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Keres, Geist der griechischen Tradition

Keres ist Geist der griechischen Tradition.

Dämonen des Schlachtfeldes, Todesboten der griechischen Mythologie.

Keres auf Hesiods Schlachtfeld

Die Keres sind Schlachtfeld-Dämonen der griechischen Mythologie, die laut Hesiod (Schild des Herakles 248-257; Theogonie 211) zusammen mit Thanatos und Hypnos aus der Nyx-Familie stammen. Sie sind schwarz, mit langen Krallen und Reißzähnen, blutgetränkten Kleidern, schweben über Schlachtfeldern und reißen die Seelen sterbender Krieger heraus.

Anders als die Erinyen verfolgen sie keine moralisch-juridischen Vergehen, sondern verkörpern die statistische Gewalt-des-Krieges. Im Schild des Herakles kämpfen sie um Leichen wie Aasvögel.

In der Pandora-Erzählung entweichen Keres aus der von Pandora geöffneten Büchse als Krankheits- und Übel-Geister neben Mühen, Sorgen und Krankheiten. Pausanias berichtet von Tempelbildern, die Keres als gerippte, verhungernde Nachtgestalten zeigen. Verwandte Gestalten: Moiren (Schicksalsspinnerinnen), Eris (Streit), Achlys (Todesnebel).

Inhaltsverzeichnis

Keres - Geister aus der Griechenland-Tradition, historisch-illustrativ
Keres

Die Keres sind die Todesdämoninnen der griechischen Tradition. Sie treten meist im Pulk auf, erscheinen über Schlachtfeldern und holen die Seelen der Sterbenden. Bereits Homer beschreibt sie in der Ilias, Hesiod setzt ihre Ikonografie fest. Anders als einzeln benannte Gestalten sind die Keres weitgehend anonym, eine Klasse, nicht ein Wesen.

Typisch ist ihr Erscheinen dort, wo Tod plötzlich und gewaltsam geschieht: im Krieg, bei Seuchen, bei tragischem Unglück. Sie personifizieren den gewaltsamen Tod selbst, und ihre Anzahl und Gestalt ändern sich entsprechend. In der spätantiken Rezeption nähern sie sich den Erinyen an; einige Autoren verwenden die Begriffe austauschbar.

Keres in homerischer Kosmologie

In Homers Ilias 18.535 werden die Keres beschrieben als dämonische Wesenheiten, die über den Schlachtfeldern schweben und das Leben der Sterblichen rauben. Sie sind nicht Gottheiten mit eigenem Kult, sondern instrumentale Kräfte, personalisierte Tendenzen zum Tod und zum Verderben. Homer nennt sie kollektiv, nie singulär: Sie agieren als Schwarm, ihre Präsenz bedeutet unmittelbare Todesgefahr.

Hesiods Werke und Tage und Theogonie ordnen sie als Töchter der Nacht ein, verwandt mit Ker (die Todesfunktion als Singular). In dieser frühen Epik sind sie noch ohne feste Gestalt, mehr Abstraktion als Erscheinung. Ihre Funktion ist kosmisch-notwendig: Sie verkörpern die Grenze zwischen Leben und Tod.

Kurzprofil: Keres

Typ: Todesdämoninnen, Seelensammlerinnen
Herkunft: Nyx (Nacht), Hesiod; oder aus der Urzeit der Schöpfung
Texte: Homer, Hesiod, Vasenmalerei
Zeitraum: Archaik bis Spätantike
Verbreitung: Griechischer Kulturraum
Abwehr: Bestattungsriten; keine spezifische Abwehrmagie, da Keres dort erscheinen, wo der Tod bereits da ist

Kontext

Zeitraum der Texte

Erste Erwähnung bei Homer (Ilias). Hesiod (Theogonie, Schild des Herakles) entwickelt ihre Ikonografie. Tragiker nutzen sie als bildhafte Todesmetaphern. In der späten klassischen und hellenistischen Zeit nähern sie sich in der Literatur den Erinyen an.

Verbreitungsraum

Griechischer Kernraum. Keine eigenständige Wanderungsgeschichte, das Motiv bleibt an die homerisch-hesiodische Überlieferung gebunden, wirkt aber motivisch bis in römische und byzantinische Literatur weiter.

