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Medeina, Wolfsjungfrau und Hüterin der litauischen Wälder

Medeina ist Göttin der litauischen Tradition.

Herrin des Wildes, der noch ein König opferte.

GöttinBaltikum

Inhaltsverzeichnis

Medeina, Göttin der baltischen Überlieferung
Medeina

Medeina ist die litauische Göttin der Wälder und der Jagd und eine der wenigen baltischen Gottheiten, die schon im 13. Jahrhundert namentlich bezeugt sind. Die Hypatius-Chronik nennt sie zum Jahr 1252 unter den Göttern, denen König Mindaugas auch nach seiner Taufe treu blieb.

Ihr Profil ist klar umrissen: Sie ist Herrin des Waldes und schützt das Wild, nicht den Jäger. Die Forschung zeichnet sie als junge Jägerin und zugleich als Wolfsjungfrau, die mit einem Gefolge von Wölfen durch die Wälder zieht.

Auf einen Blick: Medeina

Typ: Göttin der Wälder und der Jagd, Herrin der Tiere
Herkunft: Litauen, besonders Žemaitien
Texte: Hypatius-Chronik (zu 1252), Malalas-Einschub, Łasickis De diis Samagitarum
Zeitraum: 13. Jahrhundert bis 17. Jahrhundert
Erscheinung: junge Jägerin, auch Wolfsjungfrau mit Wolfsgefolge

Herkunftsraum und Quellen

Zeitraum der Texte

Die Belege reichen vom 13. Jahrhundert, der Hypatius-Chronik zu 1252 und dem Malalas-Einschub aus der Mitte des Jahrhunderts, bis zu Łasickis Götterliste des 16. Jahrhunderts, gedruckt 1615.

Verbreitungsraum

Litauen, besonders Žemaitien. Hügel und Steine, die im Volksmund ihren Namen tragen, verbinden die Göttin bis heute mit der litauischen Landschaftsüberlieferung.

Quellenlage

Schmal: wenige knappe Chroniknotizen und frühneuzeitliche Götterlisten. Vieles ist rekonstruiert, weshalb die Forschung streng zwischen mittelalterlichem Beleg und späterer Ausmalung trennt.

Name und Varianten

Litauisch: Medeina, abgeleitet von medis, Baum, beziehungsweise medė, Wald. Jan Łasicki führt im 16. Jahrhundert eine Modeina unter den žemaitischen Waldgottheiten. Viele Forscher setzen sie zudem mit Žvorūna gleich, der Herrin der Tiere aus dem Malalas-Einschub, deren Name zu žvėris, wildes Tier, gehört.

Wesen und Wirkung

Erscheinung

Die mittelalterlichen Notizen beschreiben kein Aussehen; das Bild der Göttin ist aus Namensdeutung, Vergleichsmaterial und Folklore rekonstruiert. Die Forschung zeichnet sie als junge, schöne Jägerin, die nicht heiraten will, und als vilkmergė, als Wolfsjungfrau mit Wolfsgefolge. Der Wolf gilt als ihr Tier; in der Deutung als Žvorūna tritt der Jagdhund hinzu. Eine Bildtradition aus vorchristlicher Zeit existiert nicht, alle bekannten Darstellungen sind neuzeitlich.

Wirkung

Medeina herrscht über Wald, Bäume und Wild. Ihre Aufgabe ist nicht, dem Jäger Beute zuzutreiben, sondern den Wald und seine Bewohner zu schützen: Sie kann Fährten verwischen, das Wild warnen und Jäger in die Irre führen. Feindseligkeit gegen Menschen außerhalb des Jagdkontextes wird ihr nicht zugeschrieben; gefährlich ist sie dem, der den Wald frevelhaft nutzt.

Steckbrief: Medeina

Die wichtigsten Aspekte der Waldgöttin auf einen Blick.

Kulturkontext

Baltische Göttin, 1252 im Umfeld König Mindaugas bezeugt; sie symbolisiert den Wald als unverfügbaren Raum, dicht, weglos, dem menschlichen Zugriff entzogen.

Zuständig für

Wald, Bäume und Wild. Wer jagt, betritt ihr Gebiet und braucht ihr Wohlwollen; die Jagd war im 13. Jahrhundert herrschaftliches Handeln.

Darstellung

Keine vorchristliche Bildtradition; rekonstruiert als junge Jägerin und Wolfsjungfrau mit Wolfsgefolge, alle bekannten Darstellungen sind neuzeitlich.

Wirkungsbereich

Verwischt Fährten, warnt das Wild und lässt frevelnde Jäger sich verirren; Angriffe auf Menschen sind nicht überliefert.

Kult

König Mindaugas opferte ihr nach der Chronik heimlich auch nach seiner Taufe; Gaben vor der Jagd und Anteile der Beute entsprechen baltischem Jagdbrauch.

Pendants

Die lettische Meža māte als mütterliches Gegenstück desselben Herrschaftsbereichs, dazu Artemis und Diana als jagende Herrinnen der Tiere.

Vom Königsopfer zur Götterliste

Die früheste Erwähnung steht in der Hypatius-Chronik: Zum Jahr 1252 berichtet sie, Mindaugas, der erste und einzige König Litauens, habe nach seiner Taufe heimlich weiter den alten Göttern geopfert, darunter Medeina. Daneben nennt die Chronik einen Hasengott; ob er mit Medeina identisch ist, bleibt in der Forschung umstritten. Ein slawischer Einschub in der Chronik des Johannes Malalas aus der Mitte des 13. Jahrhunderts erwähnt Žvorūna, eine Herrin der Tiere, die viele Forscher mit Medeina gleichsetzen. Die Chronik hält außerdem fest, Mindaugas habe es nicht gewagt, in den Wald zu reiten, wenn ein Hase seinen Weg kreuzte.

