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Mercurius - Götter aus der Rom-Tradition, historisch-illustrativ

Mercurius – Gott des Handels, der Boten und der Reisenden

GottRomBotengottheit

Mercurius war für die Römer der Gott des Handels, der Boten und der Reisenden. Sein Kult war eng mit den Kaufleuten und mit dem Gewinn aus dem Warenverkehr verbunden.

Einordnung

Mercurius gehört zu den bekanntesten Gottheiten der römischen Religion. Er war der Gott des Handels, des Warenverkehrs, der Boten und der Reisenden. In ihm bündelten sich Vorstellungen von Bewegung, Austausch und Gewinn, also von Bereichen, die für eine Handelsstadt wie Rom von großer Bedeutung waren.

Religionsgeschichtlich ist Mercurius ein Beispiel für eine Gottheit, die stark durch griechischen Einfluss geprägt wurde. Er wurde früh mit dem griechischen Hermes gleichgesetzt und übernahm dessen Mythen und Bildmotive weitgehend.

Ein alter, eigenständiger römischer Mythenkreis um Mercurius ist kaum greifbar. Sein Kern liegt vielmehr in seiner Funktion, der Zuständigkeit für Handel und Verkehr, die sich bereits im Namen ausdrückt.

Sein wichtigster Tempel in Rom stand in der Nähe des Circus Maximus und wurde nach der Überlieferung im frühen fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung geweiht. Die Trägerschaft seines Kultes lag bei den Kaufleuten, die in einer eigenen Vereinigung organisiert waren.

Mercurius war damit weniger ein Gott des Staatskultes im engeren Sinn als ein Gott eines bestimmten Berufsstandes, dessen Anliegen Gewinn, Glück im Geschäft und sichere Wege waren.

Die Verehrung des Mercurius war von Beginn an mit einem konkreten Berufsstand verknüpft. Am Tag der Tempelweihe wurde zugleich die Vereinigung der Kaufleute, das collegium mercatorum, eingerichtet. Damit war der Kult weniger ein Anliegen des gesamten Gemeinwesens als die religiöse Heimat einer wirtschaftlich tätigen Gruppe, deren Interessen Gewinn, Absatz und sichere Wege waren.

Name und Etymologie

Der Name Mercurius wird in der Forschung mit der lateinischen Wortgruppe um merx, Ware, und mercari, handeln, in Verbindung gebracht. Davon abgeleitet sind auch Wörter wie mercator, der Kaufmann, und merces, der Lohn oder die Bezahlung. Der Name kennzeichnet Mercurius damit unmittelbar als den Gott des Warenhandels.

Diese durchsichtige Herleitung passt zu dem Befund, dass Mercurius seinem Wesen nach eine Funktionsgottheit war. Sein Name benennt seinen Zuständigkeitsbereich, und dieser Bereich, der Handel und der Gewinn aus dem Warenverkehr, bildet den festen Kern seiner Verehrung, während die mythische Ausgestaltung weitgehend von außen kam.

Im Unterschied zu Hermes, dessen griechischer Name eine andere Bedeutungsgeschichte hat, ist der lateinische Name also eng an die wirtschaftliche Funktion gebunden.

Das erklärt, warum Mercurius in Rom von Anfang an als Gott der Kaufleute erscheint und warum sein Fest mit Bräuchen verbunden war, die sich auf ehrlichen oder erfolgreichen Handel bezogen. Die Etymologie ist damit ein wichtiger Hinweis darauf, dass der römische Mercurius trotz der griechischen Überformung einen eigenen Ausgangspunkt hatte.

Beschreibung und Ikonographie

Die bildliche Darstellung des Mercurius folgt weitgehend dem Vorbild des griechischen Hermes. Er erscheint meist als jugendlicher, athletischer Mann, oft unbekleidet oder mit kurzem Mantel über der Schulter.

Seine wichtigsten Attribute sind der Flügelhut, der petasus, die geflügelten Schuhe oder Flügel an den Knöcheln sowie der Heroldsstab, der caduceus, ein Stab mit zwei umschlungenen Schlangen.

