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Tuchulcha - Schreckhafter etruskischer Unterweltsdämon mit Schlangenhaar

Tuchulcha ist in der etruskischen Religion ein schreckhafter Dämon der Unterwelt, der mit Schlangenhaar, Eselsohren, Geier-Schnabel und drohender Haltung dargestellt wird. Anders als die geleitenden Dämonen Charun und Vanth ist Tuchulcha aktiv straffend und erinnert an griechische Erinyen-Furien. Diese Darstellung beschreibt seine religionswissenschaftliche Stellung im etruskischen Eschatologie-System.

TodeswesenEtruskischUnterweltsdämon

Inhaltsverzeichnis

Tuchulcha - Dämonen aus der Etruskisch-Tradition, historisch-illustrativ

Einordnung im etruskischen Pantheon

Tuchulcha gehört zu den Dämonen der etruskischen Unterwelt. Er ist nicht ‚Gott‘ im Sinne der Olympier, sondern ein machtvolles Unterweltswesen, das eine ausgeprägt strafende und schreckhafte Funktion hat. Auf der Tomba dell’Orco II in Tarquinia ist er in einer berühmten Szene zusammen mit Theseus und Peirithoos dargestellt – Helden, die in der Unterwelt gefangen sind.

Larissa Bonfante, Stephan Steingräber und Cornelia Weber-Lehmann haben Tuchulcha in ihren Werken zur etruskischen Religion behandelt. Er ist eine besonders eindringliche Gestalt der etruskischen Sepulkralikonografie.

Der schreckhafte Unterweltsdämon Tuchulcha ist Teil einer Religion, die religionswissenschaftlich vor allem deshalb interessiert, weil sie zwischen dem griechisch-mediterranen und dem italisch-römischen Traditionskreis steht. Massimo Pallottino, Jacques Heurgon, Sybille Haynes, Mauro Cristofani und Giovanni Colonna haben mit ihren Untersuchungen das Bild einer eigenständigen etruskischen Überlieferung geschärft.

Tuchulchas eng begrenzte, strafende Rolle in der Unterwelt fügt sich in eine etruskische Theologie, die ihr Pantheon hierarchisch ordnete und Funktionen klar zuwies. Die ältere Charakterisierung des etruskischen Götterglaubens als ‚mysteriös‘ oder ‚fremdartig‘ wird der Sache nicht gerecht: Er ist eine eigenständige Ausprägung mediterraner Religion.

Tuchulcha gilt als weitgehend eigenständige etruskische Schöpfung und zeigt dennoch, wie die Etrusker in der italischen Religionsgeschichte zwischen griechischem Einfluss und der werdenden römischen Religion vermittelten. Diese Mittlerstellung ist wissenschaftlich von besonderem Reiz.

Tuchulcha hat keine erkennbare griechische Vorlage und belegt damit, was die religionsethnologische Forschung der letzten Jahrzehnte allgemein herausgearbeitet hat: Die etruskische Religion ist ein in sich geschlossenes, religionsphänomenologisch eigenständiges System. Die frühere Lesart, sie sei nur ein Ableger der griechischen Religion, ist einer differenzierteren Sicht gewichen.

Name und Etymologie

Der Name Tuchulcha ist nur auf der Tomba dell’Orco II durch Beischrift sicher belegt. Eine sichere etymologische Bedeutung ist nicht rekonstruiert. Helmut Rix‘ Editio Minor dokumentiert den Beleg.

Die Namensform ist sprachlich isoliert und hat keine offensichtlichen Parallelen in anderen etruskischen Theonymen. Diese Isoliertheit deutet darauf hin, dass Tuchulcha eine eigenständige etruskische Schöpfung ist, ohne direkte griechische Vorlage.

Tuchulchas Name ist sprachlich isoliert überliefert, was sich in das Gesamtbild fügt: Die etruskische Sprache selbst gilt als sprachfamilial isoliert oder als Teil einer hypothetischen ‚tyrsenischen‘ Familie mit dem Lemnischen und dem Rätischen. Die Entzifferung der Texte beschäftigt die Forschung seit dem 19. Jahrhundert und ist bis heute offen.

