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König Gesar, tibetischer Heldenepos

König Gesar steht im Mittelpunkt des umfangreichsten tibetischen Heldenepos, das bis heute von Sängern mündlich vorgetragen wird. König Gesar von Ling (tibetisch Gling Ge-sar rgyal-po) ist der mythische Herrscher des tibetischen Nationalepos und gilt als die zentrale Heldenfigur der inneren-asiatischen Erzähltradition.

Das Epos von Gesar ist mit über einer Million Verszeilen in seinen vollständigen Versionen vermutlich das längste lebende Epos der Welt und wurde 2009 in die UNESCO-Liste des immateriellen Welterbes aufgenommen. Es wird bis heute von professionellen Sängern in Tibet, in der Mongolei, in Burjatien, in Ladakh und in Bhutan in vielen Varianten vorgetragen.

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Inhaltsverzeichnis

Gesar - Götter aus der Tibet-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage und Textgeschichte

Die ältesten schriftlichen Belege des Gesar-Epos stammen aus dem 14. bis 16. Jahrhundert, die mündliche Tradition reicht aber wahrscheinlich deutlich weiter zurück.

R. A. Stein hat in «Recherches sur l’épopée et le barde au Tibet» (1959) die textgeschichtliche Komplexität herausgearbeitet und gezeigt, dass das Epos in zahlreichen regionalen Versionen existiert, die teilweise stark voneinander abweichen. Die kanonisierte Form, die heute in tibetischen Klosterbibliotheken überliefert ist, umfasst meist zwischen 30 und 120 Bänden.

Per Sørensen und Andreas Gruschke haben in ihren Arbeiten zur tibetischen Geschichte und Geografie die Verbindung des Epos zu konkreten geografischen Räumen in Ost-Tibet (Kham, Amdo) und in den Grenzregionen zu Sichuan, Qinghai und Gansu untersucht.

Das Königreich Ling, in dem Gesar herrscht, wird mit der historischen Region um den oberen Gelben Fluss in Verbindung gebracht, ohne dass eine eindeutige historische Identifikation gelingt. Klaus Sagaster hat in seinen Studien zur mongolischen Gesar-Tradition den Übertragungsweg des Epos in die mongolischen Steppen und seine dortige Anverwandlung untersucht.

Inhaltlicher Aufbau

Das Epos beginnt mit dem himmlischen Beschluss, einen Bodhisattva-Helden auf die Erde zu senden, um das von Dämonen bedrohte Land Ling zu retten. Gesar wird als Sohn des Gottes Brahma und der menschlichen Frau Gogmo geboren.

Sein irdischer Name lautet Joru, und seine Kindheit ist von Demütigung und Verkennung geprägt. Erst in einem Pferderennen, das er gegen alle Erwartungen gewinnt, wird er als König von Ling anerkannt und nimmt den Königsnamen Gesar an.

Die Hauptteile des Epos bestehen aus 18 sogenannten «Eroberungen» («dgra ‚dul»), in denen Gesar gegen Dämonen, Tyrannen und feindliche Könige zieht und ihre Gebiete dem Buddhismus unterwirft.

Zu den bekanntesten Episoden zählen die Eroberung von Hor (im Norden), die Eroberung von Mon (im Süden), die Eroberung von Jang (im Osten) und die abschließende Eroberung der Eisenfestung im chinesischen Grenzgebiet. Am Ende kehrt Gesar in den Himmel zurück, mit dem Versprechen, in apokalyptischer Zeit als Erlöser zurückzukehren.

Historische und mythische Schichten

Geoffrey Samuel hat in «Civilized Shamans» (1993) die religionsgeschichtliche Schichtung des Gesar-Epos analysiert und drei Hauptschichten unterschieden. In der vorbuddhistischen Bön-Schicht erscheint Gesar als göttlicher König mit schamanischen Zügen. In der buddhistischen Schicht wird er als Bodhisattva und Verteidiger des Dharma stilisiert. In einer späten, partiell ge-lug-pa- und nyingma-pa-spezifischen Schicht wird er mit Padmasambhava und mit Tantra-Praktiken verbunden.

