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Heimdall, Wächter der Bifröst-Brücke

Heimdall ist der wachsame Hüter Asgards, der an der Bifröst-Brücke Posten hält und mit seinem Horn das Nahen der Feinde meldet. Heimdall ist der Wächter der Götter im germanischen Pantheon. Sein Sitz liegt am oberen Ende der Regenbogenbrücke Bifröst, von wo aus er den Zugang nach Asgard überwacht.

Er gilt als Gott der Wachsamkeit, der Schärfe der Sinne und der Verbindung zwischen den Welten. Beim Ragnarök bläst er sein Horn Gjallarhorn und kündigt das Weltende an. Religionswissenschaftlich gilt Heimdall als eine der ratselhaftesten Gestalten der nordischen Mythologie, deren Funktionen sich auf Wache, Initiation und kosmologische Grenzziehung verteilen.

Inhaltsverzeichnis

Heimdall - Götter aus der Germanisch-Tradition, historisch-illustrativ

Mythos und Herkunft

Snorri Sturluson nennt Heimdall in der «Prosa-Edda» (Gylfaginning 27) den «weißen Asen», groß und heilig. Er ist Sohn von neun Schwestern, die alle als Riesentöchter beschrieben werden. Die «Voluspa hin skamma» 35-37 (Kurze Voluspa, Teil der Hyndluljod) nennt die neun Mütter beim Namen: Gjalp, Greip, Eistla, Eyrgjafa, Ulfrun, Angeyja, Imdr, Atla und Jarnsaxa.

Diese ungewöhnliche Genealogie hat in der Forschung zu vielfältigen Deutungen geführt. Karl Müllenhoff sah in den neun Müttern die neun Wellen des Meeres, Heimdall wäre dann «Sohn des Meeres». Georges Dumezil hat diese Lesart in «Heur et malheur du gürrier» (1969) weitergeführt und Heimdall als Wassergeborenen mit kosmologischer Initiationsfunktion bestimmt.

Sein Vater wird in der «Hyndluljod» als Odin genannt, was Heimdall in den engeren Asenkreis stellt. In der «Prosa-Edda» heißt er auch Hallinskidi und Gullintanni («Gold-Zahn»), letzteres wegen der goldenen Zähne. Sein Pferd Gulltoppr («Goldmähne») gehört zu den im «Grimnismal» 30 aufgezählten Asenpferden.

Snorri berichtet weiter, Heimdall benötige weniger Schlaf als ein Vogel und sehe sowohl bei Tag als auch bei Nacht hundert Rasten weit, sein Gehör sei so scharf, dass er das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen höre.

Eine eigene Episode bewahrt das Gedicht «Rigsthula» (vermutlich 10. Jahrhundert). Der Gott Rig, der nach der Einleitung mit Heimdall identifiziert wird, wandert über die Erde und zeugt nacheinander die drei Stammeshäuser Thrall (Knecht), Karl (Baür) und Jarl (Adliger).

Die Gestalt Heimdalls erscheint hier als Stammvater der menschlichen Stände. Klaus von See hat in seinem Edda-Kommentar (Bd. 3, 2000) die Identität Rig-Heimdall als sekundäre literarische Konstruktion eingestuft, während Rudolf Simek sie als alte Tradition liest.

Die Forschung hat den Namen Heimdall mehrfach untersucht. Wolfgang Meid, Edgar Polome und Rudolf Simek haben sich zu unterschiedlichen Etymologien geäussert.

Die etablierte Lesart Simeks geht von einer Verbindung mit heim («Welt») und dem zweiten Teil dallr aus, der jedoch verschieden gedeutet wird: als «Baum» (Weltbaum), als «glänzend» (Welt-Heller) oder als «Stab» (Welt-Stütze). Diese drei Lesarten passen alle zu Heimdalls Funktion als Hüter der kosmischen Ordnung und als Bewohner der Schwelle zwischen den Welten.

Die ungewöhnliche Genealogie mit neun Riesinnenmüttern wird in der vergleichenden indogermanischen Mythologie mit zahlreichen Parallelen verbunden. Im indischen Mahabharata wird der Kriegsgott Skanda von sechs Krittikas (Plejaden) gesäugt, im griechischen Mythos saugt Herakles an Heras Brust, in keltischen Erzählungen werden Helden von mehreren göttlichen Fraün aufgezogen.

Diese typologische Parallelität ist von Georges Dumezil in «Mitra-Varuna» (1948) und «Heur et malheur du gürrier» (1969) gesammelt worden. Die Spezifik Heimdalls liegt in der Verbindung von Vielheit der Mütter mit der Funktion als Welten-Wache.

