Ninhursag, mesopotamische Muttergöttin
Ninhursag ist die sumerische Muttergöttin und Erdherrin, die als Geburtshelferin der Götter und der Menschen verehrt wurde. Ninhursag ist eine altmesopotamische Muttergöttin, eine der großen Schöpfergottheiten der sumerischen Religion und nach Anu, Enlil und Enki die wichtigste Gestalt der altsumerischen Götterordnung.
Ihr Name bedeutet «Herrin des Berges», ein Hinweis auf ihre Verankerung in den vorderasiatischen Hochländern und ihren Bezug zu Stein, Geburt und Lebenskraft. In verschiedenen Traditionen tritt sie unter weiteren Namen wie Ninmah, Nintur oder Damgalnuna auf.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Ninhursag gehört zur ältesten Schicht der mesopotamischen Religion. Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. ist sie in Inschriften des Präsargonischen Mesopotamien belegt, vor allem in den Stadtstaaten Kisch, Adab und Mari.
Ihre Wurzeln dürften in ländlich-mythischen Vorstellungen liegen, in denen die Erde als gebärende Macht verstanden wurde, aus der Steine, Pflanzen und Lebewesen hervorgehen. Die Verbindung mit den Bergen, die als Quelle von Edelsteinen, Holz und Metall galten, erklärt ihren Beinamen «Herrin des Berges».
In der altsumerischen Theogonie ist Ninhursag mitunter Schwester oder Gemahlin Enlils, in jüngeren Texten oft Gemahlin Enkis, des Gottes der Weisheit und der Süßwasser. Diese wechselnde Familienstellung ist religionsgeschichtlich kein Widerspruch, sondern Ausdruck der Modularität altmesopotamischer Mythen, in denen jede Gottheit nach Bedarf in verschiedene Beziehungsnetze eingewoben wird.
Ein wichtiges Zeugnis ihrer Verehrung ist das Heiligtum von Tell el-Obeid, in der Nähe von Ur, das in der frühdynastischen Periode errichtet wurde. Inschriften des Aanepada, eines Königs von Ur, nennen sie als Hauptgöttin der Anlage.
Auch in Lagasch besaß sie einen wichtigen Kult, und Gudea, der schon im Ninurta-Beitrag erwähnte Stadtfürst, rühmt seine Beziehung zu ihr in seinen Statueninschriften.
Ihr Hauptmythos ist die Erzählung «Enki und Ninhursag», ein altsumerischer Text, der die Insel Dilmun (das heutige Bahrain) als reines, paradiesisches Land schildert. Enki und Ninhursag erschaffen dort den ersten Garten und die ersten Lebewesen.
Die Erzählung gehört zu den früh dokumentierten Schöpfungsmythen Mesopotamiens und entwickelt eine theologisch reiche Bildwelt, in der Wasser, Erde und Saat in ein lebendiges Wechselspiel treten.
Symbole und Attribute
Ninhursag wird in der Bildkunst als würdevolle, sitzende Göttin dargestellt, oft mit Hornkrone und langem Faltengewand. In manchen Reliefs trägt sie ein Symbol der Geburt, das Omega-Zeichen, das als stilisiertes weibliches Becken oder als Geburtshorn gedeutet wird. Dieses Zeichen erscheint auf Grenzsteinen (Kudurru) der Kassitenzeit und auf altbabylonischen Siegelabdrücken.
Ein weiteres Attribut ist der Berg, der ihren Namen mitbestimmt. Auf Reliefs sitzt sie häufig auf einem stilisierten Berg, was ihre Funktion als Herrin der hochgelegenen Quellen, der Steine und der Metalle unterstreicht.
Ihre Bedeutung als Bergherrin verbindet sie mit den Vorräumen mesopotamischer Zivilisation, also mit jenen Regionen, in denen Holz, Stein und Erze gefördert wurden.
Tiere, die ihr beigeordnet sind, gehören zu den fruchtbarkeitsbezogenen Symbolen. Schafe und Ziegen treten in den Tempelinschriften häufig als Opfergaben für sie auf, weil sie als Göttin der Geburt sowohl Menschen wie Tiere unter ihren Schutz stellt.
In der altmesopotamischen Ikonografie ist sie zudem oft von einem kleinen Kind oder einem Säugling begleitet, ein Hinweis auf ihre Funktion als Patronin der Geburtshilfe.
