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Hephaistos, griechischer Schmiedegott

Hephaistos ist ein griechischer Schmiedegott und der Meister des kunstvollen Feuers, dem die kunstvollsten Werke der olympischen Götter zugeschrieben werden. Hephaistos ist im griechischen Pantheon der Gott der Schmiedekunst, des Feuers und des handwerklichen Erfindens.

Anders als Athene Ergane, die die geistige und planende Seite des Handwerks beschützt, vertritt Hephaistos die praktische Bewältigung des Materials: die Beherrschung des Feuers und das Schmelzen, Schmieden, Hämmern und Gießen von Metall.

Bei Homer trägt er das Epitheton «amphigyeeis», «mit hinkenden Füßen», und «kyllopodion», «hinkfüßig». Seine Behinderung gehört zu seinem ältesten Profil und steht in keinerlei moralischem oder negativem Bezug; im Gegenteil markiert sie ihn als außergewöhnlichen Künstler, dessen Werke das ausgleichen, was sein Körper an Beweglichkeit einbüßt.

Sein Kult ist auf den vulkanischen Inseln Lemnos und Sizilien, in Athen und in den hellenistischen Werkstattzentren ausgeprägt.

Inhaltsverzeichnis

Hephaistos - Götter aus der Griechenland-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Stammbaum

Über die Herkunft des Hephaistos gibt es zwei konkurrierende Traditionen. Bei Hesiod (Theogonie 927 bis 929) wird er von Hera allein geboren, als trotzige Antwort auf die parthenogenetische Geburt der Athene aus Zeus‘ Haupt. Diese Version macht ihn zum reinen Hera-Sohn ohne Anteil des Göttervaters.

Eine zweite Tradition bei Homer (Ilias I, 578 und XIV, 338) nennt ihn Sohn beider, Zeus und Hera. Die hesiodische Version ist die religionsgeschichtlich ältere und besser belegte; sie passt zur Funktion des Hephaistos als unabhängige Schmiedegestalt, deren Beziehung zu den olympischen Königen distanziert bleibt.

Die Behinderung wird in zwei Sturzgeschichten erklärt. Die erste, bei Homer (Ilias I, 590 bis 594), berichtet, wie Zeus ihn vom Olymp warf, weil Hephaistos auf Heras Seite in einen Streit der Eltern eingriff; einen Tag fiel er, bis er auf Lemnos auftraf, schwer verletzt, und von den Sintiern aufgenommen wurde.

Die zweite Version, bei Homer (Ilias XVIII, 395 bis 405), kehrt die Reihenfolge um: Hera selbst wirft ihren neugeborenen Sohn vom Olymp, weil er hinkfüßig zur Welt gekommen sei; Thetis und Eurynome fangen ihn auf und verbergen ihn neun Jahre in einer Grotte am Okeanos, wo er sein Schmiedehandwerk lernt.

Gemahlin Hephaistos‘ ist bei Homer (Odyssee VIII, 266 bis 366) Aphrodite, bei Hesiod und in der jüngeren Tradition Aglaia, die jüngste der Chariten. Mit Athene zeugt er in der attischen Lokaltradition den autochthonen König Erichthonios, ohne dass es zu einer regulären Vereinigung kommt.

Die Vaterschaft des Erichthonios ist insofern bedeutend, als sie Hephaistos in das Gründungsnarrativ Athens einschreibt und ihn zum eigentlichen Erzeuger des athenischen Königsgeschlechts macht, neben Athene als Pflegemutter.

In der späteren Tradition treten weitere Kinder hinzu: der argivische Kabir Kabeiros, mit dem die unter-irdischen Mysterien von Lemnos und Samothrake verbunden sind, sowie die kreischend bösen Kabeiroi-Söhne nach Strabon. Über diese Verbindungen wird Hephaistos zur zentralen Gestalt der ältesten mysterienreligiösen Schicht der griechischen Religion, weit über seine olympische Funktion hinaus.

