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Lada, slawische Göttin der Liebe

Lada ist im slawischen Pantheon die Göttin der Liebe, der Schönheit, der Ehe und des Frühlings. Anders als die Götter der Vladimir-Sechserrunde ist Lada in keiner mittelalterlichen Chronik direkt belegt; ihr Name erscheint zuerst in spätmittelalterlichen polnischen Predigtschriften und in volkstümlichen Hochzeits- und Frühlingsliedern.

Aus diesem Grund ist ihre Existenz als eigenständige Göttin in der heutigen Forschung umstritten. Aleksander Brückner hielt sie für einen reinen Lied-Refrain, Aleksander Gieysztor und Boris Rybakov für eine genuine Göttin, deren Spur in der Volkstradition überdauerte. Die Page stellt beide Positionen vor und folgt dem heutigen vorsichtigen Konsens.

Inhaltsverzeichnis

Lada - Götter aus der Slawisch-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage und Forschungsstreit

Die ältesten Erwähnungen Ladas stammen aus polnischen Synodal-Beschlüssen und Predigtschriften des 15. Jahrhunderts. Der Beschluss der Synode von Łęczyca (1420) verbietet das Tanzen und Singen an Pfingsten und nennt dabei die Anrufungen «Łado, łado!».

Ähnliche Verbote tauchen in Jan Długosz‘ «Annales seu cronicae incliti Regni Poloniae» (1455 bis 1480) auf, der Lada als polnische Mars-Entsprechung beschreibt und ihr eine ganze polnische Götterliste an die Seite stellt. Diese Liste ist religionsgeschichtlich problematisch, weil Długosz das slawische Pantheon teils nach römischem Muster konstruiert hat.

Aleksander Brückner («Mitologia słowiańska», 1918) lehnte die Existenz Ladas als Göttin entschieden ab. Für ihn ist «łado» ein Liedrefrain, vergleichbar mit dem deutschen «lalala», der von späteren Geistlichen fälschlich personifiziert wurde. Diese skeptische Position war im 20. Jahrhundert lange dominant und wurde von Henryk Łowmiański weitgehend übernommen.

Aleksander Gieysztor («Mitologia Słowian», 1982) und Boris Rybakov haben dagegen für die Existenz Ladas argumentiert.

Gieysztor verweist auf die Häufigkeit und Verbreitung der Lada-Anrufungen vom Baltikum bis zum Balkan, auf Parallelen in der lettischen Mythologie (Laima, Schicksalsgöttin) und auf die strukturelle Notwendigkeit einer Liebes- und Frühlingsgöttin im rekonstruierbaren Pantheon.

Die jüngere Forschung (Jiří Dynda, Michael Shkapa) tendiert zu einer Mittelposition: Lada war wahrscheinlich eine ostslawisch-polnische volkstümliche Gestalt, die nicht zwingend zum offiziellen Pantheon der Kiewer Rus gehörte, aber in der Volksreligiosität verankert war.

Name und Etymologie

Der Name «Lada» wird vom urslawischen «*lada» («Geliebte, Frau, Ordnung») abgeleitet, mit Anschlüssen an altrussisch «ladъ» (Eintracht, Harmonie), serbisch «lada» (Frau, Geliebte) und tschechisch «ladný» (anmutig).

Im russischen Sprachgebrauch hat «lad» die Bedeutung «Frieden, Ordnung, Eintracht» bis ins moderne Russisch behalten. Die etymologische Verbindung mit der nordgermanischen Vanen-Göttin Frigg/Frigga (von indoeuropäisch «*priH-», lieben) wurde gelegentlich diskutiert, ist aber sprachlich nicht zwingend.

Funktion und Erscheinungsbild

Soweit aus den volksreligiösen Quellen rekonstruierbar, ist Lada die Göttin der Liebe, der Ehe, der weiblichen Schönheit und des Frühlings. Sie wird in Frühlingsliedern angerufen, beim Hochzeitsritus erwähnt und in Kreis- und Reigentänzen («Khorovody») besungen.

In der ukrainischen und polnischen Folklore ist sie oft die Schutzgöttin junger Mädchen und unverheirateter Frauen, ihre Verehrung fällt mit dem Maibrauchtum zusammen. In den ältesten erhaltenen Liedern erscheint sie häufig mit einer männlichen Begleitgestalt namens «Lado» oder «Lel», deren Status als eigenständiger Gott ebenso umstritten ist.