Häufig hält Mercurius zusätzlich einen Geldbeutel in der Hand. Dieses Attribut ist besonders aufschlussreich, weil es seine spezifisch wirtschaftliche Rolle betont.

Während die Flügel an Hut und Schuhen für Schnelligkeit und Botengang stehen und der caduceus auf seine Funktion als Vermittler und Herold verweist, macht der Geldbeutel ihn unmissverständlich zum Gott des Gewinns und des Handels.

Mercurius erscheint auf Reliefs, Wandmalereien, Statuetten und sehr häufig auf Münzen. In den Provinzen, besonders im keltischen und germanischen Raum, war er eine der am meisten dargestellten römischen Gottheiten.

Dort wurde er mit einheimischen Gottheiten gleichgesetzt, was zu einer großen Zahl von Weihungen und Bildern führte. Die Ikonographie blieb dabei im Kern stabil, der jugendliche Bote mit Flügelhut, caduceus und Geldbeutel ist über den ganzen römischen Westen hinweg wiedererkennbar.

Mythologische Erzählungen und Überlieferung

Die mythische Überlieferung des Mercurius stammt fast vollständig aus dem griechischen Hermes-Stoff. Erzählungen von der listenreichen Geburt des Gottes, von seinem Diebstahl der Rinder des Apollo, von der Erfindung der Leier und von seiner Rolle als Begleiter der Seelen in die Unterwelt sind in der römischen Literatur präsent, aber als Übernahme griechischer Mythen erkennbar.

In der römischen Dichtung tritt Mercurius an mehreren Stellen als handelnde Figur auf. In Vergils Aeneis wird er von Jupiter als Bote zu Aeneas gesandt, um ihn aus Karthago fortzutreiben und an seine Aufgabe zu erinnern.

Diese Szene zeigt Mercurius in seiner klassischen Rolle als Übermittler des göttlichen Willens. Ovid greift in seinen Werken den Geburts- und Diebstahlsmythos sowie die Geschichte von Lara und der Zeugung der Laren auf, in der Mercurius ebenfalls eine Rolle spielt.

Ein eigenständiger altrömischer Mythenkreis um Mercurius lässt sich dagegen kaum nachweisen. Das passt zu seinem Charakter als Funktionsgott, dessen Bedeutung in der Praxis des Handels und nicht in einer reichen einheimischen Erzähltradition lag.

Die literarische Überlieferung ist deshalb vor allem ein Zeugnis dafür, wie selbstverständlich die gebildeten Römer den griechischen Mythenstoff aufnahmen und in ihre eigene Dichtung einfügten.

Auch Horaz wendet sich in seinen Oden an Mercurius und stellt sich selbst unter dessen Schutz, indem er sich als einen dem Gott verbundenen Dichter bezeichnet. Damit übernimmt Mercurius in der römischen Dichtung auch den von Hermes geerbten Bezug zur Sprache, zur Beredsamkeit und zur Vermittlung, der über den engeren Bereich des Handels hinausreicht.

Kult und Verehrung

Der Kult des Mercurius in Rom war eng mit den Kaufleuten verbunden. Sein Tempel in der Gegend des Circus Maximus galt als das Heiligtum dieses Berufsstandes.

Die Kaufleute waren in einer Vereinigung organisiert, und ihre religiösen Belange waren mit dem Cult des Mercurius verknüpft. Anliegen der Verehrung waren guter Absatz, Glück im Geschäft und sichere Reisen.

Das jährliche Fest waren die Mercuralia im Mai, am gleichen Tag, an dem nach der Überlieferung auch der Tempel geweiht worden war.

Bei diesem Anlass brachten die Kaufleute Opfer dar und vollzogen einen besonderen Brauch. Sie schöpften Wasser aus einer dem Mercurius geweihten Quelle, der aqua Mercurii, und besprengten damit sich selbst und ihre Waren.

