ikonografie und Attribute

Heras klassisches Attribut ist das Diadem oder die Stephane, eine hohe, oft turmartige Krone, die ihre königliche Stellung markiert. Häufig hält sie das Zepter, gelegentlich die Schale (Phiale) für die Spende.

Der Pfau, in römischer Zeit fest mit ihr verbunden, taucht in der griechischen Bildtradition erst spät auf; in archaischer Zeit dominieren Kuckuck und Kuh. Die Verknüpfung mit dem Pfau geht auf Ovid (Metamorphosen I, 722 bis 723) zurück, der die hundert Augen des getöteten Argos auf den Federn des Vogels neu erstehen lässt.

Der Beiname «boopis», «kuhäugig», ist ein homerisches Standardepitheton und verweist auf eine alte Verbindung zum Rind. Heinrich Schliemann und nachfolgende Forschergenerationen haben in den argivischen Funden Idole gefunden, die als Bukrania (Stierschädel) gedeutet wurden und Heras Nähe zum Hornvieh untermauern.

Der Kuckuck spielt im Hochzeitsmythos eine Rolle: Zeus soll sich in einen frierenden Kuckuck verwandelt haben, den Hera barg, woraufhin der Gott sich offenbarte und um sie warb. Pausanias (II, 17, 4) bestätigt diese Variante als argivische Lokaltradition.

In der klassischen Vasenmalerei trägt Hera einen langen, gegürteten Peplos, dazu Schleier und gelegentlich den Granatapfel als Frucht der Ehe und Fruchtbarkeit.

Polyklet schuf für das Heraion von Argos eine chryselephantine Kultstatue, von der Pausanias berichtet, sie habe einen Kranz mit Chariten und Horen getragen, in der einen Hand den Granatapfel, in der anderen das Zepter mit aufsitzendem Kuckuck.

Die Statue galt als eines der Hauptwerke des Polyklet, vergleichbar mit dessen Doryphoros, und prägte das Bild der reifen, thronenden Göttin für Jahrhunderte.

Weniger bekannte Beigaben sind der Lygos-Strauch (Mönchspfeffer), der bei der samischen Tonaia ihr Kultbild umwickelte, sowie der Granatapfel. Letzterer verbindet Hera mit Persephone und verweist auf die Doppelfunktion der Frucht als Symbol ehelicher Fruchtbarkeit und unterweltlicher Bindung.

Die ikonographische Trennung zwischen Hera und Demeter bleibt in archaischen Darstellungen unscharf, was die These einer ursprünglich verwandten Vegetations- und Stadtgöttin stützt.

Kult und Verehrung

Der Heraion-Kult zerfällt in mehrere große Linien. In Argos galt Hera als Stadtgöttin: Das Heraion zwischen Mykene und Argos war das zentrale Heiligtum der Argolis, mit eigenem Priesteramt und einem mehrtägigen Fest, den Heraia. Bei diesen Spielen wurden Hekatomben dargebracht, weshalb die Heraia auch «Hekatombaia» hießen.

Zur Kultordnung gehörte ein Wagenrennen, dessen Sieger einen Bronzeschild als Ehrengabe erhielt, sowie ein feierlicher Aufzug der Priesterin auf einem von weißen Rindern gezogenen Wagen, beschrieben in der Episode um Kleobis und Biton bei Herodot (I, 31).

Auf Samos stand das ionische Heraion, dessen Tempelbau im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gewaltige Dimensionen erreichte. Herodot beschreibt das Heiligtum als eines der größten Griechenlands (Herodot III, 60).

Zentrales Ritual war die Tonaia: Das Kultbild wurde nachts an den Strand getragen, in Lygos-Zweige gewickelt und gewaschen, was als Erneuerung der jungfräulichen Hera und als symbolische Rückkehr in den vorehelichen Zustand gedeutet wird. Der Mythos erklärte den Ritus als Erinnerung an den Versuch karischer Piraten, das Kultbild zu rauben.

In Olympia stand der Heratempel älter als der Zeustempel; hier wurden die Heraia gefeiert, ein Wettlauf unverheirateter Mädchen in drei Altersklassen über fünf Sechstel der Stadion-Länge, beschrieben von Pausanias (V, 16). Sechzehn matronae, ausgewählt aus den elischen Phylen, woben das Peplos-Gewand für die Göttin.

In Perachora bei Korinth bezeugt das Heiligtum der Hera Akraia und Limenia, der «felsigen» und «hafenbezogenen» Hera, einen frühen Seekult mit Bezug zur Schifffahrt; tausende Weihfunde, darunter phönizische Skarabäen, zeigen die Bedeutung des Hafenkults im siebten und sechsten vorchristlichen Jahrhundert.

