Der Cippus des Horus ist eine ägyptische Schutz- und Heilstele. Sie zeigt den Götterknaben Horus, der gefährliche Tiere bezwingt, und ist mit Zaubertexten gegen Schlangenbiss und Skorpionstich bedeckt.
Der Cippus des Horus zählt zu den Heilstelen des alten Ägyptens.
Der Cippus des Horus ist ein Schutzobjekt aus dem Alten Ägypten. Es handelt sich um eine Stele, also um eine Tafel oder Platte, die mit Bildern und Texten bedeckt ist. Im Mittelpunkt steht der junge Gott Horus.
Anders als ein getragenes Amulett ist der Cippus ein aufgestelltes oder gehaltenes Objekt. Es gibt kleine Stücke für den häuslichen Gebrauch und größere Stelen, die in Heiligtümern und an öffentlichen Orten standen.
Der Cippus des Horus richtet sich gegen eine sehr bestimmte Gefahr. Er soll gegen das Gift schädlicher Tiere schützen und helfen, gegen den Biss der Schlange und den Stich des Skorpions.
Damit ist der Cippus zugleich ein Schutz- und ein Heilobjekt. Er soll das Gift abwehren und, wo es schon wirkt, seine Wirkung aufheben. Schutz und Heilung sind in ihm eng verbunden.
In der Religionswissenschaft ist der Cippus ein gutes Beispiel für ein Objekt, das Bild, Wort und Handlung zu einer Schutzpraxis verbindet. Seine Wirkung beruht auf dem Zusammenwirken dieser drei Elemente.
Der Cippus zeigt außerdem, dass die ägyptische Religion auf konkrete Gefahren des Alltags antwortete. Schlangen und Skorpione waren eine reale, allgegenwärtige Bedrohung, und der Cippus war die religiöse Antwort darauf.
Im Mittelpunkt des Cippus steht eine besondere Erscheinungsform des Gottes Horus, nämlich Horus als Kind. Diese kindliche Gestalt des Horus wird in der Forschung oft mit dem griechischen Namen Harpokrates bezeichnet.
Horus als Kind ist der Sohn der Isis und des Osiris. Die ägyptische Überlieferung erzählt, wie Isis ihren Sohn in den Sümpfen des Nildeltas verbarg und vor seinen Feinden schützte.
In dieser Zeit war der kleine Horus zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Erzählungen berichten, dass das Kind von einem Skorpion gestochen oder von einer Schlange gebissen wurde und in größte Not geriet.
Diese Not wurde überwunden. Durch die Macht der Götter und durch wirksame Zaubersprüche wurde der kleine Horus geheilt. Die Erzählung von der Heilung des Götterkindes ist der Kern, auf dem der Cippus aufbaut.
Wer den Cippus verwendete, berief sich auf diese Erzählung. So wie der kleine Horus von Gift und Gefahr geheilt wurde, sollte auch der Mensch geheilt werden, der sich an den Cippus wandte.
Der Cippus zeigt damit nicht einen mächtigen, erwachsenen Gott, sondern ein gefährdetes und gerettetes Kind. Gerade in dieser Rettung des Kindes liegt das Vorbild, das den Cippus wirksam machen sollte.
Der Cippus zeigt im Mittelpunkt den nackten Götterknaben Horus. Er steht aufrecht und blickt den Betrachter an. Diese frontale Darstellung ist, wie bei Bes, in der ägyptischen Kunst ungewöhnlich.
Der kleine Horus steht auf zwei Krokodilen. Mit seinen Händen ergreift und beherrscht er gefährliche Tiere, darunter Schlangen, Skorpione und weitere als bedrohlich geltende Geschöpfe. Er hält sie fest und entmachtet sie.
Über dem Kopf des Horus erscheint häufig das Gesicht des Gottes Bes. Der schützende Hausgott blickt damit von oben auf die Szene herab. Bes und Horus, zwei Schutzgestalten, wirken auf dem Cippus zusammen.
Die Bildszene zeigt damit einen Sieg. Das Götterkind hat die gefährlichen Tiere überwunden und hält sie in seiner Gewalt. Diese Beherrschung der Gefahr ist die zentrale Aussage des Bildes.
Um die Hauptszene herum und auf der Rückseite ist der Cippus mit Texten bedeckt. Diese Texte sind Zaubersprüche, und sie sind für die Wirkung des Cippus ebenso wichtig wie das Bild.