Symbole und Attribute

Das wichtigste Attribut ist das Gjallarhorn, das «schallende Horn». Es wird in der «Voluspa» 27 und 46 erwähnt. In der einen Stelle ist es unter der Weltesche Yggdrasil verborgen, in der anderen bläst Heimdall darauf, sodass der Ton durch alle Welten dringt.

Diese doppelte Funktion, Trink- und Rufhorn, beschäftigt die Forschung. Eugen Mogk und Jan de Vries haben argumentiert, das ursprüglich ritülle Trinkhorn der Sakralgemeinschaft sei später zum eschatologischen Signal umgedeutet worden.

Heimdall trägt das Schwert Hofud («Haupt»), eine kenning, die ein altes Wortspiel umschließt: Heimdalls Haupt ist seine Waffe, sein Schwert ist sein Haupt. Diese Verflechtung von Körper und Waffe hat Margaret Clunies Ross als Hinweis auf eine archaische Vorstellung gelesen, in der der Körper des Gottes selbst als Schwertschneide wirkt.

Der ihm zugeordnete Ort ist Himinbjörg, der «Himmelsberg», an der Stelle, wo Bifröst den Himmel berührt. Snorri beschreibt den Sitz als Haus, in dem Heimdall guten Met trinkt.

Die Brücke selbst gilt als aus Feür, Luft und Wasser geformt, ihr roter Streifen wird in Gylfaginning 13 als Feür gedeutet, das verhindert, dass die Reifriesen sie betreten.

Kult und Verehrung

Im Unterschied zu Thor, Odin und Freyr findet sich für Heimdall kein dichter Befund an Ortsnamen oder Tempelnachrichten. Adam von Bremen erwähnt ihn nicht. Auch in den isländischen Sagas tritt er nur sporadisch auf, meist in mythologischen Exkursen.

Diese dünne kultische Spur hat die Forschung von Folke Strom (1956) bis Jens Peter Schjodt (2008) zu der Annahme geführt, Heimdall sei primär eine dichterische Gestalt der mythologischen Spätphase, deren Funktion in der literarischen Komposition liegt.

Andererseits zeigen die «Rigsthula» und Anspielungen in der «Lokasenna», dass Heimdall in der wikingerzeitlichen Spätkultur als Stammvater der Stände und als Wachgott des Pantheons fest verankert war. In der «Lokasenna» 48 verspottet Loki Heimdall, weil dieser «den Hintern bei den Göttern habe» und stets wach sein müsse, ein Hinweis auf seine ungemütliche, aber unverzichtbare Funktion.

Skaldisches Material bietet weiteres Indizien. Die «Husdrapa» des Ulf Uggason (um 985) beschreibt einen Bildschmuck der Halle Hjardarholt, in dem Heimdall und Loki in Gestalt von Robben um das Halsband Brisingamen ringen. Dieser Mythos ist nur fragmentarisch überliefert. Vermutlich geht es um den Diebstahl und die Rückholung des Schmucks der Göttin Freyja.

Wichtige Mythen

Der zentrale Mythos ist die Rolle Heimdalls beim Ragnarök. Die «Voluspa» 46-47 schildert, wie er das Gjallarhorn erhebt und bläst. Der Klang fährt durch alle neun Welten. Yggdrasil erzittert, die Asen erwachen. Heimdall ruft die Götter zur letzten Schlacht.

Im darauf folgenden Kampf treten Heimdall und Loki gegeneinander an, beide töten sich gegenseitig. Snorri Sturluson bewahrt diese Symmetrie in Gylfaginning 51. Sie korrespondiert mit Odin-Fenrir, Thor-Midgardschlange und Tyr-Garmr. Die wechselseitige Vernichtung der Hauptgegner ist ein konstitutives Motiv des nordischen Ragnarök.

Der zweite Mythos ist die «Rigsthula». Der Gott Rig, eine Wandergestalt Heimdalls, sucht drei Gehöfte auf. Im ersten lebt das Ehepaar Ai und Edda in armseligen Verhältnissen.

Rig isst grobes Brot, schläft drei Nächte im Bett zwischen den Eheleuten, und Edda gebiert den schwarzhäutigen Thrall, Stammvater der Knechte. Im zweiten Gehöft, Mittelstand, zeugt Rig mit Amma den blonden Karl, Stammvater der Baürn.

Im dritten, einem prachtvollen Saal, zeugt er mit Mothir den hellen Jarl, Stammvater des Adels. Jarls jüngster Sohn Konr ungr (wörtlich «junger König», zugleich Wortspiel auf konungr «König») erlernt die Runen und übernimmt die Herrschaft.