Eine eigene Linie bildet der Hochzeitskult. In Plataiai feierten die Boioter die «Daidala», bei denen ein hölzernes Kultbild als Braut geschmückt, im Triumphzug zum Berg Kithairon getragen und schließlich verbrannt wurde.

Pausanias (IX, 3) erklärt das Fest als Versöhnungsfest zwischen Zeus und der nach einem Streit zurückgezogenen Hera. Solche Riten zeigen Hera als Personifikation eines zyklisch wiederholten Eheschlusses, in dem Trennung und Wiedervereinigung kosmische Bedeutung tragen.

Wichtige Heiligtümer und Tempel

Das argivische Heraion liegt etwa acht Kilometer nordöstlich von Argos auf einer Terrasse am Berg Euböa. Der archaische Tempel des siebten Jahrhunderts brannte 423 vor unserer Zeitrechnung ab, wie Thukydides (IV, 133) vermerkt; der klassische Nachfolgebau wurde unter dem Architekten Eupolemos errichtet.

Hier wurde nach späterer Tradition das Datum für die argivischen Jahre nach den Priesterinnen der Hera gezählt; Thukydides datiert mit der Priesterin Chrysis ein Ereignis des Peloponnesischen Krieges.

Das samische Heraion bei Ireon entwickelte sich seit dem achten Jahrhundert zu einem panhellenischen Anziehungspunkt. Der dritte Tempel, von Rhoikos und Theodoros entworfen, war ein Dipteros mit über hundert Säulen.

Funde reichen von ägyptischen Bronzen bis zu nordsyrischen Elfenbeinen und zeigen das weite Beziehungsnetz des Heiligtums. Polykrates ließ einen Nachfolgebau errichten, der nach Herodot der größte griechische Tempel seiner Zeit gewesen sein soll, aber nie vollendet wurde.

Weitere bedeutende Stätten sind das Heraion von Foce del Sele bei Paestum in Lukanien, das Tempelfundament der Hera Lakinia bei Kroton in Kalabrien (Strabon VI, 1, 11) sowie der Heratempel im olympischen Hain (Heraion von Olympia), in dem laut Pausanias der Hermes des Praxiteles aufgestellt war.

Auch der zweite Tempel von Paestum, im neunzehnten Jahrhundert als «Poseidontempel» bezeichnet, wird heute überwiegend als Heratempel angesprochen. Das Heraion Lakinion war Versammlungsort der italiotischen Griechen und Zentrum eines Bundes, der bis in römische Zeit fortbestand.

Zu den weniger bekannten Heiligtümern zählen das Heraion von Tiryns, das nach der Zerstörung der mykenischen Burg auf den Ruinen des einstigen Megaron errichtet wurde, das Heraion von Korinth und das Heraion von Mantineia. Die Kontinuität dieser Plätze zwischen mykenischer und archaischer Zeit ist eines der wichtigsten Argumente für eine vorgriechische Schicht des Hera-Kults.

Mythen-Erzählungen

Drei Erzählkreise prägen Heras mythische Gestalt. Der erste ist die Verfolgung der Nebenbuhlerinnen und Bastarde des Zeus. Bei Apollodor (Bibliotheke II, 4, 8) sendet Hera zwei Schlangen, um den Säugling Herakles in der Wiege zu töten; das Kind erwürgt sie.

Später schlägt sie ihn mit Wahnsinn, sodass er seine Kinder erschlägt, was zum Anlass der zwölf Arbeiten wird.

Bei Io verwandelt Zeus die Geliebte in eine Kuh, die Hera erbittet und durch Argos Panoptes bewachen lässt.

Nach dessen Tötung durch Hermes verfolgt eine von Hera gesandte Bremse Io durch die Welt bis nach Ägypten, wo sie ihre menschliche Gestalt zurückerhält; Aischylos macht diesen Wanderweg im «Gefesselten Prometheus» zum Vorausverweis auf die Genealogie des Herakles.

Der zweite Kreis betrifft die Geburtsdramen. Hera verzögert nach Homer (Ilias XIX, 95 bis 133) die Geburt des Herakles, indem sie Eileithyia zurückhält, sodass Eurystheus zuerst zur Welt kommt und damit das Recht der Erstgeburt erhält.

Beim Streit um Leto sperrt Hera die schwangere Geliebte des Zeus von festem Boden aus; Delos, eine schwimmende Insel, wird zum Geburtsort von Apollon und Artemis. Auch die Verwandlung der Kallisto in eine Bärin, festgehalten bei Ovid (Metamorphosen II, 466 bis 495), wird in einigen Varianten Hera zugeschrieben.