Dabei sprachen sie Gebete, in denen sie um Vergebung für früheren unehrlichen Handel und um künftigen Gewinn baten. Dieser Brauch ist religionsgeschichtlich aufschlussreich, weil er die Spannung zwischen wirtschaftlichem Eigeninteresse und religiöser Bindung deutlich macht.

In den Provinzen erlebte der Kult des Mercurius eine starke Ausbreitung. Im keltischen und germanischen Raum wurde er mit einheimischen Hauptgottheiten gleichgesetzt und auf Höhen, an Wegen und in Heiligtümern verehrt.

Zahlreiche Weihinschriften und Bildwerke zeugen von dieser Beliebtheit. Mercurius war damit zugleich ein Gott des städtischen Handelsstandes in Rom und eine der wichtigsten Bezugsfiguren der religiösen Verschmelzung in den Provinzen.

Der Tempel des Mercurius wurde nach der Überlieferung im Jahr 495 vor unserer Zeitrechnung am Abhang des Aventin in der Nähe des Circus Maximus geweiht, und auf denselben Tag, den fünfzehnten Mai, fielen alljährlich die Mercuralia.

Livius berichtet von Streitigkeiten darüber, wer die Weihe des Tempels vornehmen dürfe, was den früh anerkannten Rang des Heiligtums zeigt.

Die dem Gott geweihte Quelle, die aqua Mercurii, lag nach den Quellen außerhalb der Porta Capena. Aus ihr schöpften die Kaufleute am Festtag mit einem Lorbeerzweig Wasser, mit dem sie ihre Waren und sich selbst besprengten.

Ovid überliefert in den Fasti das Gebet, das dabei gesprochen wurde, in dem die Händler den Gott baten, frühere und künftige Meineide nachzusehen und ihnen Gewinn zu gewähren.

Diese offene Bitte um Nachsicht für unredlichen Handel ist religionshistorisch aufschlussreich, weil sie zeigt, wie das Geschäftsleben in eine geregelte religiöse Beziehung eingebettet wurde, ohne seine Eigeninteressen zu verbergen.

Schutzpraxis und Apotropäisches

Der Schutz, den Mercurius bot, war vor allem auf Bewegung und Austausch bezogen. Reisende und Boten stellten ihre Wege unter seinen Schutz, Kaufleute ihre Geschäfte und ihre Waren.

Der Gott galt als der, der Wege gelingen lässt, Begegnungen vermittelt und den Handel zu einem guten Ende führt. Damit war er eine Bezugsfigur für all jene Lebensbereiche, die mit Unterwegssein und mit dem Wagnis des Geschäfts verbunden waren.

Eine besondere Schutzpraxis ist das Besprengen der Waren mit dem Wasser der Mercurius-Quelle bei den Mercuralia. Diese Handlung sollte einen guten Verlauf der Geschäfte sichern und zugleich früheres Fehlverhalten ausgleichen. Sie verband die Bitte um künftigen Gewinn mit dem Eingeständnis vergangener Unredlichkeit und stellte so eine geordnete religiöse Beziehung zwischen Kaufmann und Gott her.

Mercurius hatte daneben eine Verbindung zur Welt der Toten, da er in der von Griechenland übernommenen Vorstellung als Geleiter der Seelen galt. In dieser Funktion war er ein Vermittler zwischen den Bereichen, der den Übergang ordnete.

Auch hier liegt der Akzent weniger auf der Abwehr böser Mächte als auf der Vermittlung und der Sicherung von Übergängen, sei es zwischen Orten, zwischen Geschäftspartnern oder zwischen den Bereichen von Leben und Tod. Der Schutz des Mercurius war damit weniger abwehrend als ordnend und gelingen lassend.

Der Geleitdienst für die Seelen, der Mercurius aus dem griechischen Erbe zukam, machte ihn zu einer Figur an der Schwelle zwischen den Bereichen.

In dieser Rolle als Mercurius, der die Toten geleitet, erscheint er gelegentlich auf Grabdenkmälern. Sein Schutz bezog sich damit nicht nur auf Wege und Geschäfte unter den Lebenden, sondern auch auf den letzten Übergang.