Der einzige sichere Beleg für Tuchulcha, die Beischrift der Tomba dell’Orco II, ist in Helmut Rix‘ Editio Minor erfasst, der grundlegenden epigrafischen Sammlung des etruskischen Sprachkorpus. Sie wird heute durch den Thesaurus Linguae Etruscae und die Online-Datenbank ETP (Etruscan Texts Project) ergänzt.

Tuchulcha gilt als genuin etruskische Gestalt ohne fremde Vorlage, doch die Herkunft der Etrusker selbst bleibt umstritten: Herodot leitete sie aus Lydien ab, Dionysios von Halikarnass aus Italien. Religionshistorisch ist diese Frage bedeutsam, weil sie mögliche Verbindungen zu kleinasiatischen Kulten betrifft.

Weil Tuchulchas Name sprachlich isoliert dasteht, ist der enge Verbund von Sprach- und Inschriftenforschung hier besonders wichtig. Die digitale Edition etruskischer Texte im ETP (Etruscan Texts Project) erleichtert vergleichende Studien erheblich, und Marie-Laurence Haack und Vincent Jolivet haben dazu wegweisende Arbeiten beigetragen.

Beschreibung und Ikonografie

Tuchulcha wird in der Tomba dell’Orco II ungeheuerlich dargestellt: männlich, mit Geier-Schnabel oder hookigem Nase, Eselsohren, gelblich-grauer Haut und Schlangen anstelle von Haaren. Er trägt eine Schlange in der Hand und droht den gefangenen Helden. Diese Ikonografie ist religionsphänomenologisch ausgeprägt schreckhaft und gehört zu den eindringlichsten Bildwerken der etruskischen Sepulkralkunst.

Stephan Steingräber hat in Etruscan Painting die ikonografische Bedeutung dieser Darstellung erschlossen. Die Mischung von Tier- und Menschenelementen weist Tuchulcha als ‚misch-wesentliches‘ Dämon aus – ein verbreiteter religionsphänomenologischer Typus.

Tuchulcha ist fast ausschließlich über ein einziges Bildwerk bekannt, was die Bedeutung der etruskischen Bildkunst unterstreicht: Spiegel, Vasen, Grabmalerei und Bronzen sind die Hauptquellen unseres Wissens. Larissa Bonfante hat diese Bildsprache als selbstständige, nicht bloß abgeleitete Tradition gewürdigt.

Tuchulcha ist gerade durch die etruskische Grabmalerei bekannt, die in Tarquinia, Cerveteri und Vulci eine erstrangige Quelle zur etruskischen Religion und Eschatologie bildet. Ihre Bankett-, Tanz- und Musikszenen sowie mythologischen Episoden stellen das Jenseits als Fortsetzung des Lebens dar.

Tuchulcha ist auf der Tomba dell’Orco II Teil einer mehrfigurigen Komposition mit Theseus und Peirithoos und veranschaulicht so die Vorliebe der etruskischen Ikonografie für narrative Bezüge und symbolische Verdichtungen. Diese Bildersprache ist Gegenstand der etruskischen Religionsikonografie.

Die Tomba dell’Orco II zeigt Tuchulcha eingebettet in eine vielschichtige Szene und steht damit für die narrative Verdichtung der etruskischen Bildkunst, in der ein Spiegel oder eine Vase mehrere mythologische Bezüge zugleich präsentieren kann. Diese Dichte verlangt eine sorgfältige Kontextanalyse.

Tuchulcha in der etruskischen Eschatologie

Tuchulcha ist Teil der etruskischen Vorstellung von der Unterwelt als komplex strukturierter Raum mit unterschiedlichen Dämonen-Funktionen. Wahrend Charun und Vanth die Toten geleiten, scheint Tuchulcha eine straffende Funktion zu haben: Er bedroht die in der Unterwelt Gefangenen und sorgt für ihre Pein.

Diese Funktionsdifferenzierung ist wissenschaftlich bemerkenswert. Sie zeigt, dass die etruskische Unterwelt ein Bereich mit klaren Rollenverteilungen ist, kein undifferenzierter Schattenraum.