Der dritte Kreis schildert Hera als handelnde Königin im trojanischen Krieg. Im «Beguilement des Zeus» (Ilias XIV, 153 bis 360) verführt sie ihren Gemahl auf dem Ida-Gipfel mit dem Gürtel der Aphrodite, um den Achäern Vorteile zu verschaffen.

Diese Szene gilt als eines der ältesten Beispiele weiblicher Listmächtigkeit in der europäischen Literatur. In der Vorgeschichte des Krieges ist sie nach dem Parisurteil der erbittertste Feind Trojas: Paris hatte den goldenen Apfel der Eris an Aphrodite vergeben, nicht an Hera, die ihm Königsherrschaft und kriegerischen Ruhm versprochen hatte.

Eine vierte, weniger bekannte Episode bildet der Aufstand auf dem Olymp: Bei Homer (Ilias I, 396 bis 406) berichtet Achill, dass Hera, Poseidon und Athene Zeus einst gefesselt hätten, bis Thetis den hundertarmigen Briareos zu Hilfe rief, der den Göttervater befreite.

Diese Episode zeigt Hera als Anführerin einer Adelsfraktion gegen den monarchischen Anspruch des Gemahls und untermauert ihre Stellung als selbständig handelnde Souveränin.

Beziehungen im Pantheon

Die Spannung zwischen Hera und Zeus durchzieht das gesamte homerische Epos. Sie ist nicht bloße Eifersucht, sondern Ausdruck zweier konkurrierender Souveränitätsansprüche: Zeus als olympischer Souverän, Hera als rechtmäßige Königin.

Bei Pindar und in den Tragödien tritt sie als unbestechliche Garantin des Eherechts auf. Die häufige Versöhnung beider Götter, etwa im «Daidala»-Mythos von Plataiai, lässt sich als rituelle Vergegenwärtigung eines kosmischen Eheschlusses lesen, der jährlich erneuert werden muss.

Mit Athene und Poseidon verbindet sie die Niederlage im Streit um Argos: Pausanias überliefert, dass die Flussgötter Inachos, Kephisos und Asterion zugunsten Heras entschieden, woraufhin Poseidon die Flüsse austrocknen ließ.

Mit Aphrodite besteht eine ambivalente Beziehung: Hera leiht sich deren Gürtel, lehnt aber das Wesen erotischer Verführung als Prinzip ab. Die scharfe Trennung zwischen eheliche Verbindung (Hera) und freier Erotik (Aphrodite) gehört zu den grundlegenden Polaritäten des griechischen Götterkollegiums.

Hephaistos, je nach Tradition ihr Sohn, schmiedet ihr in einer Variante einen goldenen Thron, der seine Mutter fesselt, bis Dionysos den Schmiedegott betrunken zurückbringt und zur Befreiung überredet.

Die Beziehung zu Herakles, dem Sohn der Alkmene, bleibt die ausgeprägteste Feindschaft des Pantheons; erst nach dessen Apotheose söhnen sich beide aus, und Hebe, Tochter der Hera, wird seine olympische Gemahlin. Zu Iris, der Botin der Götter, besteht eine eigentümlich enge Dienerin-Herrin-Beziehung: Iris vollzieht Heras Aufträge meist ohne den Umweg über Zeus.

Rezeption

In der römischen Religion wird Hera mit Juno identifiziert, die in Rom als Teil der kapitolinischen Trias mit Jupiter und Minerva verehrt wurde. Junos Beinamen wie Lucina (Geburtshelferin), Moneta (Mahnerin) und Regina übersetzen Funktionen der griechischen Hera in den lateinischen Kontext, fügen aber neue staatskultische Aspekte hinzu.

Vergils «Aeneis» macht Juno zur Hauptantagonistin der trojanischen Migration nach Italien und damit zur Gegenspielerin der römischen Staatsgründung, ehe sie schließlich versöhnt wird (Aeneis XII, 791 bis 842).

Das Mittelalter kannte Hera vor allem durch die Ovid-Rezeption. Im «Ovide moralisé» und in den mythografischen Handbüchern Boccaccios erscheint sie als allegorische Figur, oft auf die Eifersucht reduziert.

Die Renaissance bringt mit Botticellis und Raffaels Werken eine Wiederentdeckung der antiken Ikonografie; Annibale Carraccis Galerie im Palazzo Farnese zeigt Junos triumphalen Wagen mit Pfauenzug. Rubens malte mehrere Versionen der «Junos Schwur» und des Streits um den Goldapfel.

Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert konzentriert sich die wissenschaftliche Rezeption auf die Frage einer ägäischen Vorform Heras. Martin Persson Nilsson sah in ihr eine Reflexion minoischer Stadtgöttinnen; Karl Kerényi deutete Hera als personifizierte Vollendung des weiblichen Lebenszyklus aus Jungfrau, Gemahlin und Witwe, was sich an den Beinamen Pais, Teleia und Chera ablesen lässt.