Der Text liest sich als mythische Begründung der ständischen Ordnung. Klaus von See deutet ihn als ironisches Lehrgedicht des 10. Jahrhunderts, Régis Boyer dagegen als altes Initiationsmuster.

Der dritte Mythos ist der Kampf um Brisingamen. Snorri zitiert in der «Skaldskaparmal» 8 die «Husdrapa» und berichtet, Heimdall habe Freyjas Halsband, das Loki gestohlen hatte, wiederbeschafft.

Die beiden Götter rangen am Felsen Singasteinn in Robbengestalt um den Schmuck. Der Mythos ist nur in Anspielungen erhalten. Eugen Mogk hat ihn 1925 ausführlich rekonstruiert und mit indogermanischen Parallelen zur Sonnenrückholung in Verbindung gebracht.

Eine bislang weniger beachtete Episode bewahrt das Saga-Fragment «Husdrapa» des Ulf Uggason aus dem späten 10. Jahrhundert. Hier wird Heimdall in einer Robbenkampfszene am Felsen Singasteinn mit Loki dargestellt.

Die genaü Bedeutung des Mythos ist unklar, doch Eugen Mogk hat 1925 die These vertreten, es gehe um die Wiederbeschaffung des Halsbandes Brisingamen der Freyja, das Loki gestohlen hatte. Die Robbengestalt verweist auf einen ältren Schamanismus mit Tierverwandlungen, der in der nordischen Mythologie nur fragmentarisch erhalten ist.

Das «Voluspa»-Bild des Gjallarhornblasens am Ragnarök wurde von John Lindow in «Norse Mythology» (2001) als zentrale eschatologische Geste interpretiert. Heimdall, der stäts Wachende, weckt nicht nur die Asen, sondern auch die kosmische Ordnung selbst aus ihrer letzten Ruhe. Der Klang des Horns ist somit zugleich Aufruf zur Schlacht und kosmisches Zeichen des Endes.

Klaus von See ergänzt diese Lesart in seinem Edda-Kommentar (Bd. 1, 1997): das Horn sei ursprunglich vielleicht Trinkhorn gewesen, das in der wikingerzeitlichen Spätphase durch Umdeutung zum Signalhorn wurde, eine semantische Verschiebung, die in der religiösen Krise der Bekehrung greifbar wird.

Beziehungen im Pantheon

Heimdall steht in besonderer Spannung zu Loki. Die «Husdrapa» und der Ragnarök-Mythos zeigen die beiden als ewige Antagonisten. Diese Polarität hat Georges Dumezil in «Loki» (1948) als grundlegendes Strukturprinzip gedeutet: Heimdall als wächterhafter Ordnungsbewahrer, Loki als chaotischer Grenzüberschreiter. Die paarweise Vernichtung am Ende ist nicht zufällig, sondern strukturell notwendig.

Zu Odin verhält sich Heimdall als Sohn und Diener. Odins Auge liegt unter der Qülle Mimirs, Heimdalls Horn unter den Wurzeln von Yggdrasil. Diese Parallele wurde von John Lindow in «Norse Mythology» (2001) als gespiegelte Opfertypik gelesen: zwei sensorische Organe (Sehen, Hören) sind in den kosmischen Boden eingesenkt und ermöglichen kosmische Wahrnehmung.

Mit Freyja verbindet ihn die Halsband-Episode. Mit Thor und den anderen Asen tritt er beim Ragnarök-Aufruf in Aktion. Eine Gemahlin oder Kinder Heimdalls (abgesehen von den Stammvätern der Rigsthula) werden nicht genannt. Diese genealogische Isolation unterstreicht seine Sonderstellung.

Rezeption und Wirkung

Im frühen Mittelalter geriet Heimdall mit der Christianisierung in den Hintergrund. Der Mythos des Horns überlebte jedoch in der christlichen Vorstellung der Posaune des Jüngsten Gerichts.

Die Verbindung wurde bereits von Jacob Grimm in der «Deutschen Mythologie» (1835) hergestellt. Grimm wies darauf hin, dass die nordische Endzeitvorstellung der christlichen Apokalyptik strukturell ähnelt, beide kennen ein Schallsignal als Eröffnung des Endes.

In der Romantik blieb Heimdall trotz Grimms Interesse eine Nebenfigur. Richard Wagner ließ ihn im «Ring des Nibelungen» weg. Erst die isländische Edda-Forschung des 20. Jahrhunderts brachte Heimdall in den Mittelpunkt, vor allem durch Dumezils strukturalistische Lesart.

Heinrich Bernhard Janckuns Tagungsband «Vorgeschichtliche Heiligtümer und Opferplätze in Mittel- und Nordeuropa» (1970) sammelte archäologische Spuren, die jedoch nirgends eindeutig Heimdall zugeordnet werden konnten.