Diese Schichtung erklärt die Spannungen innerhalb der überlieferten Versionen.

Die historische Identifikation Gesars mit dem chinesischen Caesar (über persische und uigurische Vermittlung «Kesar») ist eine ältere Hypothese von Stein und anderen, die durch lautliche Übereinstimmungen, aber nicht durch klare historische Belege gestützt wird.

Andere Forscher, darunter Lauran Hartley und Pema Bhum, verorten den historischen Kern Gesars eher in einem realen tibetischen Lokalkönig des 11. oder 12. Jahrhunderts, der zur sagenhaften Figur überhöht wurde. Eine endgültige Klärung steht aus.

Vortragsformen

Das Epos wird von professionellen Sängern vorgetragen, die in der tibetischen Tradition als «sgrung-mkhan» oder «gling-pa» bezeichnet werden. Sie behaupten häufig, das Epos nicht gelernt, sondern in Träumen oder Visionen empfangen zu haben.

Manche Sänger gehören in eine Linie von «Schädelträgern», die das Epos an einem bestimmten Initiationsort von Geistern überbracht bekommen. Forschungen von Hu Jinpu, Yang Enhong und Lauran Hartley haben diese kulturelle Praxis detailliert dokumentiert.

Die Vortragsdauer einer vollständigen Version kann mehrere Wochen umfassen. Einzelne Episoden werden in 2 bis 12 Stunden gesungen.

Die Sängerinnen und Sänger nutzen traditionelle Hüte, Trommeln und Knochenflöten und stehen in einer Reihe mit alten zentralasiatischen Bardentraditionen, die in der Forschung mit den «manaschis» Kirgistans (Manas-Epos) und mit den «yöröölchis» der Mongolei verglichen werden. Klaus Sagaster und Walther Heissig haben die Verbindungen dieser Bardentraditionen systematisch erforscht.

Religiöse Bedeutung

In der tibetischen Religiosität ist Gesar nicht nur ein literarischer Held, sondern eine sakrale Figur, die in bestimmten Linien aktiv verehrt wird. Vor allem in der nyingma-pa-Schule und in einigen kagyü-Linien gilt Gesar als kriegerische Manifestation Padmasambhavas und als Beschützer der Lehre.

Zu seinen Ehren werden Schutzpraktiken (gsol-kha) und Rituale (sang-Räucherungen) abgehalten. Donald Lopez hat in «Prisoners of Shangri-La» (1998) die Rolle Gesars in der modernen tibetischen Religiosität skizziert und gezeigt, wie er von politischen Bewegungen als nationalem Symbol verwendet wird.

Robert Thurman hat in seinen Arbeiten zur tibetischen Mythologie auf die Mehrdeutigkeit der Gesar-Figur hingewiesen: Sie verbindet kriegerische Heldenrolle, sakralen Schutz, soziale Erinnerung und politische Identität. In den Klosterritualen wird Gesar oft als rotgesichtiger Reiter mit Lanze und Schwert dargestellt, begleitet von seinem Schimmel Kyang Bu und seinen 30 Helden.

Verbreitung über Tibet hinaus

Das Gesar-Epos ist nicht auf Tibet beschränkt, sondern hat in den mongolischen Steppenraum, in die burjatische Region am Baikalsee, in die tuwinische Sprachzone und in die monguor-, salar- und yugur-Sprachgemeinschaften am Rand des chinesischen Reichs Eingang gefunden.

In der Mongolei wird das Epos «Geser khaan» genannt und im 17. und 18. Jahrhundert in eine vollständige mongolische Version übersetzt. Die burjatische Variante hat schamanische Züge und unterscheidet sich deutlich von der buddhistisch geprägten tibetischen Hauptfassung.

