Vulcanus, römischer Schmiedegott
Vulcanus ist der römische Gott des Feuers, der Schmiedekunst und der vulkanischen Naturkraft. Sein Kult gehört zu den ältesten der italischen Religion und reicht sprachlich in die etruskische Schicht zurück.
Anders als die später eingebürgerte Hephaistos-Figur war Vulcanus zunächst ein Gott des verzehrenden Feuers, der vor allem außerhalb der Städte verehrt wurde, um seinen zerstörerischen Aspekt von den Wohnvierteln fernzuhalten. Erst die hellenistische Synkretisierung machte ihn zum heiteren Schmiedegott der Götter.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Der Name Vulcanus ist sprachgeschichtlich umstritten, wird aber meist mit dem etruskischen Velchans und einer indogermanischen Wurzel für «brennen» verknüpft. Schon in der Königszeit war ein Volcanal, also ein Vulcanus geweihter Altarplatz, am Fuß des Kapitols bezeugt.
Es galt als einer der ältesten Kultorte Roms und war Versammlungspunkt für politische Akte unter freiem Himmel. Plutarch nennt es in der «Romulus»-Vita als Ort, an dem Romulus und Tatius einen ihrer Verträge geschlossen haben sollen.
In älterer italischer Schicht war Vulcanus zuständig für das gefährliche Feuer, also für Brand, Blitz und Vulkanausbruch. Aus diesem Grund wurden viele seiner Heiligtümer am Stadtrand oder außerhalb der Stadtmauern errichtet, in Rom etwa auf dem Marsfeld.
Erst die Identifikation mit dem griechischen Hephaistos brachte den positiven Aspekt der Schmiedekunst stark in den Vordergrund. Die etruskische Vorbildgottheit Velchans ist auf dem Bronzespiegel von Piacenza nachgewiesen und tritt dort mit Hammer und Zange auf.
Vergil schildert in der «Aeneis» Vulcanus als Schmied der Götter, der im Auftrag der Venus die Waffen des Aeneas anfertigt, darunter den berühmten Schild mit den prophetischen Bildern der römischen Geschichte.
Ovid übernimmt diese Sicht in den «Metamorphosen», erweitert sie aber um zahlreiche Episoden, die aus dem Hephaistos-Mythenkreis stammen. Damit wurde Vulcanus literarisch zu einer Doppelfigur, deren italische Tiefe und hellenistische Kunsterzählung sich überlagern. Die augusteische Literatur nutzt die Episode auf dem Aeneas-Schild als Programmtext der ganzen Geschichte Roms.
In der italischen Volksreligion wurde Vulcanus auch mit Maia, einer alten Vegetationsgöttin, verbunden. Die Inschriftenfunde aus Praeneste und Tibur belegen Doppelweihungen, die die zerstörerische Feuerkraft mit dem Gedeihen der Felder verschränken. Aus dieser Verbindung entstanden lokale Festkalender, die im republikanischen Rom teilweise in den Staatskalender übernommen wurden.
Symbole und Attribute
Hammer, Amboss und Zange sind die unverkennbaren Werkzeuge Vulcanus. In der Bildkunst tritt er meist als bärtiger Schmied im Lendenschurz auf, oft mit verkrümmtem Fuß, eine Folge der hephaistischen Tradition.
Er steht oder sitzt an einem rotglühenden Amboss, neben ihm liegen Schwertklingen, Helme oder fertige Waffen. Die Vorstellung des hinkenden Schmieds ist in der italischen Tradition nicht ursprünglich und wurde erst durch die Gleichsetzung mit Hephaistos übernommen.
Die Feuerflamme ist sein Element, doch tritt sie selten als allein stehendes Bild auf. Häufiger wird sie in Verbindung mit den Esseschloten und den Werkstätten unter dem Ätna dargestellt.
Schon Vergil verlegt die Werkstatt des Vulcanus in das Innere des sizilianischen Vulkans und beschreibt das Toben der Zyklopen am Amboss in der «Aeneis», Buch VIII. Diese Lokalisierung blieb in der späteren Literatur und Bildtradition prä und gab dem Wort Vulkan seinen Namen.
Tiere sind ihm nur eingeschränkt zugeordnet. Der rote Kalbsstier galt als bevorzugtes Opfertier, da seine Farbe an das Feuer erinnerte. Bei Brandgefahr brachten römische Behörden ihm Tiere dar, die ungeschoren oder unscheinbar wirkten, in der Hoffnung, das Verzehrende des Feuers symbolisch durch ein anderes Opfertier zu binden.