Die bildende Kunst hat sich erst seit der romantischen Volksbewegung des 19. Jahrhunderts auf Lada bezogen und sie als blonde Jugendliche im weißen Hochzeitsgewand dargestellt, oft mit Blütenkranz und in Begleitung von Schwänen. Diese Ikonografie ist eine neuzeitliche Konstruktion und hat keine direkten mittelalterlichen Vorlagen.

Verehrung und Volksbrauch

Die wichtigste Spur Ladas ist die Anrufung «Łado, łado!» (auch «Lada, Lada!» oder «Łado, Łado, jary Łado!») in Frühlings- und Hochzeitsliedern. Diese Refrains sind in polnischen, ukrainischen, weißrussischen und russischen Liedersammlungen des 19. Jahrhunderts in großer Zahl dokumentiert.

Aleksander Afanasjew hat in «Poeticheskiye vozzreniya slavyan na prirodu» (1865 bis 1869) zahlreiche Beispiele gesammelt. Die kritische Folkloristik der Sowjetzeit (Vladimir Propp, Boris Putilov) hat einen Teil dieser Sammlungen auf ihre Authentizität geprüft und zwischen volkstümlich-archaischen und literarisch beeinflussten Quellen unterschieden.

Im Mai- und Pfingstbrauchtum vieler slawischer Regionen waren Mädchen-Reigen, Kranzwerfen und Schwimmenlassen von Kränzen verbreitete Praktiken, in denen Lada angerufen wurde. Der ukrainische «Hahilki»-Reigen, das polnische «Stado» und das südslawische «Lazarice»-Brauchtum gehören in diesen Komplex. Ob diese Bräuche direkt aus einem alten Lada-Kult stammen oder allgemein-vegetative Frühlingsrituale sind, lässt sich nicht eindeutig entscheiden.

Hochzeit und Familienkult

Lada erscheint in Hochzeitsliedern als Schutzgöttin der Braut und der jungen Ehe. In manchen Regionen wurde die Braut «Lada» genannt; das polnische Liebeslied «O Łado, Łado» ist ein klassisches Beispiel.

In der südslawischen Folklore ist «lada» bis heute ein Kosewort für die Geliebte. Diese sprachliche Spur stützt die These einer ursprünglichen Göttin der Eheordnung, deren Name in den profanen Sprachgebrauch eingegangen ist.

Religionsgeschichtliche Einordnung und Parallelen

Strukturell entspricht Lada den Funktionen, die in anderen indoeuropäischen Pantheons von Liebes- und Schönheitsgöttinnen wahrgenommen werden: Freya (Germanisch), Aphrodite (Griechenland), Venus (Rom), Lakshmi (Hinduismus), Hathor (Ägypten).

Anders als diese ist Lada nicht durch monumentale Tempel oder dogmatische Mythen abgesichert; ihre Realität bleibt in der Volksreligion verankert. Diese Lage ist religionsgeschichtlich nicht ungewöhnlich: Auch die baltische Laima, die mit Lada strukturelle Ähnlichkeiten hat, ist primär folkloristisch belegt.

Vladimir Toporov hat die slawische Lada mit der lettischen Laima und der hethitischen Hannahanna in einer indoeuropäisch-anatolischen Schicht zusammengeführt; diese tiefenstrukturalistische Rekonstruktion ist methodisch ambitioniert und in Teilen umstritten. Boris Rybakov hat versucht, Lada in eine archaische «Große Göttin»-Schicht der östlichen Slawen einzuordnen; auch diese Konstruktion gilt als überschießend.

Nachleben und moderne Rezeption

Im 19. Jahrhundert wurde Lada zur prominenten Figur der slawischen Romantik. Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und ukrainische Dichter wie Ivan Franko bezogen sich in ihren Werken auf sie.

In der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts (Mussorgski, Stravinsky) tauchen Lada-Anspielungen auf, besonders im «Sacre du printemps» (1913), das auf den Frühlings-Reigen anspielt. In der bildenden Kunst des Polnischen Modernismus («Młoda Polska») ist Lada eine wiederkehrende Figur.