Symbole, Ikonografie und Attribute

Hephaistos wird typischerweise mit Hammer, Zange und Schmiedeblasebalg dargestellt, gelegentlich auf einem Hocker sitzend, weil seine Behinderung das längere Stehen erschwert. Er trägt einen kegelförmigen Filzhut, den «pilos», eine charakteristische Kopfbedeckung der Handwerker, die ihn von den unbedeckten Olympiern unterscheidet.

Sein Chiton ist kurz, oft nur eine Schulter bedeckend (exomis), wie ihn die Arbeiter trugen. In der attischen Vasenmalerei des sechsten und fünften Jahrhunderts erscheint er häufig in Begleitung von Satyrn, Mänaden und Dionysos, mit dem zusammen seine Rückkehr zum Olymp dargestellt wird.

Sein Werkstattort gilt traditionell als unterirdisch, im Innern der Vulkane Lemnos, Hiera (Hephaistia, heute Vulcano) und Aetna.

In der homerischen Werkstatt sind die Helfer keine Sterblichen, sondern automatische Maschinen: goldene Mägde, die wie lebendige Wesen denken, sprechen und arbeiten (Ilias XVIII, 417 bis 420), und feurige Dreifüße auf Rollen, die selbständig zum Götterversammlungssaal rollen. Diese frühe Vision technischer Selbsttätigkeit gehört zu den ältesten Belegen einer mythischen Robotik in der europäischen Literatur.

Zu den berühmtesten Werken des Hephaistos zählen Achilleus‘ neuer Schild (Ilias XVIII, 478 bis 608), in dessen Bildprogramm Hephaistos die ganze Welt von der Stadt im Frieden bis zur Stadt im Krieg, vom Erntefest bis zur Hochzeit darstellt; die unzerbrechlichen Fesseln, mit denen Prometheus an den Kaukasus geschmiedet wird (Aischylos, Gefesselter Prometheus 1 bis 87); der Sonnenwagen des Helios; die Aigis des Zeus und der Athene; die Brustspange der Harmonia, die ihrem Geschlecht Unheil bringt; und der bronzene Riese Talos, der die Insel Kreta bewacht (Apollonios Rhodios IV, 1638 bis 1693).

Die plastische Darstellung des Hephaistos in der klassischen Zeit ist seltener als die anderer Olympier, weil seine handwerkliche Bescheidenheit zum monumentalen Sakralbau im Widerspruch zu stehen schien. Eine Ausnahme bildet die Athene-Hephaistos-Gruppe, die Alkamenes für das Hephaisteion auf der athenischen Agora schuf; sie ist heute nur über Beschreibungen rekonstruierbar.

Kult und Verehrung

In Athen hatte Hephaistos eine zentrale Funktion als Schutzgott der Handwerker. Die Chalkeia, gefeiert am letzten Tag des Monats Pyanopsion (Oktober/November), waren das gemeinsame Fest des Hephaistos und der Athene Ergane. An diesem Tag begannen die Webfrauen der Akropolis mit dem neuen Peplos für die Panathenaia.

Eine Festprozession der Handwerker zog vom Hephaisteion auf der Agora zur Akropolis. Pausanias (I, 14, 6) berichtet, am Fuß des Tempels habe ein heiliger Olbaum gestanden, der angeblich aus dem Stab des Erichthonios gewachsen sei.

Ein eigenes Hephaistos-Fest waren die Apaturien für die Phratrien Athens, an dem im Trittel des Familienfestes (Koureotis) jeder Bürgersohn dem Hephaistos eine Fackel zur Initiation darbrachte.

Der Hephaisteia-Lampelauf (Fackellauf von der Akademie zur Stadt) gehörte zu den ältesten athletischen Wettkämpfen Athens und wurde besonders mit Hephaistos in Verbindung gebracht. Sieger erhielten Tonlampen mit der Darstellung des Schmiedegottes.