Bei den Vulcanalia warf man Fische in das Feuer als Substitutionsopfer, was sich Plinius mit der Vorstellung erklärt, dass die Wasserlebewesen das Feuer durch ihre fremde Natur besänftigen sollten.
Kult und Verehrung
Das Hauptfest Vulcanus war die Vulcanalia am 23. August, in einer trockenen, brandgefährdeten Jahreszeit. An diesem Tag wurden Fische und kleine Tiere ins Feuer geworfen, was wahrscheinlich als Substitutionsopfer zu verstehen ist, in dem die Tiere stellvertretend für Haus, Ernte und Stadt verzehrt wurden.
Varro berichtet von dieser Praxis, Plinius der Ältere kommentiert sie in der «Naturalis historia». Vergleichbare Substitutionsriten finden sich in vielen italischen Stadtkulten und gehören zu den ältesten erhaltenen Praktiken der römischen Religion.
Das alte Volcanal lag am Comitium und galt als heilig in einem politischen wie religiösen Sinn. Hier wurden Statuen und Inschriften aufgestellt, hier soll Romulus selbst geopfert haben.
In republikanischer Zeit verschob sich der städtische Schwerpunkt zum Vulcanus-Tempel auf dem Marsfeld, an dem die Vulcanalia öffentlich begangen wurden. Beide Orte blieben jedoch durch eine Prozession verbunden, in der das alte Volcanal als Ursprung des Kultes geehrt wurde.
Ostia, die Hafenstadt Roms, besaß einen besonders bedeutenden Vulcanus-Kult mit einem Pontifex Vulcani an der Spitze, der zugleich Oberpriester der ganzen Stadt war. Diese Stellung zeigt, wie wichtig der Brandschutz für die hafennahe Holzbauweise war.
Die Inschriften nennen Vulcanus dort als Bewahrer vor Stadtbrand. Im Brandfall von 64 n. Chr. unter Nero wurde sein Tempel um Bei standartlieblich aufgerufen, ohne dass die Katastrophe hätte abgewendet werden können.
Provinziale Heiligtümer reichen von Pompeji über die Po-Ebene bis nach Gallien. In Vulci und Velia, Städten mit etruskischer Vorgeschichte, war der Kult kontinuierlich. In Lugdunum und an anderen gallischen Orten wurde er mit lokalen Schmiedegottheiten synkretisiert.
In Aquincum, Carnuntum und anderen Donauorten bezeugen Inschriften die Verehrung durch Soldaten der Legionsschmieden. Auch in Britannien sind ihm geweihte Altare in der Nähe von Eisenverhüttungsorten gefunden worden.
Wichtige Mythen
Die wichtigste römische Erzählung über Vulcanus ist die Schmiedung der Waffen des Aeneas. Vergil schildert in der «Aeneis», Buch VIII, wie Venus den Schmiedegott bittet, ihrem Sohn die nötigen Rüstungsstücke für den Krieg in Italien zu liefern.
Vulcanus stimmt zu, und die Zyklopen in seiner Werkstatt unter dem Ätna fertigen Helm, Schwert, Lanze und vor allem den großen Schild, dessen Bildwerk die kommende römische Geschichte bis zur Schlacht bei Actium vorausnimmt. Diese Szene ist programmatisch für die augusteische Selbstdeutung, weil sie Roms Zukunft als bereits in göttlicher Schmiedearbeit eingegossen erscheinen lässt.
Eine zweite Erzählung ist die Episode um die Ehe mit Venus, die in den «Metamorphosen» Ovids und bei Vergil aufgegriffen wird. Vulcanus, der hinkende Schmied, ist Gemahl der schönsten Göttin, was bereits ein altes Motiv mythischer Kontrastierung ist.
Als Venus mit Mars in Untreue gefasst wird, knüpft Vulcanus ein kunstvolles Netz aus Bronze und fängt das Paar in flagranti. Die Episode entstammt aus dem hephaistischen Material, wurde aber in römischer Lesart als Lehrstück zur Schwierigkeit der Vereinigung von Kunst, Kraft und Schönheit verstanden.
Eine dritte Erzählung berichtet von Caeculus, dem mythischen Gründer von Praeneste. Servius referiert die Tradition, dass Caeculus aus dem Schoss einer Magd geboren wurde, nachdem ein Funke des Vulcanus-Feuers sie getroffen habe.
Er sei später zum Stadtgründer geworden, und in Praeneste galt Vulcanus als Stammvater. Diese Erzählung verbindet kosmische Feuerkraft mit politischer Gründung und zeigt die enge Verflechtung von Schmiedegott und Stadtursprung.