Über Tuchulcha existiert keine erzählende Überlieferung, was kein Sonderfall ist: Die etruskische Mythologie liegt generell nicht in ausgearbeiteten narrativen Texten vor wie die griechische oder römische. Sie wird aus Bildquellen, Inschriften und der griechisch-römischen Sekundärüberlieferung rekonstruiert, was methodische Vorsicht verlangt.

Tuchulcha tritt in einer Szene mit den griechischen Helden Theseus und Peirithoos auf und beleuchtet so das komplexe Verhältnis beider Mythologien. Die Etrusker adaptierten viele griechische Stoffe um Achilleus, Odysseus oder Ödipus, gaben ihnen aber eigene Deutungen. Diese Adaption ist Gegenstand intensiver Forschung.

Tuchulcha ist Teil eines dichten Geflechts von Unterweltsgestalten und fügt sich damit in ein Grundprinzip etruskischer Theologie, den Götterrat (consensus deorum). Auch Tinia berät sich mit anderen Göttern, statt allein zu handeln. Dieses Konzept gilt religionsphänomenologisch als Spezifikum.

Tuchulchas Gestalt ist nur durch ein beischriftgesichertes Bildwerk fassbar, denn die mythologische Tradition der Etrusker liegt nicht in geschlossenen Erzählungen vor. Sie wird vielmehr aus Bildszenen, Inschriften und Sekundärquellen rekonstruiert. Bewährt ist die Verbindung von etruskischer Beischrift, griechischem Bildvorbild und kontextueller Lesung.

Mythologische Erzählungen

Die wichtigste Tuchulcha-Erzählung ist seine Begegnung mit Theseus und Peirithoos in der Tomba dell’Orco II. Die griechische Mythologie kennt die Geschichte, wie Theseus und Peirithoos in die Unterwelt steigen, um Persephone zu rauben, und dort gefangen werden.

Die etruskische Adaption fügt Tuchulcha als straffenden Dämon hinzu – ein Element, das in der griechischen Tradition nicht in gleicher Weise belegt ist.

Diese Adaption zeigt die etruskische Kreativität im Umgang mit griechischen Mythen. Sie fügt eigene Charaktere hinzu, die das Bild der Unterwelt verstärken.

Zum Kern der etruskischen Religion zählte die Disciplina Etrusca, das Wahrsagesystem aus Eingeweideschau (haruspicina), Blitzdeutung (fulguratio) und Vogelschau (auspicia). Von den Etruskern an die Römer überliefert, blieb sie bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch; Cicero und Seneca haben sie ausführlich beschrieben.

In spezialisierten Priesterschulen wurde die Disciplina Etrusca weitergegeben; ihre zentralen Schriften waren die Libri Rituales, die Libri Haruspicini und die Libri Fulgurales. Erhalten sind sie nicht, doch Zitate bei Cicero, Festus und Macrobius erlauben eine teilweise Rekonstruktion.

Der etruskische Kult war stark stadtgebunden. Tarquinia, wo Tuchulcha in der Tomba dell’Orco II überliefert ist, hatte eigene Hauptkulte und religiöse Eigenheiten, ebenso Caere, Vulci, Veji, Clusium, Volsinii, Cortona, Perugia, Arezzo, Volterra, Populonia und Roselle.

Als kohärentes religiös-divinatorisches System zählt die Disciplina Etrusca zu den hochentwickelten Wahrsagepraktiken der antiken Welt. Die Römer übernahmen sie systematisch, und sie blieb bis in die späte Antike in Gebrauch, eine historisch bemerkenswerte Kontinuität.

Kult und Rituale

Tuchulcha wurde nicht in dem Sinne ‚verehrt‘, wie die olympischen Götter. Sein Bild diente primär der Vergegenwärtigung der Unterwelt-Schreckhaftigkeit, der pythagoreischen und etruskischen Lehre vom Jenseits.

Die religionspädagogische Funktion solcher Schreckdarstellungen ist wissenschaftlich interessant. Sie diente möglicherweise der Förderung ethischen Verhaltens im Diesseits: Wer Böses tut, fürchtet Tuchulchas Strafe im Jenseits.