Die moderne Rodnoverie-Bewegung (Neuheidentum) hat Lada zur zentralen weiblichen Gottheit eines rekonstruierten Pantheons gemacht. Aus religionshistorischer Sicht ist diese Wiederbelebung eine Neukonstruktion, die sich auf die Volksüberlieferung und die romantischen Sammlungen stützt, nicht auf eine durchgehende Kultpraxis.

Quellen

Synodal-Beschluss von Łęczyca (1420). Jan Długosz, «Annales seu cronicae incliti Regni Poloniae» (1455 bis 1480), Buch I. Polnische Predigtschriften und Synodalbeschlüsse des 15. Jahrhunderts. Ukrainische, weißrussische und russische Liedersammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts, insbesondere die Sammlungen Aleksander Afanasjews und Pavel Chubinskys.

Aleksander Brückner, «Mitologia słowiańska», Krakau 1918 (kritische, skeptische Position). Aleksander Gieysztor, «Mitologia Słowian», Warschau 1982. Boris Rybakov, «Yazychestvo drevnikh slavyan», Moskau 1981 (mit Vorbehalt).

Vladimir Toporov und Vyacheslav Ivanov, «Issledovaniya v oblasti slavyanskikh drevnostey», Moskau 1974. Henryk Łowmiański, «Religia Słowian i jej upadek», Warschau 1979. Vladimir Propp, «Russkie agrarnye prazdniki», Leningrad 1963. Jiří Dynda, «Slovanské pohanství ve středověkých latinských pramenech», Prag 2017. Michael Shkapa und weitere Beiträge in «Studia Mythologica Slavica», Ljubljana seit 1998.

Die Brückner-Kontroverse

Aleksander Brückner (1856 bis 1939), der bedeutendste polnische Slawist seiner Generation, hat die Lada-Frage in der Forschung des frühen 20. Jahrhunderts dominiert.

In «Mitologia słowiańska» (1918) und in mehreren Detailaufsätzen vertrat er die These, dass «Lada» kein Götterhname, sondern lediglich ein Liedrefrain sei, vergleichbar mit den lautmalerischen Einschüben «hej», «dana» oder «lalala», die in vielen slawischen Volksliedern vorkommen.

Brückners Argument stützte sich auf die fehlende Erwähnung in mittelalterlichen Hauptquellen, auf das Auftreten ähnlicher Refrains in nicht-religiösen Kontexten und auf die Vermutung, dass Geistliche des 15. Jahrhunderts den unbekannten Refrain als Götternamen missverstanden hätten.

Diese skeptische Position hat das Bild Ladas in der Forschung des 20. Jahrhunderts lange dominiert. Henryk Łowmiański übernahm sie in seinem klassischen Werk «Religia Słowian i jej upadek» (1979) im Wesentlichen, und auch jüngere kritische Religionswissenschaftler wie Stanisław Urbańczyk haben die Brückner-Linie verteidigt.

Argumente dafür sind die methodische Vorsicht im Umgang mit volkskundlichen Spätbelegen und das Bewusstsein, dass slawische Religionsrekonstruktionen oft auf schwacher Quellenbasis fußen.

Die Gegenposition Gieysztors und Rybakovs

Aleksander Gieysztor («Mitologia Słowian», 1982) hat die Brückner-These wesentlich modifiziert. Er argumentiert, dass die Häufigkeit und geografische Verbreitung der Lada-Anrufungen vom Baltikum bis zum Balkan, von Polen bis zum südlichen Balkan, schwerlich durch einen einzelnen lautmalerischen Refrain erklärt werden könne.

Die strukturelle Ähnlichkeit mit der lettischen Laima (Schicksals- und Liebesgöttin) und die etymologische Verbindung zum urslawischen «lada» (Geliebte, Frau) sprechen für eine echte Göttin der Liebe und der Eheordnung, die zumindest in der west- und ostslawischen Volksreligion verankert war.