Eine spätere Tradition stellt sie mit einer schaalen-förmigen Halskette dar, die mit dem Geburtsgewicht von Kindern zu tun haben soll. Solche ikonografischen Details haben sich vor allem in den Beschwörungstexten zur Geburtshilfe erhalten, die ihren Namen über Jahrhunderte transportierten.
Kult und Verehrung
Der Hauptkult Ninhursags lag in mehreren Stadtstaaten, mit Schwerpunkten in Adab, Kisch, Tell el-Obeid und Lagasch. Adab, eines der ältesten Kultzentren, war eng mit ihr verbunden, und die frühen Könige von Kisch rühmten sich, von ihr berufen zu sein. Ihr Tempel in Adab, der genaue Name ist unsicher, war Versammlungsort für Geburtsriten und Heilungszeremonien.
In Lagasch und Girsu war Ninhursag in der Gestalt von Bau, einer mit ihr verschmolzenen Heilgöttin, verehrt. Die Inschriften Gudeas berichten von prachtvollen Opfern und einer Statue, die der Stadtfürst der Göttin weihte. In der altbabylonischen Periode wurde sie in mehreren Stadtstaaten weiterverehrt, oft unter den Namen Ninmah oder Aruru.
Ihre Rolle bei Geburtsriten ist durch zahlreiche Beschwörungstexte belegt. Frauen riefen sie während der Wehen an, Hebammen sprachen über den Bauch der Gebärenden Beschwörungen, in denen Ninhursag den Mutterleib öffnen und das Kind sicher hervortreten lassen sollte. Solche Texte sind bis in die spätbabylonische Zeit dokumentiert und unterstreichen die Kontinuität ihrer Verehrung.
Im neuassyrischen Reich nahm die Bedeutung Ninhursags ab, was mit der stärkeren Betonung der männlichen Reichsgötter Ashur und Ninurta zusammenhing. Sie blieb jedoch in den Heilungstexten präsent, und ihre Namensvarianten tauchen bis in die spätachämenidische Zeit in Inschriften auf.
Späte Kontinuität zeigt der Kult auch in Dilmun, dem heutigen Bahrain. Archäologische Grabungen haben dort umfangreiche Tempelanlagen freigelegt, in denen Ninhursag in Verbindung mit Enki verehrt wurde. Diese Verbindung erklärt sich aus dem Mythos «Enki und Ninhursag», der Dilmun als paradiesische Urlandschaft beschreibt.
Wichtige Mythen
«Enki und Ninhursag» ist der zentrale Mythos und einer der ältesten dokumentierten Schöpfungstexte. Er beginnt mit der Beschreibung Dilmuns als rein, ungetrübt von Tod und Krankheit.
Enki trägt Süßwasser auf die Insel und macht sie fruchtbar. In einer Reihe sich kreuzender Generationenfolgen erzeugt er mit Ninhursag und ihren Nachkommen eine Reihe von Töchtern, was die Göttin in Konflikt mit ihm bringt.
Enki isst dann acht Pflanzen, die Ninhursag im Garten gezogen hat, und wird daraufhin von ihr verflucht und mit acht Krankheiten in verschiedenen Körperteilen geplagt. Schließlich versöhnt sie sich mit Enki und gebart für jede Krankheit eine Heilgottheit. Die Erzählung ist ein theologisches Beispiel für das Verhältnis von Schöpfung, Schuld und Heilung.
Ein zweiter wichtiger Text ist «Enki und Ninmah», in dem die beiden Götter in einer Art Schöpfungswettstreit den Menschen aus Lehm formen.
Ninmah formt zunächst behinderte Menschen, für die Enki Plätze in der gesellschaftlichen Ordnung findet, dann formt Enki sieben monströse Wesen, die niemand mehr eingliedern kann. Die Erzählung enthält eine tiefe ethische Reflexion über die Verantwortung des Schöpfers und die Grenzen der Ordnung.
Eine dritte Erzählung steht im «Mythos von Lugalbanda und dem Anzu-Vogel», in dem Ninhursag dem Helden Lugalbanda zur Seite steht und ihn bei seiner Aufgabe unterstützt. Die Göttin tritt hier als beschützende, beratend wirkende Macht auf, eine Funktion, die sie in vielen mesopotamischen Heldenerzählungen einnimmt.