Die etruskischen Tempel zeigen architektonische Eigenheiten: Der Tuscanus-Stil bildet eine eigene Säulenordnung, die Vitruv in De Architectura beschreibt. Ihre Grundrisse betonen die Cella und eine breite Frontalhalle und heben sich darin klar von griechischen Vorbildern ab.

Die etruskischen Tempel waren vielfach monumentale Bauwerke. Der Iuppiter-Tempel auf dem Capitolium in Rom wurde von etruskischen Architekten und Künstlern, insbesondere von Vulca aus Veji, gebaut und gilt als architektonisches Zeugnis etruskischer Religiosität im frühen Rom.

Die etruskische Liga der zwölf Städte trat jährlich am Fanum Voltumnae bei Volsinii zur religiösen und politischen Versammlung zusammen. Voltumna war der Bundesgott des etruskischen Staatenbundes, und ihm kam übergeordnete religiöse Bedeutung zu.

Die etruskischen Tempel ruhten häufig auf Tuffstein-Fundamenten, trugen hölzerne Oberbauten und Terrakotta-Verzierungen. Als architektonisches und religiöses Hauptzeugnis dieser Tradition gilt die berühmte Apollon-Statue von Veji, ein Werk des Vulca.

Schutztraditionen

Tuchulcha war eher das, wovor man sich schützte, als ein Wesen, das man anrief. Apotropäische Praktiken zielten darauf, sein Erscheinen zu vermeiden – sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Wer gut lebte, brauchte ihn nicht zu fürchten.

Diese ’negative‘ Funktion ist religionsphänomenologisch typisch für Dämonen-Figuren. Sie wirken durch die Furcht, die sie auslösen, nicht durch direkte Anrufung.

Die etruskische Schutzpraxis kannte viele apotropäische Mittel: Phallusamulette, Gorgoneion-Bilder, Augensymbole, Bullae und bestimmte Formeln. Ihre Bildsprache hat Larissa Bonfante in Etruscan Mirrors (1980 ff.) erschlossen.

In der etruskischen Kultur fanden sich apotropäische Symbole wie das Auge des Tinia, Phallusamulette und Gorgoneia weithin. Sie schmückten Tempel, Gräber, Hausschreine und persönliche Gegenstände, und diese Praxis wurde im römischen und mediterranen Volksglauben weitergeführt.

Im etruskischen Kontext war die Schutzpraxis eng an die Disciplina Etrusca gebunden. Vor jeder bedeutenden Unternehmung, ob Stadtgründung, Kriegszug oder Hausbau, wurde divinatorisch konsultiert.

Parallelen in anderen Kulturen

Tuchulcha lässt sich religionsvergleichend mit den griechischen Erinyen (Furien), den germanischen Riesen, den christlichen Höllen-Dämonen und den buddhistischen Naraka-Wächtern vergleichen. Die Idee schreckhafter Unterwelts-Strafdämonen ist religionsphänomenologisch universal.

Die spezifisch etruskische Ausprägung Tuchulchas ist die ausgeprägte ikonografische Verdichtung verschiedener Tierelemente (Geier, Esel, Schlange) in einer Figur. Diese ‚Hybridität‘ ist religionsphänomenologisch interessant und zeigt die kreative Eigenständigkeit der etruskischen Bildkunst.

Durch die interpretatio Romana wurden etruskische Götter unter römischen Namen geführt: Tinia wurde zu Iupiter, Uni zu Iuno, Menrva zu Minerva. Diese Zuordnung war meist selektiv und nicht vollständig; die Forschung der letzten fünfzig Jahre arbeitet heraus, was an etruskischer Eigenart bestehen blieb.

Die etruskische Religion berührt sich vielfach mit anatolischen, phönizischen und nahöstlichen Traditionen. Die phönizische Vermittlung ist durch die Pyrgi-Tafeln dokumentiert, und diese transmediterrane Vernetzung gehört zu den wichtigen Forschungsfeldern der letzten Jahrzehnte.