Walther Heissig hat in mehreren Bänden die mongolische und burjatische Gesar-Tradition aufgearbeitet und gezeigt, wie der Stoff in jeder Region eigene lokale Färbungen annahm. In Ladakh wird das Epos auf Tibetisch und in lokalen Dialekten vorgetragen und ist mit dortigen Pilgerorten verbunden. Die UNESCO-Aufnahme von 2009 würdigt diesen transnationalen Charakter.

Moderne Rezeption und Forschung

In der Volksrepublik China wurde das Gesar-Epos seit den 1950er Jahren systematisch dokumentiert und in dutzenden Bänden ediert. Die Arbeit der Sammler und der Editoren hat dabei zugleich Modernisierungstendenzen erzeugt, etwa die Festlegung einer «Standardversion», die der Vielfalt der mündlichen Tradition nicht entspricht. Lauran Hartley und Pema Bhum haben diese Tendenz dokumentiert und kritisch reflektiert.

In der europäischen und amerikanischen Forschung ist Gesar seit Stein und Heissig ein Schlüsselfeld der Tibetologie und der Mongolistik. Aktuelle Arbeiten zu Sängern, zu literarischen Strukturen, zu vergleichender Eposforschung und zur Gegenwartsfunktion liegen unter anderem von Solomon Mowtschanetz, Yang Enhong und Robin Kornman vor.

Die englische Übersetzung großer Teile des Epos, herausgegeben von Robin Kornman und seinem Team unter dem Titel «The Epic of Gesar of Ling» (2012), hat die internationale Rezeption deutlich erweitert.

Politische Instrumentalisierung

Das Gesar-Epos hat in den letzten Jahrhunderten verschiedene politische Funktionen erfüllt. In der späten Qing-Zeit galt es als Symbol tibetischer Eigenständigkeit, in der Republikzeit als Ausdruck der mongolischen-tibetischen Brüderlichkeit.

In der Volksrepublik China wird Gesar offiziell als «Held der chinesischen Vielvölker-Familie» präsentiert, was tibetische Intellektuelle wie Tsering Shakya als Vereinnahmungsversuch kritisiert haben. In Indien und im tibetischen Exil dient Gesar als nationales Symbol des Widerstands gegen die kulturelle Auslöschung.

Auch innerhalb der tibetischen Religionen ist das Epos politisch relevant. Die nyingma-pa und einige kagyü-Linien betonen Gesar als Schutzherrn des tibetischen Volkes, während die gelug-pa-Tradition, der auch der Dalai Lama angehört, das Epos eher distanziert behandelt, weil es viele vorbuddhistische Elemente bewahrt.

Geoffrey Samuel hat diese Spannungslinien als typischen Ausdruck der inneren Pluralität der tibetischen Religion analysiert.

Sängertradition und mündliche Komposition

Die Vortragenden des Gesar-Epos werden im tibetischen Sprachgebrauch in mehrere Kategorien unterteilt: «babs sgrung» (von Visionen oder Trance herabgekommene Sänger), «thos sgrung» (Hörsänger, die durch Anhören gelernt haben), «dgongs sgrung» (durch Geist-Übertragung Lernende) und «brda sgrung» (Zeichensänger, die mit Schriftstützen arbeiten).

Diese Klassifikation findet sich bereits in den frühen Berichten von Rolf Alfred Stein in «L’épopée tibétaine de Gesar dans sa version lamaïque de Ling» (Paris 1956) sowie in «Recherches sur l’épopée et le barde au Tibet» (Paris 1959).

Stein dokumentiert dort die Lebensläufe einzelner Sänger, die zumeist in jugendlichem Alter eine schwere Krankheit oder eine Trance-Episode durchlebt hatten, nach der ihnen die Episoden des Epos «hervorgekommen» seien.

Diese Beobachtung wurde von Yang Enhong («A Comparative Study of the Singing Styles of Mongolian and Tibetan Geser/Gesar Artists», 2002) und Lauran Hartley für gegenwärtige Sänger der Provinzen Qinghai und Sichuan bestätigt.