Quellenlage

Epische und tragische Literatur; Beschreibungen auf Hesiods „Schild des Herakles“; ikonografisch in Vasenmalerei. Anders als bei Lamia oder Empusa fehlt eine volksmagische Amulettkultur gegen sie.

Name und Varianten

Griechisch: Κήρ (Ker, Singular), Κῆρες (Keres, Plural).
Etymologie: mit Begriffen für „Verderben“, „Schicksalsschlag“ verbunden.

In der Antike schwankt die Zahl. Bei Hesiod sind sie zahllos und formbar; Tragiker verwenden „Ker“ auch metaphorisch für den Tod selbst. Eine Einzelperson mit Namen und Biographie gibt es nicht, die Keres bleiben anonyme Klasse.

Beschreibung

Erscheinung

Geflügelte Frauen mit dunklen Gewändern, langen Fangzähnen und blutbefleckten Klauen. Hesiod beschreibt ihre Zähne als weiß und ihre Augen als funkelnd. Im Pulk erscheinend, oft über Schlachtfeldern kreisend.

Verhalten

Sie holen die Seelen der Sterbenden, trinken ihr Blut, streiten um Leichen. Anders als Thanatos, der ruhigen Tod bringt, sind die Keres Gestalten des gewaltsamen, blutigen, chaotischen Sterbens.

Wirkungsbereich

Schlachtfelder, Pestorte, Katastrophen. Sie agieren dort, wo Menschen massenweise und gewaltsam sterben. In Friedenszeiten weitgehend abwesend.

Mythologische Herkunft

Bei Hesiod Töchter der Nyx, Schwestern der Moiren und des Thanatos. Einige Traditionen machen sie zu Ausgeburten des Chaos. In beiden Fällen gehören sie zur archaisch-nächtlichen Schöpfungsschicht.

Keres und Verderbnis-Konzepte in Plato und hellenistischer Theologie

Plato verwendet in seinen Dialogen die Keres nicht direkt, aber das Konzept der chthonischen Verderbnis-Geister prägt seine Hierarchie der Dämonen. In der Politeia werden niedere Geister als Vollstrecker kosmischer Ordnung klassifiziert, ähnlich den Keres.

Die hellenistische Theologie, besonders in der orphischen und neuplatonischen Tradition, differenzierte zwischen hohen Gottheiten und niederen dämonischen Mächten, unter denen die Keres als Todes-Dämonen rangierten.

Sie wurden nicht mehr als bloße homerische Schlacht-Attribute verstanden, sondern als genuine ontologische Klasse: Wesen, die zwischen Göttern und Menschen vermittelten, mit spezialisierten Funktionen im Stoffwechsel von Leben und Tod. In dieser Perspektive wurden die Keres zu Beispielen für die demiurgische Teilung der Welt: Jede Kraft hatte ihre kosmologische Nische.

Steckbrief: Keres

Die wichtigsten Aspekte der Keres auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Abwehr und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.

Keres' Herkunft

Töchter der Nyx, der Nacht. Schwestern der Moiren und des Thanatos, zur nächtlich-archaischen Schicht der Schöpfung gehörend.

Keres' Zielgruppe

Soldaten, Pestkranke, Opfer von Unglück und Katastrophe. Sie erscheinen dort, wo der Tod gewaltsam und plötzlich ist.

Keres' Erscheinung

Geflügelte Frauen, dunkles Gewand, lange Fangzähne, blutige Klauen. Im Pulk, oft über Schlachtfeldern kreisend.

Keres' Wirkung

Sie holen Seelen, trinken Blut, reißen um Leichen. Sie bringen keinen neuen Tod, sondern konsumieren den bereits geschehenen.

Keres' Abwehr

Keine spezifische Abwehrmagie; Keres sind Teil des Todes selbst. Schutz bietet nur die Vermeidung von Schlachtfeld, Pestort, gewaltsamer Situation.

Keres' Parallelen

Erinyen (fließender Übergang), Valkyrjar (germanisch), Gallû (mesopotamisch), Tzitzimime (aztekisch), Sensenmann-Motive.

Dämonologie im Alltag

Rituale zur Abwehr

Einzelne Keres werden nicht angesprochen oder abgewehrt; sie gehören zum Tod, der nicht verhandelbar ist. Ritualisch wichtig sind korrekte Bestattung und Totenklage, sie regulieren, was die Keres nicht regulieren: die Würde des Abschieds.

