Athene, Göttin der Weisheit und Schutzherrin Athens
Als Weisheitsgöttin und als Schutzherrin Athens vereint Athene besonnenes Urteil mit wehrhaftem Beistand für die Gemeinschaft der Stadt. Athene, im attischen Dialekt Athena, gehört zu den zentralen Gestalten des griechischen Pantheons und gilt als Tochter des Zeus, geboren aus dessen Haupt.
Sie ist Schutzgöttin der Stadt Athen, Patronin der handwerklichen Kunstfertigkeit, der Kriegsklugheit und der gerechten Ordnung. Anders als Ares verkörpert sie nicht den blutigen Kampf, sondern die strategische Führung und den Schutz der Polis.
Ihre Beinamen «Polias» (Stadtbeschützerin), «Promachos» (Vorkämpferin) und «Parthenos» (Jungfrau) markieren die drei Hauptachsen ihres Kultes. Bei Homer trägt sie das Epitheton «glaukopis», das je nach Deutung mit «eulenäugig» oder «hellblickend» übersetzt wird und auf ihren scharfen, durchdringenden Blick verweist.
Die Linienschrift-B-Belege aus mykenischer Zeit zeigen eine «Herrin Athana», was die These einer vorgriechischen Burggottheit stützt, die in der archaischen Polis-Religion die Funktion einer panhellenischen Schutzgottheit zugewachsen erhielt.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Stammbaum
Die Geburt der Athene aus dem Haupt des Zeus zählt zu den bekanntesten Schöpfungsmythen der griechischen Überlieferung. Hesiod schildert in der «Theogonie» (Vers 886 bis 900 und 924 bis 926), wie Zeus die schwangere Metis verschlingt, um eine Prophezeiung abzuwenden, nach der ein Sohn dieser Verbindung ihn stürzen würde.
Aus Zeus‘ gespaltenem Schädel, geöffnet von Hephaistos oder Prometheus mit einem Beil, springt Athene in voller Rüstung hervor. Die Episode begründet ihre besondere Stellung als reines Geistgeschöpf des Göttervaters, ohne mütterliche Mediation im üblichen Sinn.
Metis bleibt in Zeus integriert und wird zur Verkörperung der listigen Klugheit, die der Göttervater fortan in sich trägt; Athene erbt diese Eigenschaft sichtbar nach außen.
Pindars siebte olympische Ode (Vers 35 bis 38) gibt eine rhodische Variante, nach der bei der Geburt ein goldener Regen auf die Insel niederging und die Heliaden vor lauter Eile vergaßen, das erste Opfer zu entzünden, weshalb sie das Feuer den Rhodiern brachten.
Auf Kreta lokalisierte eine andere Tradition die Geburt am See Tritonis in Libyen, weshalb Athene den Beinamen «Tritogeneia» trägt; Herodot (IV, 180) berichtet von einem libyschen Athene-Kult bei den Auseern, der mit einem jährlichen Mädchenkampf um den Tempel verbunden war.
Die etymologische Deutung des Beinamens bleibt umstritten zwischen einem Bezug auf den See Tritonis und dem altgriechischen «trito» für «drittgeboren» oder «wahr».
Aus einer Episode mit Hephaistos geht in einer attischen Lokaltradition Erichthonios hervor: Hephaistos versucht, Athene zu vergewaltigen; sein Samen fällt auf ihr Bein, sie wischt ihn mit Wolle ab und wirft das Tuch zur Erde, woraus Erichthonios entsteht (Apollodor III, 14, 6).
Athene zieht das Kind heim auf und übergibt es den Töchtern des Kekrops, Aglauros, Herse und Pandrosos, in einer verschlossenen Kiste, mit dem Verbot, sie zu öffnen.
Aglauros und Herse öffnen die Kiste, sehen das Kind von einer Schlange umringt und stürzen sich in Wahnsinn von der Akropolis. Aus dieser Geschichte leitet sich die Autochthonie-Vorstellung der Athener ab: Ihre frühen Könige sind «erdgeboren», nicht eingewandert. Erichthonios stiftet das Panathenaienfest und gilt als Erfinder des vierspännigen Streitwagens.