Boris Rybakov ist noch weiter gegangen und hat Lada in seinen Hauptwerken als zentrale Muttergottheit eines rekonstruierten slawischen Pantheons positioniert. Seine Argumentation ist materialreich, aber methodisch problematisch; viele seiner Identifikationen (Lada mit Frühlings-Vegetationsgöttin, mit Hochzeitsschutzgottheit und mit kosmischer Schöpferin) gelten in der heutigen Forschung als überzogen. Die kritische Slawistik hat Rybakovs Maximalposition zurückgewiesen.

Die jüngere Forschung (Jiří Dynda, Michael Shkapa, das Umfeld der «Studia Mythologica Slavica») tendiert zu einer Mittelposition: Lada hat wahrscheinlich als volksreligiöse Gestalt existiert, war aber nicht zwingend Mitglied des offiziellen ostslawischen Reichspantheons der Kiewer Rus. Ihre Verehrung war volkstümlich-bäuerlich, nicht höfisch-kultisch.

Die polnische Quellentradition Długosz

Eine besondere Rolle spielt die polnische Götterliste des Jan Długosz in seiner «Annales seu cronicae incliti Regni Poloniae» (verfasst 1455 bis 1480). Długosz listet ein polnisches Pantheon mit den Namen Jesza (entspr. Jupiter), Lada (entspr. Mars), Dziedziłela (entspr. Venus), Nyja (entspr. Pluto), Dziewanna (entspr.

Diana) und Marzanna (entspr. Ceres) auf. Diese Liste ist historisch problematisch: Sie folgt erkennbar dem römischen Schema der Götternamen und sieht teilweise wie eine humanistische Konstruktion aus, in der Długosz den Polen ein ebenbürtiges Pantheon zu den Römern und Griechen zuschreiben wollte.

Bemerkenswert ist, dass Długosz Lada männlich identifiziert (als Mars). Dies steht im Widerspruch zur volksreligiösen Tradition, in der Lada eindeutig weiblich ist.

Die heutige Forschung deutet diese Diskrepanz teilweise als Hinweis auf eine Doppelgeschlechtlichkeit der Figur (parallel zu männlichem «Lado» und weiblicher «Lada» in den Liedern), teilweise als Beweis für die Konstrukthaftigkeit der Długosz-Liste. Aleksander Brückner hielt Długosz für unzuverlässig, Aleksander Gieysztor sah in ihm zumindest einen wichtigen Indizienhinweis auf die polnische Volksreligiosität des Spätmittelalters.

Lada und Łado in den Hochzeitsliedern

In den polnischen, ukrainischen, weißrussischen und südslawischen Hochzeitsliedern erscheint «Lada» (oder «Łado») in der Regel als Anrufung im Refrain. Die Form variiert: «Łado, łado!», «Łado-Łado, dany-łado!», «Oj Lado moje».

Die Tatsache, dass die Anrufung nicht nur weibliche, sondern auch männliche Form annehmen kann («Łado» als männliche Vokativform), hat zur Diskussion über ein göttliches Paar «Lada-Łado» geführt. Boris Rybakov und einige neuere Autoren haben diese Paargestalt rekonstruiert; Aleksander Brückner hielt sie für eine Konstruktion ohne historische Basis.

Die Hochzeitslieder selbst sind in Sammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts überliefert. Vuk Karadžić, Aleksander Afanasjew, Pavel Chubinski und andere Folkloristen haben hunderte Beispiele gesammelt.

In einer typischen Stelle wird die Braut zur Lada erklärt, oder die Brauteltern werden um Segen «im Namen Ladas» gebeten. Wie weit diese Anrufungen einen religiösen Hintergrund haben, ist in jedem Einzelfall zu prüfen; vielfach handelt es sich um traditionelle Formeln ohne aktive religiöse Funktion.

Lada und die lettische Laima

Eine wichtige Vergleichsfigur ist die lettische Laima, die Schicksals- und Geburtsgöttin des baltischen Pantheons. Laima ist in lettischen Volksliedern (Dainas) gut belegt und wird als Schicksalsgöttin angerufen, die das Geschick der Neugeborenen festlegt.

Strukturelle Parallelen zur slawischen Lada sind die Verbindung mit Hochzeit und Geburt, der Frühlingsbezug und der weibliche, anrufbare Charakter. Vladimir Toporov hat diese Parallele in seiner indoeuropäisch-baltisch-slawischen Vergleichs-Forschung systematisch ausgewertet und vermutet eine gemeinsame indoeuropäische Schicht hinter beiden Figuren.