Eine vierte Erzählung berichtet von der Geburt des Servius Tullius, des sechsten römischen Königs. Nach Plinius und Varro entstand Servius aus einem Funken, der aus dem Hausaltar einer Sklavin namens Ocresia aufstieg. Diese Erzählung überlagert die Caeculus-Tradition und legitimiert die Sonderstellung des Servius als Reformerkönig, der die Centuriatcomitien einrichtete.
Beziehungen im Pantheon
Vulcanus ist im hellenistischen Bild Sohn von Iuppiter und Iuno und Bruder von Mars und Minerva. Die Verbindung mit Mars geht dabei tiefer als nur familiär, denn beide Gottheiten teilen den Bezug zum Krieg, wenn auch in unterschiedlicher Weise.
Mars verkörpert das Schlachtgeschehen, Vulcanus die metallurgische Vorbereitung. Mit Minerva teilt er die Patronage über Handwerk, doch während Minerva für das textile und intellektuelle Geschick zuständig ist, regiert Vulcanus über die feurige Materialarbeit.
Mit Venus war Vulcanus traditionell verheiratet, doch diese Verbindung wurde in römischer Literatur weniger ausgemalt als in griechischer. In älterer italischer Schicht ist Maia, eine alte Früh-Sommer-Göttin, mit Vulcanus eng verbunden. Der erste Mai war ihr und ihm gewidmet, und gemeinsame Opfer am Volcanal lassen sich rekonstruieren.
Im weiteren Pantheon steht Vulcanus dem Gott Stata Mater nahe, einer Göttin, die das Niederbrennen von Brand wirken sollte, sowie dem Tiberinus, dessen Wasser bei Brandbekämpfung eine reale Rolle spielte. Diese Kombinationen verdeutlichen, dass Vulcanus weniger ein einzelner Gott als ein Schaltpunkt im Beziehungsnetz römischer Feuer- und Schutzgottheiten war.
Mulciber, ein Beiname Vulcanus‘ mit der Bedeutung «der Schmelzende», erscheint in epischer Dichtung vor allem bei Lucan und Statius und bezeichnet die schöpferische, kunstfertige Seite des Gottes. Diese Doppelheit als zerstörerischer und schöpferischer Feuergott ist eine Kontinuität aus archaischer Zeit, in der Vulcanus als Bildner kunstvoller Metallgegenstände und als Verursacher verheerender Brände gleichermaßen galt.
Eine selten erwähnte Verbindung besteht mit Stata Mater, einer alten Schutzgöttin gegen Brand, deren Heiligtum ebenfalls am Comitium lag. Die beiden bildeten ein altes Paar des öffentlichen Brandschutzes. Die Aufgabe der Stata Mater ging in der Kaiserzeit teilweise auf die Vigiles über, die ihre eigene Kulttopografie schufen.
Rezeption und Wirkung
In Renaissance und Barock blieb Vulcanus eine beliebte allegorische Gestalt für Kunstfertigkeit und Erfindergeist. Velázquez malte die Vulkanwerkstatt unter dem Ätna mit den Zyklopen, Rubens und Tintoretto griffen die Vulcanus-Mars-Venus-Episode auf. In der genuesischen und florentinischen Druckgraphik wurde Vulcanus zur Patronfigur der Schmiedezünfte stilisiert.
Mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts erlebte das Vulcanus-Bild eine neue Aktualität. Stahlwerke, Maschinenfabriken und Werften benannten sich nach dem Gott. Die Vulcan-Werft in Stettin, die Vulcan-Maschinenbau AG und zahlreiche andere Unternehmen knüpften an die antike Schmiedebildlichkeit an. Auch in der Geologie wurde das Wort Vulkan, abgeleitet von Vulcanus, zur Standardbezeichnung für feuerspeiende Berge.
In der populären Kultur des 20. Jahrhunderts taucht Vulcanus in Comics, Filmen und Spielen als Sinnbild der Schmiede, des Feuers und des Metallwerks auf.
Wissenschaftshistorisch interessant ist die kurzlebige Vulkan-Hypothese in der Astronomie, in der ein hypothetischer Planet innerhalb der Merkur-Bahn nach ihm benannt wurde, bevor die allgemeine Relativitätstheorie die Annahme überflüssig machte. Auch der Asteroid 4464 Vulcano trägt seinen Namen.
In der Astronomie der Frühen Neuzeit war «Vulkan» eine Zeit lang der hypothetische Planet zwischen Merkur und Sonne, dessen Bahn Urbain Le Verrier 1859 zur Erklärung der Periheldrehung des Merkur postulierte.