Moderne Rezeption zeigt sich in Comics, Filmen und Romanen. Die Marvel-Verfilmungen (Thor 2011 ff.) stellen Heimdall als Wächter mit goldenem Schwert dar. Wissenschaftlich relevant bleibt die strukturalistische Lesart, die Heimdall als Knotenpunkt zwischen Mensch und Gott, zwischen Welten und Ständen, zwischen Wahrnehmung und Handeln beschreibt.

Die «Rigsthula», das wichtigste Heimdall-Gedicht der eddischen Tradition, ist in der Forschung umstritten datiert. Vorgeschlagen wurden Daten zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert.

Klaus von See hat in seinen Edda-Kommentaren die späte Datierung verteidigt und das Gedicht als ironisches Lehrwerk des 13. Jahrhunderts gelesen, das die ständische Ordnung Norwegens und Islands mythologisch begründe. Régis Boyer und Andy Orchard dagegen sehen das Gedicht als alten Initiationstext und datieren es ins 9. oder 10. Jahrhundert.

In der modernen Rezeption ist Heimdall vor allem durch die Marvel-Verfilmungen («Thor», ab 2011) ein internationales Phänomen geworden. Die Darstellung Heimdalls als dunkelhäutiger Krieger mit goldenem Schwert (gespielt von Idris Elba) löste 2011 eine Debatte aus, da die nordische Mythologie keine ethnische Charakterisierung Heimdalls bietet.

Die wissenschaftliche Forschung hat sich von dieser Debatte distanziert und betont, dass die nordischen Götter mythische Wesen sind, deren ikonographische Realisierung historisch gewachsen, aber nicht festgelegt ist.

In der religiösen Praxis des modernen Neuheidentums spielt Heimdall eine wichtige Rolle. Die Asatru-Bewegung in Island, anerkannt seit 1973 als offizielle Religionsgemeinschaft, verehrt Heimdall als Wachgott. Diese moderne Praxis ist jedoch eine Rekonstruktion ohne direkten kultischen Anschluss an die mittelalterliche Tradition.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Heimdall wird in der vergleichenden Religionswissenschaft als Grenzgott eingestuft. Sein Sitz an der Schwelle zwischen Himmel und Erde, sein Horn als Endzeitsignal, seine neun Mütter aus den Wellen, seine Funktion als Stammvater der menschlichen Stände: alle diese Elemente weisen auf eine Gestalt, die Übergänge überwacht.

Mircea Eliade hat in «Patterns in Comparative Religion» (1958) die Figur des Wächters als universelles Phänomen beschrieben, dem Heimdall im germanischen Material entspricht.

Sprachwissenschaftlich ist sein Name umstritten. Vorgeschlagene Etymologien deuten ihn als «Bewohner der Heimat», «Bewahrer der Welt» oder «glänzender Strahler». Wolfgang Meid hat 1992 eine Ableitung zu altnordisch dallr (glänzend) vertreten.

Die Mehrzahl der Forscher folgt heute Rudolf Simek, der den Namen als Kompositum aus heim («Welt») und dallr («Baum, Stab, Pfeiler») versteht, also «Weltbaum» oder «Weltstütze».

Das Motiv der neun Mütter hat in der indogermanischen Vergleichsmythologie Parallelen in indischen Gestalten wie Skanda, der von den sechs Krittikas (Plejaden) gesäugt wird, und in keltischen Erzählungen über Geburtsmütter. Diese Parallelen sind jedoch nur typologisch, nicht genetisch. Die spezifische Form Heimdalls bleibt eine eigenständige Schöpfung der germanischen Überlieferung.

Qüllen und weiterführende Literatur

Primärqüllen: «Prosa-Edda» (Snorri Sturluson, um 1220), «Voluspa» und «Rigsthula» (in der Lieder-Edda, Codex Regius), «Hyndluljod» (in der «Flateyjarbok»), «Husdrapa» des Ulf Uggason. Ausgabe der Lieder-Edda durch Klaus von See, Beatrice La Farge et al. («Kommentar zu den Liedern der Edda», 7 Bde., 1997-2012).

Sekundärliteratur:

  • Jan de Vries «Altgermanische Religionsgeschichte» (2. Aufl. 1956/57).
  • Georges Dumezil «Loki» (1948) und «Heur et malheur du gürrier» (1969).
  • Margaret Clunies Ross «Prolonged Echös» (1994/98).
  • John Lindow «Norse Mythology» (2001).
  • Regis Boyer «La religion des anciens Scandinaves» (1981).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.