Eine weitere Vergleichsfigur ist die anatolisch-hethitische Hannahanna («Großmutter»), eine Muttergöttin der Fruchtbarkeit und der Geburt. Diese tiefenstrukturalistische Rekonstruktion bleibt hypothetisch; sie zeigt aber, dass die Lada-Diskussion über die slawische Sphäre hinaus in ein größeres indoeuropäisches Forschungsfeld eingebettet ist.

Lada in der modernen Rezeption

Mit dem Aufkommen der slawischen Nationalromantik im 19. Jahrhundert wurde Lada zu einer der prominentesten Figuren des wiederentdeckten Heidentums. Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki, Cyprian Norwid und ukrainische Dichter wie Ivan Franko haben sich in ihren Werken auf sie bezogen.

In der Malerei der polnischen «Młoda Polska»-Bewegung («Junges Polen», ca. 1890 bis 1918) ist Lada eine wiederkehrende Gestalt; Stanisław Wyspiański und Jacek Malczewski haben Lada-Motive aufgegriffen.

In der Musik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist Lada in verschiedenen ostslawischen Werken präsent, am bedeutsamsten in Igor Stravinskys «Sacre du printemps» (1913), das auf den Frühlings-Reigen anspielt. In der zeitgenössischen Rodnoverie- und neuheidnischen Bewegung ist Lada eine zentrale weibliche Hauptgottheit. Diese moderne Verehrung ist religionshistorisch als Neukonstruktion zu werten.

Die südslawische Lazarice-Tradition

Eine bemerkenswerte Spur der Lada-Tradition findet sich in der südslawischen «Lazarice»-Tradition, die in Serbien, Bulgarien und Mazedonien um das orthodoxe Lazarus-Fest (Lazareva Subota, am Samstag vor Palmsonntag) begangen wird.

Junge Mädchen ziehen, in weiße Tracht gekleidet und mit Blütenkränzen geschmückt, von Haus zu Haus, singen Frühlings- und Hochzeitslieder mit Lada-Anrufungen und erhalten dafür Eier, Geld und kleine Geschenke. Diese Tradition ist in vielen südslawischen Dörfern noch im 20. Jahrhundert lebendig gewesen und wird mancherorts bis heute gepflegt.

Wissenschaftlich ist die Lazarice-Tradition ein klassischer Fall der christlich-heidnischen Überlagerung. Der christliche Name (Lazarus) wurde einer vorchristlichen Frühlingstradition aufgeprägt, die sich um Mädchen-Reigen, Lada-Anrufungen und Vegetationssymbole drehte. Vuk Karadžić hat diese Tradition im 19. Jahrhundert erstmals dokumentiert, Sergej Tokarev hat sie in ihre allgemeine Theorie der ostslawischen Frühlings-Religiosität eingeordnet.

Geschlechterrollen und das slawische Hochzeitsritual

Die zentrale Rolle Ladas im slawischen Hochzeitsritual wirft ein Licht auf die historische Funktion von Geschlechterrollen-Konstruktionen im vorchristlichen Slawentum.

Anders als bei vielen indoeuropäischen Pantheons, in denen die Hauptgöttinnen häufig auch kriegerische oder königliche Funktionen wahrnehmen (Hera, Juno, Athena), ist Lada eine fokussiert geschlechterrollen-spezifische Gottheit: ihre Sphäre ist die der Frau in der Ehe, der Liebe und der Familie.

Diese funktionale Beschränkung könnte auf eine relativ späte Spezialisierung hindeuten oder auf eine andere strukturelle Logik des slawischen Pantheons.

In den slawischen Hochzeitsliedern, die in den Sammlungen Aleksander Afanasjews und Pavel Chubinskis breit dokumentiert sind, wird die Braut häufig als «Lada» angesprochen.

Diese Identifikation der Braut mit der Göttin ist ein klassisches Beispiel für die rituelle Aufwertung der Hochzeit als sakralen Akt, in dem die Braut für die Dauer des Festes göttlichen Status erhält. Vladimir Propp hat in «Russkie agrarnye prazdniki» ähnliche Phänomene bei Erntefesten und Vegetationsriten beschrieben.