Lemnos war der älteste und am stärksten ausgeprägte Hephaistos-Kult. Auf der vulkanischen Insel galten die Fumarolen am Berg Moschylos als sichtbarer Ausweis seiner Werkstatt.

Einmal jährlich wurden alle Feuer der Insel gelöscht und neun Tage lang in einer rituellen Reinheitsphase gehalten; danach brachte ein Schiff vom Heiligtum auf Delos neues, reines Feuer nach Lemnos, mit dem Herd- und Schmiedefeuer wieder entzündet wurden (Philostrat, Heroikos 28, 6).

Diese Periode galt als die «lemnische Tat», erinnernd an die mythische Frauen-Tat von Lemnos, als die Lemnierinnen ihre Männer töteten, was die Insel «unrein» machte, bis Hephaistos Versöhnung stiftete.

In Sizilien war der Kult mit dem Ätna verbunden. Die Inseln nördlich Siziliens (Lipari, Vulcano, Stromboli) wurden in hellenistischer Zeit als Hephaistos-Werkstätten gedeutet; Pindar (Pythien I, 17 bis 28) lässt den Gott unter dem Ätna den Giganten Typhon halten.

In Olympia trat Hephaistos in der Reihe der zwölf Altäre der olympischen Götter auf, in Argos teilte er einen Tempel mit den Eringen. Italische Übernahmen brachten den Kult unter dem Namen Volcanus auch in den römischen Götterkanon.

Wichtige Heiligtümer und Tempel

Der bedeutendste erhaltene Tempel des Hephaistos steht auf der nordwestlichen Anhöhe der athenischen Agora, das Hephaisteion. Erbaut zwischen 449 und 415 vor unserer Zeitrechnung, ist es der besterhaltene dorische Tempel Griechenlands; seine Konservierung verdankt es der Umwandlung in eine Kirche des heiligen Georg im siebten Jahrhundert.

Die Metopen zeigen Taten des Herakles und des Theseus; das Innere barg die Bronzegruppe der Athene und des Hephaistos von Alkamenes. Der Tempel diente bis ins neunzehnte Jahrhundert als Friedhof für britische Reisende, wovon zahlreiche Grabplatten zeugen.

Auf Lemnos lag das Hephaistos-Heiligtum am Hephaistia, an der Nordküste der Insel. Archäologische Forschungen italienischer Schulen seit den 1930er Jahren haben das Heiligtum dokumentiert; es war Sammelpunkt der vorgriechischen «Sintier», dann der griechischen Bevölkerung. Im Theater und im Heiligtum von Kabirion lassen sich Hephaistos-Bezüge in zahlreichen Inschriften nachweisen.

Auf den Liparischen Inseln war Hiera, die heutige Insel Vulcano, in der Antike eine Hephaistos-Stätte; die vulkanische Aktivität galt als visuelle Bestätigung der Werkstatt. Strabo (VI, 2, 11) beschreibt die regelmäßigen Eruptionen als rhythmische Schmiedeschläge.

In Argos teilte Hephaistos mit den Eringen ein Heiligtum, das Pausanias (II, 24, 2) als kleines Stadtkultzentrum beschreibt. Auf Kreta gab es einen Schrein in Olus, der Hephaistos als Erbauer des Talos verehrte.

Mythen-Erzählungen

Der Hochzeitsmythos um Aphrodite und Hephaistos ist die berühmteste Geschichte des Gottes. Bei Homer (Odyssee VIII, 266 bis 366) erfährt der Sänger Demodokos vor den Phaiaken: Aphrodite, dem hinkenden Gemahl untreu, trifft sich mit Ares in Hephaistos‘ Schlafgemach. Helios, der Allsichtige, verrät den Ehebruch.