Geschwisterlich verbunden ist Athene mit Apollon, Artemis, Hermes und Ares; ihre engste Beziehung im Pantheon besteht zu Zeus selbst, dessen Pläne sie oft ausführt. Eigene Kinder hat sie nicht; ihre Jungfräulichkeit ist konstitutiv und unterscheidet sie strukturell von Hera und Demeter.
Spätantike Allegoresen sahen in Athene das «Denken» des Göttervaters, also einen personifizierten Logos, der vor jeder Schöpfung wirksam wird; diese Deutung wurde von Philon von Alexandria und neuplatonischen Autoren wie Proklos ausgebaut.
Symbole, Ikonografie und Attribute
Athenes Hauptattribute sind Helm, Lanze, Schild und Aigis. Die Aigis, eine mit Schlangen gesäumte Ziegenfellbrustwehr mit dem Gorgoneion in der Mitte, gilt als von Zeus übernommenes Schutzzeichen. Bei Homer trägt sie die Aigis stellvertretend für den Vater in die Schlacht.
Der Helm, oft mit Sphinx- oder Pegasos-Bekrönung, kennzeichnet die kriegerische Funktion, während die Lanze regelmäßig in der Höhe gehalten wird, nicht angriffsbereit. Das spezifische Sich-Zurückhalten der erhobenen Waffe zeigt sie als Strategin, nicht als Schlachtfurie.
Die Eule, besonders der Steinkauz (Athene noctua, der ihren Namen bis in die moderne Zoologie trägt), ist seit archaischer Zeit ihr Vogel. Auf den attischen Tetradrachmen erscheint sie als Wappentier neben dem Götterkopf; die Münzen wurden im gesamten Mittelmeerraum als «glaukes» (Eulen) gehandelt und prägten ein Sprichwort: «Eulen nach Athen tragen».
Der Olivenbaum geht auf den Streit mit Poseidon zurück: Athene pflanzte den ersten Ölbaum auf der Akropolis und schenkte den Athenern damit das Gewächs, das Nahrung, Licht und Wundheilung lieferte.
Der heilige Olbaum im Pandroseion galt bis in spätrömische Zeit als unverwüstlich; Pausanias (I, 27, 2) berichtet, er sei nach dem persischen Brand 480 vor unserer Zeitrechnung über Nacht neu ausgeschlagen.
Die Schlange ist ein weiteres festes Attribut, in zwei Funktionen: einerseits als Erichthonios, der von Athene als Schlange behütet wird, andererseits als Symbol der Erdverbundenheit und der heilenden Weisheit.
Phidias‘ chryselephantine Athena Parthenos, beschrieben von Pausanias (I, 24, 5 bis 7), zeigt die Göttin im Chiton, mit Nike auf der ausgestreckten Rechten, neben dem auf den Schild gestützten Speer; in einer Bodenfalte windet sich eine große Schlange, gleichgesetzt mit Erichthonios.
Der Schild trug die Schlacht der Amazonen, das Innere die Gigantomachie, die Sandalen die Kentauromachie. Das Werk war zwölf Meter hoch, aus 1140 Kilogramm Gold gefertigt, dessen Platten abnehmbar waren, sodass Perikles in einer Krise Zugriff auf eine staatliche Goldreserve hatte.
Daneben gilt das Web- und Spinngerät als ihr Attribut. Athene «Ergane», «die Arbeiterin», beschützte das gesamte Handwerk, vor allem aber das textile Können der Frauen. Im Mythos vom Webstreit mit Arachne (Ovid, Metamorphosen VI, 5 bis 145) erscheint sie als Strenge der Norm, die das überlegene, aber götterkritische Werk der Lyderin zerreißt.
Phidias gestaltete für den Parthenon das jährlich neu gewobene Peplos der Athene als ikonographisches Programm: Auf dem safrangefärbten Tuch waren stets Szenen der Gigantomachie eingewoben, in der Athene den Giganten Enkelados unter die Insel Sizilien verbannte.