Beziehungen im Pantheon
Ninhursag ist eine der vier höchsten sumerischen Gottheiten, neben Anu, Enlil und Enki. In Schöpfungstexten erscheint sie als selbstständige Macht, die mit Enki gemeinsam Menschen und Tiere formt. Mit Enki teilt sie die Sorge um Fruchtbarkeit und Heilung, mit Enlil die Sorge um Ordnung und Recht, mit Anu die Souveränität über die Urzeit.
Ihre Töchter, im Mythos «Enki und Ninhursag» geboren, gehören teilweise zu wichtigen Kultgöttinnen weiterer Stadtstaaten. Eine von ihnen ist Ninkurra, die Göttin der Steinmetzkunst, eine andere ist Ninimma, die Schreibkundige. Diese Genealogie verbindet Ninhursag mit den verschiedensten Handwerks- und Kulturkulten Mesopotamiens.
Mit Bau und Gula verbinden sie Heilungsfunktionen, mit Inanna eine Beziehung der Konkurrenz, weil Inanna in der altsumerischen Theologie zunehmend die Vorrangstellung der Göttinnen übernahm. Im hellenistisch-römischen Synkretismus tritt sie nicht direkt mit griechischen Göttinnen in Berührung, weil ihre Verehrung schon vorher abgeklungen war.
Mit Damgalnuna, der Gemahlin Enkis, teilte Ninhursag im südlichen Sumer einige Funktionen, was zu der seltenen, aber dokumentierten Identifikation Damgalnuna-Ninhursag in eridu-Texten geführt hat. Wilfred G. Lambert hat diese Verschmelzung in einem Aufsatz von 1992 als Beleg für die regionale Pluralität sumerischer Götternamen interpretiert.
Im akkadischen Pantheon erscheint Ninhursag als Mami oder Mama, die Schöpferin der Menschen im Atrahasis-Epos. Sie mischt nach Anweisung Enkis Lehm und das Blut des geschlachteten Gottes We-ila zu sieben menschlichen Paaren. Diese Schöpfungsszene ist die frühste Lehmschöpfungserzählung der Weltliteratur und hat zahlreiche Nachfolger in semitischen Religionen.
Rezeption und Wirkung
Mit dem Ende der mesopotamischen Hochkultur verblasste der Kult der Ninhursag, doch die Heilungstexte mit ihrem Namen wurden in der spätbabylonischen und achämenidischen Periode noch kopiert und überliefert.
Im 19. Jahrhundert wurde die Göttin durch die Wiederentdeckung sumerischer Texte rekonstruiert, vor allem durch die Arbeiten von Samuel Noah Kramer, der die Sumerologie als wissenschaftliche Disziplin mitgeprägt hat.
In der modernen Religionsgeschichte gehört Ninhursag zu den am häufigsten zitierten Beispielen einer altorientalischen Muttergöttin, die als historische Wurzel späterer mediterraner Göttinnen wie Demeter, Kybele oder Isis diskutiert wurde. Diese These ist heute weitgehend zurückhaltend, weil eine direkte genealogische Linie nicht belegbar ist. Die typologische Ähnlichkeit bleibt jedoch ein wichtiges religionsgeschichtliches Thema.
In der feministischen Rezeption des 20. und 21. Jahrhunderts wurde Ninhursag als Beispiel einer mächtigen, selbstständig handelnden weiblichen Gottheit aus den frühen Hochkulturen rezipiert.
Sie steht in Studien zur Geschichte des Mutterkultes neben Ninlil, Inanna und Tiamat. In der populären Esoterik tritt sie unter dem Namen «Sumerische Erdmutter» auf, wobei die wissenschaftliche Präzision in solchen Adaptionen oft fehlt.
In der modernen Bibelforschung hat die Eva-Rippen-Verbindung viel Aufmerksamkeit erhalten. Kramers Hypothese, dass die Geburt Ninhursags aus Enkis Rippe ein motivisches Vorbild für Eva sei, ist von Theologen wie Claus Westermann in seinem Genesis-Kommentar diskutiert und von John Day weiterentwickelt worden.
Die genaue Form der Übertragung bleibt offen, doch die Existenz mesopotamischer Vorlagen für biblische Motive ist heute Konsens.