Im 16. Jahrhundert führt Jan Łasicki in seiner Liste žemaitischer Götter eine Modeina unter den Waldgottheiten; danach verliert sich die Spur, und Züge der Göttin gingen in Sagengestalten der Folklore über. Die Nationalromantik des 19. Jahrhunderts, namentlich Teodor Narbutt, schmückte das knappe Material stark aus, weshalb die heutige Forschung streng zwischen den mittelalterlichen Belegen und späterer Ausmalung trennt. Algirdas Julien Greimas hat die Quellen semiotisch, Gintaras Beresnevičius religionsgeschichtlich ausgewertet.

Nachleben und Deutung

Die Nationalromantik machte Medeina zur Ahnfrau des waldreichen Litauen; Narbutts phantasievolle Götterlehre wirkt bis in populäre Darstellungen nach. Das zeitgenössische Neuheidentum der Romuva-Bewegung verehrt sie als Göttin der Wälder, ihr Name ist in Litauen als Vorname in Gebrauch und begegnet in Kunst und Kinderliteratur. International ist sie wenig bekannt, taucht aber zunehmend in Übersichten zur baltischen Mythologie auf.

Religionswissenschaftlich ist Medeina ein Lehrstück für die Quellenprobleme baltischer Religionsgeschichte: Wenige Zeilen fremdsprachiger Chronistik tragen ein ganzes Götterprofil. Methodisch gilt sie als Vertreterin des Typus der Herrin der Tiere. Drei Klarstellungen sind wichtig: Die mittelalterlichen Belege sind strikt von Narbutts Ausmalung zu trennen. Ihr Verhältnis zu Žvorūna, Identität oder Doppelgestalt, ist ebenso offen wie die Frage nach dem Hasengott und einer kriegerischen Komponente des Königskults. Und ihr Absinken in die Folklore entspricht dem üblichen Weg entthronter Gottheiten nach der Christianisierung.

Opfer, Vorzeichen und Waldregeln

Quellenfest ist zunächst das Opfer: Die Hypatius-Chronik beschreibt, dass Mindaugas den alten Göttern, darunter Medeina, opferte. Gaben vor der Jagd und Anteile der Beute entsprechen dem, was für baltische Jagdbräuche insgesamt bezeugt ist. Ebenfalls quellenfest ist das Vorzeichenwesen: Der Hase, der den Weg kreuzt, galt als Warnung, den Wald an diesem Tag zu meiden. Dazu treten Verhaltensregeln der litauischen Volkskunde: Maß in der Jagd, Schonung der Jungtiere, Respekt vor heiligen Hainen. Abwehrmittel gegen die Göttin selbst kennt die Tradition nicht; wer ihre Ordnung achtete, hatte keinen Anlass, sich zu schützen.

Medeina und Meža māte: zwei Waldherrinnen

Der nächste Vergleich ist die lettische Meža māte, die denselben Herrschaftsbereich mütterlich statt jungfräulich besetzt: Medeina ist die junge Jägerin, die Waldesmutter die Wirtin des Waldes. In der antiken Welt entsprechen ihr Artemis und Diana als jagende Herrinnen der Tiere, mit denen frühneuzeitliche Autoren Medeina bereits verglichen. Der slawische Leshy verkörpert dieselbe Wächterrolle als männlicher Geist, und der Gott Veles zeigt die enge Nachbarschaft von Vieh, Wald und Wildnis im baltisch-slawischen Raum.

Häufige Fragen zu Medeina

Ist Medeina dieselbe Gestalt wie Žvorūna?

Wahrscheinlich, aber nicht sicher. Beide Namen bezeichnen eine Herrin der Wildtiere, tauchen jedoch in verschiedenen Quellen auf. Ein Teil der Forschung hält sie für eine Göttin mit zwei Namen, ein anderer für zwei eng verwandte Gestalten.

Warum opferte ein christlicher König einer Waldgöttin?

Mindaugas ließ sich 1251 aus politischen Gründen taufen. Die Chronik wirft ihm vor, heimlich bei den alten Göttern geblieben zu sein, gerade bei denen, die Wald und Jagd betrafen, den Kernbereich herrschaftlichen Lebens.

Wie gefährlich ist Medeina?

Für den respektvollen Waldgänger gar nicht. Die Überlieferung kennt keine Angriffe auf Menschen, wohl aber vereitelte Jagden und Verirren als Antwort auf Frevel. Ihr Schutz gilt dem Wald, nicht dem Menschen.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Quellen und Studien:

  • Greimas, Algirdas Julien: Of Gods and Men. Studies in Lithuanian Mythology. Bloomington 1992.
  • Gimbutas, Marija: The Balts. London 1963.
  • Beresnevičius, Gintaras: Lietuvių religija ir mitologija. Vilnius 2004.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Als litauische Waldgöttin steht Medeina für den Wald als unverfügbaren Raum. Ob man Medeina Göttin der Jagd oder Hüterin des Wildes nennt: Ihr Schutz gilt dem Wald, und wer seine Ordnung achtete, hatte von ihr nichts zu fürchten.

Einordnung & Schutz

IISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe II zu – Spürbare Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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