Kult und Verehrung
Das zentrale Fest der Athene war die Panathenaia, gefeiert jährlich am 28. Hekatombaion (Juli/August), alle vier Jahre als «Große Panathenaia» mit gesteigertem Aufwand. Es begann mit einer nächtlichen Fackellaufprozession vom Akademie-Hain zur Akropolis.
Höhepunkt war der Festzug, an dem Bürger, Metöken und ausgewählte Mädchen teilnahmen; sie führten den neu gewobenen Peplos für das alte Holzkultbild der Athene Polias auf einem schiffsförmigen Wagen mit. Der Fries des Parthenon zeigt diesen Aufzug in 160 Meter Länge mit etwa 380 menschlichen und tierischen Figuren.
An den Großen Panathenaia traten Athleten, Rhapsoden und Musiker in Wettkämpfen an; die Sieger erhielten als Preis Amphoren mit gepresstem Olivenöl aus dem heiligen Hain.
Diese Panathenaischen Preisamphoren, mit Athene Promachos auf der einen und der jeweiligen Sportart auf der anderen Seite, sind heute eine der reichsten Quellen zur attischen Vasenmalerei des sechsten und fünften Jahrhunderts.
Der Athlothet, der die Spiele ausrichtete, gehörte zu den höchsten Ämtern der attischen Demokratie. Auch Homers Werke wurden seit Peisistratos rhapsodisch an den Panathenäen vorgetragen, was zur Kanonisierung der homerischen Epen beitrug.
Neben der Panathenaia gab es weitere Athene-Feste. Bei den Arrhephoria im Skirophorion tragen vier hochadelige Mädchen einen verborgenen Korb in die Erde. Die Chalkeia im Pyanopsion waren das Schmiedefest für Athene Ergane und Hephaistos. Die Skira im Skirophorion bedeuteten einen Rückzug der Frauen und den Beginn der neuen Peplos-Webe. An den Plynteria wurde das alte Kultbild entkleidet und im Meer gewaschen.
An diesem Tag galt die Stadt als kultisch unrein, die Tempel waren mit Stricken verschlossen und politische Verhandlungen ruhten. Diese Riten zeigen Athene weniger als kriegerische denn als kulturstiftende Göttin, die Handwerk, Initiation und Stadtgemeinschaft schützt.
Außerhalb Athens war ihr Kult auf der ganzen griechischen Welt verbreitet. In Sparta hieß sie Athena Chalkioikos, «im ehernen Haus», nach einem Tempel mit Bronzeplatten; in Tegea galt der Tempel der Athene Alea als eines der größten Heiligtümer der Peloponnes, errichtet von Skopas.
In Pergamon stand das Athena-Polias-Heiligtum auf der Akropolis, neben der berühmten Bibliothek der Attaliden. Die hellenistische Athene Nikephoros von Pergamon wurde Bezugspunkt eines panhellenischen Kulturprogramms der Attaliden, das Athen als geistige Heimat anrief.
Wichtige Heiligtümer und Tempel
Der Parthenon auf der athenischen Akropolis, erbaut 447 bis 432 vor unserer Zeitrechnung unter Perikles, ist das berühmteste Heiligtum der Göttin.
Iktinos und Kallikrates entwarfen den dorischen Tempel, Phidias schuf die zwölf Meter hohe Goldelfenbein-Statue der Athena Parthenos. Der Bau diente nicht als Hauptkultort, sondern als Schatzhaus und Ehrentempel; das eigentliche Kultbild der Athene Polias stand im benachbarten Erechtheion.
Dort wurde auch das mit dem Streit zwischen Athene und Poseidon verbundene Salzwasser-Meer und der heilige Ölbaum gezeigt. Der Parthenon trug an seinen Giebeln die Geburt der Athene (Ostgiebel) und den Streit mit Poseidon (Westgiebel); die Metopen zeigten Gigantomachie, Amazonomachie, Kentauromachie und den Fall Trojas.
Das Erechtheion mit der Korenhalle, errichtet zwischen 421 und 406, war der eigentliche Kultmittelpunkt. Im Innern bewahrte man das archaische Holzbild der Athene, ein «xoanon», das nach der Legende vom Himmel gefallen war.