Hephaistos schmiedet ein unsichtbares Netz aus dünnsten Bronzefäden und legt es über das Bett. In flagranti werden die Liebenden festgehalten; Hephaistos ruft die olympischen Götter herbei, die in homerischem Gelächter ausbrechen. Die Episode ist eine der ältesten Komödien der europäischen Literatur und behandelt das ständige Spannungsverhältnis zwischen Handwerkertugend und aristokratischer Schönheit.

Der Mythos vom goldenen Thron schildert eine Hera-Hephaistos-Episode. Hephaistos sendet seiner Mutter, die ihn vom Olymp gestürzt hatte, einen wundervollen Thron als scheinbare Versöhnungsgabe. Hera setzt sich auf den Thron und wird durch unsichtbare Fesseln festgehalten. Die Olympier können das Werk nicht lösen; nur Hephaistos kennt das Geheimnis.

Erst als Dionysos den Schmiedegott betrunken macht und auf einem Maultier zum Olymp bringt, willigt Hephaistos ein, die Mutter zu befreien. Diese «Rückführung» des Hephaistos zum Olymp ist eines der häufigsten Motive der attischen Vasenmalerei zwischen 580 und 470 vor unserer Zeitrechnung.

Bei der Geburt Athenes spielt Hephaistos die Rolle der Hebamme: Er spaltet mit einem Beilschlag den Schädel des Zeus, woraus Athene in voller Rüstung springt (Pindar, Olympische Oden VII, 35 bis 38).

Diese paradoxale Konstellation, in der der hinkende Schmied zum Geburtshelfer der jungfräulichen Göttin wird, gilt in der vergleichenden Mythologie als Modell der Vermittlung von Form und Stoff durch das technische Wissen.

Die Fesselung des Prometheus, geschildert in Aischylos‘ «Gefesseltem Prometheus», zeigt Hephaistos in seiner zweiten Rolle als Vollstrecker der Götterordnung. Auf Zeus‘ Befehl schmiedet er den Titanen am Felsen des Kaukasus an. Doch in der Tragödie spricht er das Werk mit unverhüllter Trauer aus und bekennt seine Verwandtschaft mit dem Bestraften, denn beide sind Götter des Feuers. Zudem stellt er die Härte des Auftrags in Frage.

Diese Szene zeigt Hephaistos als ethisch sensiblen Gott, der dem Befehl gehorcht, aber moralisch über ihm steht.

Beziehungen im Pantheon

Hephaistos‘ Verhältnis zu Hera ist ambivalent. Einerseits ist sie seine Mutter, oft ohne väterlichen Anteil, andererseits hat sie ihn vom Olymp gestürzt. Der goldene Thron und seine Rückführung durch Dionysos zeigen die Versöhnung zwischen Mutter und Sohn, die durch eine Drittfigur (Dionysos) ermöglicht wird.

Mit Zeus besteht eine professionelle Beziehung: Zeus erteilt ihm die schweren Aufträge (Aigis, Pandora-Erschaffung, Fesselung des Prometheus), und Hephaistos führt sie ohne Murren aus, gelegentlich mit innerer Distanz.

Mit Aphrodite ist er nach Homer verheiratet, mit Athene durch das Erichthonios-Ereignis verbunden. Beide Verbindungen zeigen die Spannung zwischen dem Hinkenden und den schönsten Göttinnen des Pantheons.

Die Verbindung mit Aphrodite gilt als kosmische Allegorie der Vereinigung von Stoff (Schmiedekunst) und Form (Schönheit), eine Deutung, die bei Plutarch und in der neuplatonischen Tradition ausgearbeitet wurde. Die Beziehung zu Athene ist arbeitspraktisch: Beide sind Patrone der Handwerker, und das Hephaisteion war beiden geweiht.

Mit Ares besteht Konkurrenz wegen Aphrodite, aber auch professionelle Differenz: Hephaistos schmiedet die Waffen, Ares benutzt sie. In der attischen Vasenmalerei werden beide häufig als Gegenfiguren im Bildprogramm gegenübergestellt.