Erst Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie 1915 erklärte die Anomalie ohne Annahme eines weiteren Planeten, und «Vulkan» verschwand aus dem Sonnensystem-Modell. Die Episode lebt im Wort vulkanoid weiter, das in der heutigen Planetologie eine Klasse hypothetischer kleiner Körper in sonnennaher Bahn bezeichnet.
In der Geologie bezeichnet «Vulkan» seit dem 17. Jahrhundert alle feuerspeienden Berge. Athanasius Kircher beschrieb in seinem «Mundus Subterraneus» 1665 die Vulkane als Schornsteine eines unterirdischen Feuersystems, das er als Werk des römischen Gottes verstand. Diese Metaphorik prägte die frühe Vulkanologie bis weit ins 19. Jahrhundert und verband die antike Mythologie mit der entstehenden Naturwissenschaft.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Robert Schilling und Kurt Latte betonen die italisch-etruskische Tiefe des Vulcanus-Kultes. In älterer Schicht ist Vulcanus weniger Schmied als Brand- und Blitzgott, der außerhalb der Stadtmauern verehrt wird, um das Verzehrende ferner zu halten. Erst im hellenistischen Synkretismus wird er zur positiv geladenen Kunstfigur, in der Erfindergeist und Handwerk verschmelzen.
Georges Dumézil ordnet ihn der dritten der indogermanischen Funktionen zu, der produktiven, materiellen Welt. Aus dieser Sicht ist Vulcanus der Wirtschafts- und Schmiedegott neben Quirinus, dem Gott des Volkes.
Mary Beard und John North zeigen, dass diese typologische Zuordnung den städtischen Kult Roms nicht vollständig abbildet, weil die staatstragende Funktion am Volcanal eine Mehrdimensionalität bezeugt, die über Dumézils Schema hinausreicht.
John Scheid hebt die Bedeutung des Vulcanus-Kultes für die städtische Sicherheitsorganisation hervor. Brandschutz war in einer dichtbebauten Holzstadt eine zentrale öffentliche Aufgabe, und das Volcanal stand in dieser Hinsicht in unmittelbarer Funktion.
Jörg Rüpke arbeitet heraus, wie Vulcanus als Beispiel einer Gottheit dient, deren religiöse Funktion mit dem urbanen Wandel Roms eng verflochten war. Frank Sear und Andreas Schmidt-Colinet haben die archäologischen Spuren des Kultes in Ostia und in den nordafrikanischen Provinzen kartographiert.
Volcanal und Aedes Volcani
Das älteste Heiligtum Vulcanus‘ war das Volcanal am Comitium, ein unter freiem Himmel gelegener Altarplatz am Hang des Kapitols. Antike Topografen wie Festus berichten, dass der Platz von Romulus selbst nach dem Wunsch der sabinischen Herrscher gestiftet wurde, was die institutionelle Tiefenlage des Kultes andeutet.
Der Platz lag erhöht und in offener Luft, weil das Feuer, mit dem Vulcan verbunden war, nicht in geschlossenen Räumen verehrt werden durfte. Eine bronzene Schwertschmiede-Gruppe und eine Statue des Romulus standen lange auf dem Volcanal, bis sie in der Spätrepublik durch Bauarbeiten umgesiedelt wurden.
Der staatliche Tempel der späteren Zeit, die Aedes Volcani, lag auf dem Marsfeld, außerhalb der Stadtmauer, weil das Feuer als gefährliches Element nicht ins Stadtgebiet kommen sollte.
Diese topografische Ausgrenzung ist eine charakteristisch römische Lösung im Umgang mit ambivalenten Göttern, vergleichbar mit den Tempeln der Bellona und des Mars außerhalb des Pomeriums. Vitruv kommentiert in «De architectura» (I, 7), dass Tempel feuerverursachender Götter immer außerhalb der Stadt zu liegen hätten, eine Norm, die Vulcanus, Mulciber und Stata Mater betraf.
In Ostia entstand im 1. Jahrhundert ein eigenes Vulcansheiligtum mit zugehörigem Priesteramt, dessen Inhaber, die Pontifex Volcani, eine eigene Stellung in der Stadthierarchie hatte. Die zugehörigen Inschriften, vor allem CIL XIV 4 und 32, dokumentieren, dass das Vulcansheiligtum Ostias auch für Brandschutz und Stadtkalender zuständig war.
Die Iuli-Familie der ostiensischen Notabeln stellte über Generationen die Vulcan-Priester. In Pompeji belegen Wandmalereien und Lararienbilder den hauslichen Vulcankult, der vor allem in Werkstätten und Schmieden praktiziert wurde.