Beschwörungen

Keine spezifischen Beschwörungen gegen Keres. In Zauberpapyri und Defixionen können „Keres“ als Begriff für das Unheil einer Fluchformel vorkommen, aber nicht als individuelle Adressaten.

Amulette und Schutzsymbole

Allgemeine Todesabwehr durch Apotropaia (Gorgoneion, Phallus, böser Blick). Spezifische Keres-Amulette fehlen. Schutz bietet eher das Vermeiden der Situationen, in denen Keres erscheinen.

Keres, Parallelen in anderen Kulturen

Rom: Dirae/Furiae übernehmen den Rächerinnen-Aspekt, während Keres als reine Todesgestalten im römischen Pantheon weniger präsent sind. Stattdessen übernimmt Mors (der Tod) die Funktion einzeln.

Germanische Tradition: Die Walküren holen die Gefallenen vom Schlachtfeld. Strukturell nahe verwandt, in anderem theologischen Rahmen.

Mesopotamien und außerdem: Die Gallû-Vollstrecker der Unterwelt sind funktional verwandt, wenn auch in einem ganz anderen mythischen Rahmen. in zahlreichen Kulturen finden sich Boten des Todes, die im Pulk erscheinen und Seelen holen.

Keres in Magie-Papyri und magischer Praxis

In den hellenistischen Zauberpapyri (PGM) werden Keres selten direkt angerufen, doch das Konzept der Todes- und Verderbnis-Dämoninnen durchzieht magische Fluch-Texte. Papyri, die Zerreißungs-, Trocknungs- oder Lähmungsflüche enthalten, invozieren oft anonyme chthonische Mächte, deren Funktion den Keres entspricht: Trennung, Zerstörung, Raub der Vitalität.

Die Papyri zeigen, dass Zauberer der Spätantike eine differenzierte Theorie niederer Mächte besaßen; nicht alle waren böse, aber alle waren spezialisiert. Keres gehörten zur Klasse der notwendigen Kräfte, die keine Moral brauchten, weil ihr Auftrag von der kosmischen Architektur herrührte.

Ein Zauberer, der krank machen oder schwächen wollte, invozierte solche Mächte nicht als Feinde, sondern als technische Werkzeuge, deren Einsatz ethische Rechtfertigung voraussetzte.

Die Keren bei Homer: Tod auf dem Schlachtfeld

Die ältesten und dichtesten Belege für die Keren stammen aus den homerischen Epen, vor allem aus der Ilias. Dort sind die Keren keine abstrakten Personifikationen, sondern eng mit der Erfahrung des gewaltsamen Todes im Krieg verbunden.

Das griechische Wort kēr bezeichnet zunächst das einem Menschen zugeteilte Todeslos, das Verderben, das ihn erreicht. Im Plural treten die Keren dann als geisterhafte Gestalten auf, die diesen Tod herbeiführen oder verkörpern.

Eine berühmte Stelle ist die Wägung der Todeslose: Zeus legt im neunzehnten Gesang der Ilias die Keren des Achilleus und des Hektor in seine Waage, und das schwerere Los sinkt zur Unterwelt, womit Hektors Tod entschieden ist.

Hier ist die Ker fast gleichbedeutend mit dem persönlichen Schicksal des Helden. An anderer Stelle, im achtzehnten Gesang, erscheint auf dem Schild des Achilleus eine grausige Ker im Schlachtgetümmel, in blutbeflecktem Gewand, die Gefallene und Verwundete an den Füßen aus dem Kampf zerrt.

Aus diesen Stellen ergibt sich ein doppeltes Bild. Einerseits ist die Ker das individuelle Todesschicksal, das schon bei der Geburt feststeht; Achilleus spricht von den zwei Keren, zwischen denen er wählen kann, einem kurzen ruhmreichen und einem langen ruhmlosen Leben. Andererseits sind die Keren handelnde, blutgierige Wesen, die auf dem Schlachtfeld umgehen.

Die Forschung hat lange darüber diskutiert, ob hier zwei verschiedene Vorstellungen vorliegen oder ob es sich um Aspekte einer einzigen handelt. Vieles spricht dafür, dass die Griechen den Tod sowohl als zugeteiltes Maß als auch als angreifende Macht erleben konnten, ohne darin einen Widerspruch zu sehen.