In der modernen Religionsvergleichung dient Hera als Paradigma einer souveränen Eheherrin gegenüber der erotischen Liebesgöttin. Die feministische Mythenforschung hat seit den 1980er Jahren Hera als komplexe weibliche Machtfigur neu gelesen, die in den literarischen Quellen oft auf Nebenrollen reduziert wurde.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Aus indogermanischer Perspektive ist Heras Verbindung mit Zeus die wahrscheinlich jüngere Schicht; eine indogermanische Etymologie ihres Namens ist umstritten. Vorgeschlagen wurden Ableitungen von «hora» (Jahreszeit, gemäße Zeit), womit Hera als Personifikation der reifen, ehefähigen Zeit gedeutet würde.

Andere Autoren, darunter Robert Beekes, halten eine vorgriechische, möglicherweise ägäische Herkunft für plausibler. Der mykenische Beleg «e-ra» bestätigt zwar die Existenz des Namens, lässt aber keinen sicheren Schluss auf die ursprüngliche Funktion zu.

Im Vergleich mit dem altorientalischen Material fallen Parallelen zur sumerischen Inanna oder zur hethitischen Hebat auf, die ebenfalls als Stadtherrinnen und Königinnen des Wettergotts auftreten.

Doch Hera unterscheidet sich von diesen durch ihre strikte Verankerung im rechtmäßigen Ehestand; sie ist keine Liebes-, sondern eine Bundesgöttin. Die ägäische Frühgeschichte hat möglicherweise eine eigenständige Stadtgöttin gekannt, die im Zuge der griechischen Einwanderung in das olympische System integriert wurde.

Burkert ordnet Hera in das Schema der «polis-religion» ein: Sie ist primär Schutzherrin einer politischen Gemeinschaft, sekundär kosmische Gattin. Die ältere Forschung von Wilamowitz-Moellendorff sah in Hera einen Beleg für die Verschmelzung lokaler Kulttraditionen zu einer panhellenischen Figur, was bis heute als Grundmodell gilt.

Neuere Arbeiten von Joan Breton Connelly zur Rolle von Priesterinnen heben die institutionelle Stellung des Hera-Priesteramts hervor, das in Argos als Datierungsinstanz fungierte und damit eine politische Dimension besaß, die bei männlichen Götterkulten in vergleichbarer Form fehlt.

Quellen

Hesiod, «Theogonie», Verse 453 bis 506 und 921 bis 929. Homer, «Ilias», besonders Bücher I, IV, XIV und XIX. Apollodor, «Bibliotheke», I, 1 bis 4 und II, 4, 8. Pausanias, «Beschreibung Griechenlands», II, 17 (Heraion von Argos), V, 16 (Olympia) und IX, 3 (Plataiai-Daidala).

Herodot, «Historien», I, 31 und III, 60. Thukydides, «Geschichte des Peloponnesischen Krieges», IV, 133. Ovid, «Metamorphosen», besonders Buch I (Io) und II (Kallisto).

Vergil, «Aeneis», besonders Buch I und XII. Walter Burkert, «Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche», Stuttgart 1977. Karl Kerényi, «Zeus und Hera. Urbild des Vaters, des Gatten und der Frau», Leiden 1972. Martin P. Nilsson, «Geschichte der griechischen Religion», München 1955.

Häufige Fragen zu Hera

Wer ist Hera in der griechischen Mythologie?

Hera ist in der griechischen Mythologie die Königin der Götter, Schwester und Gemahlin des Zeus, eine der zwölf olympischen Götter. Sie ist die Göttin der Ehe, der Familie und der Geburt und gilt als Beschützerin der verheirateten Frauen.

Hera wird als würdevolle, majestätische Gestalt dargestellt, oft mit Diadem und Zepter, ihr heiliges Tier ist der Pfau. Ihr römisches Gegenstück ist Juno, nach der der Monat Juni benannt ist.

Warum gilt Hera in den Mythen als eifersüchtig?

Hera erscheint in zahlreichen Mythen als eifersüchtige und nachtragende Gemahlin, was unmittelbar mit der Untreue des Zeus zusammenhängt: Zeus zeugte zahllose Kinder mit Göttinnen und sterblichen Frauen, und Heras Zorn richtete sich oft gegen diese Geliebten und ihre Nachkommen.

Bekannt ist ihre lebenslange Verfolgung des Herakles, eines Sohnes des Zeus, dessen Name paradoxerweise Ruhm der Hera bedeutet. Aus religionsgeschichtlicher Sicht spiegeln diese Konflikte vermutlich die Verschmelzung einer alten, eigenständigen Muttergöttin mit dem Kult des Zeus.

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