Eine andere Wirkungslinie führt über die hellenistische Magna Mater. Bereits Berossos berichtet, dass die Aegineten die mesopotamische Mami mit Rhea identifizierten. Walter Burkert hat in «Babylon, Memphis, Persepolis» (2003) die Spuren dieser Übertragung verfolgt und einen indirekten Einfluss auf den Kybele-Kult Phrygiens postuliert.
Die genauen Vermittlungsschritte sind nicht voll geklärt, aber eine motivische Kontinuität von Ninhursag über Mami zur Magna Mater wird in der Forschung angenommen.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Thorkild Jacobsen hat in «The Treasures of Darkness» Ninhursag als Beispiel einer chthonischen Göttin gedeutet, deren Wirken sich auf Geburt, Erde und Stein bezieht. Er sieht in ihrer Mythologie ein archaisches Schichten-Modell, in dem die Erde nicht nur als geografische Realität, sondern als personifizierte Macht erlebt wird.
Jean Bottéro betont die theologische Eigenständigkeit der Göttin und ihre Funktion als Ausgleichsmacht zu den männlichen Schöpfergottheiten. Walther Sallaberger hat den Kult Ninhursags in seiner Studie über den Ur-III-Kalender umfassend rekonstruiert und gezeigt, dass die Göttin bei wichtigen Staatsfesten eine zentrale Rolle spielte.
Stefan Maul und Andrew George haben die Heilungstexte mit ihrem Namen ediert. Aus diesen Texten ergibt sich, dass Ninhursag eine der wenigen mesopotamischen Gottheiten war, deren Hilfe in extrem unterschiedlichen Lebenslagen erbeten werden konnte: bei Geburt, bei Krankheit, bei Aussaat und beim Tempelbau.
Stephanie Dalley und Wilfred Lambert ordnen sie in die literarische Tradition ein, in der sie als unverzichtbare Partnerin Enkis in mehreren Schöpfungserzählungen auftritt.
Kesh-Hymnus und Tempeltheologie
Der Kesh-Tempelhymnus ist einer der ältesten erhaltenen sumerischen Texte und gilt zugleich als einer der ersten religiösen Texte der Weltliteratur. Fragmente, die bis in die Zeit der dritten Dynastie von Ur (21. Jahrhundert v. Chr.) zurückreichen, sind über spätere Schreiberbibliotheken in Nippur, Sippar und Ur überliefert.
Der Text feiert den Tempel der Stadt Kesh und seine Göttin Ninhursag in 134 Zeilen acht Strophen, die jeweils mit der Formel «Wer hat das je gesehen, wer hat das je gesehen?» enden.
Diese Wiederholung verleiht dem Hymnus eine fast meditative Struktur. Der Text wird traditionell der priesterlichen Dichterin Enheduanna zugeschrieben, der Tochter Sargons von Akkad, doch sind die ältesten Fragmente noch alter und stammen wahrscheinlich aus einer mehrhundertjährigen mündlichen Tradition.
Inhaltlich betont der Hymnus die Funktion Ninhursags als Geburtshelferin der Götter und der Könige. Sie ist die «Mutter der Steine» und die «Hüterin der Lebensader», wie es in den Zeilen 12 bis 17 heißt.
Diese Doppelbezogenheit auf Geologie und Biologie ist ein konstitutives Merkmal der Ninhursag-Theologie und unterscheidet sie von anderen Muttergöttinnen Mesopotamiens. Der Kesh-Tempel selbst war in der archäologischen Forschung lange nicht lokalisiert; erst seit den deutschen Grabungen in Tell al-Wilayah ist eine Identifikation mit dem dort gefundenen Tempelbau plausibel.
Eine ausführliche Edition mit Übersetzung und Kommentar haben Robert D. Biggs und Jane M. Cohen vorgelegt. Sie zeigen, dass der Hymnus stilistische Verwandtschaft mit den 42 Tempelhymnen Enheduannas hat, die unter dem Sammeltitel «Sumerian Temple Hymns» bekannt sind.
Sektion 7 dieser Sammlung ist Ninhursags Tempel in Adab gewidmet und nennt sie als «Mutter aller Kinder», was die mesopotamische Verbreitung des Kultes belegt.
Dilmun-Episode und Enki
Der lange sumerische Mythos «Enki und Ninhursag» ist eine der reichsten Quellen für die Theologie der beiden Götter. Der Text, ediert von Pascal Attinger 1984 in «L Hymne à Nungal», erzählt vom paradiesischen Land Dilmun, wahrscheinlich der heutigen Insel Bahrain.