An den Plynteria wurde dieses Bild jährlich entkleidet und im Meer gewaschen, ähnlich der samischen Tonaia der Hera. Der Tempel vereinigt unter einem Dach den Kult der Athene, des Poseidon-Erechtheus und des Königs Kekrops und gilt damit als komplexester Sakralbau der klassischen Zeit.
Außerhalb Athens stehen der Athene-Tempel in Sounion, am südöstlichen Ende Attikas, der Tempel der Athene Aphaia auf Aigina (eigentlich der Aphaia geweiht, aber eng mit der Athene-Ikonographie verbunden), das Heiligtum der Athene Pronaia in Delphi und der Athene Itonia in Thessalien.
In Kleinasien gehörten der Athene-Tempel von Priene, errichtet von Pytheos im vierten vorchristlichen Jahrhundert, und der Tempel der Athene Lindia auf Rhodos zu den großen Wallfahrtsorten der hellenistischen Zeit. Der Lindische Athenetempel beherbergte das Lindische Chronikon, eine Inschrift, die die wertvollsten Weihgeschenke des Heiligtums von der Frühzeit bis 99 vor unserer Zeitrechnung aufzählte.
Mythen-Erzählungen
Der Streit mit Poseidon um Attika gehört zu den athenischen Gründungserzählungen. Apollodor (III, 14, 1) berichtet, dass beide Götter Anspruch auf das Land erhoben und vor dem Götterkollegium ihre Geschenke vortrugen. Poseidon stieß seinen Dreizack in den Boden der Akropolis und ließ Salzwasser quellen (oder ein Pferd erscheinen, je nach Variante); Athene pflanzte den Ölbaum.
Das Götterkollegium oder der König Kekrops entschied zugunsten Athenes, woraufhin Poseidon das Land mit einer Flut bestrafte. Phidias gestaltete diesen Streit auf dem westlichen Giebel des Parthenon. Pausanias (I, 26, 5) bezeugt im Erechtheion einen Felsspalt, der vom Dreizack-Schlag stamme, und den Salzbrunnen, der bei südlichem Wind nach Meer rieche.
Im Trojanischen Krieg steht Athene konsequent auf griechischer Seite. Sie führt Odysseus durch die «Odyssee», stützt Diomedes im Kampf gegen Ares und Aphrodite (Ilias V), und entwirft mit Epeios das hölzerne Pferd, mit dem die Trojaner die Stadt selbst öffnen.
Ihr Zorn richtet sich nach dem Sieg gegen die Griechen, weil Ajax der Lokrer Kassandra im Tempel der Göttin geschändet hat (Euripides, Trojanerinnen 48 bis 97); Sturm und Heimkehrunglück sind die Folge.
Der Streit um das Palladion, das aus Troja gerettete Holzbild der Athene, bleibt im Mythos ein politisches Argument der Städte, die seine Verwahrung beanspruchen; Argos, Athen und schließlich Rom (durch Aeneas) reklamieren das Bild als göttliche Legitimation ihres Staates.
Im Mythos von Medusa hilft Athene Perseus, das Haupt der Gorgo abzuschlagen, indem sie ihm den polierten Schild als Spiegel reicht. Das Gorgoneion erhält sie als Mittelstück ihrer Aigis.
Bei Apollodor (II, 4, 3) und Ovid (Metamorphosen IV, 798 bis 803) werden zwei verschiedene Vorgeschichten der Gorgo geboten; in Ovids Version war Medusa ursprünglich eine schöne Sterbliche, die nach einer Schändung durch Poseidon im Athene-Tempel von der Göttin selbst in das Schreckenswesen verwandelt wurde.
Die ältere griechische Tradition kennt Medusa hingegen als ureigenes Schreckenswesen ohne menschliche Vorgeschichte.
Der Mythos von Arachne (Ovid, Metamorphosen VI) zeigt Athene als unerbittliche Beschützerin der Götterordnung: Die lydische Weberin Arachne fordert die Göttin zum Wettstreit heraus und stellt in ihrem Gewebe die Untaten der Götter dar.