Religionsvergleichend lässt sich der etruskische Kult der mediterranen Religionsfamilie zuordnen, mit Bezügen zu Griechenland, Phönizien, Ägypten, Anatolien und Latium. Diese Vernetzung stellt ein wichtiges Forschungsfeld dar.

Heutige Forschung

Die Tuchulcha-Forschung ist eng mit der Erforschung der Tomba dell’Orco II in Tarquinia verbunden. Stephan Steingräber, Marina Cipollone und Cornelia Weber-Lehmann haben wichtige Beiträge geleistet.

Die Forschung untersucht die religionspädagogische Funktion solcher Schreckdarstellungen sowie ihre möglichen Bezüge zur pythagoreischen Lehre, die in Süditalien und Etrurien starken Einfluss hatte.

Die etruskische Religion ist heute Gegenstand internationaler Forschung. Wichtige Zentren sind die Universitäten Florenz, Rom Sapienza, Pisa, Tübingen und Princeton, und jährlich widmen sich mehrere internationale Kongresse einzelnen Aspekten.

Internationale Forschungsprojekte zur etruskischen Religion bedienen sich heute digitaler Methoden: 3D-Scans von Tempeln und Gräbern, Datenbanken zu Inschriften und Bildquellen sowie GIS-Analysen der etruskischen Siedlungsstruktur. Diese Verfahren eröffnen neue Erkenntnisse.

Die heutige etruskische Forschung wird öffentlich vermittelt durch Ausstellungen im Vatikanischen Museum, im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia und im Boston Museum of Fine Arts sowie durch zahlreiche Publikationen.

Quellen und Forschungsstand

Die wichtigste Quelle zu Tuchulcha ist die Tomba dell’Orco II in Tarquinia. Daneben sind möglicherweise weitere Dämonenfiguren in etruskischen Gräbern als Tuchulcha-Verwandte zu deuten, allerdings ohne sichere Beischrift.

Eine vertiefte Einordnung in die etruskische Religionsgeschichte insgesamt zeigt, wie Tuchulcha im Beziehungsgefüge mit Charun, Vanth, Aita und anderen Unterweltswesen zu verstehen ist. Diese Vernetzung ist wissenschaftlich essentiell.

Heterogen ist die Quellenlage zur etruskischen Religion: epigrafische Zeugnisse wie Helmut Rix‘ Editio Minor, archäologische Funde, Bildquellen und Sekundärliteratur. Diese Vielfalt verlangt interdisziplinäre Methoden, weshalb die jüngere Forschung Philologie, Archäologie, Religionswissenschaft und Anthropologie systematisch verbindet.

Die Quellenkritik zur etruskischen Religion setzt voraus, dass man die etruskischen Eigenquellen ebenso beherrscht wie die griechisch-römische Sekundärüberlieferung. Diese Doppelperspektive ist anspruchsvoll, für eine angemessene religionshistorische Rekonstruktion jedoch unverzichtbar.

Um die etruskische Religionsgeschichte vertieft einzuordnen, sind Kenntnisse der epigrafischen, archäologischen und literarischen Quellen ebenso nötig wie der modernen Religionswissenschaft. Eine solche mehrschichtige Auseinandersetzung gehört zum Standard der Forschung.

Die Tomba dell'Orco und der einzige sichere Bildbeleg

Tuchulcha ist eine der rätselhaftesten Gestalten der etruskischen Jenseitswelt, und das liegt vor allem an der außerordentlich schmalen Quellenbasis. Der einzige durch Beischrift gesicherte Bildbeleg findet sich in der Tomba dell’Orco II in Tarquinia, einer Grabkammer aus dem 4. Jahrhundert vor Christus.

Dort erscheint Tuchulcha in einer Szene, die den griechischen Helden Theseus, in etruskischer Form These, in der Unterwelt zeigt.

Die Figur ist von ungewöhnlich gemischter Gestalt: Sie hat ein Gesicht mit Vogelschnabel oder schnabelartigen Zügen, spitze Ohren oder eselsohrenartige Fortsätze, wildes Haar, das aus Schlangen bestehen kann, und hält Schlangen in den Händen.