Volcanalia und Feueropfer
Das Hauptfest, die Volcanalia, wurde am 23. August begangen, einem Tag im Spätsommer, an dem die römischen Felder am trockensten waren und die Brandgefahr für Vorräte und Holzbauten am höchsten war. Die römische Religion überging diese Realgefahr nicht, sondern bezog sie ins Ritual ein.
Beim Volcansopfer wurden kleine Fische aus dem Tiber ins Feuer geworfen, ein archaischer Substitutionsritus, der nach Plutarchs «Quaestiones Romanae» 71 als Stellvertretung der menschlichen Seele zu verstehen war. Die Fische gaben das Wasser fürs Feuer ab und sicherten so symbolisch den Frieden zwischen den feindlichen Elementen.
Die nichtmenschlichen Opfertiere, vor allem Stierkalb und Eberkalb, wurden vollständig verbrannt, in Hekatomben-Form, also ohne den üblichen Mahlanteil für die Priester. Diese Form der Holokaust war im römischen Ritual selten und Vulcan vorbehalten.
Macrobius beschreibt in den «Saturnalien» (I, 12, 18), dass der Praefectus urbi am Volcansfest über das Tiberbett bei Nacht fackelnde Schüsseln ins Wasser tauchen ließ, ein lichtmagischer Akt, der das gefährliche Element unter Wasser bannen sollte.
Privat wurde das Fest in Händlerhäusern mit dem Löschen aller Werkstattfeuer und ihrem feierlichen Neuanzünden begangen. Diese Praxis ist epigraphisch in Pompeji und Herculaneum dokumentiert.
Ein Beleg ist die Tabula Pompeiana 19, die einen Lehrvertrag für einen Schmiedelehrling vom 22. August datiert, also einen Tag vor den Volcanalia, sodass die Aufnahme der Arbeit am Festtag beginnen konnte. Die Volcansfeste wurden in der Spätkaiserzeit über Italien hinaus in Gallien und Africa adoptiert, wo lokale Schmiedegötter mit Vulcanus identifiziert wurden.
Apotropäische Riten und Brandschutz
Die Mehrzahl der römischen Brandschutz-Riten war Vulcanus zugeordnet. Servius Tullius soll laut Cicero das erste städtische Brandschutzkollegium, die familia publica vigilum, eingerichtet haben, dessen Schutzgott Vulcan war.
Diese Truppe wurde in der augusteischen Reform der vigiles unter Cäsar Augustus 6 n. Chr. neu organisiert; die Cohortes vigilum erhielten eigene Vulcansheiligtümer in ihren Kasernenbauten. Die Inschrift CIL VI 1057 belegt einen Altar in der Statio der ersten Kohorte mit der Formel Volcano genio cohortis.
Apotropäische Praktiken im Privathaushalt umfassten das Löschen des Herdfeuers in der Nacht vor den Volcanalia, das Streuen von Salz auf den Herd und das Anbringen kleiner Bronzeplatten mit Vulcansdarstellung an Türen von Werkstätten.
Plinius der Ältere berichtet in der «Naturalis historia» (VII, 50), dass bestimmte Steinplatten als brandschutzwirksam galten, wenn sie am Vulcansfest unter der Schwelle vergraben wurden. Diese magische Komponente steht in einer langen Tradition italischer Hausreligion.
In der Spätantike wurde der Hl. Laurentius zum christlichen Brandschutz-Patron, dessen Martyriumstag, der 10. August, in unmittelbarer Nähe der Volcanalia lag. Diese Verschiebung des religiösen Brandschutzes von Vulcanus auf Laurentius ist von Robert Markus und Robin Lane Fox als Beispiel der christlichen Substitutionstheologie analysiert worden. Die kultische Funktion blieb gleich, nur der göttliche Adressat wechselte.
Quellen und weiterführende Literatur
Antike Quellen: Vergil «Aeneis», Ovid «Metamorphosen» und «Fasten», Livius «Ab urbe condita», Varro «De lingua latina», Plinius «Naturalis historia», Servius-Kommentar, Macrobius «Saturnalien», Plutarch «Romulus», Dionysios von Halikarnass «Römische Altertümer».
Forschungsliteratur: Robert Schilling, «Rites, cultes, dieux de Rome», Paris 1979. Kurt Latte, «Römische Religionsgeschichte», München 1960. Georges Dumézil, «La religion romaine archaïque», Paris 1966. Mary Beard, John North, Simon Price, «Religions of Rome», Cambridge 1998. John Scheid, «An Introduction to Roman Religion», Edinburgh 2003. Jörg Rüpke, «Die Religion der Römer», München 2001.