Athene zerreißt das Werk, schlägt Arachne mit der Spule und verwandelt sie schließlich in eine Spinne. Die Episode wurde in der späteren Tradition zur paradigmatischen Mahnfabel gegen Hochmut. Gleichzeitig liest die feministische Mythenforschung den Stoff als Reflexion über die Grenze legitimer künstlerischer Kritik gegenüber der Macht.
Beziehungen im Pantheon
Athene gilt als die Lieblingstochter des Zeus; in der «Ilias» trägt sie als einzige seinen Aigis-Schild stellvertretend. Ihre Loyalität zum Vater ist absolut, und nur in einer Episode (Ilias I, 396 bis 406) wird sie als Teil der olympischen Verschwörung gegen ihn erwähnt.
Mit ihren Geschwistern Apollon und Artemis besteht eine ruhige, gleichwertige Beziehung; alle drei verkörpern die jüngere, kunstfertige Generation gegenüber dem alten Pantheon. Mit Hermes teilt sie die Funktion des klugen Beschützers, weshalb beide gemeinsam Perseus, Herakles und Odysseus zur Seite stehen.
Die Konkurrenz mit Poseidon prägt mehrere lokale Mythen, neben Athen auch in Troizen und Argos. Mit Ares besteht offene Feindschaft: Athene steht für strategische Kriegsführung, Ares für die rauschhafte Schlachtwut.
Bei Homer verwundet Athene Ares mit Diomedes‘ Hand (Ilias V, 855 bis 859), und beide treffen erneut in der Theomachie der Ilias XX und XXI aufeinander. Mit Aphrodite zeigt sich eine zurückhaltend feindselige Beziehung, ausgelöst durch das Parisurteil; Athene hatte Paris Klugheit und Sieg im Krieg versprochen, Aphrodite Helena.
Hephaistos ist ihr Handwerksgefährte; gemeinsam galten beide als Schutzpatrone der attischen Handwerker. Das Hephaisteion auf der Agora, oft fälschlich «Theseion» genannt, war den beiden gemeinsam geweiht und ist der besterhaltene dorische Tempel Griechenlands.
Eine besondere Beziehung verbindet Athene mit den Helden: Odysseus, Perseus, Bellerophon (sie schenkt ihm das goldene Zaumzeug für Pegasos), Diomedes, Iason und vor allem Herakles erhalten ihre Unterstützung in einer Form, die der homerischen Ethik nach das höchste göttliche Auszeichnungsverhältnis darstellt.
Bei Hesiods Schild des Herakles tritt Athene als rüstende Patronin auf, die den Helden mit göttlicher Klugheit ausstattet.
Rezeption
Die römische Identifikation mit Minerva ergibt eine veränderte Akzentuierung: Minerva war ursprünglich eine etruskische Göttin Menrva, deren Funktionen als Handwerks- und Schulpatronin im Vordergrund standen; die kriegerische Dimension der griechischen Athene wurde in Rom durch Mars und Bellona abgedeckt.
In der kapitolinischen Trias mit Jupiter und Juno blieb Minerva jedoch eine zentrale staatliche Gottheit, und Domitian errichtete ihr auf dem Marsfeld ein bedeutendes Heiligtum. Die Quinquatrus, fünftägige Feste im März, ehrten Minerva besonders als Patronin der Lehrer und Schüler; Ovid widmet ihnen im «Fasti» (III, 809 bis 848) eine ausführliche Beschreibung.
In der Spätantike entwickelte sich die Athena Parthenos zu einer kulturellen Chiffre: Procopius berichtet, das Bildnis der Athena Promachos sei noch im sechsten Jahrhundert in Konstantinopel aufgestellt gewesen, bevor es im Aufstand von 1203 zerstört wurde.
Das Mittelalter kannte Pallas vor allem als allegorische Figur der Weisheit; im «Roman de la Rose» und in Christine de Pizans «Cité des Dames» wird sie zur Schutzgöttin gebildeter Frauen. Boccaccios «De claris mulieribus» rückt sie in die Reihe vorbildlicher antiker Frauenfiguren, und Petrarca behandelt sie in der «Africa».