In Dilmun gibt es keine Krankheit, kein Alter und keinen Tod. Enki, der Gott des Süßwassers, fühlt sich zur Erdgöttin Ninhursag hingezogen. Aus ihrer Vereinigung entsteht eine Tochter Ninnisig, aus deren weiteren Verbindungen mit Enki insgesamt drei Generationen Töchter gezeugt werden. Schließlich isst Enki acht Pflanzen, die aus den Saamen Ninhursags spriessen, und wird todkrank.
Ninhursag heilt Enki, indem sie acht Heilgottheiten aus den erkrankten Körperteilen Enkis gebärt. Jede dieser Göttinnen ist mit einem spezifischen Körperteil verbunden, was eine frühe Form der medizinischen Korrespondenz zwischen Göttern und Organen darstellt. Eine dieser Heilgöttinnen ist Ninti, deren Name «Herrin der Rippe» oder «Herrin des Lebens» bedeutet.
Diese Episode ist von Samuel Noah Kramer in «History Begins at Sumer» (1956) als mögliche Vorlage für die biblische Eva-Erzählung interpretiert worden, weil das Wortspiel «Rippe / Leben» auch im Hebräischen anklingt. Diese Verbindung ist heute umstritten, aber als motivisches Echo akzeptiert.
Die Dilmun-Episode ist religionshistorisch auch deshalb bedeutsam, weil sie den Gedanken eines paradiesischen Urlandes thematisiert, in dem Krankheit und Tod nicht existieren. Diese Vorstellung hat über Mesopotamien hinaus Spuren in zoroastrischen und biblischen Paradiestraditionen hinterlassen, wie Thorkild Jacobsen in «The Treasures of Darkness» und Jean Bottéro in «La plus vieille religion» darlegen.
Geburt, Heilung und königliche Theologie
Ninhursag wurde als die Göttin der Geburt und der Heilung verehrt. Mehrere mesopotamische Könige nannten sich «Sohn der Ninhursag», unter ihnen Eannatum von Lagash und Mesannepada von Ur. Die Geierstele Eannatums, datiert auf ca. 2450 v. Chr., zeigt den König in einer kompositen Szene, in der Ninhursag ihn an ihrer Brust nährt.
Diese Bildformel der göttlichen Adoption ist über zwei Jahrtausende konstant geblieben und kommt noch auf neuassyrischen Reliefs vor.
In der Heilkunst spielt Ninhursag als Belet-ili, die «Herrin der Götter», eine zentrale Rolle. Die mesopotamische Beschwörungssammlung der Tafel BAM 234 enthält Gebete an Ninhursag bei schweren Geburtskomplikationen.
Auch in den Diagnostischen Handbüchern, die unter Esagil-kin-apli im 11. Jahrhundert v. Chr. zusammengestellt wurden, erscheint sie als zuständige Göttin für Fieber- und Wundkrankheiten. Stefan Maul hat in seinen Studien zur Heilkunde Mesopotamiens die Funktion Ninhursags als Anlaufstelle bei Gebärproblemen ausführlich dokumentiert.
Die mesopotamische Königstheologie verband die legitime Geburt eines Herrschers eng mit Ninhursag. Bauinschriften Naram-Sins von Akkad nennen ihn als «den, dem Ninhursag das Brust gab». Eine Statue Naram-Sins zeigt ihn mit einer Krone aus Stierhornen, die in der Bildsprache der Zeit den göttlichen Status des Königs ausdrückt.
Diese Göttlichkeitsbeanspruchung war jünger als die einfache Sohnesbeziehung zur Göttin, hatte aber dasselbe theologische Fundament. Die Tabuisierung der menschlich-göttlichen Verbindung kommt erst in der altbabylonischen Zeit auf, als Hammurabi sich nur noch als von Anu und Enlil eingesetzt, nicht mehr als deren Sohn bezeichnet.
Quellen und weiterführende Literatur
Antike Quellen: «Enki und Ninhursag», «Enki und Ninmah», Beschwörungstexte und Geburtshilfetexte aus Nippur und Sippar, Gudea-Statueninschriften, Hymnen auf Aruru und Ninmah, Inschriften von Tell el-Obeid.
- Jean Bottéro, «La religion babylonienne», Paris 1952.
- Samuel Noah Kramer, «The Sumerians», Chicago 1963.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.