Das Geschlecht der Figur ist in der Forschung umstritten, da die Darstellung weibliche und männliche Merkmale verbinden kann; vieles spricht dafür, Tuchulcha als geschlechtlich uneindeutiges oder zwitterhaftes Wesen zu verstehen.

In der Szene bedroht Tuchulcha offenbar Theseus, der gemeinsam mit Peirithoos in der Unterwelt gefangen ist, ein Stoff, der aus der griechischen Mythologie bekannt ist und von den Etruskern aufgegriffen wurde. Wissenschaftlich ist die Lage zugespitzt: Alles, was sich mit Sicherheit über Tuchulchas Aussehen sagen lässt, hängt an diesem einen Wandbild. Es gibt keine literarische Überlieferung, keine zweite zweifelsfrei beschriftete Darstellung und keine Inschrift, die über den Namen hinaus Aufschluss gäbe. Die Forschung, unter anderem bei Stephan Steingräber in seinen Arbeiten zur etruskischen Wandmalerei, behandelt Tuchulcha deshalb als Paradefall einer fast ausschließlich aus einem einzigen Fundkontext bekannten Gestalt.

Deutungsversuche zwischen Strafdämon und Wächter

Weil die Überlieferung so dünn ist, beruht jede Charakterisierung Tuchulchas auf Interpretation des einen erhaltenen Bildes und auf dem Vergleich mit verwandten etruskischen Unterweltswesen.

Die naheliegendste Deutung sieht in Tuchulcha einen drohenden Strafdämon oder Wächter der Unterwelt, der die gefangenen Helden Theseus und Peirithoos einschüchtert oder peinigt. Die Schlangen in den Händen, die schnabelartigen Züge und die insgesamt schreckenerregende Erscheinung passen zu dieser Lesart.

Andere Forscher haben Tuchulcha eher als Schwellen- oder Wächtergestalt verstanden, die den Zugang zu bestimmten Bereichen der Unterwelt kontrolliert, ähnlich wie Charun und Vanth, jedoch mit deutlich bedrohlicherem Auftreten.

Die Mischung tierischer Merkmale, besonders die Vogel- und Schlangenelemente, hat zu Vergleichen mit den griechischen Erinyen und mit Furienvorstellungen geführt, doch solche Gleichsetzungen sind mit Vorsicht zu behandeln, weil sie etruskisches Material in griechische Kategorien zwingen.

Umstritten bleibt auch, ob Tuchulcha ein individuelles Wesen mit Eigennamen war oder die Bezeichnung einer Klasse von Dämonen. Da der Name nur ein einziges Mal belegt ist, lässt sich das nicht entscheiden. Wissenschaftlich ist Tuchulcha damit ein Lehrstück über die Grenzen der Rekonstruktion: Eine eindrucksvolle, oft abgebildete Figur der modernen Etrusker-Literatur beruht in Wahrheit auf einem einzigen, im Detail nicht vollständig gesicherten Wandbild. Seriöse Darstellungen, etwa bei Nancy de Grummond, betonen deshalb ausdrücklich, wie wenig über dieses Wesen tatsächlich bekannt ist, und widerstehen der Versuchung, die Lücken mit Analogien aus der griechischen oder römischen Unterweltsmythologie aufzufüllen.

Literatur (Auswahl)

  • Stephan Steingräber: Etruscan Painting (1986)
  • Larissa Bonfante: Etruscan Mythology (2006)
  • Jean-Rene Jannot: Religion in Ancient Etruria (2005)
  • Cornelia Weber-Lehmann: Beiträge zur etruskischen Sepulkralkunst
  • Nancy Thomson de Grummond: Etruscan Myth, Sacred History, and Legend (2006)

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Im etruskischen Mythos erscheint Tuchulcha als schreckhafte Unterweltsgestalt mit Schlangenhaar und Geierschnabel, überliefert vor allem durch die Wandmalereien der Tomba dell Orco in Tarquinia aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert.

Verwandte Schlüsselbegriffe: Tuchulcha Etrusker Unterweltsdämon Schlangenhaar Eselsohren Tomba dell’Orco II Theseus.

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