Bild und Text bilden auf dem Cippus eine Einheit. Das Bild zeigt den Sieg über die Gefahr, der Text spricht die Sprüche, die diesen Sieg herbeiführen. Erst zusammen ergeben sie das wirksame Schutzobjekt.
Der Cippus ist über und über mit Texten bedeckt. Diese Texte sind Beschwörungen und Zaubersprüche, die sich gegen das Gift und gegen die giftigen Tiere richten.
Die Sprüche greifen die Erzählung von der Heilung des Horuskindes auf. Sie erzählen, wie Horus von Gift bedroht war und wie er gerettet wurde. Das Erzählen dieser Rettung sollte die Rettung des Menschen herbeiführen.
In den Texten werden die Götter angerufen, die schon dem kleinen Horus geholfen hatten. Vor allem Isis, die Mutter, und Thoth, der Gott der Weisheit und der wirksamen Worte, treten in diesen Sprüchen auf.
Die Zaubersprüche folgten der Vorstellung, dass das richtig gesprochene Wort wirksam ist. Ein Spruch, der die göttliche Heilung vergegenwärtigte, sollte diese Heilung in der Gegenwart wiederholen.
Die Texte richten sich unmittelbar an das Gift. Sie befehlen ihm, aus dem Körper zu weichen, so wie es einst aus dem Körper des Horus gewichen war. Das Wort wird damit zur Waffe gegen das Gift.
Diese enge Verbindung von Text und Wirkung ist für den Cippus kennzeichnend. Er ist nicht nur ein Bild, sondern ein Träger von Worten, und in diesen Worten liegt ein wesentlicher Teil seiner Schutzkraft.
Der Cippus des Horus wurde auf eine besondere Weise verwendet. Diese Verwendung verband das Objekt unmittelbar mit der Heilung des betroffenen Menschen.
Über den Cippus wurde Wasser gegossen. Das Wasser lief über die Bilder und über die eingeritzten Texte. Dabei nahm es nach ägyptischer Vorstellung die Kraft der Bilder und der Sprüche in sich auf.
Das so über den Cippus geflossene Wasser wurde aufgefangen. Es galt nun als geweiht und als von der Schutzkraft der Stele durchdrungen. Aus gewöhnlichem Wasser war ein wirksames Heilmittel geworden.
Dieses geweihte Wasser wurde dann verwendet, um dem Gestochenen oder Gebissenen zu helfen. Es wurde getrunken oder auf andere Weise angewendet. Mit dem Wasser sollte die Schutzkraft des Cippus in den Körper des Menschen gelangen.
Auf diese Weise wurde die Kraft der Stele beweglich. Sie war nicht mehr an den Stein gebunden, sondern konnte über das Wasser zu dem Menschen gebracht werden, der sie brauchte.
Dieser Brauch zeigt eine eindrückliche Vorstellung. Bild und Wort der Stele werden durch das Wasser gleichsam aufgelöst und in den Menschen übertragen. Der Cippus ist damit ein Objekt, dessen Kraft sich weitergeben lässt.
Der Cippus richtet sich gegen eine sehr konkrete Gefahr, gegen die giftigen Tiere. Schlangen und Skorpione waren in Ägypten allgegenwärtig und stellten eine ständige, reale Bedrohung dar.
Ein Schlangenbiss oder ein Skorpionstich konnte tödlich enden. Ägypten kannte keine sichere Behandlung im heutigen Sinn. In dieser Lage war der Schutz durch die Götter von größter Bedeutung.
Der Cippus war die religiöse Antwort auf diese Gefahr. Er sollte schützen, bevor ein Unglück geschah, und er sollte heilen, wenn das Gift bereits wirkte. Vorbeugung und Heilung gehörten zusammen.
Die kleinen Cippi für den häuslichen Gebrauch konnten im Haus bereitgehalten werden. Im Notfall stand das Objekt zur Verfügung, über das Wasser gegossen werden konnte.
Damit gehört der Cippus zu jenen Schutzobjekten, die auf eine bestimmte, benannte Gefahr ausgerichtet sind. Anders als ein allgemeines Schutzzeichen richtet er sich gezielt gegen das Gift der Tiere.