Mit Dionysos verbindet ihn die «Rückführung zum Olymp», eine der ältesten und am häufigsten dargestellten Götterszenen der archaischen Bildkunst. Mit den Kyklopen teilt er den unterirdischen Werkstattort; sie gelten als seine Gehilfen beim Schmieden der olympischen Waffen.

Rezeption

In der römischen Religion entspricht Hephaistos dem Volcanus, einem alten italischen Feuergott, dessen Kult sich vor allem im Volcanal auf dem Forum konzentrierte. Die Vulcanalia am 23. August waren ein Fest zur Abwehr der spätsommerlichen Feuersgefahr; das Festprogramm umfasste das Verbrennen von kleinen Fischen, vermutlich als Sühnopfer für die heißen Wochen.

Vergil (Aeneis VIII, 416 bis 453) lokalisiert Volcans Werkstatt auf der Insel Hiera (Vulcano) und beschreibt die Anfertigung der Waffen für Aeneas, einer direkten Rezeption der Achilleus-Schild-Episode aus der Ilias.

Im Mittelalter blieb Hephaistos als Allegorie des Schmiedehandwerks präsent. Boccaccio behandelt ihn in «De genealogia deorum gentilium» mit allegorischen Deutungen. Die Renaissance brachte mit Velazquez‘ «Schmiede des Vulkan» (1630) und Tintorettos «Vulkan überrascht Mars und Venus» neue ikonographische Schöpfungen.

Im Barock interpretierten Rubens und Cortona den Stoff als Allegorie der Kunstschöpfung; der vom Hammer getriebene Schmied wird zum Sinnbild des produktiven Künstlers.

Das achtzehnte Jahrhundert sah in Vulcan vor allem das Sinnbild der Aufklärungstechnik, das neunzehnte Jahrhundert das des industriellen Schmiedewesens. Friedrich Hölderlin macht in «Hyperion» Hephaistos zum Patron des Eisenarbeiters. Karl Marx zitiert in den «Theorien über den Mehrwert» den Mythos zur Veranschaulichung des Verhältnisses von Arbeit und Kapital.

Die moderne Forschung von Marcel Detienne und Jean-Pierre Vernant («Les ruses de l’intelligence», 1974) hat Hephaistos in das mythische Konzept der «metis», der listigen Erfindungsklugheit, eingeordnet und damit seine intellektuelle Dimension neu betont.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Die Etymologie des Namens Hephaistos ist unsicher. Eine indogermanische Herleitung gilt als unwahrscheinlich; die meisten Forscher, darunter Robert Beekes, nehmen einen vorgriechischen, möglicherweise lemnischen Ursprung an. Die mykenischen Linear-B-Tafeln nennen keinen Gott dieses Namens, was auf eine Einführung in die griechische Religion erst in geometrischer Zeit hinweisen könnte.

Die Verbindung mit der vulkanischen Insel Lemnos und mit den nicht-griechischen Sintiern stützt diese These.

Im religionsvergleichenden Kontext fallen Parallelen zum hurro-hethitischen Schmied Hasamil, zum ugaritischen Köthar-wa-Hasis und zum vedischen Tvaṣṭṛ auf, die alle das Profil des göttlichen Handwerkers ausfüllen, der die Waffen der Götter schmiedet und durch besondere Erfindungen die mythische Welt mit-konstruiert.

Die Behinderung des Schmiedegottes ist ein verbreitetes Motiv: Auch der germanische Wieland, der nordische Völundr und der irische Goibniu sind in unterschiedlichen Schattierungen körperlich behindert.

Marcel Detienne und Jean-Pierre Vernant haben dieses Motiv als symbolische Markierung des Ausnahmestatus interpretiert: Der Schmied tritt aus der normalen Lebensbahn heraus und gewinnt damit den außerordentlichen Zugriff auf die elementaren Kräfte des Feuers und des Metalls.