Die Renaissance brachte mit Sandro Botticellis «Pallas und der Kentaur» und Andrea Mantegnas «Pallas vertreibt die Laster» eine humanistische Neuaneignung. Das achtzehnte Jahrhundert sah in Pallas Athene das Bild der Aufklärung, das Schiller in seinem berühmten Distichon «Die schönste Wissenschaft» feierte.
Das neunzehnte Jahrhundert machte sie zum Wappenbild von Akademien und Universitäten, etwa der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Universität Athen, an deren Eingangshalle die Statue der Göttin nach Phidias‘ Modell steht.
Klaus Vierneisels und Peter Zankers grundlegende Studien zur Athena-Ikonographie haben die kulturpolitische Bedeutung der Figur im Klassizismus und im neunzehnten Jahrhundert systematisch aufgearbeitet.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Die Etymologie des Namens Athene bleibt umstritten. Eine indogermanische Herleitung gilt als unwahrscheinlich; die meisten Forscher, darunter Robert Beekes, nehmen einen vorgriechischen, ägäischen Ursprung an. Die Linearschrift B kennt eine Bezeichnung «a-ta-na-po-ti-ni-ja» («Herrin Athana») in einer Inschrift aus Knossos, was eine bronzezeitliche Schutzgöttin einer Burg oder Palaststadt nahelegt.
Martin P. Nilsson sah in Athene eine Personifikation der mykenischen Palastherrin, die im Übergang vom palastzeitlichen Königtum zur polis-Religion ihre kriegerische und handwerkliche Funktion behielt.
Aus indogermanisch-vergleichender Sicht zeigt Athene strukturelle Ähnlichkeiten mit der römischen Minerva (über etruskische Vermittlung) und der indoarischen Sarasvati, die ebenfalls Weisheit, Sprache und Kunst beschützt. Doch die spezifische Verbindung von Kriegerin, Handwerkspatronin und Stadtschützerin ist im indogermanischen Vergleichsmaterial selten und stützt die Annahme einer ägäischen Substratgottheit.
Georges Dumézil ordnete Athene im Rahmen seiner Dreifunktionentheorie nicht eindeutig zu: Sie zeigt Züge aller drei Funktionen, was bei einer indogermanischen Gottheit ungewöhnlich wäre, bei einer Substratgottheit aber erwartbar ist.
Walter Burkert und Jean-Pierre Vernant haben die strukturelle Opposition zwischen Athene und Ares als Modell der griechischen Klassifizierung des Krieges herausgearbeitet: Athene steht für die kontrollierte, polis-bezogene und schließlich versöhnbare kriegerische Gewalt, Ares für die rauschhafte, gemeinschaftsauflösende Schlachtwut. Diese Polarität ist ein Schlüssel zum Verständnis der griechischen militärischen Ethik.
Joan Connellys These (2014), der Parthenon-Fries zeige nicht die Panathenäen-Prozession, sondern die mythische Opferung der Töchter des Erechtheus, hat eine neue Debatte um die religiöse Programmatik des athenischen Staatskultes ausgelöst. Die jüngere Forschung der letzten Jahrzehnte betont insgesamt die politische Funktion der Athene als Sinnbild der demokratischen Selbstvergewisserung Athens.
Quellen
Homer, «Ilias» (besonders V, XV, XX bis XXII) und «Odyssee» (besonders I, V, XIII). Hesiod, «Theogonie» 886 bis 900 und 924 bis 926. Apollodor, «Bibliotheke», III, 14 (Streit um Attika, Erichthonios).
Pausanias, «Beschreibung Griechenlands», I, 24 bis 28 (Akropolis); Herodot, «Historien», IV, 180 (libyscher Athene-Kult). Ovid, «Metamorphosen», VI, 5 bis 145 (Arachne) und IV, 798 bis 803 (Medusa).
Ovid, «Fasti» III, 809 bis 848 (Quinquatrus). Pindar, Olympische Oden VII. Euripides, «Ion» und «Trojanerinnen».
Walter Burkert, «Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche», Stuttgart 1977. Karl Kerényi, «Die Mythologie der Griechen», Zürich 1951. Jean-Pierre Vernant, «Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland», Frankfurt am Main 1987. Joan Breton Connelly, «The Parthenon Enigma», New York 2014.