Keren, Moiren und Thanatos: Abgrenzung verwandter Todesmächte

Die Keren stehen im griechischen Denken neben mehreren anderen Mächten, die mit Tod und Schicksal zu tun haben, und ihre genaue Abgrenzung war schon den antiken Autoren nicht immer klar. Am wichtigsten ist die Unterscheidung von den Moiren, den drei Schicksalsspinnerinnen.

Während die Moiren bei Hesiod und in der späteren Tradition das Lebensmaß zuteilen, bemessen und abschneiden, also die ordnende Seite des Schicksals verkörpern, stehen die Keren stärker für den konkreten, oft gewaltsamen und unheilvollen Todesfall.

Hesiod bringt in der Theogonie beide in die Nähe der Nyx, der Nacht, die sie ohne Vater gebiert; in seiner Aufzählung erscheinen Keren, Moiren, Thanatos, Hypnos und weitere düstere Gestalten als Geschwister.

Diese Genealogie ordnet die Keren der nächtlichen, unheimlichen Seite des Kosmos zu. Von Thanatos, der ruhigen Personifikation des Todes selbst, unterscheiden sich die Keren durch ihren aktiven, raubtierhaften Charakter. Thanatos holt, die Keren reißen.

In der Aspis, dem unter Hesiods Namen überlieferten Schildgedicht, findet sich eine besonders drastische Schilderung: Die Keren werden dort blau und mit weiß gefletschten Zähnen beschrieben, wie sie sich um die Gefallenen streiten, ihnen die Krallen in den Leib schlagen und das dunkle Blut trinken.

Diese vampirhafte Zeichnung gehört zu den ausführlichsten der Antike. Die Forschung hat darauf hingewiesen, dass die Keren damit am ehesten dem nahekommen, was man sich unter blutsaugenden Schlachtfelddämonen vorstellte, und dass sie sich gerade dadurch von den vornehmer gedachten Moiren absetzen.

Das Athener Fest der Anthesterien und die Vertreibung der Keren

Über die epische Dichtung hinaus sind die Keren mit dem athenischen Festkalender verbunden, und zwar mit den Anthesterien, einem Frühlingsfest zu Ehren des Dionysos im Monat Anthesterion. Das dreitägige Fest hatte einen ausgesprochen ambivalenten Charakter.

Es feierte den neuen Wein, galt aber zugleich als eine Zeit, in der die Toten und unheimliche Geister in der Stadt umgingen. Der letzte Tag, die Chytroi, war den Verstorbenen und chthonischen Mächten gewidmet.

Aus der antiken Überlieferung, vor allem aus späteren Lexikographen und Scholien, ist die Redewendung bekannt: „Hinaus, ihr Keren, die Anthesterien sind vorbei“. Sie wurde offenbar am Ende des Festes gesprochen, um die für die Festzeit eingelassenen oder zugelassenen Geister wieder aus den Häusern und der Stadt zu vertreiben.

Manche Quellen lesen statt „Keren“ auch „Kares“, also Karer, was zu unterschiedlichen Deutungen geführt hat. Die religionsgeschichtliche Forschung, etwa in den klassischen Arbeiten von Erwin Rohde und Jane Harrison, hat die Stelle intensiv diskutiert.

Wenn die Lesart „Keren“ zutrifft, ergibt sich ein wichtiger Befund: Die Keren waren nicht nur literarische Gestalten des Epos, sondern Teil der gelebten Ritualpraxis. Während der Anthesterien wurden die Türpfosten mit Pech bestrichen und an bestimmten Bräuchen festgehalten, die die unheimliche Festzeit rahmten.

Die Keren erscheinen hier als eine offene Klasse von Totengeistern und Unheilsmächten, die man für eine begrenzte Zeit duldete und dann rituell hinauswies. Damit gehören die Keren in den breiten griechischen Vorstellungskreis von Geistern, die an Schwellenzeiten des Jahres in die menschliche Welt eindringen und durch festes Ritual wieder gebannt werden müssen.

Ausweitung des Begriffs: Keren als Krankheits- und Unheilsdämonen

In der nachhomerischen Literatur weitet sich der Begriff der Ker über den Schlachtfeldtod hinaus aus. Bei Hesiod und in späteren Texten kann kēr jede Form von Verderben bezeichnen: Krankheit, Alter, Hunger, Wahnsinn, jedes Übel, das den Menschen befällt. Die Keren werden damit zu einer Sammelkategorie für alles, was das Leben verkürzt, beschädigt und beendet.