Walter Burkert hat in «Griechische Religion» die religionsgeschichtliche Funktion des Hephaistos als «Lukas» des Pantheons (der Heiligenfunktion vergleichbar) herausgearbeitet: Er ist der Gott, der die Werkstattproduktion sakralisiert und dem Handwerker eine eigene religiöse Würde verleiht, neben dem kriegerischen Adel und der priesterlichen Klasse.

Diese Funktion erklärt seine starke Präsenz im athenischen Bürgerkult, der die Handwerker als gleichberechtigte Polis-Mitglieder verstand. Die jüngere Forschung von Robert Parker hat die soziale Schichtung der Hephaistos-Verehrer in Athen rekonstruiert und gezeigt, dass die Chalkeia und der Lampelauf primär von metöken und einheimischen Handwerkern getragen wurden.

Etymologie und vorgriechische Schicht

Der Name «Hephaistos» (mykenisch nicht belegt, dorisch «Aphaistos») ist etymologisch ungeklärt. Eine indogermanische Herleitung gilt als unwahrscheinlich; die meisten Forscher, darunter Robert Beekes, nehmen einen vorgriechischen Ursprung an. Die Verbindung mit der vulkanischen Insel Lemnos und mit den nicht-griechischen Sintiern stützt diese These.

Die Sintier, die laut Homer Hephaistos nach seinem Sturz auffangen, gelten in der Forschung als vorgriechische Bevölkerung der Nordägäis, möglicherweise mit anatolischen oder thrakischen Verbindungen.

Bemerkenswert ist die fehlende mykenische Belegung. Während die meisten olympischen Götter in den Linear-B-Tafeln nachweisbar sind, fehlt Hephaistos in den bisher gefundenen mykenischen Texten vollständig.

Dies könnte darauf hindeuten, dass der Gott erst nach dem Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur in das griechische Pantheon eingegliedert wurde, möglicherweise im Zuge der Kontakte mit den vulkanischen Inseln der Nordägäis und mit den anatolischen Schmiedegottheiten der eisenzeitlichen Übergangsphase.

Die theologische Verwandtschaft Hephaistos‘ mit hurro-hethitischen Schmiedegottheiten ist von Sandra Blakely («Myth, Ritual and Metallurgy in Ancient Greece and Recent Africa», 2006) und Walter Burkert systematisch untersucht worden.

Insbesondere der hethitische «Hasamil» und der hurrische «Kothar-wa-Hasis» (in Ugarit als Köthar) zeigen strukturelle Ähnlichkeiten zum griechischen Hephaistos: alle drei sind Schöpfer der Götterwaffen, alle drei haben einen ungewöhnlichen körperlichen Status, alle drei sind in Werkstätten an außerordentlichen Orten lokalisiert.

Diese Verwandtschaft legt eine alte ostmediterrane Tradition des göttlichen Schmiedes nahe, in die sich der griechische Hephaistos einreiht.

Quellen

Homer, «Ilias» I, 571 bis 600 (Sturz vom Olymp), XVIII, 369 bis 617 (Schild des Achilleus); «Odyssee» VIII, 266 bis 366 (Aphrodite und Ares). Hesiod, «Theogonie» 927 bis 929 (Geburt). Aischylos, «Gefesselter Prometheus» 1 bis 87. Pindar, «Olympische Oden» VII, 35 bis 38. Apollonios Rhodios, «Argonautika» IV, 1638 bis 1693 (Talos).

Apollodor, «Bibliotheke», I, 3, 5 und III, 14, 6 (Erichthonios). Pausanias, «Beschreibung Griechenlands», I, 14 (Hephaisteion), II, 24 (Argos). Vergil, «Aeneis» VIII, 416 bis 453. Walter Burkert, «Griechische Religion», Stuttgart 1977. Marcel Detienne, Jean-Pierre Vernant, «Les ruses de l’intelligence. La mètis des Grecs», Paris 1974. Karl Kerényi, «Die Mythologie der Griechen», Zürich 1951.

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