Parallelen in anderen Kulturen

Die engste Parallele zu Mercurius ist der griechische Hermes. Die Gleichsetzung war so weitgehend, dass Mercurius fast den gesamten Mythenkreis und die Ikonographie des Hermes übernahm. Dennoch gibt es einen Unterschied.

Der römische Mercurius ist von seinem Namen her stärker auf den wirtschaftlichen Bereich festgelegt, während Hermes ein breiteres Spektrum von Zuständigkeiten hatte. Das Attribut des Geldbeutels in der römischen Ikonographie unterstreicht diese Verschiebung.

In den Provinzen wurde Mercurius mit einer Reihe einheimischer Gottheiten verbunden. Im keltischen Bereich wurde er mit einer als besonders bedeutend geltenden einheimischen Gottheit gleichgesetzt, im germanischen Bereich mit einer dortigen Hauptgottheit. Diese Identifikationen sind ein wichtiges Beispiel für den Vorgang der religiösen Verschmelzung, bei dem römische und einheimische Vorstellungen ineinander übergingen.

Wissenschaftlich gehört Mercurius zum verbreiteten Typus der Boten- und Vermittlergottheiten, die zwischen Bereichen, Orten und Personen vermitteln und häufig auch eine Rolle beim Übergang in die Welt der Toten spielen.

Solche Gottheiten begegnen in vielen Religionen. Die römische Ausprägung ist durch die starke Bindung an den Handel und durch die breite Verehrung in den Provinzen besonders gut dokumentiert.

Heutige Rezeption und Forschung

In der Forschung zur römischen Religion wird Mercurius vor allem unter zwei Gesichtspunkten behandelt. Zum einen interessiert die Frage, was an ihm altrömisch und was griechische Übernahme ist, zum anderen seine herausragende Rolle in der religiösen Verschmelzung der Provinzen.

Georg Wissowa und Kurt Latte ordneten ihn in die römische Götterwelt ein, neuere Arbeiten, etwa von Jörg Rüpke, betonen seine Funktion innerhalb bestimmter sozialer Gruppen.

Die provinzialrömische Religionsforschung hat sich intensiv mit den zahlreichen Weihungen an Mercurius im keltischen und germanischen Raum beschäftigt. Diese Zeugnisse erlauben Einblicke in die Art und Weise, wie römische und einheimische Religion zusammenwirkten, und Mercurius gilt dabei als eines der wichtigsten Beispiele.

Auch die Mercuralia und der Brauch des Besprengens der Waren werden als Quelle für das Verhältnis von Religion und Wirtschaft herangezogen.

In der heutigen Allgemeinkultur ist Mercurius über mehrere Wege präsent. Sein Name steht für den sonnennächsten Planeten, sein Bild mit Flügelhut und caduceus erscheint bis heute als Sinnbild für Handel, Verkehr und Botendienst.

Für die Religionswissenschaft bleibt Mercurius ein lehrreiches Beispiel dafür, wie eine Funktionsgottheit durch fremde Mythen angereichert wird und zugleich zu einer Schlüsselfigur der religiösen Begegnung verschiedener Kulturen werden kann.

Ein weiterer Schwerpunkt der neueren Forschung liegt auf der Rolle des Mercurius in den Berufsvereinigungen. Die collegia der Kaufleute und Handwerker, die sich auf Mercurius bezogen, gelten als Beispiel dafür, wie sich religiöse Bindung und wirtschaftliche Organisation in der römischen Stadt durchdrangen.

Die zahlreichen Weihinschriften aus den Provinzen erlauben es zudem, die soziale Zusammensetzung der Verehrerschaft genauer zu bestimmen.

Literatur (Auswahl)

  • Georg Wissowa: Religion und Kultus der Römer (1912)
  • Kurt Latte: Römische Religionsgeschichte (1960)
  • Mary Beard, John North, Simon Price: Religions of Rome (1998)
  • John Scheid: An Introduction to Roman Religion (2003)
  • Jörg Rüpke: Die Religion der Römer (2001)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Mercurius Mercuralia Hermes Caduceus Handel Kaufleute Boten Reisende.

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