Diese Bedeutungserweiterung zeigt sich besonders deutlich in der Pandora-Erzählung. Aus dem geöffneten Gefäß, das Pandora bei Hesiod mitbringt, entweichen die Übel über die Menschheit; in der antiken Auslegung wurden diese Plagen häufig mit den Keren gleichgesetzt oder in ihre Nähe gerückt.

Auch in der Bildkunst erscheinen zu Krankheit und Tod gehörige geflügelte Gestalten, die mit den Keren in Verbindung gebracht werden, auch wenn die ikonographische Zuordnung oft unsicher bleibt, weil Keren, Erinyen, Harpyien und Sirenen sich in der Darstellung überschneiden.

Diese begriffliche Offenheit ist für das Verständnis der Keren zentral. Sie waren nie ein klar abgegrenztes Pantheon mit festen Namen und Funktionen, wie es etwa die zwölf olympischen Götter waren.

Die Forschung beschreibt die Keren eher als eine Vorstellungskategorie: als die personifizierte Vielzahl der Todesarten und Lebensübel. Genau diese Unbestimmtheit machte sie für griechische Dichter und Denker brauchbar.

Wo immer es darum ging, das Unheil als handelnde Macht zu fassen, ohne ihm den vollen Rang einer benannten Gottheit zu geben, konnte man von einer Ker oder von den Keren sprechen. Sie stehen damit an der Grenze zwischen Personifikation, Schicksalsbegriff und Dämonologie, und gerade an dieser Grenze liegt ihr religionsgeschichtliches Interesse.

Nachleben der Keren in der spätantiken und neugriechischen Tradition

Die Frage, ob und wie die Keren nach dem Ende der antiken Religion fortlebten, ist in der Volkskundeforschung viel diskutiert worden. Ein viel zitierter Strang verbindet die antiken Keren mit dem neugriechischen Charos oder Charontas und mit weiteren Todesgestalten der griechischen Volksüberlieferung.

Tatsächlich hat sich der Name des antiken Fährmanns Charon im neugriechischen Volksglauben zu einer aktiven, oft reiterhaften Todesgestalt gewandelt, die die Menschen holt.

Forscher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, darunter Bernhard Schmidt in seiner Arbeit über das Volksleben der Neugriechen, haben versucht, in solchen Gestalten ein Weiterwirken der antiken Todesdämonen zu sehen. Die heutige Forschung ist hier vorsichtiger.

Sie betont, dass zwischen den antiken Keren und den neugriechischen Todesvorstellungen keine ungebrochene Linie nachweisbar ist und dass christliche, byzantinische und volkskulturelle Schichten dazwischenliegen. Eine direkte Identität von antiker Ker und neugriechischem Charos lässt sich nicht belegen.

Was sich dagegen seriös sagen lässt: Die griechische Kultur hat über die Jahrhunderte hinweg eine Neigung behalten, den Tod als handelnde, oft bedrohliche Gestalt zu denken, statt nur als Zustand.

In dieser langen Linie steht die Ker am Anfang. In der modernen Rezeption, in Lexika der Mythologie, in Fantasyliteratur und in Computerspielen, sind die Keren wieder aufgetaucht, meist als geflügelte Todesgeister oder als generische Schlachtfelddämonen.

Diese Darstellungen greifen vor allem die drastische Schilderung der Aspis auf und blenden die schwierigeren Aspekte, den Schicksalsbegriff und die rituelle Einbindung, weitgehend aus. Für die wissenschaftliche Betrachtung bleibt entscheidend, die populäre Vereinfachung von der vielschichtigen antiken Überlieferung zu unterscheiden.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Quellen und Literatur

Eine Auswahl zentraler Arbeiten zu Keres und zu griechischen Todesvorstellungen:

  • Vermeule, Emily: Aspects of Death in Early Greek Art and Poetry. Berkeley 1979.
  • Burkert, Walter: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. Stuttgart 1977.
  • Wachsmuth, Dietrich: „Keres“, in: Der kleine Pauly, Bd. 3.
  • Sourvinou-Inwood, Christiane: 'Reading' Greek Death. Oxford 1995.

Standardliteratur (Griechenland):

  • Bremmer, Jan N.: Greek Religion. Cambridge University Press, Cambridge 1999.
  • Bonnefoy, Yves: Greek and Egyptian Mythologies. University of Chicago Press, Chicago 1992.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

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