Geoffrey Samuel hat in «Civilized Shamans. Buddhism in Tibetan Societies» (Washington 1993) und in seinem späteren Sammelband «Tantric Revisionings» (Aldershot 2005) gezeigt, dass die Sängertypen typologisch an schamanistische Initiationsmuster anschließen, ohne mit dem Bön-Spezialistentum in einem direkten Linienverhältnis zu stehen.

Die durchschnittliche Vortragsdauer einer vollständigen Episode des Epos liegt nach Steins Aufzeichnungen zwischen sechs und zwölf Stunden, das vollständige Epos in seinen heute überlieferten 120 Episoden umfasst nach Schätzungen Donald Lopez‘ und Yang Enhongs etwa eine Million Verse, womit es eines der umfangreichsten oralen Epen weltweit ist.

Mongolische, burjatische und ladakhi Rezeption

Die mongolische Version des Epos, «Geser Khan», wurde durch die Mongolei und Burjatien parallel zur tibetischen Tradition tradiert und liegt in mehreren handschriftlichen Fassungen vor. Die wichtigste ist die «Pekinger Holzdruckausgabe» von 1716, die unter dem Kangxi-Kaiser herausgegeben wurde und die mongolische Hofkultur in eine Schutzbeziehung zum Geser-Komplex setzt. Walther Heissig hat in «Geser-Studien.

Untersuchungen zu den Erzählstoffen in den neuen Kapiteln des mongolischen Geser-Zyklus» (Wiesbaden 1983) sowie in mehreren Bänden der Reihe «Asiatische Forschungen» nachgewiesen, dass die mongolischen Fassungen einige tibetische Episoden auslassen und stattdessen lokale mongolische Heldenstoffe (Schwerdt von Geser, Kampf gegen den Zwölfköpfigen Mangus) integrieren.

Burjatische Sänger («ülgershin») entwickelten daraus eine eigene Epentradition, in der Geser zu einem Himmelssohn aus dem nördlichen Steppenpantheon wird.

In Ladakh ist eine eigene Erzählform belegt, die unter dem Titel «Kesar Saga» von August Hermann Francke in mehreren Bänden der «Asiatic Society of Bengal» (1905 bis 1909) ediert wurde. Francke hatte zuvor in Khalatse und Leh über zehn Jahre lang mündliche Fassungen gesammelt und in tibetischer Transkription mit englischer Übersetzung herausgegeben.

Diese Edition ist quellenkritisch wertvoll, weil sie eine westliche Randregion der Tradition dokumentiert, in der Geser noch nicht in den buddhistischen Doktrinrahmen vollständig eingegliedert ist, sondern Züge eines vorbuddhistischen Sonnen- und Königsheros bewahrt.

Symbolik und ikonografische Darstellung

In der bildlichen Tradition wird Gesar als kriegerischer Reiter dargestellt, oft mit Eisenpanzer, Lanze, Bogen, gefiedertem Helm und auf einem windschnellen Pferd.

Sein Schimmel Kyang Bu, der himmlischen Ursprungs ist, gehört fest zur Ikonografie. In Thangkas tritt Gesar gelegentlich in der Mitte eines Mandalas auf, umgeben von seinen 30 Helden und den vier Königen der Himmelsrichtungen. Diese Darstellungen sind seit dem 17. Jahrhundert in größerer Zahl belegt.

Die Verbindung mit den vier Himmelskönigen verleiht der Gesar-Ikonografie eine kosmologische Dimension, die sie über die rein heroische Funktion hinaushebt. Andreas Gruschke hat in seinen Arbeiten zur Kunst von Amdo gezeigt, dass die Thangkas und Wandmalereien zu Gesar regional sehr unterschiedlich gestaltet sind und dass die ostttibetischen Klöster eine besonders reiche Bildtradition entwickelt haben.