In dieser genauen Ausrichtung zeigt sich die Lebensnähe der ägyptischen Schutzpraxis. Der Cippus antwortete nicht auf eine abstrakte Bedrohung, sondern auf eine Gefahr, der die Menschen täglich ausgesetzt waren.
Der Cippus des Horus gibt es in sehr unterschiedlichen Größen. Diese Bandbreite reicht von kleinen, handlichen Stücken bis zu großen, aufwendig gearbeiteten Stelen.
Die kleinen Cippi waren für den häuslichen Gebrauch bestimmt. Sie konnten im Haus aufbewahrt und im Bedarfsfall verwendet werden. Sie waren der Schutz der einzelnen Familie.
Daneben gab es große Cippi, die an Heiligtümern und an öffentlichen Orten standen. Sie waren für die Allgemeinheit zugänglich. Jeder, der Hilfe brauchte, konnte das geweihte Wasser an ihnen gewinnen.
Das berühmteste Beispiel einer solchen großen Stele ist die sogenannte Metternich-Stele. Sie ist über und über mit Bildern und Texten bedeckt und gehört zu den bedeutendsten erhaltenen Cippi.
Diese großen Stelen zeigen, dass der Schutz vor dem Gift ein Anliegen der ganzen Gemeinschaft war. Nicht nur die einzelne Familie, auch das Heiligtum und der öffentliche Raum hielten den Schutz bereit.
Die Bandbreite vom kleinen Hausstück bis zur großen öffentlichen Stele macht deutlich, wie verbreitet der Cippus war. Er deckte den privaten und den öffentlichen Bereich gleichermaßen ab.
Der Cippus des Horus verbindet mehrere Wirkprinzipien zu einer einzigen Schutzpraxis. Diese Verbindung macht ihn zu einem besonders aufschlussreichen Schutzobjekt.
Das erste Element ist das Bild. Die Darstellung des siegreichen Horuskindes, das die gefährlichen Tiere beherrscht, zeigt den Sieg über die Gefahr. Das Bild vergegenwärtigt diesen Sieg.
Das zweite Element ist das Wort. Die Zaubersprüche auf der Stele rufen die Götter an und befehlen dem Gift, zu weichen. Das richtig gesprochene und geschriebene Wort galt als wirksam.
Das dritte Element ist das Wasser. Es nimmt die Kraft von Bild und Wort auf und überträgt sie auf den Menschen. Das Wasser macht die Schutzkraft beweglich und anwendbar.
Erst im Zusammenwirken dieser drei Elemente entfaltet der Cippus seine volle Bedeutung. Bild, Wort und Wasser bilden eine geschlossene Schutzpraxis, in der jedes Element seine Aufgabe hat.
Diese Verbindung von Bild, Wort und Handlung ist für die ägyptische Schutzpraxis kennzeichnend. Der Cippus zeigt sie in besonders klarer und vollständiger Form und gehört darum zu den lehrreichsten Schutzobjekten des Alten Ägypten.
Der Cippus des Horus ist heute vor allem Kennern der ägyptischen Kultur bekannt. Er gehört nicht zu den weithin geläufigen Zeichen, doch in der Ägyptologie ist er ein wichtiger und gut erforschter Gegenstand.
In den großen Ägypten-Sammlungen der Museen sind Cippi erhalten, von kleinen Hausstücken bis zu großen Stelen. Die Metternich-Stele zählt zu den bekanntesten Stücken und wird in einer bedeutenden Sammlung bewahrt.
Für die Erforschung der ägyptischen Religion ist der Cippus von großem Wert. Seine Texte geben Einblick in die ägyptische Heilkunst, in die Beschwörung und in die Verbindung von Religion und Heilung.
Der Cippus zeigt, dass die ägyptische Religion eine genaue Antwort auf konkrete Gefahren des Lebens bereithielt. Der Schutz vor dem Gift der Tiere war ein dringliches Anliegen, dem ein eigenes Objekt gewidmet war.
Damit ist der Cippus ein eindrückliches Beispiel für ein Schutzobjekt, das Schutz und Heilung verbindet. Er sollte das Unheil abwehren und, wo es schon eingetreten war, seine Wirkung aufheben.
Der Cippus des Horus gehört damit zu den durchdachtesten Schutzobjekten der Alten Welt. In ihm verbinden sich der Mythos vom geretteten Götterkind, die Kraft des Wortes und ein Brauch, der diese Kraft über das Wasser an den Menschen weitergibt.
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